Unterhaltung

Ein Zimmermädchen faltete meinem schweigenden Sohn einen Handtuchhasen – dann erkannte sie das Foto seiner verstorbenen Mutter

Mein Vater hieß Friedrich Hartmann.

Mit zweiundachtzig Jahren lebte er zurückgezogen auf dem Familienanwesen außerhalb von Königstein im Taunus. Er hatte den Konzern aufgebaut, den ich später übernommen und vergrößert hatte. Für die Öffentlichkeit war er eine Legende der deutschen Wirtschaft.

Für mich war er der Mann gewesen, den ich anrief, als Clara starb.

Der Mann, der im Krankenhaus neben mir gestanden hatte, während Leo schwieg.

„Leo“, sagte ich vorsichtig. „Hat Mama mit Opa gesprochen?“

Er nickte.

Frank wandte sich ab.

Keller dagegen schloss für einen Moment die Augen.

Ich sah es.

„Du wusstest es.“


„Nicht sicher.“

„Martin.“

„Auf dem Aufnahmegerät war eine Männerstimme. Nur wenige Sekunden.“

„Und du hast sie erkannt?“

„Ich dachte, ich hätte sie erkannt.“

„Als die Stimme meines Vaters?“

Keller antwortete nicht.

Das genügte.

Ich griff nach meinem Telefon.

Frank hielt mich zurück.


„Wenn Friedrich tatsächlich damit zu tun hat, darfst du ihn nicht warnen.“

„Das ist mein Vater.“

„Genau deshalb.“

Ich wollte ihn wegstoßen.

Dann hörte ich Sophie.

„Und genau deshalb sollten Sie diesmal zuhören.“

Ich sah sie an.

Sie saß neben Leo.

Nicht vor ihm.

Nicht über ihm.


Neben ihm.

Ich senkte das Telefon.

Eine Stunde später verließen Frank und Keller die Suite durch unterschiedliche Ausgänge. Keller sollte das Schließfach überprüfen. Frank sollte alles zusammentragen, was er über Mediora Systems, KML und meinen Vater finden konnte.

Ich blieb bei Leo.

Zum ersten Mal seit Jahren sagte ich drei Termine ab, ohne Ersatz zu organisieren.

Keine Vorstandssitzung.

Kein Investorengespräch.

Kein Arzt.

Wir saßen auf dem Boden und falteten Handtücher.

Meine ersten beiden Hasen sahen eher wie deformierte Hunde aus.


Beim dritten kicherte Leo.

Es war nur ein kurzes Geräusch.

Doch ich hätte dafür jedes Gebäude, jede Aktie und jedes Auto hergegeben, das meinen Namen trug.

Sophie lächelte.

„Sehen Sie?“

„Was?“

„Sie müssen nicht alles können.“

Ich betrachtete meinen misslungenen Hasen.

„Eine ziemlich teure Lektion.“

„Nein.“


Sie deutete auf Leo.

„Diese hier kostet nichts.“

Gegen Mittag kam Frank zurück.

Sein Gesicht sagte mir, dass unsere wenigen Stunden Frieden vorbei waren.

„Mediora Systems wurde vor elf Jahren gekauft“, sagte er. „Die Übernahme lief über Friedrich.“

„Das wusste ich.“

„Was du vermutlich nicht weißt: Drei Jahre später startete Mediora ein Forschungsprojekt mit mehreren privaten Therapiezentren.“

Er legte Unterlagen auf den Tisch.

Oben stand:

**Kommunikationsmodulation Langzeitstudie.**


KML.

Sophie wurde kreidebleich.

„Jonas.“

Frank nickte.

„Sein Name steht in einer alten Teilnehmerliste.“

Sie nahm die Seiten mit zitternden Händen.

„Meine Großmutter sagte immer, die Therapie würde ihm helfen.“

„Was wurde dort gemacht?“, fragte ich.

„Offiziell sollten verschiedene Methoden zur Förderung nonverbaler Kinder verglichen werden.“

„Und inoffiziell?“


Frank zog ein weiteres Dokument hervor.

„Darüber gibt es fast nichts. Das Programm wurde nach drei Jahren eingestellt. Mehrere Familien zogen ihre Zustimmung zurück.“

Sophie blätterte hektisch weiter.

Dann blieb sie stehen.

„Hier.“

Sie zeigte auf einen Namen.

**Jonas Reuter – Teilnahme beendet.**

Daneben stand ein Datum.

Drei Wochen vor seinem Tod.

Sophie presste eine Hand auf den Mund.


Ich wollte etwas sagen, doch sie stand abrupt auf und ging zum Fenster.

„Er ist nicht einfach ertrunken“, flüsterte sie.

