Ich starrte den Arzt an.
„Welche Kinderwunschbehandlung?“
Meine Stimme klang fremd.
„Sagen Sie mir genau, was Sie meinen.“
Johannes machte einen Schritt auf ihn zu.
„Sie sagen gar nichts mehr.“
Der Arzt wich zurück.
Zum ersten Mal sah ich keine Angst mehr in seinem Gesicht.
Nur Erschöpfung.
„Frau Hartmann“, sagte er, „vor knapp einem Jahr wurden bei Ihrer Behandlung eingefrorene Embryonen eingesetzt.“
„Das weiß ich.“
„Aber nicht der Embryo, von dem Sie glaubten, er sei eingesetzt worden.“
Mir wurde kalt.
Johannes griff nach der Akte.
Der Arzt zog sie weg.
„Lassen Sie das.“
Ich sah zwischen ihnen hin und her.
„Wessen Embryo war es?“
Niemand antwortete.
„Wessen Kind habe ich ausgetragen?“
Der Arzt atmete schwer.
„Genetisch ist es Ihr Kind.“
Für einen Moment verstand ich nicht.
„Was?“
„Ihre Eizelle wurde verwendet.“
Mein Blick ging zu Johannes.
„Aber nicht sein genetisches Material.“
Der Arzt nickte.
Mein Magen krampfte sich zusammen.
Ich sah wieder auf den Abstammungsnachweis.
Johannes ausgeschlossen.
Ich eingeschlossen.
„Wer ist der Vater?“
Der Arzt schloss die Augen.
Johannes’ Stimme wurde messerscharf.
„Das reicht.“
Doch diesmal hörte niemand auf ihn.
Der Arzt blätterte durch die Unterlagen.
„Die Spenderkennung wurde aus den regulären Klinikdaten entfernt.“
„Spender?“
„Offiziell.“
„Und inoffiziell?“
Er hob den Blick.
„Die Probe gehörte zu einem aktiven Soldaten.“
Johannes schlug ihm die Akte aus der Hand.
Blätter verteilten sich auf dem Boden.
„Sie haben gerade Ihre Schweigepflicht verletzt.“
Der Arzt lachte bitter.
„Nach dem, was wir getan haben, glauben Sie wirklich, dass mich das noch interessiert?“
Johannes packte ihn am Kragen.
„Sie vergessen, mit wem Sie sprechen.“
„Nein“, sagte ich.
Meine Stimme war ruhig.
„Er erinnert sich gerade endlich daran.“
Johannes drehte den Kopf zu mir.
Da war kein Ehemann mehr.
Kein gefeierter Offizier.
Nur ein Mann, dessen Kontrolle zerfiel.
Ich bückte mich trotz des Schmerzes und griff nach einem Blatt.
Darauf stand eine alphanumerische Kennung.
M-47-118.
Darunter das Datum der Probenfreigabe.
Ich kannte dieses Datum.
Ich hatte es schon einmal gesehen.
Nicht im Krankenhaus.
In den Unterlagen meines Vaters.
Vor Jahren hatte ich ihm geholfen, alte Akten aus seiner Wohnung zu sortieren.
Er hatte einen Karton sofort wieder geschlossen, als ich die Zahlenkolonne auf den Deckblättern gesehen hatte.
M-47.
Damals hatte ich gefragt, was das sei.
Er hatte nur gesagt:
„Manche Akten werden gefährlicher, wenn sie offiziell geschlossen sind.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„M-47“, flüsterte ich.
Johannes ließ den Arzt los.
Zu spät.
Ich hatte seine Reaktion gesehen.
„Du kennst diese Kennung.“
„Nein.“
„Doch.“
„Sophie—“
„Mein Vater hatte Akten mit derselben Kennung.“
Jetzt veränderte sich Johannes’ Gesicht wirklich.
Nicht Wut.
Panik.
Plötzlich ertönte über dem Korridor eine Durchsage.
„Oberst Hartmann, melden Sie sich unverzüglich bei der Sicherungsleitung.“
Johannes ignorierte sie.
„Noch einmal: Oberst Hartmann, melden Sie sich unverzüglich.“
Dann klopfte es hart gegen die äußere Sicherheitstür.
Drei Schläge.
