Ich sah noch immer auf die letzte Nachricht.
**Frag deine Schwester, wo.**
„Paula“, sagte ich.
Matthias nickte langsam.
„Wenn diese Nachricht echt ist, müssen wir herausfinden, was sie weiß.“
Daniel Keller trat näher.
„Sie müssen sie sofort befragen.“
Ich sah ihn an.
„Und warum sollte ich ausgerechnet Ihnen dabei vertrauen?“
„Das müssen Sie nicht.“
Er zog sein Telefon hervor.
„Aber wenn Hannah wirklich in einem Keller festgehalten wird, haben wir nicht viel Zeit.“
Ich nahm mein eigenes Telefon.
„Dann gehen wir zurück zur Polizei.“
„Nein“, sagte Keller sofort.
Ich blieb stehen.
„Warum nicht?“
„Weil wir nicht wissen, wer dort für Ihre Mutter arbeitet.“
Matthias sah ihn scharf an.
„Sie behaupten also, dass jemand innerhalb der Polizei Informationen weitergibt?“
„Ich behaupte gar nichts. Ich sage nur, dass Ihre Mutter innerhalb weniger Minuten wusste, dass Lukas den Umschlag gefunden hatte.“
Ich dachte an die Nachricht.
An die gefälschte Uniform.
An den Mann, der Hannah aus dem Krankenhaus gebracht hatte.
Alles war miteinander verbunden.
„Dann holen wir Paula.“
Keller nickte.
„Aber wir tun es offiziell.“
Wenig später saß Paula in einem Vernehmungsraum.
Ihre Hände waren nicht gefesselt.
Doch ihr Gesicht hatte jede Spur der Arroganz verloren, die sie noch vor wenigen Stunden gezeigt hatte.
Als sie mich sah, hob sie langsam den Kopf.
„Lukas.“
Ich setzte mich ihr gegenüber.
„Wo ist Hannah?“
Paula sagte nichts.
„Du hast fünf Sekunden.“
Sie lächelte schwach.
„Du glaubst wirklich, ich hätte sie entführen lassen?“
„Ich glaube, dass du mehr weißt, als du sagst.“
„Ich war die ganze Zeit hier.“
„Dann kannst du mir erklären, warum jemand mich auffordert, dich zu fragen, wo Hannah ist.“
Ihr Gesicht veränderte sich.
Nur für einen Augenblick.
Aber ich sah es.
„Was für eine Nachricht?“
Ich legte mein Telefon auf den Tisch.
Sie las die vier Worte.
Ihre Lippen wurden blass.
„Wer hat dir das geschickt?“
„Das ist meine Frage.“
Paula sah zur Tür.
Dann zu mir.
„Lukas, du verstehst nicht, was hier passiert.“
„Dann erklär es mir.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Wenn ich rede, bringt sie dich auch um.“
Ich beugte mich vor.
„Wer?“
Paula schluckte.
„Der Mann, der alles organisiert.“
„Der Notar?“
Sie schloss die Augen.
Keine Antwort.
„Der Arzt?“
Wieder Schweigen.
Dann sagte sie:
„Du suchst an den falschen Stellen.“
Ich wartete.
„Es war nie das Haus.“
Mein Herz schlug schneller.
„Was dann?“
Paula sah mich direkt an.
„Es war das Vermögen deines Vaters.“
Matthias, der hinter mir stand, sagte:
„Das wissen wir.“
„Nein“, sagte Paula. „Das wisst ihr nicht.“
Sie beugte sich vor.
„Ihr denkt, Mutter wollte das Haus. Sie wollte nur etwas, das an das Haus gebunden ist.“
Ich sah Matthias an.
„Was?“
Paula schüttelte den Kopf.
„Das weiß ich nicht.“
„Du lügst.“
„Nein.“
Ihre Stimme brach.
„Ich wusste nur, dass Mutter unbedingt die Treuhand auflösen musste.“
„Warum?“
„Weil sie sonst niemals an das Geld kommen würde.“
Ich spürte, wie sich meine Hände verkrampften.
„Welches Geld?“
Paula antwortete nicht.
Stattdessen flüsterte sie:
„Dein Vater hat ein Konto eingerichtet, das niemand finden sollte.“
Matthias trat näher.
„Wo?“
Paula sah ihn an.
„Nicht bei einer Bank.“
Stille.
„Wo dann?“
„In einer Stiftung.“
Ich erinnerte mich an das schwarze Notizbuch.
An die Namen.
An die Daten.
An die abgelehnten Anträge.
„Warum wusste meine Mutter davon?“
„Weil sie die Unterlagen deines Vaters durchsucht hat.“
„Und der Notar?“
Paula zögerte.
„Er sollte die Stiftung auflösen.“
„Und der Arzt?“
Sie senkte den Blick.
„Er sollte beweisen, dass dein Vater bei der Errichtung der Treuhand nicht zurechnungsfähig war.“
Matthias schloss kurz die Augen.
Damit war die Verbindung hergestellt.
Treuhand.
Gefälschte medizinische Bescheinigung.
Notar.
Vermögen.
Meine Mutter hatte jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet.
Aber eine Sache ergab keinen Sinn.
„Warum Hannah?“
Paula sah mich an.
„Weil sie die einzige Person war, die nicht bestochen werden konnte.“
Ich schwieg.
„Und weil dein Vater sie geschützt hat.“
„Das weiß ich.“
„Nein.“
Paula schüttelte den Kopf.
