Anna wusste später nicht mehr, ob zwischen Lukas’ Worten und der Reaktion der Richterin zwei Sekunden oder zwanzig vergangen waren.
„Nummer drei.“
Mehr hatte ihr Sohn nicht gesagt.
Doch Markus reagierte, als hätte jemand einen Alarm ausgelöst.
Er drehte sich zu seiner Anwältin und flüsterte so schnell, dass Anna nur einzelne Worte verstand.
„…nicht abspielen…“
„…privat…“
„…sofort verhindern…“
Seine Anwältin antwortete nicht sofort.
Sie sah ihn nur an.
Und in diesem Blick lag eine Frage, die Anna beinahe hören konnte:
Was haben Sie mir verschwiegen?
Die Richterin hatte Lukas’ letzten Satz ebenfalls gehört.
„Welche Bedeutung hat Datei Nummer drei?“
Lukas presste die Lippen zusammen.
„Ich glaube, Papa weiß das besser.“
Alle Blicke wanderten zu Markus.
Seine Anwältin erhob sich.
„Frau Richterin, bevor weitere Dateien abgespielt werden, beantrage ich eine Unterbrechung. Wir müssen zunächst klären, ob die Aufnahmen rechtmäßig entstanden sind und ob—“
„Die Beweiswürdigung erfolgt zu gegebener Zeit.“
„Aber—“
„Und angesichts dessen, was wir gerade gehört haben, werde ich nicht ignorieren, dass ein neunjähriges Kind möglicherweise Informationen über eine Gefährdung seines Bruders besitzt.“
Die Anwältin setzte sich langsam wieder.
Markus beugte sich zu ihr.
Diesmal wich sie ein Stück von ihm zurück.
Diese kleine Bewegung blieb Anna nicht verborgen.
Der Gerichtsdiener legte das Aufnahmegerät wieder auf den Tisch.
Sein Finger schwebte über den Tasten.
„Datei drei?“
Die Richterin nickte.
„Spielen Sie sie ab.“
Ein Klicken.
Rauschen.
Dann mehrere Sekunden Stille.
Anna hielt Jonas an sich. Lukas stand unmittelbar neben ihr.
Auf der Aufnahme öffnete sich eine Tür.
Markus’ Stimme erklang.
„Du bist zu spät.“
Der andere Mann aus den vorherigen Aufnahmen antwortete.
„Ich musste sicherstellen, dass mir niemand folgt.“
„Hast du die Originale?“
„Ja.“
Papier raschelte.
Dann sagte Markus:
„Und die Kopien?“
„Vernichtet.“
Markus atmete hörbar aus.
„Gut.“
Anna runzelte die Stirn.
Sie verstand nicht.
Noch nicht.
Dann sprach der unbekannte Mann weiter.
„Ich sage dir trotzdem, dass das zu weit geht.“
„Dafür bezahle ich dich nicht.“
„Es geht um deine eigenen Kinder.“
Markus’ Gesicht veränderte sich.
Anna sah es.
Ein winziges Zucken an seinem Kiefer.
Seine rechte Hand schloss sich zur Faust.
Auf der Aufnahme folgte eine lange Pause.
Dann Markus:
„Es geht um Kontrolle.“
Anna spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.
Der Mann antwortete:
„Und wenn das auffliegt?“
„Dann wird niemand beweisen können, dass es von mir kam.“
Wieder raschelte Papier.
„Die Berichte sind geändert. Die Einträge passen zu deiner Darstellung. Aber wenn jemand die Originaldaten anfordert—“
„Das wird niemand.“
„Du bist dir sehr sicher.“
Markus lachte kurz.
„Weil Anna nicht einmal weiß, dass diese Unterlagen existieren.“
Anna hob den Kopf.
Die Richterin tat dasselbe.
„Welche Unterlagen?“, flüsterte Anna.
Niemand antwortete.
Die Aufnahme lief weiter.