Pause.
Noch zwei.
Der Arzt sah auf.
„Das sind die Feldjäger.“
Johannes zog seine Dienstpistole.
Ich hielt den Atem an.
Der Arzt wich zurück.
„Was wollen Sie tun?“
Johannes richtete die Waffe nicht auf uns.
Noch nicht.
Er ging zur Türsteuerung und verriegelte den gesamten Bereich.
„Niemand kommt hier rein.“
Dann zog er sein Telefon hervor und tippte eine Nummer.
„Bereiten Sie den Transport vor.“
Ich sah ihn an.
„Welchen Transport?“
Keine Antwort.
„Johannes.“
Er legte auf.
„Du kommst mit.“
„Ich gehe nirgendwohin.“
„Dann nehme ich nur das Kind.“
Alles in mir erstarrte.
Ich stellte mich zwischen ihn und den Inkubator.
Der Schmerz in meinem Bauch war so stark, dass schwarze Punkte vor meinen Augen tanzten.
Doch ich blieb stehen.
„Du fasst ihn nicht an.“
Johannes sah mich an, als würde er eine unbekannte Person betrachten.
„Du kannst kaum stehen.“
„Dann musst du mich umwerfen.“
Er trat näher.
„Glaubst du wirklich, dass ich das nicht tun würde?“
Bevor ich antworten konnte, ertönte ein metallischer Schlag gegen die Tür.
Dann Evas Stimme.
„Johannes Hartmann! Öffnen Sie die Tür!“
Er erstarrte.
„Sie sind von Ihrer Befehlsgewalt über den Krankenhausbereich entbunden worden.“
Johannes lachte leise.
„Von wem?“
„Vom Generalinspekteur persönlich.“
Für einen Moment war es still.
Dann sagte Eva:
„Und bevor Sie anfangen, über Zuständigkeiten zu diskutieren: Die zivile Staatsanwaltschaft ist ebenfalls unterwegs.“
Johannes sah zum Inkubator.
Dann zu mir.
Ich konnte förmlich sehen, wie sich sein Plan änderte.
„Sophie“, sagte er leise. „Dein Vater hat dir nie die ganze Wahrheit erzählt.“
„Dann erzähl sie mir.“
„Nicht hier.“
„Natürlich nicht.“
„Du glaubst, Eva Kreuzer sei auf deiner Seite?“
Ich sagte nichts.
„Frag sie, warum dein Vater damals aus dem Nachrichtendienst ausgeschieden ist.“
Hinter der Tür wurde es still.
Zu still.
Ich sah in Richtung Eva, obwohl ich sie nicht sehen konnte.
„Was meint er?“
Keine Antwort.
Johannes bemerkte es sofort.
Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Siehst du?“
„Eva?“
Diesmal antwortete sie.
„Sophie, öffne die Tür nicht für ihn.“
Nicht meine Frage.
„Warum ist mein Vater ausgeschieden?“
Wieder Schweigen.
Mein Herz sank.
Johannes trat näher.
„Weil er M-47 entdeckt hatte.“
Ich blickte auf das Blatt in meiner Hand.
„Was ist M-47?“
Johannes’ Stimme wurde leiser.
„Ein illegales Programm.“
„Für was?“
„Genetische Auswahl.“
Ich glaubte, ihn falsch verstanden zu haben.
„Was?“
„Leistungsprofile. Belastbarkeit. Krankheitsrisiken. genetische Marker.“
Der Arzt neben mir schloss die Augen.
Er wusste davon.
„Das ist unmöglich.“
„Nein“, sagte Johannes. „Es ist nur verboten.“
Mir wurde schlecht.
„Und mein Sohn?“
Johannes blickte zum Inkubator.
„Ist das Ergebnis.“
Ich konnte kaum atmen.
„Von wessen Probe?“
Johannes schwieg.
Hinter der Tür rief Eva:
„Sophie, hör ihm nicht zu!“
Ich drehte mich zur Tür.
„Dann sag du es mir!“
Stille.
Johannes beugte sich zu mir.
„Dein Vater hat versucht, das Programm aufzudecken. Deshalb musste er gehen.“
„Er ist freiwillig in den Ruhestand gegangen.“
„Das hat man dir erzählt.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du lügst.“
„Frag Eva.“
Ich sah zur Tür.
