Unterhaltung

Die Richterin fragte den neunjährigen Lukas, bei wem er leben wollte – dann zog er ein Aufnahmegerät aus seiner Jacke

Anna starrte den Ermittler an.

„Sie ist gegangen?“

„Offenbar kurz bevor die Ausgänge kontrolliert wurden.“

„Aber die Richterin hatte ausdrücklich gesagt, niemand verlässt den Saal.“

„Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich bereits auf dem Flur.“

Anna dachte an die hektischen Minuten nach den ersten Aufnahmen.

An Markus, der geflüstert hatte.

An seine Anwältin, die zunehmend blasser geworden war.

Sie hatte geglaubt, die Frau habe erst im Gerichtssaal verstanden, was ihr Mandant getan hatte.

Vielleicht war das nur eine weitere Inszenierung gewesen.


„Dann war sie die Person in Markus’ Haus.“

Der Ermittler hob leicht die Hand.

„Das wissen wir nicht.“

„Sie wusste vom Keller.“

„Die Aufnahme deutet darauf hin, dass sie zumindest von der Situation mit Jonas wusste.“

„Und sie verschwindet genau dann, als die Polizei beginnt, Fragen zu stellen.“

„Deshalb suchen wir nach ihr.“

Anna sah durch die halb geöffnete Tür zum Nebenraum.

Lukas und Jonas saßen dort an einem Tisch. Eine Betreuerin hatte ihnen Papier und Buntstifte gegeben.

Jonas malte.


Lukas nicht.

Er saß einfach da und beobachtete die Tür.

Immer noch wachsam.

Immer noch bereit, auf die nächste Gefahr zu reagieren.

Anna wandte sich wieder dem Ermittler zu.

„Ich möchte wissen, was auf Datei dreiundzwanzig ist.“

Der Mann zögerte.

„Wir haben sie inzwischen geprüft.“

„Und?“

„Bevor ich Ihnen etwas vorspiele, muss ich Sie auf etwas vorbereiten.“


Anna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Geht es um meine Kinder?“

„Indirekt.“

„Dann spielen Sie es ab.“

Der Verfahrensbeistand setzte sich neben sie.

Der Ermittler startete die Aufnahme.

Zuerst erklang Markus’ Stimme.

„Sie beginnt Fragen zu stellen.“

Dann die Stimme seiner Anwältin.

Jetzt, nachdem Anna wusste, wem sie gehörte, gab es keinen Zweifel mehr.


„Welche Fragen?“

„Wegen der Konten.“

Anna runzelte die Stirn.

Konten?

„Was weiß sie?“, fragte die Frau.

„Noch nicht genug.“

„Dann sorg dafür, dass es so bleibt.“

Markus lachte trocken.

„Sie war jahrelang nicht einmal an unseren Finanzen interessiert.“

Anna schloss die Augen.


Das stimmte nicht.

Markus hatte ihr jahrelang erklärt, dass er sich um die Finanzen kümmere.

Jedes Mal, wenn sie nachfragte, hatte er sie mit Zahlen, Ordnern und komplizierten Erklärungen überschüttet, bis sie irgendwann aufgegeben hatte.

Die Aufnahme lief weiter.

„Wenn die Scheidung durch ist, wird sie ohnehin keinen Zugriff mehr haben.“

„Das hängt davon ab, was sie findet.“

Dann raschelte Papier.

Die Anwältin sagte:

„Die Überweisungen müssen vor der endgültigen Vermögensaufstellung verschwinden.“

Anna öffnete die Augen.


Der Ermittler beobachtete ihre Reaktion.

„Wussten Sie von Überweisungen?“

Sie schüttelte den Kopf.

Auf der Aufnahme fragte Markus:

„Wie viel ist noch sichtbar?“

„Wenn niemand genauer hinsieht, nichts.“

„Und wenn doch?“

Die Frau schwieg kurz.

„Dann hast du ein größeres Problem als das Sorgerecht.“

Die Aufnahme endete.


Anna saß regungslos.

Monate zuvor hatte sie fast alles aufgegeben.

