Martin Keller sah zuerst Sophie an.
Dann Leo.
Dann mich.
Es dauerte kaum zwei Sekunden, aber ich kannte diesen Mann seit fast neun Jahren. Ich hatte ihn in Situationen erlebt, in denen andere Menschen panisch wurden. Keller reagierte niemals zu schnell. Er beobachtete, berechnete und handelte erst dann.
Jetzt tat er genau das.
„Wo haben Sie mich gesehen?“, fragte er Sophie.
„Sie stellen hier keine Fragen“, sagte ich.
Kellers Blick kehrte zu mir zurück.
„Dann erklär mir wenigstens, was hier passiert.“
„Leo hat dich erkannt.“
Etwas zuckte in seinem Kiefer.
„Natürlich erkennt er mich. Ich kenne ihn seit seiner Geburt.“
Hinter mir hörte ich Leos schnellen Atem.
Sophie ging langsam in die Hocke, ohne Keller aus den Augen zu lassen.
„Leo“, sagte sie leise. „Möchtest du zu mir kommen?“
Er bewegte sich nicht.
Ich hätte beinahe nach ihm gegriffen.
Dann erinnerte ich mich daran, was ich in der vergangenen Nacht gelernt hatte.
Ich wartete.
Nach einigen Sekunden kam Leo selbst zu mir und stellte sich hinter mein Bein.
Seine Hand schloss sich um meinen Hosenstoff.
Keller beobachtete jede Bewegung.
„Du machst ihm Angst“, sagte ich.
„Ich habe diesem Jungen nie etwas getan.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Frank trat zur Eingangstür und verschloss sie.
Keller bemerkte es.
„Ist das eine Vernehmung?“
„Noch nicht.“
Ich nahm das Foto aus Claras Brief und hielt es hoch.
„Kennst du diese Menschen?“
Sein Blick fiel darauf.
Nur für einen Moment.
„Nein.“
Sophie stand auf.
„Lügner.“
Keller wandte sich ihr zu.
„Passen Sie auf, was Sie sagen.“
„Sie standen vor dem Haus meiner Großmutter.“
Die Farbe wich aus seinem Gesicht.
Nicht viel.
Aber genug.
„Wann?“, fragte Frank.
Sophie schloss kurz die Augen.
„In der Nacht, in der Clara den Brief brachte.“
Ich sah sie an.
„Warum haben Sie das vorher nicht gesagt?“
„Weil ich mich erst jetzt erinnere.“
Ihre Stimme zitterte.
„Ich war damals nicht im Haus. Ich kam spät von der Arbeit. Ein schwarzer Wagen stand auf der anderen Straßenseite. Ein Mann lehnte daneben.“
Sie zeigte auf Keller.
„Er.“
Keller schüttelte den Kopf.
„Das ist Jahre her. Sie irren sich.“
„Nein.“
„Sie haben mich heute zum ersten Mal bewusst gesehen.“
„Ihre Uhr.“
Stille.
Sophie deutete auf sein linkes Handgelenk.
Dort trug Keller eine alte silberne Armbanduhr mit einem dunklen Lederband.
„Ich erinnere mich an die Uhr, weil sie im Licht einer Straßenlaterne geglänzt hat. Meine Großmutter hatte Angst. Sie sagte mir, ich solle durch die Hintertür kommen.“
Keller sah auf seine Uhr.
Frank sah mich an.
Keiner von uns sprach.
Dann sagte Keller:
„Clara hatte mich gebeten, ihr zu folgen.“
Die Worte veränderten alles.
„Was?“
„Sie hatte Angst.“
„Vor wem?“
„Das wollte sie mir nicht sagen.“
Ich ging einen Schritt auf ihn zu.
„Du hast mir nie davon erzählt.“
„Sie hat mich darum gebeten.“
„Meine Frau ist am nächsten Tag gestorben.“
„Ich weiß.“
„Und du hast zwei Jahre geschwiegen.“
Kellers Stimme wurde härter.
„Weil ich einen Fehler gemacht habe.“
Zum ersten Mal klang er nicht kontrolliert.
„In jener Nacht verlor ich Clara nach dem Besuch bei dieser Frau. Sie bemerkte mich offenbar und änderte ihre Route. Am nächsten Tag bestand sie darauf, selbst zu fahren. Ich war nicht bei ihr, als der Unfall passierte.“
„Aber danach?“
Er sah zu Leo.
„Danach fand ich etwas im Wagen.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Was?“
Keller antwortete nicht sofort.
Frank trat näher.
„Martin.“
Keller atmete aus.