Der unbekannte Mann sagte:
„Die Sache mit Jonas macht mir mehr Sorgen.“
Jonas erstarrte in Annas Armen.
Lukas griff nach seinem Bruder.
Markus’ Stimme wurde leiser.
„Sein Name bleibt da raus.“
„Sein Name steht bereits darin.“
„Dann entfernst du ihn.“
„Das kann ich nicht überall.“
Stille.
„Markus, hör mir zu. Wenn irgendwann jemand die ursprüngliche Meldung findet, sieht man, dass Anna nicht die Person war, wegen der damals jemand eingeschaltet werden sollte.“
Anna hörte auf zu atmen.
Markus sagte nichts.
Der Mann sprach weiter.
„Du warst es.“
Ein hörbares Einatmen ging durch den Gerichtssaal.
Jonas drückte sein Gesicht gegen Annas Schulter.
Lukas stand vollkommen still.
Auf der Aufnahme wurde Markus’ Stimme plötzlich hart.
„Sag diesen Satz nie wieder.“
„Er steht in der ursprünglichen Dokumentation.“
„Nicht mehr.“
„Du kannst Papier verschwinden lassen. Du kannst aber nicht jede digitale Spur löschen.“
„Deshalb bist du hier.“
Dann endete die Aufnahme.
Ein trockenes Klicken.
Stille.
Anna starrte auf das Gerät.
Ihr Kopf arbeitete fieberhaft.
Eine ursprüngliche Meldung.
Geänderte Berichte.
Jonas.
Und Markus.
„Welche Meldung?“, fragte sie.
Ihre Stimme klang fremd.
„Welche Dokumentation?“
Markus antwortete nicht.
Die Richterin sah zum Gerichtsdiener.
„Das Gerät bleibt ab sofort unangetastet. Keine weiteren Dateien, bis eine ordnungsgemäße Sicherung und Auswertung veranlasst ist.“
Dann blickte sie zu Markus.
„Herr Weber, wissen Sie, worauf sich dieses Gespräch bezieht?“
Seine Anwältin legte ihm sofort eine Hand auf den Arm.
„Mein Mandant wird hierzu derzeit keine Erklärung abgeben.“
„Papa weiß es.“
Alle drehten sich zu Lukas.
Anna sah ihren Sohn an.
„Lukas?“
Er deutete auf Markus.
„Deshalb wollte er das Gerät zurück.“
Markus schüttelte den Kopf.
„Du weißt überhaupt nicht, wovon du redest.“
Lukas zuckte zusammen.
Anna stand sofort auf.
„Sprich nicht so mit ihm.“
Markus sah sie an.
Etwas Kaltes kehrte für einen Moment in seinen Blick zurück.
Etwas Vertrautes.
Etwas, das Anna während ihrer Ehe hunderte Male gesehen hatte.
Dann bemerkte er die Richterin und zwang sich zur Ruhe.
Aber diesmal funktionierte es nicht mehr.
Die Tür des Gerichtssaals öffnete sich.
Eine Mitarbeiterin des Jugendamts und ein Mann, der sich als Verfahrensbeistand der Kinder vorstellte, wurden hereingeführt.
Die Richterin erklärte knapp, was geschehen war.
Währenddessen kniete die Mitarbeiterin vor Jonas und Lukas.
„Ihr müsst hier gerade nichts mehr erzählen“, sagte sie ruhig.
Jonas sah sofort zu Anna.
„Müssen wir mit Papa gehen?“
Die Frage traf Anna härter als alles andere an diesem Tag.
Nicht: Dürfen wir bei Mama bleiben?
Sondern:
Müssen wir mit Papa gehen?
Die Mitarbeiterin sah zur Richterin.
„Heute nicht.“
Jonas begann wieder zu weinen.
Diesmal vor Erleichterung.
Anna schloss die Augen und drückte ihn an sich.
Lukas dagegen sah weiter zu seinem Vater.
