Jonas hielt das Tablet so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Für einen Moment wirkte es, als würde er den Namen seiner Schwester nicht verstehen, als wäre „Olivia Hartmann“ irgendeine fremde Person, die zufällig denselben Nachnamen trug. Dann hob er langsam den Blick zu seinen Eltern.
„Was bedeutet das?“
Richard antwortete nicht.
Viktoria dagegen bewegte sich zuerst. Sie richtete sich auf, zwang ihre Schultern zurück und setzte genau den Ausdruck auf, den ich inzwischen kannte. Dieses kühle, kontrollierte Gesicht, das sie immer dann zeigte, wenn sie glaubte, eine Situation mit genügend Selbstsicherheit beherrschen zu können.
„Gar nichts“, sagte sie. „Olivia hat nie etwas mit den Geschäften zu tun gehabt.“
Der Anwalt neben mir blätterte in seiner Akte.
„Das stimmt nicht.“
Viktorias Kopf fuhr herum.
„Wie bitte?“
„Frau Olivia Hartmann hält über zwei Gesellschaften in Luxemburg und Malta indirekt siebenundzwanzig Prozent an den Firmen, über die die verdächtigen Transfers abgewickelt wurden.“
Jonas starrte seine Mutter an.
„Du hast gesagt, sie wäre in Zürich.“
Ein winziger Moment.
Nicht länger als eine Sekunde.
Aber ich sah ihn.
Viktoria zögerte.
„Das dachte ich.“
„Nein.“ Jonas’ Stimme wurde schärfer. „Du hast mir gestern gesagt, sie hätte dir aus Zürich geschrieben.“
Richard griff nach seiner Zigarre, doch seine Hand war nicht mehr ruhig. Ein dünner Streifen Asche fiel auf das Deck.
„Das hier wird nicht vor Gästen diskutiert.“
Ich sah mich um. Die Menschen, die wenige Minuten zuvor noch über mein nasses Kleid gelacht hatten, standen jetzt schweigend zwischen Champagnergläsern und weißen Ledersesseln. Niemand lachte mehr.
„Dann lassen Sie die Jacht räumen“, sagte ich zum Sicherheitsleiter.
Richard sah mich an.
„Du glaubst wirklich, du kannst hier Befehle geben?“
„Im Moment kann ich ziemlich genau das.“
Der Sicherheitsleiter gab zwei seiner Leute ein Zeichen. Höflich, aber bestimmt wurden die Gäste aufgefordert, ihre persönlichen Sachen zu nehmen und das obere Deck zu verlassen. Das Gemurmel begann sofort. Einige vermieden Richards Blick. Andere tippten bereits auf ihren Handys.
Für jemanden wie Richard Hartmann war das wahrscheinlich schlimmer als jeder Gerichtsbeschluss.
Menschen sahen seinen Absturz.
Jonas bemerkte das alles kaum.
„Wo ist Olivia?“
Viktoria presste die Lippen zusammen.
„Ich weiß es nicht.“
„Wann hast du zuletzt mit ihr gesprochen?“
Wieder dieses Zögern.
Diesmal bemerkte es auch Jonas.
„Mama.“
„Vor einigen Tagen.“
„Welcher Tag?“
„Jonas, hör auf.“
Er machte einen Schritt auf sie zu.
„Welcher verdammte Tag?“
Richard stellte sich sofort zwischen sie.
„Sprich nicht so mit deiner Mutter.“
Jonas lachte einmal kurz auf. Es war kein echtes Lachen.
„Ihr habt meine Unterschrift benutzt. Ihr habt Claras Identität gestohlen. Jetzt erfahre ich, dass Olivia heimlich Teil eurer Firmen war und verschwunden ist. Und du willst mir etwas über meinen Ton erzählen?“
Richard packte ihn am Arm.
„Du weißt überhaupt nicht, worum es hier geht.“
Jonas riss sich los.
„Dann erklär es mir.“
Stille.
Der Wind wurde stärker. Eine Serviette löste sich von einem Tisch und flog über das Deck, bevor sie an der Reling hängen blieb.
Mein Anwalt trat näher zu mir.
„Frau Berger, wir sollten etwas besprechen.“
Sein Ton ließ mich sofort aufmerksam werden.
Wir gingen einige Schritte zur Seite.
„Was?“
Er senkte die Stimme.
„Olivia wurde offiziell nicht als vermisst gemeldet.“
Ich sah ihn an.
„Aber Sie sagten, sie sei verschwunden.“
„Sie ist seit drei Tagen nicht mehr an ihrer Wohnadresse gewesen. Ihr Mobiltelefon ist abgeschaltet. Ihre Firmenkarte wurde nicht benutzt. Zwei geschäftliche Termine wurden ohne Absage versäumt.“
„Und ihre Familie hat keine Vermisstenanzeige gestellt?“
„Nein.“
Mein Blick wanderte automatisch zu Viktoria.
Sie stand neben Richard.
Zu ruhig.
Viel zu ruhig.
„Warum nicht?“
Der Anwalt schloss kurz seine Mappe.