„Eva?“
Diesmal klang ihre Stimme anders.
Schwer.
„Dein Vater hat Beweise gesammelt.“
„Und?“
„Er wollte sie veröffentlichen.“
„Und dann?“
Eine lange Pause.
„Dann starb einer seiner Informanten.“
Ich erstarrte.
„Was hat das mit meinem Vater zu tun?“
„Danach zog er sich zurück.“
Johannes lachte leise.
„Das ist ihre Version.“
Ich sah ihn an.
„Und deine?“
Er richtete sich auf.
„Dein Vater hat nicht aufgehört.“
„Was meinst du?“
„Er hat das Archiv weitergeführt.“
Das wusste ich bereits.
Doch dann sagte Johannes:
„Und kurz vor seinem Tod hat er eine vollständige Kopie an jemanden übergeben.“
„An wen?“
Johannes sah mich direkt an.
„An Eva.“
Mein Blick ging zur Tür.
„Stimmt das?“
Keine Antwort.
„Eva!“
Dann hörte ich sie.
„Ja.“
Das Wort schnitt tiefer, als ich erwartet hatte.
„Du hattest das Archiv meines Vaters?“
„Nur einen Teil.“
„Seit wann?“
„Seit drei Jahren.“
Drei Jahre.
Drei Jahre lang hatte Eva Informationen besessen, wegen denen Johannes gerade bereit war, Menschen zu töten.
Und sie hatte mir nichts gesagt.
„Warum?“
„Weil dein Vater mich ausdrücklich darum gebeten hat, dich herauszuhalten.“
Johannes schüttelte den Kopf.
„Sehr praktisch.“
„Halt den Mund“, sagte Eva.
Doch ich hörte kaum noch zu.
Ich sah auf meinen Sohn.
Mein Kind war nicht zufällig in dieses Netz geraten.
Ich war nicht zufällig ausgewählt worden.
Mein Vater hatte M-47 untersucht.
Johannes kannte M-47.
Meine Behandlung war manipuliert worden.
Und nun lag mein Sohn vor mir.
Das Ergebnis eines Programms, das offiziell niemals existiert hatte.
Dann fiel mir etwas auf.
„Wenn mein Vater dieses Programm bekämpft hat“, sagte ich langsam, „warum hast du ausgerechnet mich dafür benutzt?“
Johannes schwieg.
Ich trat einen Schritt näher.
„Warum meine Eizelle?“
Sein Blick glitt zur Seite.
Da wusste ich, dass dies die richtige Frage war.
„Johannes.“
Er sagte nichts.
„Warum ich?“
Hinter der Tür begann plötzlich Metall zu kreischen.
Die Feldjäger setzten offenbar ein Werkzeug an.
Johannes sah auf die Uhr.
Dann zum Inkubator.
Dann zu mir.
„Weil dein Vater nicht nur gegen M-47 ermittelt hat.“
Mein Herz raste.
„Was dann?“
„Er war einer der Männer, die es ursprünglich aufgebaut haben.“
Mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen.
„Nein.“
„Doch.“
„Du lügst.“
„Das Archiv beweist es.“
Die Tür begann nachzugeben.
Johannes griff nach der Transportbox neben dem Inkubator.
Ich stellte mich davor.
„Wenn du ihn anfasst, schreie ich so laut, dass jeder Soldat in diesem Krankenhaus hört, was du getan hast.“
Er sah mich an.
Dann ertönte ein lauter Knall.
Die Sicherheitstür sprang auf.
Eva stürmte mit zwei Feldjägern herein.
„Waffe fallen lassen!“
Johannes hob langsam die Hände.
Für einen kurzen Moment glaubte ich, es sei vorbei.
Dann sah ich seinen Blick.
Nicht auf Eva.
Nicht auf die Feldjäger.
Auf den roten Notfallknopf neben dem Inkubator.
Bevor jemand reagieren konnte, schlug er darauf.
Sämtliche Lichter erloschen.
Die Monitore verstummten.
Und in völliger Dunkelheit hörte ich Johannes flüstern:
„Jetzt entscheidet sich, wem du wirklich vertrauen kannst.“
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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