„Er hat noch etwas.“
Markus’ Kopf fuhr hoch.
„Lukas.“
Nur sein Name.
Aber der Ton genügte.
Lukas wich einen Schritt zurück.
Der Verfahrensbeistand stellte sich sofort zwischen Vater und Sohn.
„Herr Weber, Sie sprechen den Jungen jetzt nicht an.“
Markus lachte bitter.
„Das ist mein Sohn.“
„Und genau deshalb sollten Sie verstehen, warum Ihre Reaktion gerade problematisch ist.“
Markus wandte sich an seine Anwältin.
„Tun Sie etwas.“
Sie schwieg.
„Haben Sie mich verstanden?“
Nun sah sie ihn direkt an.
„Ich muss zuerst verstehen, was hier tatsächlich passiert ist.“
Zum ersten Mal wirkte Markus vollkommen allein.
Die Richterin ordnete an, dass die Jungen mit Anna und der Jugendamtsmitarbeiterin in einen Nebenraum gebracht werden sollten, während weitere vorläufige Maßnahmen besprochen wurden.
Anna nahm beide Söhne an die Hand.
Als sie die Tür erreichten, hörte sie hinter sich Markus’ Stimme.
„Anna.“
Sie blieb stehen.
Drehte sich aber nicht um.
„Du weißt nicht, was Lukas da gefunden hat.“
Anna schloss kurz die Augen.
„Nein.“
Dann sah sie über die Schulter.
„Aber du weißt es.“
Markus schwieg.
Das war Antwort genug.
Im Nebenraum standen ein kleiner Tisch, vier Stühle und ein Regal mit Kinderbüchern.
Jonas setzte sich sofort neben Anna.
Lukas blieb am Fenster stehen.
Die Jugendamtsmitarbeiterin gab ihnen Wasser und verließ den Raum kurz, um mit dem Verfahrensbeistand zu sprechen.
Anna wartete, bis die Tür geschlossen war.
Dann ging sie zu Lukas.
„Schatz.“
Er sah nicht zu ihr.
„Du musst mir jetzt nichts erzählen, wenn du nicht kannst.“
„Ich kann.“
„Bist du sicher?“
Lukas nickte.
Dann griff er erneut in seine Jacke.
Anna hielt unwillkürlich den Atem an.
Doch diesmal zog er nichts heraus.
Er berührte nur die leere Innentasche, in der zuvor das Aufnahmegerät gewesen war.
„Ich habe es nicht einfach gefunden.“
Anna setzte sich neben ihn.
„Was meinst du?“
„Ich habe Papa gesucht.“
„Warum?“
Lukas sah zu Jonas.
Sein Bruder saß am Tisch und drehte den Pappbecher zwischen den Händen.
Dann flüsterte Lukas:
„Weil Jonas nachts manchmal Angst hat.“
Anna spürte einen Stich in der Brust.
„Wovor?“
„Vor dem Keller.“
Jonas’ Hände hörten auf, den Becher zu drehen.
Anna sah zwischen den beiden Jungen hin und her.
„Welcher Keller?“
Lukas antwortete nicht sofort.
Dann sagte Jonas:
„Bei Papa.“
Anna kniete sich neben ihn.
„Was ist dort passiert?“
Jonas’ Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich weiß es nicht mehr richtig.“
Lukas trat näher.
„Er wacht manchmal auf und sagt, Papa soll die Tür aufmachen.“
Anna wurde kalt.
„Welche Tür?“
Jonas schüttelte heftig den Kopf.
„Ich will nicht darüber reden.“
„Das musst du nicht.“
Anna zog ihn an sich.
Über seinen Kopf hinweg sah sie Lukas an.
Er hatte Tränen in den Augen.