„Das ist nicht das Einzige.“
Er holte sein Handy heraus und öffnete eine Datei.
„Unsere Prüfung hat ergeben, dass am Abend vor Olivias Verschwinden eine Überweisung vorbereitet wurde.“
„Wie hoch?“
„Vier Millionen achthunderttausend Euro.“
Ich spürte, wie mein Puls schneller wurde.
„Von welchem Konto?“
„Einer Gesellschaft namens Nordkap Beteiligungen.“
„Wohin?“
Er sah mich einen Moment an.
„Auf ein Treuhandkonto.“
„Wem gehört es?“
„Das versuchen wir gerade festzustellen.“
Ich nahm ihm das Handy ab. Die Transaktion war nicht abgeschlossen worden. Sie war vorbereitet, autorisiert und dann kurz vor Ausführung gestoppt worden.
Autorisiert von Olivia.
„Sie wollte Geld bewegen.“
„Offenbar.“
„Oder sichern.“
Der Anwalt nickte langsam.
Genau in diesem Moment hörte ich hinter mir Jonas’ Stimme.
„Clara.“
Ich drehte mich um.
Er stand wenige Meter entfernt. Seine Wut war verschwunden. Stattdessen sah ich etwas, das ich bei ihm noch nie gesehen hatte.
Angst.
„Ich muss dir etwas zeigen.“
Richard wurde sofort angespannt.
„Jonas.“
Jonas ignorierte ihn.
Er zog sein Handy heraus und scrollte durch seine Nachrichten.
„Olivia hat mir vor vier Tagen geschrieben.“
Viktoria wurde blass.
„Du hast gesagt, du hättest nichts von ihr gehört.“
Jonas sah seine Mutter an.
„Weil die Nachricht keinen Sinn ergeben hat.“
Er hielt mir sein Handy hin.
Die Nachricht war kurz.
Nur zwei Sätze.
Wenn Papa dich nach Clara fragt, sag ihm nichts.
Und wenn mir etwas passiert, such nicht in der Firma. Such bei ihr.
Ich las die Worte zweimal.
„Bei mir?“
Jonas nickte.
„Ich dachte, sie meint dich.“
„Warum sollte Olivia irgendetwas bei mir verstecken? Ich habe sie vielleicht fünfmal gesehen.“
„Ich weiß es nicht.“
Viktoria trat plötzlich näher.
„Gib mir das Handy.“
Jonas wich zurück.
„Warum?“
„Weil Olivia verwirrt war.“
„Verwirrt?“
„Sie stand unter Druck.“
„Von wem?“
Viktoria schwieg.
Richard sah seine Frau an.
Und etwas in seinem Gesicht veränderte sich.
Er hatte nicht gewusst, dass diese Nachricht existierte.
Das war wichtig.
Sehr wichtig.
„Was hast du mit Olivia besprochen?“, fragte er.
Viktoria antwortete nicht.
Richard ging einen Schritt auf sie zu.
„Viktoria.“
Sie hob das Kinn.
„Nicht hier.“
Zum ersten Mal war nicht ich die Person, die sie loswerden wollte.
Es war ihr eigener Mann.
Mein Telefon vibrierte.
Eine unbekannte Nummer.
Hamburger Vorwahl.
Ich nahm ab.
„Berger.“
Zunächst hörte ich nur Atem.
Dann eine weibliche Stimme.
Leise. Gehetzt.
„Frau Berger?“
Ich erstarrte.
„Wer ist da?“
Eine Pause.
Dann flüsterte die Frau:
„Sie kennen mich nicht.“
Im Hintergrund schlug irgendwo eine Tür zu.
Die Stimme wurde noch leiser.
„Aber Olivia Hartmann hat mir gesagt, dass ich Sie anrufen soll, falls sie verschwindet.“
Ich sah Jonas an.
Er bemerkte sofort meinen Gesichtsausdruck.
„Wer ist das?“
Ich hob eine Hand.
„Wo ist Olivia?“, fragte ich.
Am anderen Ende entstand eine lange Stille.
Dann sagte die Frau:
„Wenn Sie wissen wollen, was mit ihr passiert ist, fahren Sie nicht zur Hartmann Holding.“
Ein leises Geräusch. Vielleicht Schritte.
„Fahren Sie zu Ihrem Café.“
Mein Herz schlug einmal hart gegen meine Rippen.
„Warum?“
Die Frau atmete ein.
„Weil Olivia dort zwei Tage vor ihrem Verschwinden etwas versteckt hat.“
Die Verbindung brach ab.
Ich stand regungslos da.
Jonas sah mich an.
„Clara?“
Ich steckte das Telefon langsam ein.
„Wir müssen zum Café.“
Viktoria machte einen Schritt auf mich zu.
Zu schnell.
„Nein.“
Alle sahen sie an.
Sie merkte ihren Fehler sofort.
Aber es war zu spät.
„Warum nicht?“, fragte ich.
Viktorias Gesicht blieb starr.
Ihre Augen dagegen verrieten sie.
Sie wusste genau, was Olivia dort versteckt hatte.







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