Die Dunkelheit dauerte vielleicht drei Sekunden.
Für mich waren es drei Jahre.
Ich hörte Metall auf den Boden schlagen, jemanden fluchen, einen Körper gegen die Wand prallen.
Dann sprang die Notbeleuchtung an.
Rot.
Schwach.
Genug.
Johannes stand nicht mehr dort, wo er eben gewesen war.
Die Tür zum Versorgungsgang hinter dem Inkubator war offen.
„Verdammt“, sagte Eva.
Einer der Feldjäger setzte ihm nach.
Der andere blieb bei uns.
Ich griff nach dem Inkubator.
„Der Monitor.“
Die Pflegekraft stürzte zum Gerät und aktivierte die interne Stromversorgung.
Ein Piepton.
Dann noch einer.
Die Anzeige kehrte zurück.
Mein Sohn lebte.
Ich atmete erst wieder, als ich seine kleine Brust sah.
Eva kniete neben der heruntergefallenen Dienstpistole.
„Er hat sie liegen lassen.“
„Dann wollte er nicht kämpfen“, sagte ich.
Sie sah mich an.
„Nein.“
Ich blickte zur offenen Tür.
„Er wollte Zeit.“
Katharina wurde wenige Minuten später von einem medizinischen Team aus einem anderen Gebäudetrakt versorgt, das Eva ausdrücklich unter zivile Aufsicht stellen ließ.
Der Arzt, der endlich gegen Johannes ausgesagt hatte, saß auf einem Stuhl und zitterte.
„Ich will eine Aussage machen“, sagte er.
Eva antwortete sofort.
„Dann fangen Sie mit allem an, was Sie über M-47 wissen.“
Er sah mich an.
„Nicht hier.“
„Hier“, sagte ich.
Eva wollte widersprechen.
„Sophie—“
„Es geht um meinen Sohn.“
Sie schwieg.
Der Arzt rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht.
„M-47 war kein einzelnes Programm. Es war eine interne Projektbezeichnung, die über Jahre für verschiedene medizinische Datensätze benutzt wurde.“
„Genetische Auswahl?“, fragte ich.
„Am Anfang nicht.“
Ich dachte an Johannes’ Worte.
Leistungsprofile.
Belastbarkeit.
Krankheitsrisiken.
„Was dann?“
„Soldaten wurden nach Auslandseinsätzen medizinisch überwacht. Blutwerte, Stressmarker, langfristige Erkrankungen, psychische Belastbarkeit.“
Eva verschränkte die Arme.
„Das wäre legal.“
„Die Datenerhebung ja.“
„Und der Rest?“
Der Arzt sah auf den Boden.
„Irgendwann begann jemand, diese Daten anders zu benutzen.“
„Wer?“
„Das weiß ich nicht.“
Eva wurde schärfer.
„Sie haben eine Frau ohne Einwilligung operiert und einen lebenden Säugling als Totgeburt dokumentiert. Jetzt ist nicht der Moment für halbe Wahrheiten.“
Er hob den Kopf.
„Ich kenne Namen. Aber ich kenne nicht die Spitze.“
Das war glaubwürdig.
Vielleicht zum ersten Mal.
„Dann geben Sie uns die Namen.“
Er nannte zwei Ärzte.
Beide waren bereits in meiner Akte aufgetaucht.
Einer hatte die angeblich krebsverdächtigen Befunde bestätigt.
Der andere hatte meine Sedierung angeordnet.
Keine neuen Fremden.
Keine geheimnisvolle Armee im Hintergrund.
Nur Menschen, die bereits Teil meiner Zerstörung gewesen waren.
Eva schrieb alles auf.
„Und Johannes?“
Der Arzt schluckte.
„Er bekam Zugriff über medizinische Sonderfreigaben.“
„Warum?“
„Weil er behauptete, bestimmte Daten seien einsatzrelevant.“
„Und niemand kontrollierte das?“
„Man kontrollierte ihn.“
Er sah Eva an.
„Dann verschwanden die Einwände.“
Ich dachte an die drei Soldaten.
An zurückgezogene Zeugenaussagen.
An verbrannte Akten.
Johannes hatte nicht alles allein getan.
Aber er war offenbar sehr gut darin gewesen, jeden Widerstand teuer zu machen.
„Mein Vater“, sagte ich. „Wo passt er hinein?“
Der Arzt schüttelte den Kopf.
„Sein Name stand nie in den medizinischen Unterlagen, die ich gesehen habe.“
Ich wandte mich Eva zu.
