Nadine stand noch immer mit dem Geburtstagsschild in der Hand, doch plötzlich wusste sie nicht mehr, wohin damit. Vor wenigen Minuten hatte sie ihren Vater vor allen Gästen bloßgestellt, überzeugt davon, dass seine Verspätung nur ein weiteres Zeichen seiner Gleichgültigkeit war. Jetzt lag etwas in seinem Gesicht, das sie nicht kannte. Keine Wut. Keine Rechtfertigung. Eher Müdigkeit. Klaus zog langsam seinen Mantel aus und legte ihn über die Rückenlehne eines freien Stuhls. „Es war nur ein Termin“, sagte er leise. Helga wollte etwas erwidern, doch er hob kaum merklich die Hand. „Nicht hier.“
Sebastian ließ nicht locker. „Beim Notar geht man nicht einfach so vorbei, Papa.“ Klaus sah seinen Sohn lange an. „Manchmal schon.“ Nadine lachte kurz, aber es war kein echtes Lachen. „Du kommst eine Stunde zu spät zu deinem eigenen Geburtstag, bringst deine Nachbarin mit und dann erfahren wir zufällig, dass du morgens beim Notar warst. Aber natürlich ist alles ganz normal.“ Einige Gäste begannen demonstrativ auf ihre Gläser zu sehen. Die Stimmung war längst gekippt. Selbst der Kellner, der mit einer Platte aus der Küche kam, bemerkte die Spannung und stellte sie wortlos am Rand ab.
Klaus zog den Stuhl zurück, setzte sich jedoch nicht. „Ich wollte heute keinen Streit.“ Nadine stellte das Schild auf den Tisch. „Den Streit hast nicht du angefangen? Du lässt uns seit Wochen alles organisieren. Ich reserviere das Restaurant, Sebastian fährt extra aus Augsburg her, die Kinder verschieben ihre Pläne, und du entscheidest, dass irgendein geheimer Termin wichtiger ist?“ Klaus’ Blick verhärtete sich zum ersten Mal. „Du weißt nicht, was wichtiger war.“
„Dann sag es uns.“
Helga senkte den Kopf. Klaus dagegen sah seine Tochter an, als würde er abwägen, wie viel Wahrheit dieser Raum aushalten konnte. „Nicht heute.“
Dieser Satz traf Nadine stärker als jede Erklärung. „Natürlich nicht heute. Wann denn? Wenn du wieder drei Wochen nicht ans Telefon gehst?“ Sebastian drehte sich zu ihr. „Jetzt hör auf.“ Doch Nadine war längst zu aufgebracht. Seit dem Tod ihrer Mutter vor sieben Jahren hatte sie das Gefühl, ständig hinter ihrem Vater herräumen zu müssen. Arzttermine, Versicherungen, Einladungen, Geburtstage. Klaus lehnte Hilfe meist ab und beschwerte sich später, dass niemand Zeit für ihn habe. Zumindest sah Nadine es so.
„Ich habe nicht verlangt, dass du irgendetwas organisierst“, sagte Klaus ruhig.
Nadine schwieg.
Der Satz war leise gewesen, aber er veränderte etwas. Sebastian sah zwischen beiden hin und her. „Papa, so war das nicht gemeint.“
„Doch“, sagte Klaus. „Vielleicht schon.“
Helga trat einen Schritt näher. „Klaus, du musst ihnen zumindest erklären, weshalb ich dabei war.“
„Nein.“
Jetzt blickte sogar Klaus erschrocken über die Härte seiner eigenen Stimme. Helga presste die Lippen zusammen.
Sebastian bemerkte es. „Also hat es mit Helga zu tun.“
Nadine hob sofort den Kopf. „Was soll das heißen?“
„Gar nichts“, sagte Klaus.
Doch Nadine sah plötzlich alles mit anderen Augen. Die gemeinsame Ankunft. Helgas Nervosität. Der Notartermin. Die Art, wie sie Klaus schützen wollte. Ein unangenehmer Gedanke schob sich in ihren Kopf. „Willst du sie heiraten?“
Klaus blinzelte.
Helga wurde kreidebleich.
Für zwei Sekunden war es vollkommen still, dann schüttelte Klaus den Kopf. „Nein.“
Nadine atmete aus, doch Helgas Gesicht machte sie nur noch misstrauischer.
