Ich las die Nachricht dreimal.
**Was er von Sebastian dafür bekommen hat.**
Die Worte ließen sich nicht mehr harmlos erklären.
Trotzdem zwang ich mich, nicht sofort eine Schlussfolgerung zu ziehen.
Der Anwalt hatte mich am Abend zuvor gewarnt: Ein einzelner Beleg bewies nur das, was tatsächlich darauf stand.
Nicht mehr.
Also rief ich ihn an.
Eine Stunde später saß er wieder an unserem Küchentisch.
Monika war inzwischen mit den Drillingen im Wohnzimmer, damit wir ungestört sprechen konnten.
Ich legte mein Handy vor ihn.
„Das kam heute Morgen.“
Er betrachtete das Foto lange.
Dann die Nachricht.
„Kennen Sie die Nummer?“
„Nein.“
„Antworten Sie nicht.“
„Warum?“
„Weil wir nicht wissen, wer dahintersteckt und wie diese Person an den Kontoauszug gekommen ist.“
Er fotografierte nichts und leitete auch nichts weiter.
Stattdessen bat er mich, die Nachricht unverändert zu sichern.
„Kann das gefälscht sein?“
„Natürlich.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Aber?“
„Aber wir können überprüfen, ob die Zahlung an Daniel auf seinen Kontoauszügen auftaucht.“
Wir öffneten die Unterlagen.
Das Problem war, dass wir nur die Bewegungen des Gemeinschaftskontos vollständig sehen konnten.
Bei Daniels separatem Konto kannten wir bislang hauptsächlich die Überweisungen, die dorthin geflossen waren.
„Dann wissen wir gar nichts“, sagte ich.
„Wir wissen einiges.“
Der Anwalt deutete auf das Foto.
„Wir wissen nur noch nicht, ob dieses Dokument authentisch ist.“
Das war ein wichtiger Unterschied.
Und zum ersten Mal seit Daniels Rückkehr wollte ich nicht mehr reagieren wie jemand, der verzweifelt nach Antworten suchte.
Ich wollte Fakten.
„Was kann ich tun?“
„Ihre eigenen Unterlagen sichern. Nichts löschen. Nichts verändern. Und vor allem keine Konten leerräumen.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Das hatte ich nicht vor.“
„Gut. Dann lassen Sie sich auch nicht dazu provozieren.“
Fast im selben Moment vibrierte mein Handy erneut.
Daniel.
Diesmal eine Nachricht.
*Wir müssen reden. Allein.*
Ich zeigte sie dem Anwalt.
„Muss ich?“
„Nein.“
Ich dachte kurz nach.
Dann antwortete ich nur:
*Wir können reden. Monika bleibt im Haus.*
Daniel schrieb mehrere Minuten nichts.
Dann:
*Eine Stunde.*
Er kam nach fünfundvierzig Minuten.
Sein Gesicht wirkte, als hätte er die gesamte Nacht nicht geschlafen.
Er setzte sich nicht.
„Ist dein Anwalt hier?“
„Nein.“
Das stimmte.
Er war vor wenigen Minuten gegangen.
Monika befand sich mit den Babys im oberen Stockwerk.
„Was willst du?“, fragte ich.
Daniel legte sein Handy auf den Tisch.
„Ich habe mit einem Anwalt gesprochen.“
„Gut.“
Meine Antwort schien ihn zu irritieren.
Vielleicht hatte er erwartet, dass ich Angst bekam.
„Die Firma hat mich bis zum Abschluss der Untersuchung freigestellt.“
„Das weiß ich.“
„Und sie prüfen mehrere Abrechnungen.“
„Das weiß ich auch.“
Daniel sah mich lange an.
„Markus hat dir viel erzählt.“
„Nicht so viel, wie du glaubst.“
Ich nahm mein Handy.
„Aber heute Morgen hat mir jemand das hier geschickt.“
Ich zeigte ihm das Foto.
Seine Reaktion war sofort.
Nicht Verwirrung.
Nicht Überraschung.
Panik.
„Woher hast du das?“
„Ist es echt?“
„Wer hat dir das geschickt?“
„Ist es echt, Daniel?“
Er griff nach meinem Handy.
Ich zog es zurück.
„Fass es nicht an.“
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Du verstehst nicht, was du da hast.“
„Dann erklär es mir.“
Er setzte sich endlich.
Mehrere Sekunden starrte er auf den Tisch.
„Sebastian hat mir Geld überwiesen.“
„Das sehe ich.“
„Es war keine Bezahlung.“
„Wofür war es dann?“
Daniel atmete tief aus.
„Eine Rückzahlung.“
„Von welchem Geld?“
„Von Geld, das ich ihm vorgestreckt hatte.“
„Aus unserem Gemeinschaftskonto?“
„Teilweise.“
Dieses eine Wort reichte.