Die Eigentumswohnung.

Den SUV.

Die Geldanlagen.

Sie hatte Markus nicht wegen des Vermögens bekämpft.

Sie hatte nur ihre Kinder gewollt.

Und plötzlich fragte sie sich, ob genau darauf sein Plan aufgebaut gewesen war.

„Er wollte, dass ich aufgebe.“

Der Ermittler sagte nichts.


„Er wusste, dass ich nicht um das Geld kämpfen würde.“

„Frau Weber, wir müssen zunächst feststellen, auf welche Konten sich die Aufnahme bezieht.“

„Können Sie das?“

„Wenn ein Anfangsverdacht besteht, können entsprechende Finanzunterlagen geprüft werden.“

Anna dachte an die Unterlagen, die an diesem Morgen so ordentlich neben Markus gelegen hatten.

Kontoauszüge.

Anlageunterlagen.

Alles sauber.

Alles überzeugend.

Vielleicht war genau das das Problem gewesen.


Es war zu sauber.

Eine weitere Stunde verging.

Dann kam die Nachricht, dass Markus’ Anwältin gefunden worden war.

Nicht weit vom Gericht.

Ihr Wagen stand in einem Parkhaus.

Sie selbst saß darin.

Mit zwei Taschen auf dem Rücksitz.

Anna erfuhr nicht sofort, was sich darin befand.

Erst am frühen Abend kam derselbe Ermittler zurück.

Diesmal setzte er sich ihr gegenüber.


„In einer der Taschen befanden sich Unterlagen.“

Anna wartete.

„Unterlagen aus Herrn Webers Haus.“

Sie spürte einen kalten Schauer.

„Aus dem Keller?“

„Ein Teil davon könnte aus dem dortigen Raum stammen.“

„Also war sie dort.“

„Sie bestreitet das.“

„Wie erklärt sie dann die Unterlagen?“

„Sie behauptet, Herr Weber habe sie ihr bereits früher übergeben.“

Anna lachte einmal.

Es war kein amüsiertes Lachen.

„Natürlich.“

„Es gibt allerdings ein Problem mit dieser Erklärung.“

Der Ermittler schob ein Foto über den Tisch.

Darauf war ein Ordner zu sehen.

Am Rand klebte grauer Staub.

Und an der unteren Ecke befand sich ein feuchter Fleck.

„Die Kollegen haben im Keller dieselbe Art von Staub und Feuchtigkeit gefunden. Das wird untersucht.“

Anna betrachtete das Bild.

„Was war in dem Ordner?“

„Mehrere Fassungen Ihrer medizinischen und psychologischen Unterlagen.“

„Mehrere?“

„Ja.“

„Wie viele?“

„Vier.“

Anna wurde still.

Vier verschiedene Versionen ihrer eigenen Geschichte.

Vier Versionen dessen, was angeblich mit ihr nicht stimmte.

„Und welche davon wurde dem Gericht gegeben?“

„Die für Sie ungünstigste.“

Anna sah zur Tür.

Lukas hatte die Stirn gegen die Scheibe des Nebenraums gelegt und beobachtete sie.

Sie lächelte schwach, damit er wusste, dass alles in Ordnung war.

Es war nicht alles in Ordnung.

Aber zum ersten Mal wurde sichtbar, wie die Täuschung funktioniert hatte.

Nicht durch eine große Lüge.

Durch viele kleine.

Ein geänderter Satz.

Eine verschwundene Seite.

Eine zurückgezogene Arbeitsstelle.

Eine gefälschte Unterschrift.

Ein eingeschüchtertes Kind.

Und irgendwann entstand daraus eine Version von Anna Weber, die mit der wirklichen Anna kaum noch etwas zu tun hatte.

„Was passiert jetzt mit Markus?“

„Die strafrechtlichen Fragen werden gesondert geprüft. Für Ihr Sorgerechtsverfahren ist zunächst entscheidend, dass die neuen Informationen dem Familiengericht ordnungsgemäß vorgelegt werden.“

„Und die Kinder?“

„Die Schutzregelung bleibt bestehen.“

Anna atmete aus.

