Unterhaltung

Ein Zimmermädchen faltete meinem schweigenden Sohn einen Handtuchhasen – dann erkannte sie das Foto seiner verstorbenen Mutter

„Dann fang an.“

Meine Stimme hallte durch das kleine Haus.

Friedrich sah auf den Audiorekorder in seiner Hand, als wäre dieses unscheinbare Gerät schwerer als alles, was er in seinem Leben getragen hatte.

„Nicht hier.“

„Genau hier.“

Frank blieb zwischen ihm und uns stehen. Sophie hielt Leos Hand, doch mein Sohn blickte nicht zu meinem Vater.

Er starrte auf den Rekorder.

Friedrich kam langsam die Treppe herunter.

„KML begann nicht als etwas Böses“, sagte er. „Wir wollten Kindern helfen, die von bestehenden Therapien kaum erreicht wurden.“

„Wir?“


„Die Hartmann-Stiftung finanzierte das Programm. Mediora lieferte die technische Infrastruktur.“

Sophie trat vor.

„Mein Bruder war eines dieser Kinder.“

Friedrich schloss die Augen.

„Jonas Reuter.“

Sophie erstarrte.

„Sie kennen seinen Namen.“

„Ich kenne alle Namen.“

„Dann wissen Sie auch, dass er tot ist.“

Friedrich nickte.


„Ja.“

Ihre Stimme wurde schärfer.

„Was haben Sie ihm angetan?“

„Ich persönlich nichts.“

Ich lachte bitter.

„Das klingt nach etwas, das ein Mann sagt, der gelernt hat, Verantwortung an Verträge und Untergebene abzugeben.“

Mein Vater sah mich an.

Zum ersten Mal erkannte ich in seinem Gesicht etwas, das ich bei ihm nie gesehen hatte.

Scham.

„Du hast recht.“


Diese zwei Worte nahmen mir für einen Moment den nächsten Angriff.

Friedrich setzte sich auf einen alten Stuhl.

„Die ersten Monate von KML waren gewöhnliche Beobachtungsarbeit. Kommunikation, Reizverarbeitung, alternative Ausdrucksformen. Dann übernahm Professor Konrad Mertens die wissenschaftliche Leitung.“

K.

M.

Mein Blick ging zu Frank.

„K. M. L.“

Friedrich schüttelte den Kopf.

„Die Abkürzung bedeutete tatsächlich Kommunikationsmodulation Langzeitstudie. Aber Clara glaubte später, dass Mertens sie absichtlich gewählt hatte. Sein Name wurde dadurch überall verborgen und gleichzeitig sichtbar.“

„Und das L?“


„Lenz.“

Friedrich sah zu Leo.

„Dr. Viktor Lenz. Damals Leiter eines privaten Therapiezentrums.“

Konrad Mertens.

Viktor Lenz.

Zwei Namen, die ich noch nie gehört hatte.

Und trotzdem hatten sie offenbar jahrelang im Schatten meiner Familie existiert.

„Was haben sie getan?“, fragte Sophie.

Friedrich antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Sie wollten Reaktionen erzwingen.“


„Wie?“

„Sensorischer Stress. Isolation. Wiederholte Reizkonfrontation. Sie behaupteten, sie könnten Kommunikationsblockaden durchbrechen.“

Sophie wich zurück.

„Jonas hatte danach Angst vor geschlossenen Räumen.“

Friedrich senkte den Blick.

„Ich erfuhr davon zu spät.“

„Nein“, sagte sie. „Sie entschieden sich nur zu spät hinzusehen.“

Mein Vater widersprach nicht.

Leo drückte sich plötzlich an meine Seite.

Ich legte meine Hand auf seine Schulter.


Nicht um ihn festzuhalten.

Nur damit er wusste, dass ich da war.

„Was hat Clara damit zu tun?“

Friedrich sah mich an.

„Sie fand die Akten.“

„Wie?“

„Nach Leos ersten Entwicklungsuntersuchungen wurde ihr empfohlen, sich über spezielle Programme zu informieren. Dabei stieß sie auf eine alte Mediora-Datenbank.“

Mein Magen zog sich zusammen.

„Leo war nie Teilnehmer von KML.“

„Nein.“


Friedrichs Antwort kam sofort.

„Clara hat dafür gesorgt.“

Sophie sah zum Familienfoto, das sie aus ihrem Rucksack genommen hatte.

„Deshalb kam sie zu meiner Großmutter.“

„Ja. Sie suchte ehemalige Familien.“

„Und Sie wussten davon?“

„Erst später.“

Ich zeigte auf den Rekorder.

„Spiel die Aufnahme ab.“

Friedrichs Hand zitterte.


„Du solltest vorher etwas wissen.“

„Nein.“

Ich trat näher.

„Zwei Jahre lang haben alle entschieden, was ich wissen darf. Damit ist Schluss.“

Er drückte auf Wiedergabe.

Zuerst hörte man nur Rauschen.

Dann Claras Stimme.

Leise.

Angespannt.

„Friedrich, wenn du das hörst, haben sie verstanden, dass ich die Daten kopiert habe.“


Ich konnte nicht atmen.

Zwei Jahre.

Zwei Jahre hatte ich ihre Stimme nur in alten Videos gehört.

Jetzt sprach sie über etwas, das wenige Stunden vor ihrem Tod geschehen war.

„Ich brauche deine Hilfe. Nicht für mich. Für Leo.“

Ein Geräusch im Hintergrund.