„Ein Aufnahmegerät.“
Sophie hob den Kopf.
„Mit Claras Stimme?“
„Teilweise.“
Ich packte Keller am Jackett.
Leo stieß hinter mir einen erschrockenen Laut aus.
Sofort ließ ich los.
Ich drehte mich zu meinem Sohn.
Er hatte beide Hände auf die Ohren gelegt.
„Entschuldige“, sagte ich.
Ich ging vor ihm in die Knie.
„Ich werde nicht schreien.“
Seine Hände sanken langsam.
Als ich wieder aufstand, war meine Wut nicht verschwunden.
Aber sie gehörte wieder mir.
„Wo ist das Aufnahmegerät?“
Keller sah mich an.
„In einem Schließfach.“
„Seit zwei Jahren?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil auf der Aufnahme dein Name fällt.“
Der Raum schien kleiner zu werden.
„Mein Name?“
„Clara sagte, sie habe entdeckt, dass jemand über eine deiner Firmen Zugang zu medizinischen Daten von Leo bekommen hatte.“
Ich starrte ihn an.
„Welche Firma?“
„Eine Tochtergesellschaft, die du vor Jahren gekauft hast. Mediora Systems.“
Der Name sagte mir kaum etwas.
Mein Konzern besaß Dutzende Beteiligungen.
Frank dagegen reagierte sofort.
„Mediora verwaltet Kliniksoftware.“
Keller nickte.
„Unter anderem Patientendaten.“
Sophie wurde plötzlich sehr still.
„Auch Daten von Kindern?“
„Ja.“
Sie setzte sich.
„Jonas war in einem Programm.“
Ich sah sie an.
„Welchem Programm?“
„Ich weiß es nicht genau. Meine Großmutter nannte es immer nur KML.“
Die drei Buchstaben auf Claras Brief.
K. M. L.
Frank lief ins Arbeitszimmer und kam mit der letzten Seite zurück.
Als Keller die Buchstaben sah, veränderte sich sein Gesicht.
„Woher habt ihr das?“
„Clara.“
„Dann wusste sie mehr, als ich dachte.“
„Was bedeutet KML?“
Keller schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Aber Clara sagte die Buchstaben ebenfalls auf der Aufnahme.“
Mein Telefon vibrierte.
Frank nahm es vom Tisch, bevor ich reagieren konnte.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Keine Worte.
Nur ein Foto.
Darauf war ein Bankschließfach zu sehen.
Die Tür stand offen.
Keller riss mir das Telefon aus der Hand.
„Nein.“
„Was?“
„Das ist mein Schließfach.“
Darunter erschien eine zweite Nachricht.
**SUCH NICHT NACH DINGEN, DIE CLARA BEGRABEN HAT.**
Keller griff sofort nach seinem Handy.
„Das Aufnahmegerät.“
„Wer wusste davon?“
„Niemand.“
„Offenbar doch.“
In diesem Moment hörte ich hinter mir Leos Stimme.
„Mama.“
Wir drehten uns um.
Er stand vor dem Familienfoto und zeigte auf Clara.
Dann legte er eine Hand an sein Ohr.
„Mama ... Auto.“
Ich ging langsam zu ihm.
„Was ist mit Mamas Auto?“
Leo presste die Augen zusammen.
Sein Atem wurde schneller.
Sophie wollte zu ihm gehen, doch ich hob die Hand.
Diesmal blieb ich selbst bei meinem Sohn.
„Du musst nichts erzählen“, sagte ich. „Nur wenn du möchtest.“
Lange geschah nichts.
Dann öffnete Leo die Augen.
„Mama hat geweint.“
Meine Kehle wurde trocken.
„Im Auto?“
Er nickte.
„War jemand bei ihr?“
Leo sah über meine Schulter zu Keller.
Keller wurde blass.
Doch Leo schüttelte den Kopf.
Dann sagte er:
„Telefon.“
Frank und ich sahen uns an.
„Sie hat mit jemandem telefoniert?“, fragte ich.
Leo nickte wieder.
„Weißt du, mit wem?“
Seine Lippen bewegten sich.
Ein Name kam heraus.
So leise, dass ich zuerst glaubte, mich verhört zu haben.
Frank offenbar auch.
Denn er flüsterte:
„Das kann nicht sein.“
Ich sah ihn an.
Leo hatte nicht Kellers Namen gesagt.
Er hatte den Namen des einzigen Menschen genannt, dem ich seit Claras Tod noch bedingungsloser vertraut hatte als Frank.
Meinen eigenen Vater.
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.







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