Ich starrte auf die Kontoauszüge.
„Welcher Name?“
Der Anwalt antwortete nicht sofort.
Daniel dagegen reagierte.
„Das hat nichts miteinander zu tun.“
Ich hob langsam den Blick.
„Ich habe noch nicht einmal gefragt, worum es geht.“
Er schwieg.
Und genau dieses Schweigen verriet mehr, als jede Erklärung es gekonnt hätte.
Der Anwalt zog einen der Ausdrucke wieder aus seiner Mappe.
„Sebastian Krüger.“
Der Name kam mir bekannt vor.
Ich brauchte einige Sekunden, bis ich wusste, woher.
„Sebastian war doch mit euch an der Ostsee.“
Daniel fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
„Ja. Und?“
„Und warum hast du ihm Geld überwiesen?“
„Weil er die Ferienwohnung organisiert hat.“
Ich sah zum Anwalt.
„Passt das zu den Unterlagen?“
„Teilweise.“
Daniel wurde sofort lauter.
„Was soll das heißen, teilweise?“
Der Anwalt blieb vollkommen ruhig.
„Eine der Zahlungen könnte grundsätzlich zu einer privaten Kostenaufteilung passen. Die andere erfolgte jedoch mehrere Wochen vor der Buchung der Ferienwohnung.“
Ich blickte wieder auf die Zahlen.
Jetzt erkannte ich die Daten.
Der erste Betrag war tatsächlich lange vor Daniels Reise überwiesen worden.
Der zweite kurz davor.
„Wofür war die erste Zahlung?“
„Ich weiß es nicht mehr“, sagte Daniel.
Wieder zu schnell.
Monika schüttelte langsam den Kopf.
„Erstaunlich, wie viele Dinge du plötzlich nicht mehr weißt.“
„Halt dich da raus.“
„Daniel“, sagte ich.
Er sah mich an.
„Setz dich.“
Vielleicht war es mein Tonfall.
Vielleicht die Tatsache, dass der Anwalt noch immer am Tisch saß.
Oder vielleicht begriff Daniel langsam, dass Weggehen diesmal nichts lösen würde.
Jedenfalls setzte er sich.
„Sebastian hatte finanzielle Probleme“, sagte er schließlich. „Ich habe ihm Geld geliehen.“
„Von deinem geheimen Konto?“
„Es ist kein geheimes Konto.“
„Ich wusste nichts davon.“
„Weil du dich nie um solche Dinge gekümmert hast.“
Dieser Satz traf mich anders als früher.
Nicht weil ich ihm glaubte.
Sondern weil ich plötzlich erkannte, wie geschickt Daniel unsere gemeinsame Entscheidung über Jahre hinweg umgedeutet hatte.
Ich hatte gearbeitet.
Ich hatte gespart.
Fast 80.000 Euro meines eigenen Geldes waren in unser Haus geflossen.
Dann hatten wir fünf Jahre lang versucht, Kinder zu bekommen.
Als endlich unsere Drillinge kamen, hatten wir gemeinsam entschieden, dass ich meinen Beruf aufgeben würde.
Und nun benutzte Daniel genau diese Entscheidung als Beweis dafür, dass ich angeblich nichts mehr zu unseren Finanzen beizutragen hätte.
„Ich habe mich nicht darum gekümmert“, sagte ich langsam, „weil ich dir vertraut habe.“
Daniel wich meinem Blick aus.
Eines der Babys begann zu weinen.
Kurz darauf stimmte das zweite ein.
Ich stand automatisch auf.
Monika war diesmal schneller.
„Bleib sitzen.“
Sie nahm das erste Baby hoch.
Der Anwalt lächelte kaum merklich und wandte sich dann wieder den Unterlagen zu.
„Es gibt einen weiteren Punkt.“
Daniel schloss für einen Moment die Augen.
„Natürlich gibt es den.“
„Die interne Untersuchung Ihres Arbeitgebers betrifft offenbar nicht nur die aktuelle Reise.“
Daniel sah ihn scharf an.
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Aus dem Schreiben, das Ihnen zugestellt wurde.“
Der Anwalt drehte das Dokument zu ihm.
„Hier wird ausdrücklich auf mehrere Abrechnungsvorgänge verwiesen.“
Ich beugte mich vor.
Tatsächlich.
Beim ersten Lesen hatte ich die Formulierung kaum wahrgenommen.
