Ich nahm das Foto noch einmal in die Hand.
Der Mann im Schatten war nur teilweise zu sehen, doch sein Gesicht war deutlich genug.
Ich kannte ihn.
„Das ist Daniel Keller.“
Matthias sah mich an.
„Der Staatsanwalt?“
Ich nickte.
„Ich habe ihn heute zweimal gesehen.“
Zum ersten Mal im Krankenhaus.
Zum zweiten Mal im Polizeigebäude.
Matthias nahm mir das Foto ab und betrachtete es genauer.
„Das kann nicht sein.“
„Warum?“
„Das Foto wurde am Tag aufgenommen, an dem du deinen Auslandseinsatz begonnen hast.“
„Das weiß ich.“
„Und Keller war damals noch nicht für diesen Fall zuständig.“
Ich spürte, wie sich meine Nackenmuskeln verhärteten.
„Woher weißt du das?“
„Weil ich seinen beruflichen Werdegang kenne. Er wurde erst später in die Staatsanwaltschaft versetzt.“
Ich nahm das Foto zurück.
„Dann war er damals nicht als Staatsanwalt dort.“
Matthias schwieg.
Ich drehte das Bild um.
Unter dem Namen meines Vaters stand eine handschriftliche Notiz.
**Daniel Keller – nicht vertrauen.**
Darunter befand sich ein zweiter Satz.
**Er wird versuchen, Lukas glauben zu lassen, dass er auf seiner Seite steht.**
Ich las die Worte zweimal.
Dann ein drittes Mal.
„Mein Vater kannte ihn.“
„Offenbar.“
„Und er wusste, dass er irgendwann wieder auftauchen würde.“
Matthias nickte langsam.
„Dann war seine Warnung keine Vermutung.“
In diesem Moment vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht.
Von Daniel Keller.
**Wir müssen sofort sprechen. Es geht um Hannah.**
Ich zeigte sie Matthias.
Er wurde blass.
„Antworte nicht.“
„Warum?“
„Weil er gerade wissen will, ob du das Foto gefunden hast.“
Ich sah auf den Bildschirm.
Dann tippte ich:
**Was ist mit Hannah?**
Die Antwort kam innerhalb weniger Sekunden.
**Ihre Frau ist nicht sicher. Wir haben Hinweise, dass jemand versucht, sie aus dem Krankenhaus zu holen.**
Mein Herz raste.
Ich rief sofort im Krankenhaus an.
„Station sieben, Zimmer 214.“
Eine Krankenschwester meldete sich.
„Hannah Berger?“
„Ja. Meine Frau. Ist sie in ihrem Zimmer?“
Kurze Stille.
„Einen Moment.“
Ich hörte Schritte im Hintergrund.
Dann:
„Herr Berger, Ihre Frau ist nicht mehr auf der Station.“
Mir blieb die Luft weg.
„Was?“
„Ein Mann hat sich als Polizeibeamter ausgewiesen und gesagt, dass Ihre Frau verlegt werden müsse.“
„Wer?“
„Ich weiß es nicht.“
Ich legte auf.
„Wir müssen sofort zurück.“
Matthias war bereits aufgestanden.
„Ruf die Polizei.“
„Welcher Polizei soll ich vertrauen?“
Er sah mich an.
Keiner von uns antwortete.
Wir rannten aus dem Haus.
Während der Fahrt rief ich eine Nummer an, die mein Vater mir Jahre zuvor gegeben hatte.
Eine private Sicherheitsfirma, die er nur für besondere Situationen benutzt hatte.
Ein Mann meldete sich.
„Sicherheitsdienst Werner.“
„Mein Name ist Lukas Berger.“
Stille.
„Herr Berger.“
„Ich brauche sofort jemanden im Krankenhaus. Meine Frau wurde von einem angeblichen Polizisten abgeholt.“
„Sind Sie sicher?“
„Nein. Genau deshalb brauche ich Sie.“
„Wir schicken jemanden.“
Ich legte auf.
Matthias sah mich an.
„Gut.“
„Wenn Keller dahintersteckt, muss er wissen, dass ich ihm nicht mehr vertraue.“
„Dann darfst du ihm genau das nicht zeigen.“
Wir erreichten das Krankenhaus.
