Ich starrte auf mein Telefon, bis der Bildschirm schwarz wurde.
Niemand sagte etwas.
Hannah sah mich an.
„Wer war das?“
Ich steckte das Telefon langsam ein.
„Jemand, der wusste, dass ich den zweiten Umschlag habe.“
Matthias stand sofort auf.
„Was genau hat die Person gesagt?“
Ich wiederholte den Satz.
Sein Gesicht wurde ernst.
„Wir müssen davon ausgehen, dass jemand Zugang zu Informationen hat, die nur sehr wenige Menschen kennen.“
„Meine Mutter?“
„Sie sitzt in Gewahrsam.“
„Paula?“
„Auch.“
Ich sah zu Hannah.
„Dann jemand, der für sie arbeitet.“
Matthias nickte.
„Oder jemand, der schon lange für sie gearbeitet hat.“
In diesem Moment ging die Tür auf.
Ein Polizist trat ein.
„Herr Lukas, wir müssen Sie kurz sprechen.“
Ich stand auf.
„Jetzt?“
„Es geht um Ihre Mutter.“
Ich folgte ihm auf den Flur.
Dort wartete der Ermittler, den ich bereits am Haus gesehen hatte.
„Wir haben ein Problem“, sagte er.
„Was für ein Problem?“
Er reichte mir eine durchsichtige Beweismappe.
Darin lag ein einzelnes Blatt.
„Ihre Mutter hat vor ihrer Festnahme eine Nachricht an einen Kontakt außerhalb des Hauses geschickt.“
„An wen?“
„Das wissen wir noch nicht sicher.“
Ich sah auf das Blatt.
„Was stand darin?“
Der Ermittler zögerte.
„Nur fünf Worte.“
Er drehte die Mappe um.
Ich las:
**Er hat den Umschlag gefunden.**
Mein Magen verkrampfte sich.
„Sie wusste davon.“
„Offenbar.“
„Und wer hat die Nachricht bekommen?“
„Eine unbekannte Nummer. Prepaid.“
Ich gab ihm das Blatt zurück.
„Dann suchen Sie weiter.“
Er nickte.
„Das tun wir.“
Als ich wieder ins Zimmer kam, saß Matthias neben Hannah.
Der zweite Umschlag lag noch immer in meiner Jackentasche.
„Wir öffnen ihn nicht hier“, sagte Matthias.
„Warum?“
„Weil wir nicht wissen, wer dieses Krankenhaus beobachtet.“
Hannah richtete sich vorsichtig auf.
„Dann bring ihn an einen Ort, an dem niemand ihn erwartet.“
Ich sah sie an.
„Kennst du so einen Ort?“
Sie nickte.
„Das Arbeitszimmer deines Vaters.“
Ich runzelte die Stirn.
„Dort war ich seit seiner Beerdigung nicht mehr.“
„Genau deshalb.“
Matthias stand auf.
„Das könnte funktionieren.“
Ich beugte mich zu Hannah und küsste ihre Stirn.
„Ich komme zurück.“
„Lukas.“
Ich hielt inne.
„Sei vorsichtig.“
„Das werde ich.“
Matthias und ich verließen das Krankenhaus.
Bevor wir zum Haus fuhren, hielten wir jedoch einige Straßen entfernt.
„Warum halten wir hier?“, fragte ich.
„Weil wir überprüfen müssen, ob uns jemand folgt.“
Wir warteten fast zehn Minuten.
Kein Fahrzeug kam näher.
Dann fuhren wir weiter.
Das Haus war inzwischen abgesperrt.
Polizeiband zog sich über das Tor, und die Fenster waren dunkel.
Als ich den Schlüssel in der Hand hielt, fühlte sich alles fremd an.
Hier war ich aufgewachsen.
Hier hatte mein Vater mir beigebracht, dass ein Versprechen mehr wert war als Geld.
Und hier hatte meine Mutter versucht, meine Frau aus ihrem eigenen Zuhause zu vertreiben.
Wir gingen direkt ins Arbeitszimmer meines Vaters.
Staub lag auf den Regalen.
Die Uhr an der Wand war stehen geblieben.
Matthias schloss die Tür hinter uns.
„Wo hat dein Vater wichtige Unterlagen aufbewahrt?“
„Immer dort, wo niemand suchen würde.“
Ich sah mich um.
Dann blieb mein Blick an einem alten Schreibtisch hängen.
Ich zog die unterste Schublade heraus.
Leer.
Die zweite.
Leer.
Die dritte ließ sich nicht öffnen.
Ich holte den kleinen Schlüssel hervor, den mein Vater mir als Kind gegeben hatte.
Er passte.
Mit einem leisen Klicken sprang die Schublade auf.
Darin lag nur ein schwarzes Notizbuch.
Ich nahm es heraus.
Auf dem Einband stand kein Name.
Ich schlug die erste Seite auf.
Dort war die Handschrift meines Vaters.
**Wenn Lukas dies liest, ist die Zeit gekommen.**
Ich sah Matthias an.
„Das ist es.“
Er nickte.
Ich blätterte weiter.
Auf mehreren Seiten standen Namen, Daten und Kontonummern.
Einige kannte ich.
Andere nicht.
Dann entdeckte ich den Namen meiner Mutter.
Daneben stand ein Datum.