Mehrere Vorgänge.
Nicht eine Reise.
Nicht eine Rechnung.
Mehrere.
„Wie oft?“, fragte ich.
Daniel schwieg.
„Wie oft hast du private Dinge über die Firmenkreditkarte bezahlt?“
„Du verstehst nicht, wie Geschäftsausgaben funktionieren.“
„Dann erklär es mir.“
„Ich muss dir überhaupt nichts erklären.“
Der Anwalt hob die Hand.
„Das ist Ihre Entscheidung. Aber Sie sollten zwei verschiedene Angelegenheiten nicht miteinander verwechseln. Die Untersuchung Ihres Arbeitgebers ist eine Sache. Die gemeinsamen Finanzen Ihrer Ehe sind eine andere.“
Daniel lehnte sich zurück.
„Sie drohen mir?“
„Nein. Ich erkläre Ihnen lediglich die Situation.“
Der Anwalt deutete auf mich.
„Ihre Frau hat einen erheblichen Betrag in das gemeinsame Haus eingebracht. Sie ist Miteigentümerin. Sie ist an den gemeinsamen Konten beteiligt. Und sie hat ein berechtigtes Interesse daran zu erfahren, ob gemeinsames Vermögen ohne ihr Wissen verschoben wurde.“
Daniels Kiefer spannte sich an.
„Das Geld auf dem anderen Konto stammt von meinem Gehalt.“
„Das werden wir anhand der Kontobewegungen feststellen.“
Zum ersten Mal hatte Daniel darauf keine Antwort.
Monika wiegte das Baby an ihrer Schulter.
Ich betrachtete meinen Mann.
Noch vor wenigen Tagen hatte er vor mir gestanden und behauptet, er könne verreisen, weil er seinen Urlaub selbst bezahle.
Jetzt saß derselbe Mann vor einem Stapel Unterlagen und konnte nicht einmal eindeutig erklären, welche seiner Ausgaben tatsächlich privat gewesen waren.
Doch etwas anderes beschäftigte mich.
„Warum Sebastian?“
Daniel blickte auf.
„Was?“
„Wenn du ihm wirklich nur Geld geliehen hast, warum taucht ausgerechnet sein Name sowohl bei diesem Konto als auch bei der Reise auf?“
„Weil er mein Freund ist.“
„War er einer der Männer, die mit dir gefahren sind?“
„Ja.“
„Hat er die Ferienwohnung gebucht?“
„Ja.“
„Hat er gewusst, dass du die Firmenkarte benutzt?“
Daniel antwortete nicht.
Das war Antwort genug.
Der Anwalt machte sich eine kurze Notiz.
„Was schreiben Sie da?“, fragte Daniel sofort.
„Etwas, das Ihre Frau morgen mit mir besprechen sollte.“
Daniel sprang auf.
„Nein. Dieses Theater endet jetzt.“
Seine Stimme war so laut, dass das Baby auf Monikas Schulter zusammenzuckte.
Ich stand ebenfalls auf.
„Nicht so laut.“
„Das ist mein Haus.“
„Unser Haus.“
Er sah mich an.
Ich wiederholte es.
„Unser Haus, Daniel.“
Mehrere Sekunden lang standen wir uns schweigend gegenüber.
Dann griff er nach seinem Koffer.
„Ich schlafe heute woanders.“
Früher hätte ich ihn vielleicht gebeten zu bleiben.
Diesmal tat ich es nicht.
„Das ist deine Entscheidung.“
Er ging einige Schritte Richtung Flur.
Dann drehte er sich um.
„Du wirst das bereuen.“
Monika wollte etwas sagen, doch ich hob die Hand.
Ich brauchte ihre Verteidigung nicht.
Nicht mehr.
„Vielleicht“, sagte ich. „Aber ich werde nicht bereuen, endlich zu wissen, was mit unserem Geld passiert.“
Daniel ging.
Sekunden später fiel die Haustür ins Schloss.
Die Küche wurde still.
Ich setzte mich wieder.
Plötzlich spürte ich die Erschöpfung der vergangenen Tage in jedem Knochen.
Monika legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Du musst heute nichts mehr entscheiden.“
„Doch.“
Ich sah den Anwalt an.
„Ich möchte wissen, wohin das Geld gegangen ist.“
Er nickte.