Das war alles, was sie in diesem Moment hören musste.

Später durfte sie zu Lukas und Jonas.

Jonas hatte ein Haus gemalt.

Klein.

Mit rotem Dach.

Davor drei Menschen.

Anna erkannte sich und die Jungen.

Kein vierter Mensch.

Sie kommentierte es nicht.

Lukas schob ihr stattdessen ein Blatt hin.

Darauf standen Zahlen.

3.

4.

5.

6.

Und darunter:

11.

Anna sah ihn an.

„Was ist mit elf?“

„Die haben wir noch nicht gehört.“

Sie hatte Datei elf beinahe vergessen.

„Weißt du, was darauf ist?“

Lukas schüttelte den Kopf.

„Nur den Anfang.“

„Was hast du gehört?“

„Papa hat mit jemandem gestritten.“

„Mit wem?“

„Ich weiß es nicht.“

„Mit seiner Anwältin?“

„Nein.“

„Dr. Reinhardt?“

„Nein.“

Anna setzte sich neben ihn.

„Woher weißt du das?“

Lukas sah sie ernst an.

„Weil der Mann Papa gesagt hat, er soll aufhören.“

Anna erstarrte.

„Womit?“

„Das habe ich nicht mehr gehört.“

Am nächsten Morgen wurde Anna erneut zu einem Gespräch gebeten.

Die Kinder blieben währenddessen bei einer Betreuerin.

Auf dem Tisch lag das gesicherte Aufnahmegerät.

Daneben saßen zwei Ermittler.

„Wir haben Datei elf ausgewertet“, sagte einer.

Anna setzte sich.

„Wer ist der Mann?“

„Das wissen wir noch nicht sicher.“

„Was sagt er?“

Der Ermittler drückte auf Wiedergabe.

Eine tiefe Männerstimme erklang.

„Markus, das war nicht die Abmachung.“

Markus antwortete:

„Die Abmachung hat sich geändert.“

„Du hast gesagt, es geht nur darum, Anna aus der Firma herauszuhalten.“

Firma?

Anna richtete sich auf.

Markus sagte:

„Wenn sie die Kinder hat, fängt sie irgendwann an zu graben.“

„Dann lass sie.“

„Du kennst sie nicht.“

Der Mann lachte bitter.

„Doch. Ich kenne sie besser, als du glaubst.“

Anna spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten.

„Was bedeutet das?“

Der Ermittler hob einen Finger.

„Weiterhören.“

Auf der Aufnahme sagte Markus:

„Sie hat keine Ahnung, was damals passiert ist.“

„Und das soll so bleiben.“

„Dann hilf mir.“

„Nein.“

Stille.

Dann der unbekannte Mann:

„Ich habe bei den Konten geholfen. Ich habe geschwiegen. Aber bei den Kindern bin ich raus.“

Markus’ Stimme wurde scharf.

„Du bist raus, wenn ich das sage.“

„Drohst du mir?“

„Ich erinnere dich nur daran, dass du genauso tief drinsteckst.“

Wieder Stille.

Dann sagte der Mann einen Satz, der Anna den Atem nahm.

„Du hast Anna damals schon um das gebracht, was ihr zustand. Jetzt willst du ihr auch noch die Kinder nehmen.“

Die Aufnahme endete.

Anna sah die Ermittler an.

„Was mir zustand?“

„Das versuchen wir zu klären.“

Einer der Männer legte einen alten Handelsregisterauszug vor sie.

Anna erkannte Markus’ Unternehmen.

Weber Projektentwicklung GmbH.

Eine Firma, die während ihrer Ehe stark gewachsen war.

„Was soll ich damit?“

Der Ermittler zeigte auf ein Datum.

„Die Gesellschaft wurde während Ihrer Ehe umstrukturiert.“

„Das weiß ich.“

„Wussten Sie auch, dass kurz davor Geschäftsanteile übertragen wurden?“

Anna schüttelte den Kopf.

„An wen?“

Der Ermittler drehte das Dokument.

Ein Firmenname stand dort, den Anna noch nie gesehen hatte.

