„Die Firma von Katrins Bruder?“
Ich sagte es so leise, dass ich meine eigene Stimme kaum erkannte.
Dr. Seidel schwieg am anderen Ende.
Frau Keller stand neben dem zerbrochenen Porzellan auf dem Wohnzimmerboden und sah mich an, als wäre ihr plötzlich dasselbe klar geworden wie mir.
Ich kannte die Firma.
Nicht gut.
Aber gut genug.
Hagedorn Projektentwicklung GmbH.
Katrins älterer Bruder Ralf leitete sie seit Jahren.
Er kaufte Grundstücke, ließ alte Häuser abreißen und baute Wohnanlagen.
Beim letzten Weihnachtsessen hatte Katrin noch erzählt, wie schwierig es inzwischen sei, in Freiburg geeignete Flächen zu finden.
Damals hatte ich nicht weiter darüber nachgedacht.
Jetzt dachte ich an mein Grundstück.
Fast zweitausend Quadratmeter.
Alte Bäume.
Eine ruhige Lage.
Und offenbar einen Wert, den Matthias mir nie genannt hatte.
„Herr Dr. Seidel“, sagte ich, „warum will diese Firma mein Grundstück kaufen?“
„Das sollten wir persönlich besprechen.“
„Nein.“
Meine Stimme wurde schärfer.
„Seit heute Nachmittag versucht meine Familie, mich für geistig nicht mehr zurechnungsfähig erklären zu lassen. Jemand hat ein medizinisches Gutachten gefälscht. Meine Nachbarin sollte bestochen werden. Und mein Sohn wollte mit Ihnen einen Verkauf abschließen, von dem ich nichts weiß.“
Ich atmete ein.
„Also sagen Sie mir jetzt wenigstens, weshalb mein verstorbener Mann Ihren Namen in einem Brief hinterlassen hat.“
Lange Stille.
Dann hörte ich Dr. Seidel ausatmen.
„Weil Ihr Mann vor seinem Tod eine Sicherung eintragen ließ.“
„Was für eine Sicherung?“
„Eine vertragliche Beschränkung.“
Ich sah auf das alte Dokument in der Kassette.
„Für das Haus?“
„Für einen Teil des Grundstücks.“
Mein Puls beschleunigte sich.
„Was bedeutet das?“
„Nicht am Telefon.“
Ich schloss die Augen.
„Sie machen es mir wirklich schwer, Ihnen zu vertrauen.“
„Das verstehe ich.“
„Dann geben Sie mir einen Grund.“
Wieder Schweigen.
Dann sagte er:
„Ihr Mann war überzeugt, dass das Grundstück eines Tages sehr viel wertvoller sein würde als das Haus darauf.“
Ich blickte aus dem Fenster.
„Warum?“
„Weil er etwas wusste, das damals noch nicht öffentlich war.“
Frau Keller zog einen Stuhl zu mir.
Ich setzte mich.
„Was wusste er?“
„Morgen früh. Neun Uhr. Meine Kanzlei.“
„Und Matthias?“
„Den Termin am Freitag gibt es nicht.“
„Aber er glaubt, es gäbe ihn.“
„Im Moment ja.“
Ich verstand.
„Sie haben ihn nicht korrigiert.“
„Noch nicht.“
Das war das erste Mal in diesem Gespräch, dass ich Hoffnung verspürte.
„Gut.“
„Frau Vogt.“
„Ja?“
„Kommen Sie nicht allein.“
„Die Polizei weiß bereits Bescheid.“
„Dann bringen Sie die Polizei mit.“
Seine Stimme veränderte sich.
„Und bringen Sie alles mit, was Ihr Mann bei Frau Keller hinterlegt hat.“
Ich sah auf die Kassette.
„Woher wissen Sie davon?“
Kurze Pause.
„Weil ich ihm geholfen habe, sie vorzubereiten.“
Dann legte er auf.
Ich hielt das Telefon noch einige Sekunden ans Ohr.