„Deshalb bin ich in Papas Arbeitszimmer gegangen“, sagte er. „Ich wollte wissen, ob er irgendwas über Jonas aufgeschrieben hat.“
„Und dort hast du das Aufnahmegerät gefunden?“
„Ja.“
„Warum hast du die Dateien angehört?“
„Weil ich Papas Stimme gehört habe.“
Anna setzte sich langsam.
„Wie viel hast du gehört?“
„Nicht alles.“
Lukas zögerte.
„Aber genug.“
„Was bedeutet genug?“
Er sah zur Tür, als fürchte er, Markus könnte jeden Moment hereinkommen.
Dann beugte er sich zu Anna.
„Auf einer Aufnahme sagt Papa, dass er etwas im Keller wegbringen muss, bevor jemand kommt.“
Annas Magen verkrampfte sich.
„Was?“
„Das sagt er nicht.“
„Welche Aufnahme?“
Lukas dachte nach.
„Ich glaube Nummer neunzehn.“
Anna wollte gerade etwas erwidern, als die Tür geöffnet wurde.
Der Verfahrensbeistand trat ein.
Sein Gesicht war ernst.
„Frau Weber, ich muss kurz mit Ihnen sprechen.“
Anna stand auf.
„Was ist passiert?“
Er blickte zu den Kindern und dann wieder zu ihr.
„Die Richterin hat aufgrund der bisherigen Informationen eine vorläufige Schutzregelung angeordnet. Die Kinder bleiben zunächst bei Ihnen. Herr Weber darf sie bis zur weiteren Prüfung nicht ohne Aufsicht kontaktieren.“
Anna schloss für einen Moment die Augen.
Ihre Knie wurden weich.
Monatelang hatte sie Angst gehabt, ihre Kinder zu verlieren.
Und nun waren sie bei ihr.
Aber der Mann war noch nicht fertig.
„Außerdem wird die Sache mit den Aufnahmen weitergegeben. Insbesondere die Hinweise auf möglicherweise manipulierte Unterlagen.“
Anna nickte.
„Und die ursprüngliche Meldung?“
„Genau das muss geklärt werden.“
Hinter ihr sagte Lukas:
„Dann müssen Sie auch in Papas Keller.“
Der Mann sah ihn an.
„Warum?“
Lukas öffnete den Mund.
Doch bevor er antworten konnte, kam die Jugendamtsmitarbeiterin hastig durch die Tür.
„Entschuldigung.“
Sie sah den Verfahrensbeistand an.
„Die Polizei ist jetzt hier.“
Anna erstarrte.
„Wegen der Aufnahmen?“
„Unter anderem.“
Die Frau hielt kurz inne.
„Aber es gibt noch etwas.“
„Was?“
„Herr Weber wollte gerade das Gerichtsgebäude verlassen.“
Anna sah zur Tür.
„Ich dachte, niemand darf gehen.“
„Darf er auch nicht.“
„Warum wollte er dann weg?“
Die Mitarbeiterin blickte zu Lukas.
„Offenbar hat Herr Weber unmittelbar nach dem Abspielen von Datei drei versucht, jemanden anzurufen.“
Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Wen?“
„Das wissen wir noch nicht.“
In diesem Moment vibrierte Lukas’ Jacke.
Alle sahen ihn an.
Lukas griff in die Außentasche und zog sein Handy heraus.
Auf dem Display stand eine Nachricht.
Keine gespeicherte Nummer.
Nur eine unbekannte Nummer.
Lukas las sie.
Sein Gesicht wurde blass.
„Was steht da?“, fragte Anna.
Er reichte ihr das Telefon.
Die Nachricht bestand aus einem einzigen Satz.
**Sag niemandem etwas über den Keller.**
Anna hob langsam den Blick.
Der Verfahrensbeistand nahm sofort sein Telefon heraus und rief nach den Polizeibeamten.
Doch Lukas starrte weiter auf sein Handy.
Dann erschien eine zweite Nachricht.
Diesmal nur drei Worte.
**Ich sehe euch.**
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**







No comments yet