„Dann gehen wir systematisch vor.“
Wir sortierten die Kontoauszüge nach Datum.
Erst da bemerkte ich ein Muster.
Die Überweisungen auf Daniels separates Konto erfolgten nicht zufällig.
Fast jeden Monat war kurz nach Eingang seines Gehalts Geld vom Gemeinschaftskonto verschwunden.
Mal 600 Euro.
Mal 900.
Einmal 1.400.
Nie so viel, dass eine einzelne Buchung sofort Alarm ausgelöst hätte.
Aber regelmäßig.
„Wie lange geht das schon so?“
Der Anwalt blätterte zurück.
„Mit den Unterlagen, die wir derzeit haben, können wir mehrere Monate sicher nachvollziehen. Für alles Weitere brauchen wir die älteren Auszüge.“
Mir wurde übel.
Nicht wegen der Summe.
Wegen der Planung dahinter.
Daniel hatte mich nicht einfach irgendwann aus Wut als finanziell abhängig bezeichnet.
Er hatte offenbar längst begonnen, Geld aus unserem gemeinsamen Bereich herauszuschieben.
Während ich zu Hause drei Babys versorgte.
„Morgen besorgen wir alles“, sagte ich.
Der Anwalt nickte.
Dann klingelte mein Handy.
Unbekannte Nummer.
Ich wollte den Anruf beinahe ignorieren.
Doch etwas ließ mich rangehen.
„Hallo?“
Am anderen Ende herrschte für einen Moment Stille.
Dann hörte ich eine Männerstimme.
„Spreche ich mit Daniels Frau?“
„Ja.“
„Mein Name ist Markus Weber.“
Ich sah sofort zum Anwalt.
Monika bemerkte meinen Gesichtsausdruck.
„Markus?“, fragte ich.
„Ja. Es tut mir leid, Sie anzurufen. Ihre Nummer war nicht leicht zu bekommen.“
„Warum rufen Sie mich an?“
Er atmete hörbar aus.
„Weil Daniel wahrscheinlich gerade versucht, Ihnen zu erklären, dass ich ihn aus irgendeinem persönlichen Grund bei der Firma gemeldet habe.“
Ich sagte nichts.
„Das stimmt nicht“, fuhr Markus fort. „Ich habe gemeldet, was ich gesehen habe, nachdem die interne Prüfung begonnen hatte.“
„Was haben Sie gesehen?“
Wieder eine Pause.
Diesmal länger.
„Belege.“
Meine Finger schlossen sich fester um das Telefon.
„Von der Ostsee?“
„Auch.“
Auch.
Dieses eine Wort ließ meinen Magen verkrampfen.
„Was bedeutet das?“
Markus senkte die Stimme.
„Daniel hat Ausgaben mehreren Projekten zugeordnet. Als man mich dazu befragt hat, habe ich die Unterlagen geprüft, weil mein Name bei einem dieser Projekte auftauchte.“
Ich setzte mich.
„Und?“
„Einige der Termine, die in den Abrechnungen als geschäftlich angegeben wurden, können nicht stimmen.“
„Warum nicht?“
„Weil ich an mehreren dieser Tage angeblich mit Daniel bei Kundenterminen gewesen sein soll.“
„Und das waren Sie nicht?“
„Nein.“
Seine nächste Antwort kam so ruhig, dass sie mich umso härter traf.
„An einem dieser Tage war Daniel nachweislich überhaupt nicht dort, wo seine Abrechnung behauptet.“
Ich blickte auf die Kontoauszüge vor mir.
„Wo war er dann?“
Markus schwieg kurz.
„Das“, sagte er schließlich, „sollte Daniel Ihnen selbst erklären.“
„Markus.“
„Es tut mir leid.“
„Bitte.“
Am anderen Ende hörte ich ihn tief einatmen.
Dann sagte er:
„Fragen Sie Ihren Mann, warum die Firma Belege für ein Hotel in Hamburg prüft, das mit keinem einzigen seiner angegebenen Geschäftstermine übereinstimmt.“
Mir wurde eiskalt.
Und bevor ich überhaupt fragen konnte, mit wem Daniel dort gewesen war, fügte Markus noch etwas hinzu.
„Und sehen Sie sich das Datum genau an.“
Ich schluckte.
„Warum?“
„Weil Sie an diesem Tag im Krankenhaus waren.“
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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