„Das wissen wir nicht.“

„Meine Großmutter hat sich immer Vorwürfe gemacht.“

Ihre Stimme brach.

„Jonas hatte plötzlich Angst vor Wasser. Vor geschlossenen Räumen. Vor Männern in weißen Kitteln. Nach dem Programm wurde alles schlimmer.“

Leo beobachtete sie.

Dann nahm er seinen Handtuchhasen und ging zu ihr.

Sophie bemerkte ihn erst, als er ihre Hand berührte.

Er reichte ihr den Hasen.


Sie ging in die Knie und umarmte ihn nicht.

Sie wartete.

Leo machte den letzten Schritt selbst.

Er legte die Arme um ihren Hals.

Sophie begann lautlos zu weinen.

Mein Telefon klingelte.

Keller.

„Das Schließfach ist leer“, sagte er.

„Das wissen wir.“

„Nicht ganz. Wer es geöffnet hat, hat etwas zurückgelassen.“


„Was?“

„Einen Schlüssel.“

Ich hörte Metall.

„Wozu gehört er?“

„Keine Ahnung. Aber darauf ist das alte Logo der Hartmann-Stiftung.“

Mein Blick fiel auf Frank.

Er hatte mitgehört.

Die Hartmann-Stiftung war das Lieblingsprojekt meines Vaters.

Sie finanzierte Schulen, Kliniken und Therapieprogramme.

„Bring ihn her“, sagte ich.

„Bin unterwegs.“

Doch Keller kam nie an.

Vierzig Minuten später meldete sich sein Telefon erneut.

Diesmal sprach ein Polizist.

Kellers Wagen war verlassen auf einem Parkplatz nahe dem Main gefunden worden.

Fahrertür offen.

Telefon auf dem Sitz.

Von Keller keine Spur.

Frank ließ sofort alle Ausgänge des Hotels überprüfen.

„Wir müssen Leo wegbringen.“

„Wohin?“

Er sah mich an.

„An einen Ort, den niemand aus deinem Sicherheitsapparat kennt.“

Sophie antwortete vor mir.

„Die Wohnung meiner Großmutter.“

Ich starrte sie an.

„Dort hat Clara den Brief versteckt.“

„Und wenn jemand davon weiß?“

„Dann hätte er ihn längst gefunden.“

Eine halbe Stunde später verließen wir das Atoria Grand nicht durch die Lobby, sondern durch einen Lieferausgang.

Keine Limousine.

Keine Personenschützer.

Nur Frank, Sophie, Leo und ich in einem unscheinbaren Wagen.

Sophie saß hinten neben Leo.

Ich vorne.

Je weiter wir Frankfurt hinter uns ließen, desto absurder fühlte sich alles an.

Mein ganzes Leben hatte ich Sicherheit mit Kontrolle verwechselt.

Jetzt war ich auf dem Weg in das Haus einer verstorbenen Frau, um meinen Sohn vor den Menschen zu schützen, die ich selbst dafür bezahlt hatte, ihn zu beschützen.

Das kleine Haus lag am Rand von Bad Vilbel.

Sophie öffnete die Tür.

Drinnen roch es nach Holz, Staub und Lavendel.

Leo blieb dicht bei mir.

An einer Wand hingen Familienfotos.

Sophie ging direkt zu einem alten Schrank.

„Meine Großmutter bewahrte hier Jonas’ Sachen auf.“

Sie öffnete die unterste Schublade.

Leer.

Sophie erstarrte.

„Nein.“

„Was sollte darin sein?“

„Seine Unterlagen. Briefe. Alles über KML.“

Frank zog seine Waffe.

Auf dem Boden waren frische Kratzspuren.

Jemand war vor uns hier gewesen.

Dann zeigte Leo plötzlich zur Treppe.

„Papa.“

Wir verstummten.

Von oben kam ein Geräusch.

Ein langsames Knarren.

Ein Schritt.

Dann noch einer.

Frank stellte sich vor uns.

Eine Gestalt erschien oben auf der Treppe.

Ich brauchte keine Sekunde, um sie zu erkennen.

Mein Vater.

Friedrich Hartmann hielt sich mit einer Hand am Geländer fest.

In der anderen hielt er einen kleinen digitalen Audiorekorder.

Er sah zuerst Leo an.

Dann mich.

„Du suchst nach Claras Aufnahme“, sagte er.

Ich spürte, wie Sophie neben mir erstarrte.

„Was hast du mit ihrem Tod zu tun?“

Mein Vater schwieg lange.

Dann legte er den Rekorder auf die oberste Stufe.

„Weniger, als du befürchtest.“

Seine Augen wurden feucht.

„Und viel mehr, als du mir jemals verzeihen wirst.“

Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.

No comments yet