Markus Voss.
Ich starrte auf den Namen, bis die Buchstaben vor meinen Augen verschwammen. Voss. Derselbe Nachname wie Helena. Derselbe Name, der sich seit Stunden wie ein unsichtbarer Faden durch jedes Geheimnis zog. Dr. Seidel nahm mir das Telefon vorsichtig aus der Hand und betrachtete das Dokument.
„Wenn das echt ist“, sagte sie leise, „dann müssen wir unsere gesamte Annahme über Markus neu bewerten.“
„Penelope und Markus könnten Geschwister sein.“
Sie antwortete nicht sofort, und genau dieses Schweigen machte mir Angst.
„Nicht unbedingt.“
„Beide heißen ursprünglich Voss. Beide tragen diese genetische Linie. Was soll es sonst bedeuten?“
„Voss könnte lediglich der Name gewesen sein, unter dem die Kinder registriert wurden. Wir brauchen DNA, keine Namen.“
Ich dachte an Penelope und Markus. An ihre Beziehung. An seine triumphierende Stimme am Morgen, als er von „seinem Sohn“ gesprochen hatte. Trotz allem, was Markus mir angetan hatte, empfand ich für einen kurzen Moment etwas, das ich nicht erwartet hatte: Mitleid. Falls sich unser Verdacht bestätigte, würde der heutige Tag nicht nur seine neue Zukunft zerstören. Er würde seine Vergangenheit vernichten.
Mein Handy klingelte erneut.
Markus.
„Juliane“, sagte er sofort, „meine Mutter ist hier.“
„In der Villa?“
„Ja. Roxana auch.“
Im Hintergrund hörte ich Stimmen.
„Frag sie nach Voss.“
Stille.
„Das habe ich.“
Seine Stimme klang rau.
„Sie will nichts sagen.“
Dann hörte ich meine ehemalige Schwiegermutter schreien:
„Markus, leg sofort auf!“
Ich kannte diesen Ton. Acht Jahre lang hatte Elisabeth Hansen mit dieser Stimme Familiengespräche beendet, Entscheidungen getroffen und jeden eingeschüchtert, der Fragen stellte.
Diesmal funktionierte es nicht.
„Stell auf Lautsprecher“, sagte ich.
„Juliane, das ist keine—“
„Lautsprecher.“
Ein Klicken.
„Elisabeth“, sagte ich ruhig. „Warum wurde Markus als Markus Voss geboren?“
Keine Antwort.
„Und warum wurde er erst mit sechs Monaten als Ihr Sohn registriert?“
„Diese Dinge gehen dich nach der Scheidung überhaupt nichts mehr an.“
Markus lachte bitter.
„Es geht sie nichts an? Es geht um meine Geburt!“
„Wir haben dich großgezogen. Das ist alles, was zählt.“
Da war er.
Nicht: Ich habe dich geboren.
Sondern: Wir haben dich großgezogen.
Markus bemerkte es ebenfalls.
„Bin ich dein Sohn?“
Elisabeth schwieg.
„Mama.“
Seine Stimme brach beinahe.
„Hast du mich geboren?“
„Du bist mein Sohn.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Im Hintergrund sagte Roxana leise:
„Mama, sag es ihm.“
Elisabeth fuhr sie an.
„Halt dich da raus!“
Markus atmete schwer.
„Roxana weiß es?“
Wieder Stille.
Dann hörte ich plötzlich ein dumpfes Geräusch, als hätte jemand eine Schublade aufgerissen. Roxana sagte:
„Ich weiß nur, dass es eine Schachtel gibt.“
„Welche Schachtel?“, fragte Markus.
„Papa hat sie immer im Bankschließfach aufbewahrt.“
Elisabeth schrie ihren Namen.
Doch Roxana sprach weiter.
„Nach seinem Tod hat Mama sie geholt. Darin sind Fotos und Briefe. Ich habe einmal einen gesehen. Da stand Konrads Name.“
Die Verbindung wurde plötzlich still.
Dann sagte Markus:
„Wo ist die Schachtel?“
Elisabeth antwortete so leise, dass ich sie kaum verstand.
„Zu Hause.“
„Dann fahren wir.“
„Nein.“
„Warum?“
Ihre nächste Antwort veränderte alles.
„Weil Konrad weiß, wo wir wohnen.“
Dr. Seidel und ich sahen uns an.
Markus flüsterte:
„Du wusstest, dass er lebt.“
Elisabeth begann zu weinen.
Zum ersten Mal seit ich sie kannte, hörte ich echte Angst in ihrer Stimme.
„Er hat mich heute Morgen angerufen.“
„Was wollte er?“
„Dass ich die Schachtel vernichte.“
Markus schwieg.
„Und hast du?“
„Nein.“
Ich schloss kurz die Augen.
Endlich eine Entscheidung Elisabeths, die uns vielleicht helfen konnte.
„Markus“, sagte ich, „ihr fahrt nicht allein dorthin.“
„Ich brauche diese Unterlagen.“
„Und wenn Konrad auf euch wartet?“
„Dann soll er mir erklären, wer ich bin.“
„Du hast zwei Kinder, Markus.“
Der Satz kam schärfer heraus, als ich beabsichtigt hatte.