„Du weißt nicht, wie sehr.“
Sie atmete zitternd ein.
„Dein Vater hat Hannah etwas übertragen, das viel größer ist als dieses Haus.“
Matthias erstarrte.
„Was?“
Paula sah zur Kamera an der Wand.
Dann flüsterte sie:
„Ich weiß nicht genau, was es ist. Aber Mutter sagte einmal, wenn Hannah jemals ein Kind von dir bekommen würde, wäre die gesamte Vermögensstruktur endgültig außerhalb ihrer Reichweite.“
Ich stand abrupt auf.
„Was hast du gesagt?“
„Das Kind.“
Sie sah mich an.
„Die Schwangerschaft hat alles verändert.“
In meinem Kopf hörte ich wieder die Worte meines Vaters:
**Hannah und das Kind schützen.**
Ich verstand plötzlich, warum der Brief erst nach Bekanntwerden der Schwangerschaft übergeben werden sollte.
Mein Vater hatte nicht nur Hannah schützen wollen.
Er hatte auf diesen Moment gewartet.
Ich ging zur Tür.
Paula rief hinter mir:
„Lukas!“
Ich blieb stehen.
„Wenn du sie findest, öffne den letzten Umschlag nicht allein.“
Ich drehte mich um.
„Warum?“
Paula sah mich mit feuchten Augen an.
„Weil Mutter wusste, dass es einen letzten Beweis gibt.“
„Wo?“
Sie flüsterte:
„Unter dem Haus.“
Wir verließen den Raum.
Matthias sah mich an.
„Unter dem Haus.“
Ich nickte.
„Der Keller.“
Daniel Keller stand bereits im Flur.
„Dann fahren wir.“
„Nein“, sagte ich.
Er blieb stehen.
„Ich gehe zuerst mit Matthias.“
Keller sah mich lange an.
„Das ist ein Fehler.“
„Vielleicht.“
Ich zog den Schlüssel meines Vaters aus der Tasche.
„Aber es ist mein Fehler.“
Kurz vor dem Haus hielt Matthias plötzlich meinen Arm fest.
„Warte.“
Er zeigte auf das gegenüberliegende Gebäude.
Ein schwarzer Wagen stand dort.
Der Motor lief.
„Seit wann?“, fragte ich.
„Keine Ahnung.“
Das Auto setzte sich in Bewegung.
Wir gingen weiter.
Im Haus führte ich Matthias direkt in den Keller.
Ich hatte diesen Raum seit Jahren nicht betreten.
Alte Kisten standen an den Wänden.
Ein Heizkessel brummte leise.
An der hinteren Wand hing ein altes Familienfoto.
Ich erinnerte mich plötzlich.
Mein Vater hatte mich als Kind einmal hierhergebracht.
Er hatte auf eine Stelle hinter dem Foto gezeigt und gesagt:
„Manchmal ist das Wertvollste dort, wo niemand hinsieht.“
Ich nahm das Foto ab.
Dahinter war eine kleine Metalltür.
Der Schlüssel passte.
Die Tür öffnete sich.
Darin befand sich kein Geld.
Keine Schmuckstücke.
Nur ein kleiner Safe.
Und auf dem Safe lag ein Zettel.
In der Handschrift meines Vaters.
**Lukas, wenn du hier bist, wurde Hannah bereits in Gefahr gebracht.**
Ich konnte kaum atmen.
Matthias las über meine Schulter.
Darunter stand:
**Der einzige Weg, sie zu finden, führt über die Person, die du bisher für einen Verbündeten gehalten hast.**
Ich hörte ein Geräusch hinter uns.
Wir drehten uns um.
Daniel Keller stand am oberen Ende der Kellertreppe.
Er hielt eine Waffe in der Hand.
Matthias hob langsam die Hände.
Ich sah Keller an.
„Du.“
Sein Gesicht war voller Schmerz.
„Lukas, hör mir zu.“
„Mein Vater hat deinen Namen aufgeschrieben.“
„Ja.“
„Und er hat mich vor dir gewarnt.“
Keller senkte die Waffe ein wenig.
„Dein Vater wusste, dass ich gezwungen werden würde, für sie zu arbeiten.“
„Für wen?“
Keller schluckte.
„Für deine Mutter.“
Mein Herz blieb beinahe stehen.
„Wo ist Hannah?“
Er sah mich an.
„Ich weiß, wo sie ist.“
„Dann bring mich zu ihr.“
Keller schüttelte den Kopf.
„Wenn ich dich dorthin bringe, stirbt sie.“
„Warum?“
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Weil die Menschen, die sie festhalten, nur auf eines warten.“
„Worauf?“
Er zeigte auf den Safe.
„Auf das, was darin liegt.“
Ich sah den Safe an.
Dann ihn.
„Was ist darin?“
Keller antwortete:
„Der Beweis, dass dein Vater nie gestorben ist, ohne einen letzten Plan für deine Mutter zu hinterlassen.“
Ich erstarrte.
„Was meinst du damit?“
Keller flüsterte:
„Öffne den Safe.“
Ich legte die Hand auf das Schloss.
Und genau in diesem Moment hörte ich aus meinem Telefon eine schwache Stimme.
Hannah.
Nur drei Worte.
„Lukas … nicht öffnen.“
Dann brach die Verbindung ab.
**Fortsetzung — klicken Sie auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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