Frau Keller setzte sich mir gegenüber.
„Was hat er gesagt?“
Ich erzählte ihr alles.
Als ich fertig war, sah sie zur Kassette.
„Peter wusste also wirklich etwas.“
„Offenbar.“
„Warum hat er es dir nie erzählt?“
Die Frage tat weh.
Nicht weil ich keine Antwort hatte.
Sondern weil ich plötzlich glaubte, eine zu kennen.
Peter war in seinem letzten Jahr schwer krank gewesen.
Nicht bettlägerig.
Aber schwächer.
Er hatte sich um vieles gekümmert, ohne mich zu belasten.
Versicherungen.
Konten.
Reparaturen.
Er hatte immer gesagt:
„Du sollst nach mir leben, Helene. Nicht verwalten.“
Vielleicht war die Kassette genau das gewesen.
Eine Versicherung für einen Tag, von dem er gehofft hatte, dass er nie kommen würde.
Wir sammelten vorsichtig die Dokumente zusammen.
Ich wollte sie erneut lesen.
Aber es war fast zwei Uhr morgens.
Und mein Kopf war längst überladen.
Dann bemerkte ich etwas.
Unter dem versiegelten Umschlag lag noch ein zweites Papier.
Sehr dünn.
Fast durchsichtig.
„Das war vorhin nicht oben.“
Frau Keller beugte sich vor.
Ich zog es heraus.
Es war eine alte Flurkarte.
Mein Grundstück war darauf eingezeichnet.
Doch eine rote Linie teilte es in zwei Bereiche.
Das Haus und der Garten lagen auf der einen Seite.
Der hintere Teil des Grundstücks auf der anderen.
Dort stand handschriftlich:
Nicht veräußern ohne Zustimmung S.
Darunter Peters Initialen.
„S wie Seidel?“, fragte Frau Keller.
„Vielleicht.“
Dann zeigte sie auf etwas anderes.
Am Rand der Karte befand sich eine Nummer.
Flurstück 1847/3.
Ich machte ein Foto.
„Morgen wissen wir mehr.“
Ich schlief keine Stunde.
Um halb sieben rief Frau Krüger an.
Sie hatte die Nachrichten geprüft.
Die Nummer, von der die Drohungen gekommen waren, war eine Prepaid-Karte.
Nicht registriert.
Aber die Beamten hatten noch etwas gefunden.
„Das Foto Ihres Hauses“, sagte Frau Krüger, „wurde nicht gestern aufgenommen.“
Ich setzte mich im Bett auf.
„Was?“
„Wir haben die Metadaten auswerten können.“
„Wann wurde es aufgenommen?“
„Vor sechs Tagen.“
Mir lief es kalt den Rücken hinunter.
„Also stand gestern niemand vor meinem Haus?“
„Doch. Herr Stein hat Reifenspuren an der Stelle gefunden, die zu Ihrer Beschreibung passen.“
„Dann warum schickt jemand ein altes Foto?“
„Vielleicht um Ihnen das Gefühl zu geben, permanent beobachtet zu werden.“
Ich dachte darüber nach.
Das war fast schlimmer.
„Gibt es noch etwas?“
„Ja.“
Ihre Stimme wurde ernster.
„Wir haben heute Morgen mit der Kanzlei gesprochen, deren Briefkopf auf den Vollmachtsunterlagen verwendet wurde.“
„Und?“
„Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte vor ungefähr einem Jahr Zugriff auf die Vorlagen.“
„Wer?“
Kurze Pause.
„Thomas Hagedorn.“
Ich kannte den Nachnamen.
„Verwandt mit Ralf?“
„Sein Sohn.“
Ich schloss die Augen.
Also Katrins Neffe.
Die Familie zog sich wie ein Netz um alles.
„Wie lange hat er dort gearbeitet?“
„Acht Monate.“
„Warum ist er gegangen?“
„Das wissen wir noch nicht vollständig.“
„Und Sie glauben, er hat die Unterlagen gefälscht?“
„Das sage ich nicht.“
„Aber er konnte es.“
„Möglicherweise.“
Ich sah aus dem Fenster.