„Vielleicht hast du heute Morgen beschlossen, dass sie dein neues Leben komplizieren. Aber sie haben nur einen Vater. Also benimm dich wenigstens jetzt wie einer.“
Lange sagte er nichts.
Dann hörte ich ihn leise:
„Du hast recht.“
Es war vielleicht das erste Mal seit Jahren, dass Markus diese drei Worte zu mir sagte.
Dr. Seidel organisierte über Keller zwei Sicherheitsleute. Erst danach fuhren Markus, Roxana und Elisabeth zum Haus der Hansens.
Ich blieb mit meinen Kindern im Apartment.
Fast eine Stunde lang kam keine Nachricht.
Dann schickte Markus Fotos.
Eine kleine dunkelblaue Schachtel lag auf dem Küchentisch. Darin befanden sich alte Polaroids, Briefe, ein Krankenhausarmband und ein vergilbter Umschlag.
Auf einem Foto war Elisabeth zu sehen, viel jünger, neben meinem Vater und Konrad Stein.
Ich rief Markus an.
„Warum kannte deine Mutter meinen Vater?“
„Sie sagt, sie habe damals für die Kronberg-Gruppe gearbeitet.“
Das wusste ich nicht.
Elisabeth hatte immer behauptet, vor ihrer Ehe mit Markus’ Vater in einer Versicherung beschäftigt gewesen zu sein.
„Und Konrad?“
„Ihr Vorgesetzter.“
„Öffne den Umschlag.“
Papier raschelte.
Dann wurde Markus still.
„Was steht drin?“
Keine Antwort.
„Markus.“
„Es ist eine Vereinbarung.“
„Welche Vereinbarung?“
Seine Stimme klang plötzlich leer.
„Über mich.“
Elisabeth begann im Hintergrund zu schluchzen.
Markus las:
„Übertragung der dauerhaften Vormundschaft für den männlichen Säugling M. Voss an Elisabeth und Georg Hansen.“
Mein Herz sank.
„Wer hat unterschrieben?“
„Elisabeth. Georg.“
Pause.
„Und Konrad.“
„Als Vater?“
„Nein.“
Markus schluckte.
„Als Vertreter der leiblichen Mutter.“
Ich sah Dr. Seidel an.
„Steht ihr Name dort?“
Wieder hörte ich Papier.
Dann fluchte Markus.
„Der Name wurde geschwärzt.“
Natürlich.
Doch Roxana hatte offenbar etwas anderes entdeckt.
„Hier ist noch ein Brief.“
Elisabeth schrie plötzlich:
„Nein!“
Es folgte ein kurzes Durcheinander.
Dann las Roxana laut.
„Elisabeth, falls der Junge jemals nach seiner Mutter fragt, darfst du ihm unter keinen Umständen sagen, dass sie noch lebt.“
Markus sagte nichts.
Roxana las weiter.
„Vor allem darf er niemals erfahren, dass seine Mutter auch Julianes Mutter ist.“
Mir fiel das Telefon beinahe aus der Hand.
Dr. Seidel wurde kreidebleich.
Markus flüsterte meinen Namen.
Ich konnte nicht antworten.
Wenn der Brief stimmte, war Markus nicht Konrads Sohn.
Er war mein Bruder.
Oder zumindest mein Halbbruder.
Der Mann, mit dem ich acht Jahre verheiratet gewesen war.
Der Vater meiner Kinder.
„Nein“, sagte ich. „Das kann nicht stimmen.“
Dr. Seidel griff sofort nach dem Laborbericht.
„Es stimmt vermutlich auch nicht.“
Ich sah sie an.
„Was?“
Sie deutete auf die genetischen Marker.
„Wenn Markus tatsächlich Ihr enger biologischer Verwandter wäre, hätte der Test Ihres Sohnes Hinweise darauf gezeigt. Ihr Vater hätte das sofort erkannt.“
Ein winziger Hoffnungsschimmer.
„Dann ist der Brief gefälscht.“
„Oder der Begriff Mutter bedeutet etwas anderes.“
Mein Telefon vibrierte.
Penelope.
**Konrad lügt. Glaubt keinem Brief, den er euch finden lässt.**
Dann schickte sie ein Foto.
Es zeigte eine ältere Frau in einem Krankenhausbett.
Sehr dünn. Graues Haar. Sauerstoffschlauch unter der Nase.
Doch ihre Augen ließen mich erstarren.
Ich kannte diese Augen.
Ich sah sie jeden Morgen im Spiegel.
Unter dem Bild stand:
**Sie heißt Clara Kronberg.**
Meine Knie wurden weich.
Clara.
Der Name meiner angeblich bei meiner Geburt verstorbenen Mutter.
Eine zweite Nachricht erschien.
**Sie lebt.**
Dann eine dritte.
**Und sie hat mir gerade gesagt, dass weder du noch ich ihre erste Tochter waren.**
Ich starrte auf die Worte.
Noch bevor ich antworten konnte, kam Penelopes letzte Nachricht.
**Ihr erstes Kind war ein Junge.**
Darunter stand nur ein Name.
**Markus.**







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