„Dann geht es ums Testament“, sagte Sebastian.
Klaus wandte sich seinem Sohn zu.
Diese Reaktion genügte.
„Es geht ums Testament“, wiederholte Sebastian, diesmal leiser.
Helga griff nach ihrer Handtasche. „Ich glaube, ich sollte gehen.“
Klaus hielt sie zurück. „Nein. Du bleibst.“
Nadine starrte ihn an. Nie zuvor hatte sie ihren Vater so bestimmt mit jemandem außerhalb der Familie sprechen hören. Helga nickte schließlich und setzte sich an das Ende des Tisches.
Der Abend wurde danach fast unerträglich höflich. Die Gäste gratulierten Klaus, als wäre nichts geschehen. Eine Torte wurde hereingetragen. Siebzig kleine goldene Kerzen standen darauf, von denen aus Sicherheitsgründen nur wenige angezündet waren. Klaus lächelte für Fotos. Nadine lächelte ebenfalls. Doch beide vermieden es, sich anzusehen.
Erst als sich gegen halb elf die letzten Gäste verabschiedeten, kam Bewegung in die Sache. Sebastian half seiner Frau, die Geschenke zum Auto zu tragen. Nadine blieb mit Klaus und Helga zurück.
Klaus griff nach einem kleinen braunen Umschlag, der bisher in der Innentasche seines Mantels gesteckt hatte.
Nadine sah ihn sofort.
„Ist das vom Notar?“
Klaus hielt inne.
Helga beobachtete ihn angespannt.
Dann legte Klaus den Umschlag auf den Tisch.
„Ich hatte nicht vor, euch das heute zu zeigen.“
Nadine setzte sich langsam.
Sebastian kam gerade zurück und blieb stehen, als er den Umschlag bemerkte.
Klaus öffnete ihn jedoch nicht.
„Ich habe heute etwas geregelt“, sagte er. „Etwas, das ich schon vor Jahren hätte regeln sollen.“
Sebastian zog einen Stuhl heran. „Was genau?“
Klaus fuhr mit dem Daumen über die Kante des Umschlags. „Es geht um die Wohnung.“
Nadine runzelte die Stirn. Die alte Vierzimmerwohnung in München war seit Jahrzehnten im Familienbesitz. Klaus und seine verstorbene Frau Ingrid hatten dort ihre Kinder großgezogen. Nach Nadines Verständnis sollte sie irgendwann zwischen ihr und Sebastian aufgeteilt werden.
„Was ist mit der Wohnung?“
„Sie gehört mir nicht mehr.“
Nadine verstand den Satz zunächst nicht.
Sebastian offenbar auch nicht.
„Wie bitte?“, fragte er.
Klaus sah auf.
„Ich habe sie heute übertragen.“
Nadines Blick wanderte automatisch zu Helga.
Helga schüttelte sofort den Kopf. „Nicht auf mich.“
„Auf wen dann?“, fragte Sebastian.
Klaus zögerte.
Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte er nicht kontrolliert. Seine Finger zitterten leicht.
„Auf jemanden, dem ich etwas schulde.“
Nadine wurde kalt. „Wem schuldest du eine Wohnung?“
Klaus antwortete nicht.
Stattdessen nahm Helga einen zweiten Umschlag aus ihrer Tasche.
Der war älter. Vergilbt. An einer Ecke eingerissen.
Klaus sah sie entsetzt an.
„Helga.“
„Sie müssen es irgendwann erfahren.“
„Nicht so.“
Doch Helga legte den Umschlag bereits auf den Tisch.
Darauf stand in verblasster Handschrift ein Name.
Sebastian beugte sich vor.
Nadine las ihn zuerst.
Thomas Hartmann.
Sie sah ihren Vater an.
„Wer ist Thomas?“
Klaus’ Gesicht verlor jede Farbe.
Sebastian schüttelte verwirrt den Kopf. „In unserer Familie gibt es keinen Thomas Hartmann.“
Helga hob langsam den Blick.
„Doch“, sagte sie.
Klaus schloss für einen Moment die Augen.
Dann sagte Helga den Satz, der Nadine noch Stunden später im Kopf widerhallen sollte.
„Thomas ist der Grund, weshalb euer Vater seit mehr als dreißig Jahren jeden Monat Geld auf ein Konto überweist, von dem ihr beide nichts wisst.“







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