Unterhaltung

Mein Mann sagte, ich hätte mir keinen Urlaub verdient – dann ließ er mich mit unseren Drillingen allein und fuhr an die Ostsee

Ich starrte so lange auf den Nachnamen, dass die Buchstaben vor meinen Augen verschwammen.

Krüger.

„Kann das irgendein anderes Konto sein?“, fragte Monika.

Am Telefon antwortete der Anwalt vorsichtig.

„Der Nachname allein reicht nicht für eine eindeutige Zuordnung. Deshalb ziehen wir noch keine Schlussfolgerung.“

Ich nickte, obwohl er mich nicht sehen konnte.

„Dann finden wir es heraus.“

Noch am selben Vormittag forderte ich als Mitinhaberin des Depots sämtliche verfügbaren Unterlagen zu dem Verkauf und der anschließenden Auszahlung an.

Diesmal wollte ich nichts mehr erraten.

Ich wollte Dokumente.


Daniel rief zweimal an.

Ich ging nicht ran.

Beim dritten Mal schrieb er:

*Wir müssen dringend reden. Es geht um das Depot.*

Mir wurde kalt.

Bis dahin hatte ich ihm gegenüber mit keinem Wort erwähnt, dass wir den Verkauf entdeckt hatten.

Ich zeigte Monika die Nachricht.

„Woher weiß er, dass du davon weißt?“

Genau diese Frage stellte ich mir ebenfalls.

Dann erinnerte ich mich daran, dass wir beim Anbieter Unterlagen angefordert hatten.


Vielleicht war Daniel über den Zugriff informiert worden.

Vielleicht hatte er eine Benachrichtigung bekommen.

Oder vielleicht beobachtete er unsere gemeinsamen Finanzen sehr viel genauer, als ich gedacht hatte.

Ich antwortete:

*Heute um 16 Uhr. Monika bleibt hier.*

Diesmal widersprach er nicht.

Kurz vor vier schliefen endlich alle drei Babys gleichzeitig.

Es kam mir beinahe absurd vor, dass selbst jetzt mein Tag von Fläschchen, Windeln und Schlafrhythmen bestimmt wurde, während irgendwo im Hintergrund meine Ehe auseinanderfiel.

Daniel kam pünktlich.

Er sah noch schlechter aus als am Vortag.


„Du hast Unterlagen vom Depot angefordert.“

Keine Begrüßung.

Keine Frage nach den Kindern.

„Ja.“

„Warum?“

Ich konnte kaum glauben, dass er das fragte.

„Weil mein Name darauf steht.“

„Du hättest vorher mit mir sprechen können.“

„So wie du mit mir gesprochen hast, bevor Wertpapiere verkauft wurden?“

Daniel schwieg.


Ich legte die Unterlagen auf den Tisch.

„Wohin ging das Geld?“

Er setzte sich.

„Zu Sebastian.“

Endlich.

Keine Ausflucht.

„Warum?“

Daniel rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.

„Weil er mir gesagt hat, dass er das Geld kurzfristig braucht.“

„Und deshalb verkaufst du Wertpapiere aus unserem gemeinsamen Depot?“


„Ich wollte sie zurückkaufen.“

„Wann?“

„Sobald Sebastian zahlt.“

„Warum sollte er zahlen?“

Daniel sah mich an.

„Weil er mir Geld schuldet.“

„Wofür?“

Wieder Schweigen.

Ich setzte mich ihm gegenüber.

„Ich frage dich jetzt ein letztes Mal: Was genau läuft zwischen dir und Sebastian?“


Daniel sah zur Tür.

Dann zu den Unterlagen.

Schließlich sagte er:

„Vor ungefähr einem Jahr hat Sebastian angefangen, bestimmte private Ausgaben als geschäftlich einzureichen.“

„Und du hast davon gewusst.“

„Nicht sofort.“

„Wann dann?“

„Als bei einem Projekt Zahlen nicht mehr zusammenpassten.“

„Warum hast du ihn nicht gemeldet?“

Daniel lachte bitter.


„Weil ich selbst bereits drinhing.“

„Wie?“

„Ich hatte eine Abrechnung für ihn freigegeben.“

Da war der nächste Stein.

Nicht groß genug, um alles zu erklären.

Aber groß genug, um die Richtung zu verändern.

„Aus Versehen?“

Daniel zögerte.

„Am Anfang ja.“

„Und danach?“


„Danach wusste Sebastian, dass ich Probleme bekommen könnte, wenn die Sache auffliegt.“

„Also hast du weitergemacht.“

Daniel nickte kaum sichtbar.