Der Himmel über Freiburg wurde langsam hell.
„Um neun habe ich einen Termin bei Dr. Seidel.“
„Ich weiß.“
„Woher?“
„Er hat uns ebenfalls angerufen.“
„Kommen Sie?“
„Ja.“
Frau Krüger machte eine Pause.
„Und Frau Vogt?“
„Ja?“
„Kontaktieren Sie Ihren Sohn nicht.“
„Das hatte ich nicht vor.“
Das stimmte.
Zumindest bis mein Handy zehn Minuten später klingelte.
Matthias.
Ich ließ es klingeln.
Dann kam eine Nachricht.
Mama, wir müssen reden.
Ich antwortete nicht.
Eine zweite Nachricht.
Katrin ist völlig außer sich. Du verstehst das alles falsch.
Dann:
Bitte ruf mich an, bevor du etwas tust, das du nicht rückgängig machen kannst.
Ich las den Satz zweimal.
Früher hätte er mir Angst gemacht.
Jetzt machte er mich wütend.
Nicht weil er drohte.
Sondern weil er noch immer so tat, als wäre ich diejenige, die einen Fehler machte.
Um Viertel vor neun saß ich mit Frau Keller im Wagen von Frau Krüger.
Dr. Seidels Kanzlei befand sich in einem alten Gebäude nahe der Freiburger Altstadt.
Herr Stein wartete bereits vor dem Eingang.
Dr. Seidel empfing uns persönlich.
Er war weit über siebzig.
Schmal.
Graues Haar.
Ein Gesicht, das aussah, als hätte es mehr Geheimnisse bewahrt als erzählt.
Als er mich sah, blieb er einen Moment stehen.
„Sie sehen Peter sehr ähnlich, wenn Sie wütend sind.“
Der Satz traf mich unerwartet.
„Sie kannten meinen Mann gut?“
„Besser, als Sie vermutlich glauben.“
Er führte uns in einen Besprechungsraum.
Ich legte die Kassette auf den Tisch.
Seidel sah sie lange an.
Dann nickte er.
„Also hat Margarethe ihr Versprechen gehalten.“
Frau Keller sagte nichts.
Er öffnete zuerst den alten Notarvertrag.
Dann die Flurkarte.
Schließlich schob er mir ein Dokument zu.
„Ihr Mann hat 1996 mit mir eine Vereinbarung vorbereitet.“
„Worum ging es?“
Seidel zeigte auf den hinteren Teil meines Grundstücks.
„Damals wollte die Stadt eine mögliche Erweiterung des Wohngebiets prüfen.“
„Das weiß ich.“
„Was Sie nicht wissen: Peter erfuhr, dass eine spätere Zufahrtsstraße nur über diesen Grundstücksteil sinnvoll geführt werden könnte.“
Ich starrte auf die Karte.
„Eine Straße?“
„Nicht irgendeine.“
Er deutete auf mehrere angrenzende Flächen.
„Ohne diesen Korridor ist eine größere Bebauung der dahinterliegenden Grundstücke wirtschaftlich kaum sinnvoll.“
Frau Krüger beugte sich vor.
„Wer besitzt diese Grundstücke heute?“
Seidel sah mich an.
„Mehrheitlich die Hagedorn Projektentwicklung.“
In meinem Kopf fügte sich etwas zusammen.
Ralf hatte also Land gekauft.
Land hinter meinem Grundstück.
„Und ohne meines kommen sie nicht richtig ran.“
„Genau.“
„Was ist mein hinteres Grundstück wert?“
Dr. Seidel nahm seine Brille ab.
„Für einen normalen privaten Käufer vielleicht einige Hunderttausend Euro.“
„Und für Hagedorn?“
„Das hängt vom Projekt ab.“
„Wie viel?“
Er zögerte.