„Dann sag du es.“
Sie schwieg.
„Keine Ausflüchte mehr.“
Eva blickte zum Feldjäger.
„Raus.“
Er zögerte.
„Fünf Minuten.“
Als die Tür geschlossen war, zog Eva einen kleinen Datenträger aus ihrer Innentasche.
„Das ist ein Teil des Archivs deines Vaters.“
Ich starrte darauf.
Drei Jahre.
Sie hatte ihn drei Jahre lang besessen.
„Warum jetzt?“
„Weil Johannes gerade etwas behauptet hat, das ich überprüfen musste.“
„Dass mein Vater M-47 aufgebaut hat.“
„Ja.“
„Und?“
Eva sah mir direkt in die Augen.
„Es stimmt nicht.“
Etwas in meiner Brust löste sich.
Nur ein wenig.
„Woher weißt du das?“
„Weil dein Vater die ursprünglichen Freigabevermerke kopiert hat.“
Sie steckte den Datenträger in ein gesichertes Tablet.
Ordner erschienen.
Datumsangaben.
Aktenzeichen.
Interne Vermerke.
Dann öffnete sie eine Datei.
Mein Vater hatte sie unterschrieben.
Nicht als Projektleiter.
Als Prüfer.
Darunter stand:
Bedenken hinsichtlich Zweckänderung personenbezogener medizinischer Daten.
Weiterleitung an interne Kontrolle empfohlen.
Ich musste mich setzen.
Johannes hatte die Wahrheit verdreht.
Mein Vater war nicht Teil des Aufbaus gewesen.
Er hatte versucht, ihn zu stoppen.
Eva öffnete die nächste Datei.
Eine Liste von Zugriffen.
Mehrere Namen waren geschwärzt.
Einer nicht.
Johannes Hartmann.
Jahre bevor er mir je von M-47 erzählt hatte.
„Wie lange wusste er davon?“, fragte ich.
„Mindestens sechs Jahre.“
Sechs Jahre.
Wir waren damals bereits verheiratet gewesen.
Ich erinnerte mich an einen Abend.
Johannes war ungewöhnlich still gewesen.
Mein Vater hatte beim Essen beiläufig gefragt, ob Johannes inzwischen häufiger mit sanitätsdienstlichen Stäben zusammenarbeite.
Johannes hatte gelacht.
Zu schnell.
Damals hatte ich nichts bemerkt.
Jetzt erinnerte ich mich an jedes Detail.
„Mein Vater wusste, dass Johannes Zugriff hatte.“
„Ja.“
„Hat er ihn verdächtigt?“
Eva öffnete eine Audiodatei.
„Ich glaube, deshalb hat er angefangen, ihn zu beobachten.“
Eine vertraute Stimme erfüllte das Zimmer.
Die meines Vaters.
Älter.
Ruhig.
„Wenn Hartmann Zugriff auf die Datensätze behält, muss geprüft werden, ob familiäre oder persönliche Interessen bestehen.“
Meine Hände begannen zu zittern.
Dann eine zweite Stimme.
Johannes.
Jünger.
Aber eindeutig.
„Sie überschreiten Ihre Zuständigkeit.“
Mein Vater antwortete:
„Und Sie überschreiten etwas sehr viel Gefährlicheres.“
Die Aufnahme endete.
Ich sah Eva an.
„Wann war das?“
Sie nannte das Datum.
Zwei Monate bevor mein Vater offiziell aus dem Dienst ausgeschieden war.
Ich schloss die Augen.
Plötzlich ergaben die letzten Jahre ein Muster.
Seine Distanz zu Johannes.
Seine seltsamen Fragen.
Seine Warnung über manipulierte Beweise.
Das versteckte Aufnahmegerät.
Er hatte nicht erwartet, dass irgendwann irgendein mächtiger Mann mich bedrohen würde.
Er hatte Johannes gemeint.
„Er wusste“, flüsterte ich.
Eva nickte.
„Nicht alles. Aber genug, um Angst zu haben.“
„Warum hat er mir nichts gesagt?“
„Weil er keinen Beweis hatte, dass Johannes gegen dich vorgehen würde.“
„Bis zu meiner Kinderwunschbehandlung.“
Eva sah auf den Datenträger.
„Genau.“
Ich hob den Blick.
„Gibt es dazu etwas im Archiv?“
Sie zögerte.
Dann öffnete sie einen letzten Ordner.
Darin lag eine Datei, die erst wenige Wochen vor dem Tod meines Vaters erstellt worden war.