„Ein paarmal.“

„Ein paarmal?“

„Mehr als ein paarmal.“

Ich schloss kurz die Augen.

„Und Hamburg?“

„Dort wollte Sebastian mir erklären, wie wir die fehlerhaften Buchungen korrigieren könnten.“

„Indem ihr weitere falsche Buchungen macht?“


Daniel antwortete nicht.

Ich dachte an Markus.

An Kundentermine, die nie stattgefunden hatten.

An den Hotelbeleg.

„Und das Geld aus unserem Depot?“

Daniel atmete schwer aus.

„Sebastian hatte irgendwann nicht mehr genug Geld, um bestimmte Beträge auszugleichen.“

„Also hast du ihm unser Geld gegeben.“

„Ich wollte verhindern, dass alles auffliegt.“

„Warum? Um ihn zu schützen?“


„Um uns beide zu schützen!“

Seine Stimme wurde laut.

Oben begann eines der Babys zu weinen.

Sofort stand ich auf.

Daniel ebenfalls.

Zum ersten Mal seit Tagen machte er tatsächlich einen Schritt Richtung Treppe.

Ich sah ihn überrascht an.

Er bemerkte es.

Und blieb stehen.

„Ich hole sie“, sagte ich.

„Ich kann—“

„Nein.“

Das Wort kam schneller, als ich beabsichtigt hatte.

Daniel senkte den Blick.

Ich ging nach oben.

Als ich wenige Minuten später mit unserer Tochter zurückkam, saß er noch immer am Tisch.

Ich nahm ihr Fläschchen und setzte mich.

Daniel beobachtete uns.

„Ich wollte nie, dass es so weit kommt“, sagte er.

„Aber es ist so weit gekommen.“

„Ich wollte das Geld zurückholen, bevor du etwas merkst.“

Ich blickte ihn an.

Vielleicht verstand er nicht einmal, was er gerade zugegeben hatte.

„Genau das ist das Problem.“

„Was?“

„Dass dein Plan darauf beruhte, dass ich nichts merke.“

Er schwieg.

Mein Handy klingelte.

Der Anwalt.

Ich nahm ab.

„Wir haben die Bestätigung.“

Daniel hob sofort den Kopf.

„Welche Bestätigung?“, fragte ich.

„Das Empfängerkonto gehört Sebastian Krüger.“

Ich schloss die Augen.

Damit war wenigstens diese Frage beantwortet.

„Und es gibt noch etwas“, fuhr der Anwalt fort.

„Was?“

„Die Änderung der E-Mail-Adresse beim Depot wurde über Daniels Zugang veranlasst.“

Daniel hörte seinen Namen.

Sein Gesicht wurde starr.

„Welche Adresse wurde eingetragen?“

Der Anwalt las sie vor.

Daniel sprang auf.

„Was?“

Ich sah ihn an.

Seine Reaktion überraschte mich.

„Kennst du die Adresse?“

„Ja.“

„Wem gehört sie?“

Daniel antwortete nicht.

„Daniel.“

Er ging zum Tisch und griff nach dem Papier.

„Lesen Sie sie noch einmal vor.“

Der Anwalt tat es.

Daniel schüttelte den Kopf.

„Das habe ich nicht eingetragen.“

Ich lachte ungläubig.

„Jetzt willst du mir erzählen, jemand habe deinen Zugang benutzt?“

„Ich habe diese Adresse nicht eingetragen.“

„Wem gehört sie?“

Daniel sah mich an.

„Sebastian.“

Stille.

Sogar ich brauchte einen Moment.

„Warum sollte Sebastian Zugriff auf dein Depot haben?“

„Er sollte gar keinen haben.“

„Aber du hast ihm Geld daraus überwiesen.“

„Ja. Ich. Nicht er.“

Der Anwalt unterbrach uns.

„Wir sollten jetzt sehr vorsichtig sein. Die Änderung der Kontaktdaten und der Verkauf müssen getrennt geprüft werden. Dass beide Vorgänge über denselben Zugang erfolgt sind, beweist noch nicht, wer tatsächlich vor dem Gerät saß.“

Daniel ging unruhig durch die Küche.

„Sebastian war einmal an meinem Laptop.“

„Wann?“, fragte ich.

„In Hamburg.“

Mein Magen zog sich zusammen.

„Warum?“

„Wir haben Unterlagen angesehen.“

„Hast du ihm deine Zugangsdaten gegeben?“

„Nein.“

„Warst du dabei?“

Daniel zögerte.