„Nach meinen Informationen könnte der wirtschaftliche Wert für das geplante Vorhaben bei mehreren Millionen liegen.“
Frau Keller schnappte leise nach Luft.
Ich nicht.
Ich war plötzlich vollkommen ruhig.
„Dann ging es nie um mein Haus.“
„Nicht hauptsächlich.“
„Sie wollten den Zugang.“
„So sieht es aus.“
Frau Krüger öffnete ihren Notizblock.
„Und welche Sicherung hat Herr Vogt eingebaut?“
Dr. Seidel nahm ein weiteres Dokument.
„Eine ungewöhnliche.“
Er schob es zu mir.
„Der hintere Grundstücksteil kann nicht wirksam übertragen werden, solange Helene Vogt lebt, wenn sie nicht persönlich vor mir oder meinem amtlichen Nachfolger zustimmt.“
Ich las den Satz.
„Eine Vollmacht reicht nicht?“
„Nein.“
„Auch keine Generalvollmacht?“
„Nein.“
„Was wäre, wenn ich als geschäftsunfähig gelten würde?“
Seidel sah mich lange an.
Dann verstand ich.
Mein Magen verkrampfte sich.
„Dann könnte ein gerichtlich eingesetzter Betreuer handeln.“
„Unter bestimmten Voraussetzungen.“
Alles wurde still.
Das gefälschte Gutachten.
Die Aussagen über Demenz.
Frau Kellers vorbereitete Erklärung.
Die Seniorenresidenz.
Plötzlich war nichts davon zufällig.
Sie wollten nicht nur meine Unterschrift.
Falls ich sie verweigerte, wollten sie dafür sorgen, dass jemand anderes für mich unterschreiben konnte.
Frau Krüger sagte leise:
„Das verändert die Sache erheblich.“
Dr. Seidel nickte.
Dann griff er nach dem versiegelten Umschlag aus Peters Kassette.
„Und jetzt kommt der Teil, von dem selbst Matthias wahrscheinlich nichts weiß.“
Er öffnete ihn.
Darin befand sich ein einzelnes Blatt.
Er las es.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Was ist?“, fragte ich.
Seidel hob langsam den Blick.
„Peter hat noch eine zweite Bedingung eingebaut.“
„Welche?“
Er legte das Papier vor mich.
„Wenn innerhalb der Familie versucht wird, Ihnen durch Täuschung, Druck oder eine unrechtmäßige Erklärung Ihrer Geschäftsunfähigkeit die Verfügung über das Grundstück zu entziehen, tritt eine andere Regelung in Kraft.“
Meine Hände lagen reglos auf dem Tisch.
„Welche Regelung?“
Seidel sah zuerst Frau Krüger an.
Dann mich.
„Dann verliert Matthias jede spätere wirtschaftliche Beteiligung an diesem Grundstück.“
Ich starrte ihn an.
„Welche Beteiligung?“
Seidel deutete auf die letzte Zeile.
„Die Hälfte des Erlöses, die Ihr Mann Ihrem Sohn ursprünglich nach Ihrem Tod zugedacht hatte.“
Mir blieb der Atem weg.
Matthias versuchte also gerade, mir etwas zu nehmen, das ihm eines Tages ohnehin zur Hälfte gehört hätte.
„Weiß er davon?“
„Von der ursprünglichen Regelung vielleicht.“
Seidel schüttelte langsam den Kopf.
„Von dieser Klausel mit Sicherheit nicht.“
In diesem Moment klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch.
Seidel nahm ab.
„Ja?“
Er hörte zu.
Dann wurde sein Gesicht hart.
„Nein. Lassen Sie niemanden hoch.“
Er legte auf.
Frau Krüger stand sofort auf.
„Wer ist da?“
Dr. Seidel sah mich an.
„Ihr Sohn.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Allein?“
Seidel schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Mit Katrin?“
„Auch.“
Er machte eine kurze Pause.
„Und mit Ralf Hagedorn.“
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.







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