Ethan stand regungslos vor dem Lautsprecher. Ich sah, wie sich sein Kiefer verspannte, doch er sagte zunächst nichts. Hinter der Tür herrschte wieder Stille, als würde Konrad Weiss uns absichtlich Zeit geben, die Worte zu begreifen.
„Warum ist Adrians Vater wegen mir hier?“, fragte Ethan schließlich.
Konrad antwortete sofort.
„Weil Ihr Vater vor acht Jahren einen Fehler gemacht hat.“
Richard schloss die Augen.
„Konrad, hör auf.“
„Nein, Richard. Du hast lange genug entschieden, welche Wahrheit dein Sohn erfahren darf.“
Ethan drehte sich zu seinem Vater.
„Was hat er damit zu tun?“
Richard sah ihn an.
„Dein Vater und ich haben versucht, die Unterlagen aus der alten Stiftung zu sichern. Wir wussten, dass Konrad die Konten manipuliert hatte. Aber wir hatten keine Beweise, die vor Gericht gereicht hätten.“
„Und deshalb hast du deinen Tod vorgetäuscht?“
„Ich musste verschwinden.“
„Und mich hast du zurückgelassen.“
Richard schluckte.
„Damit du leben kannst.“
Ethan lachte bitter.
„Ich habe acht Jahre geglaubt, du wärst tot.“
„Ich weiß.“
„Ich habe an deinem Grab gestanden.“
Richard senkte den Kopf.
„Ich weiß.“
Dieser Satz war schlimmer als jede Erklärung.
Ich stand daneben und fühlte, wie sich meine eigene Vergangenheit mit der von Ethan zu einem Netz verband, aus dem keiner von uns leicht herauskommen würde.
„Was hat meine Mutter damit zu tun?“, fragte ich.
Richard sah mich an.
„Sie war die Einzige, die wusste, wo sich die Originalunterlagen befanden.“
„Und wo sind sie?“
Er deutete auf den Umschlag.
„Bei dir.“
Ich öffnete ihn.
Darin lag kein Dokument, sondern ein kleiner alter Schlüssel und ein Foto. Auf dem Foto war ein unscheinbares Gebäude zu sehen, darunter eine Adresse.
**Frankfurt Hauptbahnhof – Schließfach 214.**
Auf der Rückseite stand mit verblasster Handschrift:
**Nur öffnen, wenn Richard Hartmann nicht mehr zurückkommen kann.**
Meine Finger wurden taub.
„Meine Mutter hat das geschrieben.“
Richard nickte.
„Sie wusste, dass ich irgendwann verschwinden musste.“
Ethan nahm das Foto.
„Warum hast du mir nie davon erzählt?“
„Weil ich nicht wusste, wem ich vertrauen konnte.“
„Mir nicht?“
Richard sah ihn lange an.
„Dir am allermeisten. Aber genau deshalb.“
Ethan verstand.
Wenn Konrad mich benutzt hätte, um an Ethan heranzukommen, hätte er vielleicht nie erkannt, dass Ethan selbst nichts wusste.
Plötzlich hörten wir ein metallisches Geräusch.
Die Tür.
Jemand versuchte, das Schloss zu öffnen.
Mara stellte sich vor mich.
Adrian trat zur Seite.
„Wir müssen hier raus.“
Ethan sah ihn an.
„Warum hilfst du uns?“
Adrian antwortete nach einer langen Pause.
„Weil ich irgendwann verstanden habe, dass ich für den falschen Mann gearbeitet habe.“
Ich sah ihn an.
„Und trotzdem hast du mich verletzt.“
Sein Blick fiel zu Boden.
„Ja.“
„Warum?“
Er schwieg.
Dann sagte er: „Weil Konrad wusste, dass ich dich liebe.“
Ich erstarrte.
Adrian hob den Kopf.
„Er wusste, dass ich Gefühle für dich hatte, lange bevor du es wusstest. Und er hat mir gesagt, wenn ich dir helfe, aus seinem Einfluss zu verschwinden, würde er deinen Vater finden.“
„Meinen Vater?“
„Den Mann, den du für tot hältst.“
Mein Herz schlug schneller.
„Mein Vater lebt?“
Adrian nickte.
„Ich habe ihn nie gesehen. Aber Konrad hat immer behauptet, er hätte ihn.“
Ethan trat näher.
„Du hast Anna also kontrolliert, weil du dachtest, du würdest sie damit schützen.“
„Ich dachte, ich könnte Zeit gewinnen.“
„Du hast sie missbraucht.“
Adrian senkte den Blick.
„Ich weiß.“
Ich konnte ihn nicht ansehen.
All die Monate hatte ich versucht, sein Verhalten irgendwie zu verstehen. Jetzt verstand ich es vielleicht.
Und hasste es trotzdem.
Die Tür sprang plötzlich auf.
Zwei Sicherheitsleute stürmten herein.
Doch sie trugen keine Waffen.
Mara erkannte einen von ihnen sofort.
„Das sind nicht unsere Leute.“
Der erste Mann hob sein Telefon.
„Herr Hartmann, Sie müssen sofort gehen.“
Ethan bewegte sich nicht.
„Wer hat Sie geschickt?“
Der Mann sah zu Richard.
„Ihr Vater.“
Richard wurde blass.
„Ich habe niemanden geschickt.“
Der Sicherheitsmann sah irritiert aus.
„Dann haben wir ein Problem.“
Er zeigte Ethan sein Telefon.
Eine Nachricht war geöffnet.
**Bringt Ethan zum Hauptbahnhof. Schließfach 214. Anna darf nicht mitkommen.**
Ethan sah mich an.
„Das ist eine Falle.“
Ich nickte.
„Natürlich.“
Dann bemerkte ich etwas auf dem Display des Mannes.
Die Nachricht war nicht neu.
Sie war vor acht Jahren verschickt worden.
Ethan sah es ebenfalls.
„Das Datum.“
Der Mann blickte auf den Bildschirm.
„Was?“
Ethan nahm ihm das Telefon aus der Hand.
„Diese Nachricht wurde am 17. September 2018 erstellt.“
Richard trat näher.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das war der Tag meines Todes.“
Dann ertönte hinter uns erneut Konrads Stimme.
Diesmal nicht aus dem Lautsprecher.
Direkt aus dem Korridor.
„Sehr gut.“
Alle drehten sich um.
Konrad Weiss stand dort.
Ohne Sicherheitsleute.
Ohne Begleitung.
Nur mit einem schwarzen Aktenkoffer in der Hand.
Er sah Richard an.
„Du hast deinem Sohn endlich alles erzählt.“
Richard flüsterte:
„Du bist zu spät.“
Konrad lächelte.
„Nein.“
Er öffnete den Koffer.
Darin lag eine einzige Videokassette.
„Ich bin genau rechtzeitig.“
Ethan trat näher.
„Was ist das?“
Konrad sah mich an.
„Die Aufnahme von dem Tag, an dem deine Mutter dich verlassen hat.“
Mir blieb der Atem weg.
Dann fügte er hinzu:
„Und wenn du sie sehen willst, musst du endlich erfahren, wer dein leiblicher Vater wirklich ist.“
Ethan blickte auf die Kassette.
Richard wurde kreidebleich.
„Konrad, nein.“
Konrad lächelte.
„Es wird Zeit, dass sie erfährt, wer sie wirklich ist.“







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