Anna hielt Lukas’ Handy so fest, dass ihre Finger schmerzten.
**Ich sehe euch.**
Drei Worte.
Mehr nicht.
Und doch genügte dieser Satz, um den kleinen Nebenraum des Familiengerichts plötzlich unsicher wirken zu lassen.
Der Verfahrensbeistand nahm ihr das Telefon vorsichtig ab.
„Nicht antworten.“
Anna sah zum Fenster.
Draußen zog der Regen graue Streifen über die Scheiben. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen mehrere Autos. Menschen liefen mit Regenschirmen über den Gehweg.
Jeder hätte dort sein können.
„Kann uns wirklich jemand sehen?“, fragte Lukas.
Anna wollte sofort Nein sagen.
Sie wollte ihm sagen, dass sie hier sicher waren.
Aber nach allem, was an diesem Morgen geschehen war, brachte sie die Lüge nicht über die Lippen.
„Wir bleiben zusammen.“
Wenige Augenblicke später kamen zwei Polizeibeamte herein.
Der ältere von beiden nahm Lukas’ Handy entgegen, fotografierte den Bildschirm und fragte, ob die Nummer bekannt sei.
Lukas schüttelte den Kopf.
„Hast du schon früher Nachrichten von dieser Nummer bekommen?“
„Nein.“
„Hat dein Vater deine Nummer?“
Lukas sah ihn verwirrt an.
„Natürlich.“
Anna bemerkte, wie Jonas wieder unruhig wurde.
„Ist Papa jetzt böse?“
Anna kniete sich vor ihn.
„Du hast nichts falsch gemacht.“
„Aber wenn er weiß, dass Lukas das Gerät genommen hat—“
Jonas brach ab.
Der Beamte ging in die Hocke.
„Jonas, du musst uns nichts erzählen, was dir Angst macht. Aber wenn du glaubst, dass jemand deinem Bruder oder dir etwas tun könnte, dürfen wir das wissen.“
Jonas blickte zu Lukas.
„Papa hat gesagt, Geheimnisse sind manchmal das Einzige, was eine Familie zusammenhält.“
Anna schloss kurz die Augen.
Wie viele solcher Sätze hatte Markus ihnen gesagt?
Wie viele Drohungen hatte er als Lektionen verpackt?
Der zweite Beamte erschien an der Tür.
„Herr Weber befindet sich noch im Gebäude. Sein Telefon wird derzeit gesichert.“
Anna sah sofort auf.
„Hat er die Nachrichten geschickt?“
„Das können wir im Moment nicht sagen.“
„Aber er hat versucht anzurufen.“
„Ja.“
„Wen?“
Der Beamte zögerte.
„Eine Nummer, die nicht in seinen Kontakten gespeichert war.“
Anna dachte an die Stimme auf den Aufnahmen.
Den unbekannten Mann.
„Dieselbe Nummer?“
„Nein.“
Das machte es schlimmer.
Der Verfahrensbeistand zeigte auf Lukas’ Handy.
„Können Sie feststellen, woher diese Nachrichten kamen?“
„Das wird geprüft.“
Anna blickte wieder zum Fenster.
Plötzlich erinnerte sie sich an Markus’ Worte aus der Aufnahme.
**Du kannst Papier verschwinden lassen. Du kannst aber nicht jede digitale Spur löschen.**
Er hatte nicht allein gehandelt.
Das war ihr jetzt klar.
Die Frage war nur, wie viele Menschen ihm geholfen hatten.
Der ältere Beamte wandte sich an Lukas.
„Du hast vorhin etwas über einen Keller gesagt.“
Lukas nickte vorsichtig.
„Bei deinem Vater zu Hause?“
„Ja.“
„Was befindet sich dort?“
„Ich weiß es nicht genau.“
„Warst du dort?“
Lukas schüttelte den Kopf.
„Papa schließt die Tür meistens ab.“
Jonas begann plötzlich schneller zu atmen.
Anna legte sofort einen Arm um ihn.
„Wir müssen nicht darüber reden.“
Doch Jonas flüsterte:
„Ich war drin.“
Alle verstummten.
Anna sah ihren Sohn an.
„Wann?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht.“
„Vor der Trennung?“
„Nein.“
Die Antwort kam sofort.