„Wie viel?“
Daniel nannte eine Summe.
Sie war höher als die Überweisungen, die wir bisher gefunden hatten.
„Woher kam der Rest?“
„Von meinem Konto.“
„Und warum hat Sebastian dir mehr zurückgezahlt, als du ihm angeblich geliehen hast?“
Daniel schwieg.
Ich schob das Handy näher zu ihm.
„Wie vereinbart. Rest später.“
Seine Augen blieben auf dem Verwendungszweck hängen.
„Was war vereinbart?“
„Das ist kompliziert.“
„Nein.“
Meine Stimme blieb ruhig.
„Diesen Satz akzeptiere ich nicht mehr.“
Daniel rieb sich über die Stirn.
„Sebastian hatte über Monate Ausgaben falsch abgerechnet.“
„Das hast du gestern gesagt.“
„Nicht alles.“
Natürlich nicht.
„Weiter.“
„Irgendwann wäre es aufgefallen. Er hatte Angst, seinen Job zu verlieren.“
„Also hast du die Abrechnungen verändert.“
„Ich habe ihm geholfen, einige Positionen umzubuchen.“
„Falsch zuzuordnen.“
„Ja.“
Zum ersten Mal sprach er das Wort selbst aus.
„Und dafür hat er dich bezahlt?“
„Nein.“
„Daniel.“
„Nicht direkt.“
Mir wurde kalt.
„Was bedeutet nicht direkt?“
Er stand auf und ging zum Fenster.
„Sebastian hatte mir versprochen, mir einen Teil dessen zurückzugeben, was ich für ihn übernommen hatte.“
„Warum mehr?“
Daniel antwortete so leise, dass ich ihn kaum verstand.
„Weil ich das Risiko getragen habe.“
Ich starrte ihn an.
Da war es.
Nicht als juristisches Geständnis.
Nicht als vollständige Erklärung.
Aber als etwas, das ich verstand.
Er hatte Geld dafür angenommen, ein Risiko für Sebastian zu übernehmen.
Und dieses Risiko hatte mit falschen Abrechnungen zu tun.
„Du hast mir gesagt, jeder Euro gehört dir, weil du ihn verdienst.“
Daniel drehte sich um.
„Bitte fang jetzt nicht wieder damit an.“
„Doch.“
Ich zeigte Richtung Kinderzimmer.
„Während ich nachts mit drei Babys wach war, hast du Geld von unserem Konto verschoben.“
„Ich wollte es zurückzahlen.“
„Während ich im Krankenhaus lag, hast du Sebastian geholfen, Abrechnungen zu manipulieren.“
„So einfach war es nicht.“
„Und dann hast du einen Urlaub mit Firmenmitteln bezahlt.“
„Die Ostsee war anders.“
Ich erstarrte.
„Anders wie?“
Daniel bemerkte seinen Fehler sofort.
„Vergiss es.“
„Nein. Erklär es.“
„Es war nicht nur Urlaub.“
„Du hast mir gesagt, du fährst mit den Jungs ans Meer.“
„Das bin ich auch.“
„Und?“
Daniel sah zur Tür.
Als überlegte er, einfach wieder zu gehen.
„Sebastian wollte dort mit mir reden.“
„Über die Untersuchung?“
Keine Antwort.
„Wusste er, dass jemand Fragen stellte?“
Daniel setzte sich erneut.
„Er hatte einen Verdacht.“
Jetzt verstand ich, warum Sebastian auf der Reise gewesen war.
Zumindest teilweise.
„Also seid ihr an die Ostsee gefahren, während ihr bereits wusstet, dass etwas auffliegen könnte.“
„Wir wussten gar nichts.“
„Und trotzdem hast du die Firmenkarte benutzt.“
Daniel schloss die Augen.
„Das war dumm.“
Es war das erste Mal, dass ich ihn überhaupt einen Fehler eingestehen hörte.
Doch es war zu spät, um mich zu beruhigen.
„Wer war noch dabei?“
Er nannte zwei weitere Namen.
Ich kannte beide aus seinen Erzählungen.
„Wussten sie davon?“
„Nein.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Ich konnte nicht beurteilen, ob das stimmte.
Aber ich wusste inzwischen, dass ich nichts mehr allein auf Daniels Wort akzeptieren würde.
„Wer hat mir den Kontoauszug geschickt?“
„Ich weiß es nicht.“
Diesmal glaubte ich ihm vielleicht sogar.
Denn er wirkte ehrlich beunruhigt.
„Aber jemand hat Zugriff auf Sebastians Unterlagen“, sagte er.
„Die interne Ermittlungsabteilung?“
„Vielleicht.“
„Markus?“
„Nein.“
Die Antwort kam sofort.