Zwei Sicherheitsleute standen bereits am Eingang.
Ich rannte zur Station.
Hannahs Zimmer war leer.
Das Bett war noch warm.
Ihre Infusion lag auf dem Boden.
Eine Krankenschwester stand daneben und weinte.
„Was ist passiert?“
„Der Mann hatte eine Uniform.“
„Welcher Mann?“
„Ich weiß es nicht.“
„Hat er einen Namen genannt?“
Sie nickte.
„Daniel Keller.“
Ich sah Matthias an.
„Er hat sie.“
Wir liefen zurück in den Flur.
Dann hörte ich eine Stimme hinter mir.
„Herr Berger.“
Ich drehte mich um.
Daniel Keller stand am anderen Ende des Korridors.
Allein.
Ohne Begleitung.
Ohne sichtbare Waffe.
„Wo ist meine Frau?“
Er hob beide Hände.
„Ich habe sie nicht mitgenommen.“
„Die Krankenschwester hat Ihren Namen genannt.“
„Dann wurde mein Name benutzt.“
„Von wem?“
Keller kam langsam näher.
„Von jemandem, der möchte, dass Sie mich verdächtigen.“
Ich lachte bitter.
„Mein Vater hat Ihren Namen aufgeschrieben.“
Keller blieb stehen.
Für einen kurzen Moment veränderte sich sein Gesicht.
Nur ganz leicht.
Aber ich sah es.
„Sie haben das Foto gefunden.“
Es war keine Frage.
Ich spürte, wie sich meine Finger schlossen.
„Warum stehen Sie darauf?“
Keller sah Matthias an.
„Weil Ihr Vater wusste, dass ich ihm helfen wollte.“
„Mein Vater schrieb, ich solle Ihnen nicht vertrauen.“
„Dann hat er Ihnen nicht die ganze Wahrheit erzählt.“
„Welche Wahrheit?“
Keller sah sich im Flur um.
„Nicht hier.“
„Dann wo?“
„In seinem Arbeitszimmer.“
Ich trat einen Schritt auf ihn zu.
„Meine Frau ist verschwunden.“
„Ich weiß.“
„Dann sagen Sie mir, wo sie ist.“
Keller atmete tief ein.
„Wenn ich es wüsste, würde ich sie bereits suchen.“
„Sie erwarten ernsthaft, dass ich Ihnen glaube?“
„Nein.“
Er griff in seine Manteltasche.
Sofort gingen die beiden Sicherheitsleute neben mir in Alarmbereitschaft.
Keller zog langsam einen kleinen Schlüssel hervor.
Er hielt ihn zwischen zwei Fingern.
„Ihr Vater hat mir diesen Schlüssel gegeben.“
Ich starrte darauf.
Der Schlüssel war alt.
Messingfarben.
Mit einer kleinen Kerbe an der Seite.
Ich kannte ihn.
Mein Vater hatte ihn immer an seinem Schlüsselbund getragen.
„Woher haben Sie den?“
„Er gab ihn mir drei Tage vor seinem Tod.“
„Warum?“
Keller sah mich an.
„Weil er wusste, dass der Tag kommen würde, an dem Hannah verschwinden würde.“
Mein Herz schlug gegen meine Rippen.
„Was öffnet er?“
„Eine Schließfachanlage.“
Matthias trat näher.
„Welche?“
„Die, in der Ihr Vater die Originalunterlagen der Treuhand hinterlegt hat.“
Ich sah Keller misstrauisch an.
„Warum hat Matthias diese Unterlagen nicht?“
Keller antwortete:
„Weil Ihr Vater nicht wollte, dass irgendjemand eine vollständige Kopie davon besitzt.“
Matthias schwieg.
Ich sah ihn an.
„Stimmt das?“
Nach einigen Sekunden nickte er.
„Ja.“
Keller fuhr fort.
„Ihre Mutter wusste von der Treuhand. Sie wusste auch, dass sie Hannah nicht einfach aus dem Haus entfernen konnte. Deshalb suchte sie nach einem Weg, die Begünstigtenstruktur anzufechten.“
„Mit den gefälschten Dokumenten.“
„Genau.“
„Und Sie?“
Keller sah mich direkt an.