„Danach.“
Anna spürte Übelkeit aufsteigen.
Seit der Trennung hatten die Jungen regelmäßig Zeit bei Markus verbracht.
Sie hatte sie jedes Mal mit einem Knoten im Magen gehen lassen.
Aber Markus hatte ein schönes Haus, Geld, Anwälte und einen makellosen Ruf.
Und Anna hatte keine Beweise gehabt.
„Warum warst du im Keller?“
Jonas’ Unterlippe begann zu zittern.
„Papa war sauer.“
Lukas stellte sich neben seinen Bruder.
„Du musst es nicht sagen.“
Jonas griff nach seiner Hand.
Dann sah er Anna an.
„Ich hatte Mama angerufen.“
Anna erinnerte sich.
Vor ungefähr zwei Monaten hatte Jonas sie an einem Samstagabend angerufen.
Nur zwei Minuten.
Er hatte gesagt, er vermisse sie.
Dann war die Verbindung plötzlich abgebrochen.
Später hatte Markus ihr geschrieben, Jonas müsse lernen, während seiner Zeit beim Vater nicht ständig nach seiner Mutter zu verlangen.
Anna hatte sich damals eingeredet, sie dürfe keinen Konflikt verursachen.
„Was geschah nach dem Anruf?“
Jonas starrte auf den Boden.
„Papa hat mein Handy genommen.“
Seine Stimme wurde immer leiser.
„Dann hat er gesagt, ich müsste lernen, dass Regeln Konsequenzen haben.“
Anna konnte kaum noch atmen.
„Hat er dich in den Keller gebracht?“
Jonas nickte.
„Wie lange?“
„Ich weiß nicht.“
„War die Tür abgeschlossen?“
Wieder ein Nicken.
Anna musste sich am Tisch festhalten.
Lukas sagte:
„Als ich gefragt habe, wo Jonas ist, hat Papa gesagt, er schläft.“
Anna sah ihn an.
„Und du hast ihm geglaubt?“
Schuld erschien auf Lukas’ Gesicht.
„Am Anfang.“
„Lukas, das war nicht deine Schuld.“
„Später habe ich Jonas gehört.“
Seine Stimme brach.
„Er hat gegen irgendwas geklopft.“
Jonas begann zu weinen.
Anna zog beide Kinder an sich.
Kein Geld.
Kein Haus.
Keine Schule.
Keine Versicherung der Welt konnte das Wort Stabilität rechtfertigen, wenn ihre Kinder Angst davor hatten, eine verschlossene Tür zu erwähnen.
Der ältere Beamte stand auf.
Sein Gesicht war jetzt vollkommen ernst.
„Wir müssen die Wohnanschrift Ihres Mannes überprüfen.“
Anna nannte sie.
Der Beamte notierte alles und verließ den Raum.
Der zweite blieb.
Etwa zwanzig Minuten vergingen.
Dann dreißig.
Niemand sagte viel.
Jonas lehnte an Anna und hielt Lukas’ Hand.
Schließlich kam die Richterin nicht selbst, sondern der Verfahrensbeistand zurück.
„Frau Weber, die vorläufige Regelung bleibt bestehen. Sie dürfen die Kinder heute mitnehmen, sobald die Polizei es freigibt.“
Anna nickte.
„Und Markus?“
„Er wird derzeit befragt.“
„Kann er einfach nach Hause gehen?“
„Das kann ich Ihnen noch nicht beantworten.“
Anna hasste diese Antwort.
Nicht weil der Mann etwas falsch machte.
Sondern weil sie ihr bekannt vorkam.
Monatelang hatte ihr Leben aus Unsicherheit bestanden.
Vielleicht.
Vorerst.
Wir prüfen das.
Wir melden uns.
Während Markus immer gewusst hatte, welchen nächsten Zug er machen würde.
Diesmal wollte Anna nicht mehr warten.
„Ich möchte wissen, welche Unterlagen manipuliert wurden.“
„Das wird untersucht.“
„Es geht um meine medizinischen Daten.“
„Ich weiß.“
„Und offenbar um eine Meldung über meinen Sohn.“
Der Mann nickte langsam.