„Woher weißt du das?“
Daniel zögerte.
„Weil Markus nicht an Sebastians private Kontodaten kommen dürfte.“
„Wer dann?“
Daniel sagte nichts.
Sein Handy klingelte.
Er sah auf das Display und wurde bleich.
„Sebastian?“, fragte ich.
Daniel drückte den Anruf weg.
Sekunden später kam eine Nachricht.
Ich konnte den Text nicht sehen.
Aber Daniel fluchte leise.
„Was ist passiert?“
„Nichts.“
„Daniel.“
Er stand auf.
„Ich muss gehen.“
„Du bist gerade erst gekommen.“
„Sebastian braucht mich.“
Ich lachte bitter.
„Natürlich.“
Er blieb stehen.
„Was soll das heißen?“
„Dass du für Sebastian offenbar immer Zeit findest.“
Der Satz traf.
Ich sah es.
Aber ich war noch nicht fertig.
„Ich lag im Krankenhaus und du konntest nicht kommen. Ich war mit drei sechs Monate alten Babys allein und du bist ans Meer gefahren. Aber wenn Sebastian anruft, springst du sofort auf.“
Daniel sagte nichts.
Dann ging er.
Am Nachmittag rief mich der Anwalt erneut an.
Seine Stimme klang diesmal deutlich ernster.
„Ich habe etwas gefunden.“
„Was?“
„Sie haben mir gestern die Unterlagen zu Ihrem Wertpapierdepot gezeigt.“
„Ja.“
„Ihr Name steht dort als Mitinhaberin.“
„Richtig.“
„Dann sollten Sie wissen, dass es vor einigen Monaten eine Veränderung bei den hinterlegten Kontaktdaten gab.“
Ich richtete mich auf.
„Welche Veränderung?“
„Für bestimmte Benachrichtigungen wurde eine andere E-Mail-Adresse hinterlegt.“
„Meine?“
„Nein.“
Ich bekam eine Gänsehaut.
„Daniels?“
„Eine Adresse, die ich noch nicht eindeutig zuordnen kann.“
„Kann Daniel das allein geändert haben?“
„Das müssen wir beim Anbieter klären. Aber es gibt noch etwas.“
Ich hörte Papier rascheln.
„In demselben Zeitraum wurden Wertpapiere verkauft.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Wie viel?“
Er nannte den Betrag.
Ich musste mich setzen.
Das war kein kleiner Betrag.
„Wo ist das Geld?“
„Das ist genau die Frage.“
„Auf unserem Gemeinschaftskonto ist es nicht.“
„Nein.“
„Auf Daniels Konto?“
„Das können wir noch nicht bestätigen.“
Ich sah auf die drei Babys.
Plötzlich war die Firmenuntersuchung nicht mehr mein größtes Problem.
Wenn Geld aus einem Depot verschwunden war, das auch mir gehörte, dann hatte Daniel möglicherweise nicht nur seine Firma belogen.
Dann hatte er Entscheidungen über unser gemeinsames Vermögen getroffen, ohne mich überhaupt zu informieren.
„Können wir herausfinden, wohin es ging?“
„Ja.“
„Wie schnell?“
„Ich habe bereits eine Anfrage vorbereitet. Da Sie Mitinhaberin sind, können Sie die entsprechenden Unterlagen selbst anfordern.“
„Machen wir es.“
„Das hatte ich gehofft.“
Am nächsten Morgen erhielten wir die ersten Dokumente.
Ich öffnete sie am Küchentisch.
Monika stand hinter mir.
Der Anwalt war per Telefon zugeschaltet.
Wir fanden den Verkauf.
Wir fanden den Betrag.
Und schließlich fanden wir das Konto, auf das der Erlös überwiesen worden war.
Ich las die Kontoverbindung zweimal.
Dann ein drittes Mal.
„Das ist nicht Daniels separates Konto.“
Am Telefon herrschte Stille.
„Nein“, sagte der Anwalt.
„Wem gehört es?“
„Das können wir aus diesem Dokument nicht sicher feststellen.“
Doch unten auf einer weiteren Seite befand sich eine Referenz.
Eine Bezeichnung.
Nur wenige Buchstaben und ein Nachname.
Ich spürte, wie Monika hinter mir scharf Luft holte.
Denn der Nachname war derselbe, den wir inzwischen viel zu gut kannten.
**Krüger.**
Und plötzlich ging es nicht mehr darum, ob Daniel Sebastian ein paar Tausend Euro geliehen hatte.
Es ging darum, warum Geld aus einem Wertpapierdepot, das auch mir gehörte, auf ein Konto mit dessen Namen geflossen war.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**







No comments yet