„Nicht die ganze Zeit.“

Monika, die inzwischen an der Tür stand, sah ihn fassungslos an.

„Du hast jemanden, der bereits Probleme mit falschen Abrechnungen hatte, allein an deinem Laptop gelassen?“

„Ich wusste damals nicht, wie tief er drinsteckte.“

Ich sah Daniel lange an.

Zum ersten Mal entstand eine Möglichkeit, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Vielleicht hatte Daniel nicht jede einzelne Handlung selbst vorgenommen.

Aber selbst wenn Sebastian tatsächlich etwas ohne sein Wissen getan hatte, änderte das nichts an dem, was Daniel bereits eingeräumt hatte.

Er hatte geholfen.

Er hatte gelogen.

Er hatte unser Geld eingesetzt.

Und er hatte mir all das verschwiegen.

„Ruf Sebastian an“, sagte ich.

Daniel blieb stehen.

„Was?“

„Ruf ihn an.“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil mein Anwalt mir gesagt hat, ich soll nicht mehr mit ihm über die Sache sprechen.“

Das war vermutlich der vernünftigste Satz, den Daniel seit seiner Rückkehr gesagt hatte.

„Dann tu es nicht.“

Ich wandte mich wieder dem Telefon zu.

„Was machen wir jetzt?“

Der Anwalt antwortete ruhig:

„Wir sichern alles. Und Sie treffen heute keine weiteren finanziellen Entscheidungen.“

Daniel setzte sich.

Er sah plötzlich nicht mehr aus wie der Mann, der vor wenigen Tagen mit einem Grinsen an die Ostsee gefahren war.

Er sah aus wie jemand, der endlich begriff, dass er die Kontrolle über eine Situation verloren hatte, die er viel zu lange für kontrollierbar gehalten hatte.

Dann vibrierte sein Handy.

Daniel sah darauf.

Eine Nachricht.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Was?“, fragte ich.

Er antwortete nicht.

„Daniel.“

Langsam legte er das Telefon auf den Tisch.

Die Nachricht war von Sebastian.

Nur zwei Sätze.

*Sag deiner Frau, sie soll aufhören, in den Konten herumzusuchen.*

*Sonst erfährt die Firma, wessen Idee Hamburg wirklich war.*

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann sah ich Daniel an.

„Was bedeutet das?“

„Ich weiß es nicht.“

Doch diesmal glaubte ich ihm kein Wort.

Am nächsten Morgen kam eine weitere Überraschung.

Nicht von Sebastian.

Nicht von Markus.

Und nicht von der anonymen Nummer.

Der Anwalt rief mich kurz nach neun an.

„Ich habe eine Information, die einiges verändert.“

„Was ist passiert?“

„Wir haben die Zeitpunkte der Änderungen beim Depot mit den Unterlagen verglichen, die Sie mir gegeben haben.“

„Und?“

„Die E-Mail-Adresse wurde an dem Tag geändert, an dem Daniel nachweislich in Hamburg war.“

Ich sah aus dem Fenster.

„Das wissen wir.“

„Ja. Aber der Verkauf der Wertpapiere erfolgte erst später.“

„Wie viel später?“

Er nannte mir das Datum.

Ich erstarrte.

Ich kannte es.

Nicht weil Daniel an diesem Tag unterwegs gewesen wäre.

Sondern weil er zu Hause gewesen war.

Den ganzen Tag.

Und ich ebenfalls.

Ich erinnerte mich sogar genau daran, weil zwei der Babys Fieber gehabt hatten und ich Daniel mehrfach gebeten hatte, mir zu helfen.

Er hatte fast den gesamten Nachmittag in seinem Arbeitszimmer verbracht.

Mit verschlossener Tür.

Damals hatte er behauptet, er müsse dringend arbeiten.

Jetzt wusste ich, was an diesem Nachmittag noch geschehen war.

Die Wertpapiere waren verkauft worden.

Und das Geld war anschließend auf Sebastians Konto geflossen.

Sebastian mochte die E-Mail-Adresse geändert haben.

Er mochte Daniel manipuliert haben.

Vielleicht hatte er sogar versucht, ihn unter Druck zu setzen.

Aber an diesem einen Tag konnte Daniel nicht behaupten, er habe nichts gewusst.

Er war zu Hause gewesen.

Nur wenige Meter von mir und unseren kranken Babys entfernt.

Und während ich allein zwischen drei Kinderbettchen hin und her gelaufen war, hatte mein Mann hinter einer verschlossenen Tür eine Entscheidung über unser gemeinsames Vermögen getroffen, die er mir bis heute verheimlicht hatte.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**

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