„Genau deshalb sollten Sie jetzt nichts selbst unternehmen.“
Anna verstand die Warnung.
Aber in ihrem Kopf setzte sich bereits etwas zusammen.
„Die ursprüngliche Meldung“, sagte sie. „Wenn Markus sie verändern ließ, muss irgendwo eine Originalversion existiert haben.“
„Möglicherweise.“
„Und jemand muss Zugriff darauf gehabt haben.“
Der Verfahrensbeistand antwortete nicht.
Er musste es nicht.
Lukas hob plötzlich den Kopf.
„Mama.“
„Was?“
„Der Mann auf der Aufnahme.“
Anna sah ihn an.
„Kennst du ihn?“
„Nein.“
„Hast du ihn jemals gesehen?“
Lukas dachte nach.
Dann veränderte sich sein Gesicht.
„Vielleicht.“
„Wo?“
„Bei Papa.“
Anna richtete sich auf.
„Wann?“
„Einmal morgens. Er kam aus dem Arbeitszimmer.“
„Wie sah er aus?“
Lukas beschrieb einen Mann mittleren Alters mit grauem Haar, Brille und einer dunklen Ledertasche.
Jonas sah plötzlich ebenfalls auf.
„Der Mann mit dem grünen Auto?“
Lukas nickte.
Anna spürte einen kalten Schauer.
„Ihr habt ihn beide gesehen?“
„Ja.“
„Hat Papa gesagt, wer er ist?“
Lukas schüttelte den Kopf.
Jonas dagegen sagte:
„Herr Doktor.“
Anna erstarrte.
„Was?“
„Papa hat ihn Herr Doktor genannt.“
Der Verfahrensbeistand blickte sofort zu Anna.
„Kennen Sie jemanden, auf den diese Beschreibung passt?“
Zuerst wollte sie Nein sagen.
Dann erinnerte sie sich.
Nicht an einen Arzt.
An einen Namen.
Einen Namen, den sie auf einem Dokument gesehen hatte, das Markus’ Anwältin Wochen zuvor eingereicht hatte.
Eine fachliche Einschätzung über Annas psychische Belastbarkeit.
Sie hatte den Mann nie persönlich getroffen.
Und genau das hatte sie damals irritiert.
„Dr. Reinhardt“, flüsterte sie.
„Wer ist das?“
„Ein Gutachter.“
„Hat er Sie untersucht?“
Anna schüttelte den Kopf.
„Nie.“
„Aber er hat einen Bericht über Sie erstellt?“
„Ja.“
Die Erkenntnis traf sie mit voller Wucht.
Ein Mann, der sie nie untersucht hatte, hatte ihre psychische Stabilität bewertet.
Ein Mann, den ihre Kinder offenbar im Haus ihres Vaters gesehen hatten.
Ein Mann, dessen Stimme möglicherweise auf Markus’ Aufnahmegerät gespeichert war.
Der Verfahrensbeistand zog sein Telefon heraus.
„Wie lautet der vollständige Name?“
„Dr. Stefan Reinhardt.“
Noch während er den Namen weitergab, öffnete sich die Tür.
Der ältere Polizeibeamte war zurück.
Sein Gesicht verriet Anna sofort, dass etwas geschehen war.
„Wir haben ein Problem.“
Anna stand auf.
„Was?“
„Eine Streife ist am Haus von Herrn Weber.“
„Und?“
„Die Kellertür stand offen.“
Lukas sah seinen Bruder an.
„Offen?“
„Ja.“
Anna fragte: „Was haben sie gefunden?“
Der Beamte hielt inne.
„Fast nichts.“
„Was bedeutet fast nichts?“
„Der Raum wurde offenbar vor sehr kurzer Zeit vollständig ausgeräumt.“
Anna dachte an Markus’ versuchten Anruf.
An die Nachricht.
**Sag niemandem etwas über den Keller.**
„Jemand war dort.“
„Das ist derzeit eine Möglichkeit.“
„Während Markus hier im Gericht war.“
Der Beamte nickte.
Damit war klar, dass Markus nicht allein gearbeitet hatte.
Dann sagte der Beamte etwas, das Anna noch mehr beunruhigte.
„Allerdings wurde nicht alles entfernt.“
Er nahm sein Telefon heraus.