„Ich habe versucht, sie daran zu hindern.“
Ich glaubte ihm noch immer nicht.
Doch dann zog er ein zweites Foto aus seiner Tasche.
Darauf war meine Mutter zu sehen.
Neben ihr stand der Notar.
Und zwischen ihnen lag ein Vertrag.
Keller zeigte auf die untere Ecke.
„Sehen Sie das Datum.“
Ich tat es.
Es war drei Tage vor dem Angriff auf Hannah.
„Das ist der ursprüngliche Entwurf.“
„Was wollte sie damit?“
„Die Treuhand sollte aufgelöst werden.“
„Aber das ist unmöglich.“
„Rechtlich fast unmöglich.“
„Fast?“
„Wenn nachgewiesen werden kann, dass dein Vater bei der Errichtung der Treuhand nicht geschäftsfähig gewesen wäre, könnte man versuchen, sie anzufechten.“
Ich sah ihn an.
„Mein Vater war vollkommen gesund.“
Keller nickte.
„Das weiß ich.“
Dann sagte er:
„Aber jemand hat eine ärztliche Bescheinigung gefälscht, die das Gegenteil behauptet.“
Matthias nahm das Dokument.
Seine Augen wurden groß.
„Das ist die Unterschrift meines Vaters.“
„Nein“, sagte Keller.
„Was?“
„Es ist eine Kopie.“
Ich nahm das Papier.
Die Schrift sah tatsächlich überzeugend aus.
Aber mein Vater hatte mir beigebracht, seine Unterschrift zu erkennen.
„Wer hat sie gefälscht?“
Keller sah mich an.
„Der Arzt, dessen Name darunter steht.“
Ich spürte einen Stich im Magen.
„Wer?“
Keller antwortete:
„Der Arzt, der Hannah nach ihrer Einlieferung untersucht hat.“
Für einen Moment hörte ich nichts mehr.
Ich dachte an den Krankenhausflur.
An die Ärzte.
An den Mann, der mir mit ruhiger Stimme gesagt hatte, dass Hannah schwanger sei.
Der Mann, der wusste, wie verletzlich sie war.
Der Mann, der wusste, dass unser Kind existierte.
„Wo ist Hannah?“, fragte ich.
Keller sah mich ernst an.
„Wenn wir Glück haben, wurde sie noch nicht aus dem Krankenhaus gebracht.“
„Und wenn wir kein Glück haben?“
Er antwortete nicht.
Ich wandte mich an Matthias.
„Wir fahren zurück ins Haus.“
„Warum?“
Ich hielt den alten Schlüssel hoch.
„Weil mein Vater offenbar einen letzten Ort vorbereitet hat, an dem sie Hannah nicht finden können.“
In diesem Moment klingelte mein Telefon erneut.
Diesmal war es keine unbekannte Nummer.
Es war Hannah.
Ich nahm sofort ab.
„Hannah!“
Zuerst hörte ich nur ihren Atem.
Dann ihre Stimme.
Leise.
Zitternd.
„Lukas … hör mir genau zu.“
„Wo bist du?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wer hat dich geholt?“
Eine kurze Pause.
„Der Mann, der gesagt hat, er müsse mich zu einer Untersuchung bringen.“
„Bist du verletzt?“
„Nein.“
Ich schloss die Augen.
„Wo bist du?“
Hannah flüsterte:
„Ich bin in einem Keller.“
Dann hörte ich eine Tür hinter ihr.
Ihre Stimme wurde plötzlich panisch.
„Lukas, sie wissen, dass du den Brief hast.“
Die Verbindung brach ab.
Ich starrte auf das Telefon.
Matthias sagte nichts.
Keller ebenfalls nicht.
Dann bemerkte ich etwas.
Auf meinem Bildschirm erschien eine letzte Nachricht.
Nur vier Worte:
**Frag deine Schwester, wo.**
Ich sah Matthias an.
Paula saß seit Stunden in Polizeigewahrsam.
Und trotzdem hatte jemand gerade bewiesen, dass sie mehr wusste, als wir bisher angenommen hatten.
**Fortsetzung — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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