**Nordstern Beteiligungs GmbH.**

„Was ist das?“

„Eine Gesellschaft, die über mehrere Ebenen mit Herrn Weber verbunden ist.“

„Wie viel wurde übertragen?“

„Das wird noch geprüft.“

Anna sah auf das Papier.

Plötzlich erinnerte sie sich an etwas.

Vor sechs Jahren.

Markus hatte ihr mehrere Dokumente zum Unterschreiben gegeben.

Er hatte gesagt, es gehe um steuerliche Formalitäten.

Sie hatte unterschrieben.

Ohne Anwalt.

Ohne Beratung.

Weil er ihr Ehemann gewesen war.

„Ich habe damals etwas unterschrieben.“

Die Ermittler sahen sich an.

„Was?“

„Ich weiß es nicht mehr.“

„Könnten es Unterlagen zu Geschäftsanteilen gewesen sein?“

Anna schloss die Augen.

„Ja.“

Der Ermittler schob ihr eine Kopie hin.

Unten war eine Unterschrift.

**Anna Weber.**

Sie betrachtete sie.

Dann noch einmal.

„Das ist nicht meine.“

„Sind Sie sicher?“

Anna beugte sich näher.

„Sehr sicher.“

Markus hatte ihre Unterschrift gut gekannt.

Aber er hatte einen Fehler gemacht.

Anna schrieb das W in Weber seit ihrer Schulzeit auf eine ungewöhnliche Weise.

Auf diesem Dokument war es anders.

„Ich habe das nicht unterschrieben.“

Der Ermittler markierte die Stelle.

„Dann müssen wir auch dieses Dokument prüfen.“

Anna lehnte sich zurück.

Das Sorgerechtsverfahren war plötzlich nur noch ein Teil von etwas Größerem.

Markus hatte möglicherweise nicht nur versucht, ihr die Kinder zu nehmen.

Er hatte womöglich Jahre zuvor begonnen, ihr Vermögen und ihre Rechte Stück für Stück aus der Hand zu nehmen.

Dann öffnete sich die Tür.

Ein dritter Ermittler trat herein.

In seiner Hand hielt er einen Ausdruck.

„Wir haben vermutlich den Mann aus Datei elf identifiziert.“

Anna stand sofort auf.

„Wer ist er?“

Der Ermittler legte das Blatt vor sie.

Ein Foto.

Ein Mann Ende fünfzig.

Graues Haar.

Müde Augen.

Anna kannte das Gesicht.

Nicht gut.

Aber sie hatte ihn früher auf Firmenveranstaltungen gesehen.

„Thomas Berger.“

Der frühere Finanzchef von Markus’ Unternehmen.

Er war vor drei Jahren plötzlich gegangen.

Markus hatte damals gesagt, Berger habe Geld veruntreut.

„Wo ist er?“

Der Ermittler antwortete:

„Er hat sich vor ungefähr vierzig Minuten selbst bei uns gemeldet.“

„Warum?“

„Weil er erfahren hat, dass Markus’ Aufnahmegerät gefunden wurde.“

Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Was will er?“

Der Ermittler sah sie direkt an.

„Aussagen.“

„Über die Konten?“

„Über die Konten, die Firmenanteile und die Unterlagen.“

Er machte eine kurze Pause.

„Und er behauptet, beweisen zu können, dass der gesamte Sorgerechtsstreit nicht dort begonnen hat, wo Sie glauben.“

Anna runzelte die Stirn.

„Was soll das heißen?“

Der Ermittler schob ihr einen zweiten Ausdruck hin.

Es war eine E-Mail von Markus.

Das Datum lag fast ein Jahr vor der Scheidung.

Die Betreffzeile bestand aus vier Worten:

**Plan B wegen Anna.**

Und darunter stand:

**Wenn sie jemals herausfindet, was mit ihren Anteilen passiert ist, brauche ich etwas, das wichtiger für sie ist als Geld.**

Anna musste den nächsten Satz nicht lesen, um zu wissen, was Markus damit gemeint hatte.

Ihre Kinder.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**

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