Und darunter nur ein Wort:
**Abgelehnt.**
Ich blätterte weiter.
Paula.
Wieder ein Datum.
Wieder:
**Abgelehnt.**
Dann stieß ich auf einen Namen, den ich noch nie zuvor gesehen hatte.
**Thomas Berger.**
Ich erstarrte.
„Der Hausverwalter.“
Matthias nahm mir das Buch aus der Hand.
„Warte.“
Er las die Seite.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Was?“
„Thomas hat deinem Vater offenbar schon vor Jahren berichtet, dass deine Mutter versucht hat, auf die Vermögensstruktur zuzugreifen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Aber er hat uns heute geholfen.“
„Vielleicht.“
Matthias blätterte weiter.
Dann fiel ein kleiner Umschlag aus dem Notizbuch.
Auf der Rückseite stand:
**Nur wenn Lukas glaubt, Thomas sei vertrauenswürdig.**
Ich spürte einen Knoten im Magen.
„Mein Vater hat ihm also nicht vertraut.“
„Oder er wollte, dass du selbst entscheidest.“
Ich nahm den Umschlag.
Doch bevor ich ihn öffnen konnte, hörten wir ein Geräusch.
Ein leises Knarren.
Aus dem Flur.
Matthias hob sofort die Hand.
„Still.“
Wir bewegten uns nicht.
Dann hörten wir Schritte.
Jemand war im Haus.
Ich griff nach meinem Telefon.
Matthias zeigte auf die Tür.
Die Schritte kamen näher.
Ein Schatten glitt unter dem Türspalt vorbei.
Dann blieb er stehen.
Ich hielt den Atem an.
Der Türgriff bewegte sich.
Einmal.
Zweimal.
Dann hörten wir eine Stimme.
„Lukas.“
Ich erkannte sie sofort.
Thomas Berger.
Ich öffnete nicht.
„Was wollen Sie?“
„Ich muss mit Ihnen reden.“
Matthias trat neben mich.
„Warum sind Sie hier?“
Thomas antwortete nicht sofort.
Dann sagte er:
„Weil ich weiß, wer Hannah wirklich angegriffen hat.“
Ich sah Matthias an.
„Sie waren es doch nicht selbst“, sagte ich.
„Nein.“
„Dann wer?“
Seine Stimme wurde leiser.
„Ihre Mutter und Paula haben den Angriff geplant. Aber sie haben nicht allein gehandelt.“
Mein Griff um das Telefon wurde fester.
„Wer hat ihnen geholfen?“
Thomas schwieg.
Dann sagte er:
„Der Mann, der die gefälschten Dokumente vorbereitet hat.“
Ich öffnete die Tür einen Spalt.
Thomas stand allein im Flur.
Sein Gesicht war bleich.
„Wer?“
Er sah mich direkt an.
„Der Notar.“
Matthias trat vor.
„Warum sollte ein Notar sich daran beteiligen?“
Thomas sah auf den Boden.
„Weil Ihre Mutter ihn seit Jahren bezahlt.“
Ich wollte gerade etwas sagen, als Thomas plötzlich einen Schritt zurückwich.
Sein Blick fiel auf den Umschlag in meiner Hand.
„Sie haben ihn geöffnet.“
„Nein.“
Er wurde noch blasser.
„Dann tun Sie es nicht.“
„Warum?“
Thomas sah mich an, als hätte er Angst vor seiner eigenen Antwort.
„Weil Ihr Vater darin beweisen wollte, dass Ihre Mutter nicht die einzige Person ist, die von seinem Geheimnis wusste.“
Dann drehte er sich um.
„Warten Sie.“
Er blieb stehen.
„Was ist noch?“
Thomas sah über seine Schulter.
„Ihr Vater hat mir kurz vor seinem Tod gesagt, dass er nur einem Menschen vollständig vertraut.“
Ich wartete.
„Hannah.“
Dann ging er.
Ich schloss langsam die Tür.
Matthias sah mich an.
„Wir müssen den Umschlag öffnen.“
Ich nickte.
Diesmal zögerte ich nicht.
Ich brach das Siegel.
Im Inneren lag ein einziges Foto.
Es zeigte meinen Vater.
Daneben stand meine Mutter.
Und hinter ihnen stand ein Mann, den ich sofort erkannte.
Der Notar.
Auf der Rückseite des Fotos hatte mein Vater einen Satz geschrieben:
**Wenn sie behaupten, Hannah sei nicht berechtigt, das Haus zu besitzen, frag sie, warum sie dieses Treffen vor mir geheim gehalten haben.**
Ich drehte das Foto um.
Unter dem Satz stand ein Datum.
Es war der Tag, an dem ich meinen Auslandseinsatz begonnen hatte.
Matthias nahm das Foto.
„Lukas.“
„Was?“
Er zeigte auf die Ecke des Bildes.
Dort war eine weitere Person zu sehen.
Nur halb im Schatten.
Aber ich erkannte sie.
Mein Herz blieb stehen.
Es war jemand, den ich seit meiner Rückkehr bereits zweimal gesehen hatte.
Jemand, dem ich bisher vertraut hatte.
Und plötzlich verstand ich, warum mein Vater diesen Brief niemals früher hatte öffnen lassen.
**Fortsetzung — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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