Ethan las die Nachricht so lange, dass ich irgendwann fragte: „Glauben Sie, dass er wirklich lebt?“ Er antwortete nicht sofort. Sein Blick lag auf dem Namen seines Vaters, als könnte allein das Ansehen der Buchstaben eine Erinnerung zurückholen, die er seit acht Jahren begraben hatte.
„Ich habe seinen Sarg gesehen“, sagte er schließlich. „Ich war bei der Beerdigung.“
„Vielleicht war er nicht darin.“
„Anna, ich war dreiunddreißig. Ich habe damals selbst die Identifizierung vorgenommen.“
„Und trotzdem steht jetzt sein Name auf Ihrem Telefon.“
Mara trat näher. „Herr Hartmann, wir sollten die Polizei rufen.“
Ethan schüttelte den Kopf.
„Noch nicht.“
„Warum?“
„Weil wir nicht wissen, wer in der Polizei von dieser Sache weiß.“
Mara wollte widersprechen, doch Ethan hob die Hand. „Adrian wusste, dass wir den Bericht gefunden haben. Er wusste von Reinhardt. Jemand konnte unsere Überwachung manipulieren. Und jemand hatte Zugang zu meinem Büro.“
Ich spürte einen Knoten im Magen.
„Dann können wir niemandem vertrauen.“
Ethan sah mich an.
„Genau.“
Wir gingen trotzdem zum Untergeschoss. Nicht über den Hauptaufzug, sondern über eine alte Treppe, die kaum noch benutzt wurde. Mara ging voraus. Ethan blieb hinter mir. Je tiefer wir kamen, desto kälter wurde die Luft. Die Musik der Gala verschwand langsam, bis nur noch das Echo unserer Schritte übrig blieb.
Vor der Stahltür mit der Nummer 17 blieb Ethan stehen.
Der Schlüssel in seiner Hand zitterte.
„Mein Vater hat mir als Kind immer gesagt, dass manche Türen nicht verschlossen werden, um Menschen fernzuhalten“, sagte er leise. „Sondern um etwas drinnen zu behalten.“
Ich sah ihn an.
„Und was hat er darin behalten?“
„Das werde ich gleich erfahren.“
Er steckte den Schlüssel ins Schloss.
Doch bevor er ihn drehte, hörten wir ein Geräusch hinter der Tür.
Ein Husten.
Dann eine Stimme.
„Ethan.“
Er erstarrte.
Ich ebenfalls.
Es war eine alte, schwache Männerstimme.
Ethan drehte den Schlüssel.
Die Tür öffnete sich langsam.
Im Raum brannte nur eine kleine Lampe. Ein Schreibtisch stand an der Wand, daneben mehrere verschlossene Aktenschränke. Auf einem Stuhl saß ein älterer Mann mit grauem Haar.
Er hob den Kopf.
Ethan ließ den Schlüssel fallen.
„Vater.“
Der Mann sah ihn an.
„Du bist groß geworden.“
Ethan konnte sich nicht bewegen.
Acht Jahre lang hatte er geglaubt, diesen Satz niemals wieder zu hören.
Dann ging er einen Schritt nach vorn.
„Du bist tot.“
Richard Hartmann lächelte müde.
„Das war der Sinn.“
Mara hob sofort ihre Hand und stellte sich schützend vor mich.
„Warum?“, fragte Ethan.
Richard sah seinen Sohn lange an.
„Weil ich herausgefunden hatte, was in deiner Stiftung geschah.“
Ethan wurde blass.
„Meine Stiftung?“
„Nein. Die Stiftung deiner Mutter. Ich habe sie nach ihrem Tod übernommen. Und jemand wollte verhindern, dass ich bestimmte Spendenströme untersuche.“
„Wer?“
Richard antwortete nicht.
Stattdessen sah er mich an.
„Sie ist Anna.“
Ethan nickte.
Richard schloss kurz die Augen.
„Dann ist es schlimmer, als ich dachte.“
„Was meinen Sie?“, fragte ich.
„Adrian Falk hat dich nicht zufällig ausgewählt.“
Mein Herz setzte aus.
„Was?“
„Er kannte deine Verbindung zu meiner Familie.“
Ethan trat näher.
„Welche Verbindung?“
Richard sah seinen Sohn an.
„Deine Mutter hatte eine Tochter.“
Stille.
Ethan blinzelte.
„Ich habe keine Schwester.“
„Doch.“
Ich sah Richard an.
„Wer?“
Er blickte wieder zu mir.
„Anna.“
Mir wurde schwindelig.
„Nein.“
Richard griff langsam nach einer alten Akte auf dem Tisch.
„Deine Mutter bekam kurz vor ihrer Hochzeit ein Kind. Sie konnte es nicht behalten. Dein Vater wollte verhindern, dass die Familie davon erfährt.“
Ethan starrte auf die Akte.
„Du willst mir sagen, Anna ist meine Schwester?“
Richard schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Er öffnete die Akte.
„Sie ist nicht das Kind deiner Mutter.“
Er zog ein altes Foto heraus und legte es vor uns.
Darauf war eine junge Frau zu sehen.
Neben ihr stand ein Mann, den ich sofort erkannte.
Mein Vater.
Ich konnte nicht atmen.
Richard sagte leise:
„Deine Mutter war die Frau, die Anna vor achtundzwanzig Jahren vor dem Krankenhaus abgab.“
Ich starrte auf das Foto.
„Das kann nicht sein. Meine Eltern haben mir erzählt, meine Mutter sei bei meiner Geburt gestorben.“
„Das war eine Lüge.“
Ethan sah Richard an.
„Warum sollte unsere Mutter das tun?“
Richard schwieg.
Dann sagte er:
„Weil Anna etwas geerbt hatte, von dem niemand wissen durfte.“
„Was?“
Richard nahm einen weiteren Umschlag.
„Einen Anteil an einem Unternehmen, das heute mehr als zwei Milliarden Euro wert ist.“
Ich starrte ihn an.
„Ich habe nichts geerbt.“
„Doch.“
Er schob den Umschlag über den Tisch.
„Du hast nur nie gewusst, dass es dir gehört.“
Ethan nahm den Umschlag.
In diesem Moment krachte oben irgendwo eine Tür.
Mara griff nach ihrem Telefon.
„Wir haben Gesellschaft.“
Richard sah plötzlich panisch zur Tür.
„Ihr müsst sofort gehen.“
Ethan blieb stehen.
„Wer kommt?“
Richard antwortete nicht.
Dann ertönte draußen eine Stimme.
Adrian.
„Richard, ich habe dir gesagt, dass du ihn nicht herbringen sollst.“
Ethan drehte sich zur Tür.
Adrian sprach weiter.
„Und jetzt hast du Anna alles erzählt.“
Richard schloss die Augen.
„Zu spät.“
Die Türklinke begann sich langsam zu bewegen.
Dann sagte Adrian:
„Ethan, du solltest wirklich wissen, warum dein Vater acht Jahre lang verschwunden war.“
Eine Pause.
„Er hat dich nicht vor mir geschützt.“
Die Tür öffnete sich einen Spalt.
„Er hat dich vor deiner eigenen Familie geschützt.“







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