Dann mein Vater.

Jünger, kräftiger.

„Clara, komm sofort zu mir.“

„Nein. Ich weiß nicht, wem ich vertrauen kann.“


„Mir kannst du vertrauen.“

Eine Pause.

Dann sagte Clara:

„Das dachte ich auch über deinen Sohn.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

Frank sah mich an.

Auf der Aufnahme sprach Friedrich weiter.

„Er weiß nichts davon.“

„Seine Unterschrift steht auf der Freigabe.“

Ich drehte mich zu meinem Vater.

„Welche Freigabe?“

Er antwortete nicht.

Die Aufnahme lief weiter.

„Clara“, sagte Friedrich, „diese Unterschrift bedeutet nicht, was du denkst.“

„Dann erklär mir, warum Mediora seit Monaten Leos medizinische Daten erhält.“

Ich spürte, wie mir kalt wurde.

Ich erinnerte mich.

An einen Stapel Dokumente nach einer Konzernübernahme.

Digitale Freigaben.

Vollmachten.

Seiten, die ich unterschrieben hatte, ohne jede einzelne zu lesen.

„Ich habe das genehmigt?“

Friedrich nickte langsam.

„Unwissentlich.“

Ich konnte kaum sprechen.

„Du hast mir die Unterlagen gegeben.“

„Ja.“

Dieses eine Wort traf mich fast körperlich.

„Warum?“

„Weil Mertens behauptete, das neue Programm sei vollkommen anders. Rein beobachtend. Sicher. Ich glaubte ihm.“

„Und Leo?“

„Ich wusste nicht, dass seine Daten hineingelangt waren.“

„Aber Clara fand es heraus.“

„Ja.“

Die Aufnahme knackte.

Dann hörte ich Claras Stimme wieder.

„Morgen gehe ich zur Staatsanwaltschaft.“

Danach Stille.

Fünf Sekunden.

Zehn.

Dann Friedrich:

„Warte bis morgen Abend. Gib mir zwölf Stunden.“

Die Aufnahme endete.

Ich starrte meinen Vater an.

„Sie starb am nächsten Morgen.“

„Ja.“

„Und du hast geschwiegen.“

„Ja.“

„Warum?“

Friedrichs Augen füllten sich mit Tränen.

„Weil ich glaubte, ich hätte sie getötet.“

Sophie hielt den Atem an.

„Haben Sie?“, fragte Frank.

„Nein.“

Mein Vater deutete auf den Rekorder.

„Ich habe in den letzten zwei Jahren versucht herauszufinden, wer es getan hat.“

„Und Keller?“

„Hat mir geholfen.“

Ich erstarrte.

„Martin arbeitet für dich?“

„In dieser Sache ja.“

„Wo ist er?“

Friedrichs Gesicht veränderte sich.

„Ich weiß es nicht.“

Frank zog sein Telefon hervor.

„Warum wurde sein Wagen verlassen gefunden?“

„Das war nicht geplant.“

Plötzlich ertönte aus dem oberen Stockwerk ein dumpfes Geräusch.

Frank hob sofort die Waffe.

Sophie zog Leo hinter sich.

Doch Leo machte etwas anderes.

Er riss sich los und lief zur Treppe.

„Leo!“

Ich erreichte ihn auf der dritten Stufe.

Er zeigte nach oben.

„Da.“

„Was ist da?“

„Mama.“

Mein Herz blieb beinahe stehen.

Friedrich wurde bleich.

„Was meint er?“

Leo zeigte wieder nach oben.

„Mamas Sachen.“

Sophie sah mich an.

Dann rannte sie voraus.

Im ehemaligen Zimmer ihrer Großmutter stand ein alter Kleiderschrank.

Leo ging direkt darauf zu.

Er kniete sich hin und berührte die hölzerne Sockelleiste.

Sophie starrte ihn an.

„Woher weißt du das?“

Leo antwortete nicht.

Ich zog vorsichtig an der Leiste.

Sie löste sich.

Dahinter lag ein flacher Metallkasten.

Sophie begann zu weinen.

„Meine Großmutter.“

Frank öffnete ihn.

Darin lagen ein USB-Stick, mehrere Fotos und ein versiegelter Umschlag.

Auf dem Umschlag stand mein Name.

Diesmal eindeutig.

Ich öffnete ihn.

Darin befand sich nur eine einzige Seite in Claras Handschrift.

Ganz unten stand ein Satz.

**Wenn Leo eines Tages schweigt, dann glaube niemals, dass er nichts zu sagen hat. Er hat gesehen, wer uns auf der A5 gefolgt ist.**

Ich hob langsam den Kopf.

„Leo.“

Mein Sohn sah mich an.

Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.

„Du musst mir nichts sagen.“

Er kam zu mir.

Dann nahm er eines der Fotos aus dem Metallkasten.

Darauf war Konrad Mertens vor einem KML-Therapiezentrum zu sehen.

Neben ihm stand ein zweiter Mann.

Leo zeigte auf diesen Mann.

„Der war im Auto.“

Friedrich taumelte einen Schritt zurück.

Frank nahm das Foto.

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

„Das ist Viktor Lenz.“

In diesem Augenblick vibrierte Friedrichs Telefon.

Eine Nachricht.

Ein Foto von Martin Keller, gefesselt auf einem Stuhl.

Darunter nur ein Satz:

**BRINGT MIR CLARAS DATEN, ODER KELLER SCHWEIGT FÜR IMMER.**

Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.

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