Auf dem Display war ein Foto aus dem Keller zu sehen.
Ein leerer Raum.
Kahle Wände.
Ein Regal.
Und auf dem Boden neben einer Heizung lag ein kleiner Gegenstand.
Blau.
Anna erkannte ihn sofort.
Jonas auch.
Der Junge begann am ganzen Körper zu zittern.
„Das ist meiner.“
Es war sein kleiner blauer Stoffanhänger, den er früher an seinem Rucksack getragen hatte.
Anna sah den Beamten an.
„Was bedeutet das?“
„Dass wir jetzt unabhängig von den Aufnahmen einen konkreten Hinweis darauf haben, dass Jonas tatsächlich in diesem Raum gewesen sein könnte.“
Lukas trat näher an Anna.
Doch der Beamte wischte zum nächsten Foto.
„Und das hier müssen Sie ebenfalls sehen.“
Auf einer der kahlen Wände waren mehrere Stellen heller als der Rest.
Rechteckige Flächen.
Als hätten dort bis vor Kurzem Dinge gehangen.
Fotos.
Dokumente.
Vielleicht Tafeln.
Aber eine Ecke war offenbar beim hastigen Ausräumen übersehen worden.
Dort klemmte hinter einem Heizungsrohr ein halb zerrissenes Blatt Papier.
Nur der untere Teil war lesbar.
Anna erkannte ihren eigenen Nachnamen.
**Weber, Anna.**
Darunter stand:
**Psychologische Beurteilung – Originalfassung.**
Und darunter eine handschriftliche Notiz.
Nur fünf Worte.
Doch Anna musste sie zweimal lesen.
**Nicht verwenden. Widerspricht Markus’ Darstellung.**
Sie hob den Blick.
„Wer hat das geschrieben?“
Der Beamte antwortete:
„Das versuchen wir herauszufinden.“
Lukas zeigte plötzlich auf das Foto.
„Da ist noch etwas.“
„Wo?“
Er deutete auf den Rand des zerrissenen Dokuments.
Neben der handschriftlichen Notiz war ein Teil eines Stempels zu erkennen.
Anna kannte ihn nicht.
Der Verfahrensbeistand offenbar schon.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Vergrößern Sie das.“
Der Beamte zoomte hinein.
Ein Name wurde sichtbar.
Nicht vollständig.
Aber ausreichend.
**Dr. Stefan Reinhardt.**
Anna spürte, wie ihr kalt wurde.
Der Gutachter, der sie nie untersucht hatte.
Der Mann, den ihre Kinder bei Markus gesehen hatten.
Und möglicherweise dieselbe Stimme, die auf dem Aufnahmegerät über veränderte Berichte und vernichtete Originale gesprochen hatte.
Doch bevor jemand etwas sagen konnte, klingelte das Telefon des Beamten.
Er nahm ab.
„Ja?“
Er hörte mehrere Sekunden schweigend zu.
Dann sah er Anna an.
„Verstanden.“
Er legte auf.
„Was ist passiert?“
„Die Kollegen wollten Dr. Reinhardt kontaktieren.“
Anna wartete.
„Und?“
„Seine Praxis sagt, dass er heute Morgen sämtliche Termine abgesagt hat.“
„Warum?“
„Das weiß niemand.“
„Wo ist er?“
Der Beamte steckte das Telefon ein.
„Das versuchen wir gerade herauszufinden.“
Lukas sah Anna an.
„Mama.“
„Ja?“
„Wenn er der Mann auf Papas Aufnahme ist…“
Anna wusste bereits, was ihr Sohn sagen wollte.
Doch Lukas sprach den Gedanken trotzdem aus.
„Dann weiß er, dass wir das Gerät haben.“
In diesem Moment vibrierte Lukas’ Handy erneut auf dem Tisch.
Alle erstarrten.
Der Beamte griff danach.
Wieder dieselbe unbekannte Nummer.
Diesmal war es kein Text.
Es war ein Foto.
Aufgenommen durch eine Autoscheibe.
Darauf war der Eingang des Gerichtsgebäudes zu sehen.
Und darunter stand nur:
**Ihr hättet Datei drei nicht abspielen sollen.**
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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