Titel:
HARTMANN – REPRODUKTIONSMEDIZIN.
Mein Herz blieb fast stehen.
Eva öffnete sie.
Es war keine vollständige Akte.
Nur eine kurze Notiz meines Vaters.
Drei Sätze.
Ungewöhnliche Zugriffsaktivität auf medizinische Proben.
Verbindung zu Kennung M-47 möglich.
Sophie darf unter keinen Umständen ohne unabhängige Prüfung behandelt werden.
Ich konnte das Tablet nicht mehr ansehen.
„Er hat versucht, mich zu warnen.“
Eva sagte nichts.
„Und ich bin trotzdem in diese Klinik gegangen.“
„Du wusstest nichts.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Johannes wusste, dass mein Vater misstrauisch war. Nach seinem Tod musste er nur warten.“
Der Arzt hob plötzlich den Kopf.
„Nein.“
Wir sahen ihn an.
„Was?“
„Er hat nicht gewartet.“
Der Mann stand auf.
„Ihre Behandlung wurde schon vor dem Tod Ihres Vaters vorbereitet.“
Mir wurde kalt.
„Sind Sie sicher?“
„Ja.“
„Wie lange vorher?“
„Mindestens drei Monate.“
Ich dachte an den letzten Sommer mit meinem Vater.
An seine plötzliche Sorge.
An seine Fragen nach meiner Klinik.
An die Art, wie er Johannes beobachtet hatte.
Er hatte es gewusst.
Oder geahnt.
Und dann war er gestorben.
Eva las meinen Gesichtsausdruck.
„Sophie.“
„Woran ist mein Vater gestorben?“
„Herzinfarkt.“
„Das wurde mir gesagt.“
Eva wurde still.
Zu still.
„Eva.“
Sie sah mich an.
„Es gab damals keine Obduktion.“
Mein Magen sank.
„Warum nicht?“
„Weil seine behandelnden Ärzte keinen Anlass sahen.“
Der Arzt neben uns wurde bleich.
Ich bemerkte es sofort.
„Sie kennen einen davon.“
Er antwortete nicht.
Ich stand auf.
„Sie kennen einen davon.“
„Frau Hartmann—“
„Sagen Sie den Namen.“
Er schluckte.
Dann nannte er ihn.
Es war derselbe Arzt, der später den falschen Krebsverdacht in meiner Akte bestätigt hatte.
Niemand sprach.
Wir brauchten keinen neuen Verdacht.
Keine neue Theorie.
Das Muster lag längst vor uns.
Eva nahm ihr Telefon.
„Ich lasse die Akte deines Vaters sofort sichern.“
In diesem Moment kam der Feldjäger zurück.
Außer Atem.
„Oberst Hartmann ist verschwunden.“
Eva drehte sich um.
„Wie?“
„Der Versorgungsgang führt zu einer alten Tiefgarage.“
„Fahrzeug?“
„Ein Wagen fehlt.“
„Welcher?“
Der Feldjäger reichte ihr ein Tablet.
Sie sah auf das Kennzeichen.
Dann wurde ihr Gesicht hart.
„Was?“, fragte ich.
Sie drehte das Display zu mir.
Der Wagen war auf eine medizinische Transporteinheit zugelassen.
Eine Einheit mit derselben Kennung wie auf dem Armband meines Sohnes.
Station Nord.
Johannes floh nicht einfach.
Er fuhr dorthin.
Zu dem Ort, an dem die restlichen Unterlagen über meinen Sohn lagen.
Vielleicht auch die Originalproben.
Vielleicht alles, was beweisen konnte, wie lange er diesen Plan vorbereitet hatte.
Ich sah Eva an.
„Wir fahren hinterher.“
„Du bleibst hier.“
„Nein.“
„Sophie—“
„Mein Vater hat sein Leben damit verbracht, Beweise zu sichern, bevor mächtige Menschen sie verschwinden lassen konnten.“
Ich nahm das Identifikationsarmband meines Sohnes.
„Ich mache jetzt genau dasselbe.“
Eva hielt meinen Blick.
Dann nickte sie einmal.
Draußen begannen bereits Motoren zu starten.
Und während mein Sohn unter Bewachung in Sicherheit gebracht wurde, verstand ich endlich, was Teil 8 werden würde.
Keine Suche nach neuen Geheimnissen.
Keine weiteren Vermutungen.
Wir hatten genug.
Jetzt mussten wir nur noch erreichen, was Johannes am meisten fürchtete:
die Originale.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







No comments yet