Anna starrte so lange auf das Foto, bis die Konturen der beiden Männer auf dem Display verschwammen. Der ältere Mann musste inzwischen weit über siebzig sein, vielleicht achtzig, doch seine Haltung war noch immer gerade, sein Gesicht schmal und streng. Auf dem alten Polaroid hatte er neben ihrer Mutter gestanden. Jetzt stand er neben Maximilian vor Schließfach 317. Siebenundzwanzig Jahre lagen zwischen den beiden Bildern, und trotzdem schien alles miteinander verbunden zu sein. „Wer ist er?“, fragte Anna. Alexander nahm ihr das Handy nicht aus der Hand. Er musste das Bild nur einmal sehen. „Konrad Kronberg.“ Seine Stimme klang anders als zuvor. „Offiziell ist er seit zweiundzwanzig Jahren tot.“
Vanessa fuhr herum. „Tot?“
„Bei einem Bootsunglück auf dem Bodensee. Seine Leiche wurde nie gefunden.“
Anna sah wieder auf das Foto. „Dann scheint er sich für einen Toten erstaunlich gut zu halten.“
Alexander antwortete nicht. Er trat ans Fenster und telefonierte leise. Anna verstand nur einzelne Sätze. „Friedrichstraße. Sofort… keine Polizei… niemand greift ein, bevor wir wissen, was im Schließfach ist.“ Als er auflegte, sah Anna ihn scharf an. „Sie schicken Leute hin?“ – „Ja.“ – „Und ich soll hier warten?“ – „Sie haben vorzeitige Wehen und erwarten Vierlinge.“ – „Und Maximilian ist gerade dabei, die einzige Spur zu meiner Mutter zu vernichten.“
Alexander schwieg. Genau dieses Schweigen machte Anna misstrauisch. „Warum keine Polizei?“ fragte sie. „Weil Sie etwas verbergen?“ Vanessa sah zwischen beiden hin und her. Alexander setzte sich schließlich wieder. „Weil Konrad Kronberg nicht irgendein verschwundener alter Mann ist. Wenn er tatsächlich lebt, bedeutet das, dass mindestens zwei Jahrzehnte lang Menschen in Banken, Behörden und Unternehmen geholfen haben müssen, seine Existenz zu verbergen.“
„Einschließlich Ihrer Familie?“
Sein Blick blieb auf ihr liegen. „Möglicherweise.“
Die Antwort traf Anna stärker als ein Dementi es getan hätte. Sie faltete den Brief ihrer Mutter vorsichtig auseinander und las die Zeilen erneut. Der Schlüssel befindet sich dort, wo ich dir als Kind beigebracht habe, niemals nachzusehen. Zunächst ergab es keinen Sinn. Dann kam eine Erinnerung. Eine kleine Wohnung in Charlottenburg. Ihre Mutter in der Küche. Anna, vielleicht sieben Jahre alt, auf einem Stuhl. Über dem alten Türrahmen befand sich eine schmale Holzleiste. Katharina hatte dort manchmal Bargeld versteckt. Als Anna sie einmal beim Hinaufklettern erwischt hatte, hatte ihre Mutter ungewöhnlich streng reagiert.
*Da oben suchst du niemals, Anna. Versprich es mir.*
Anna setzte sich abrupt auf.
„Meine alte Wohnung.“
Alexander runzelte die Stirn.
„Die Wohnung meiner Mutter. Nach ihrem Tod wurde sie vermietet, aber das Gebäude gehört noch derselben Wohnungsgenossenschaft. Über der Küchentür könnte etwas versteckt sein.“
Vanessa griff sofort nach ihrem Mantel. „Adresse.“
„Sie gehen nirgendwohin“, sagte Alexander.
Vanessa sah ihn an. „Sie vielleicht nicht. Ich schon.“
Eine halbe Stunde später war Vanessa unterwegs, begleitet von zwei Männern aus Alexanders Sicherheitsteam. Anna blieb im Krankenhaus. Jede Minute fühlte sich unerträglich an. Während draußen der Regen schwächer wurde, saß Alexander schweigend in der Nähe. Schließlich stellte Anna die Frage, die seit dem Polaroid in ihr brannte. „Was war meine Mutter für Sie?“
Alexander blickte lange auf seine Hände.
„Sie hat mir das Leben gerettet.“
Anna erwartete eine Metapher. Doch Alexander fuhr fort. „Ich war zweiundzwanzig. Mein Vater bereitete damals eine Übernahme vor, bei der Kronberg alles verloren hätte. Eines Abends manipulierte jemand die Bremsen meines Autos. Ihre Mutter bemerkte Flüssigkeit unter dem Wagen und hielt mich auf.“ Er schluckte. „Zwei Tage später verschwand Konrad. Drei Tage danach gab Katharina mir den Brief. Einige Wochen später starb sie.“
Anna spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. „Sie glauben nicht, dass ihr Unfall ein Unfall war.“
„Nein.“
Bevor sie antworten konnte, klingelte Alexanders Telefon.
Vanessa.
Er stellte auf Lautsprecher.
„Wir haben etwas gefunden“, sagte Vanessa atemlos. „Die Holzleiste war tatsächlich hohl.“
Anna richtete sich auf. „Den Schlüssel?“
„Ja. Aber nicht nur den.“
Papier raschelte.
„Da ist ein kleiner Schlüssel mit der Nummer 317. Und ein USB-Stick. Außerdem ein Foto von dir als Baby.“
Anna schloss kurz die Augen.
„Bring alles her.“
Vanessa schwieg.
„Vanessa?“
Als sie wieder sprach, war ihre Stimme plötzlich leiser. „Anna… auf der Rückseite des Fotos steht etwas.“
„Was?“
„Katharina hat geschrieben: Anna, sechs Wochen alt. Konrad darf niemals erfahren, dass sie lebt.“
Niemand im Zimmer bewegte sich.
Anna sah langsam zu Alexander.
„Warum sollte Konrad glauben, ich sei tot?“
Alexander wurde blass.
Doch bevor er antworten konnte, meldete sich einer seiner Sicherheitsleute über Vanessas Telefon. Stimmen wurden hektisch. Eine Autotür schlug zu.
Dann brach die Verbindung ab.
„Vanessa?“
Keine Antwort.
Alexander wählte erneut. Nichts.
Beim dritten Versuch meldete sich schließlich jemand.
Eine Männerstimme.
Ruhig. Alt.
„Herr Falkenberg.“
Alexander erstarrte.
Anna wusste sofort, wer es war.
Konrad.
„Wo ist Vanessa?“, fragte Alexander.
„Unverletzt. Vorerst.“
Anna griff nach dem Telefon. „Was wollen Sie?“
Am anderen Ende entstand eine lange Stille.
Dann hörte sie ein leises Einatmen.
„Katharinas Tochter.“
Die Art, wie er es sagte, ließ Anna frösteln.
„Warum dachte man, ich sei tot?“
Konrad lachte nicht. Seine Stimme wurde beinahe traurig.
„Weil Ihre Mutter Sie vor mir verstecken musste.“
„Warum?“
„Weil Katharina wusste, dass Sie niemals erfahren durften, wem das Blut in Ihren Adern gehört.“
Anna drückte das Telefon fester ans Ohr. „Dann sagen Sie es mir.“
Wieder Stille.
„Nicht am Telefon.“
Die Verbindung wurde beendet.
Fast gleichzeitig kam eine Nachricht von Alexanders Sicherheitschef aus Friedrichstraße. Maximilian hatte Schließfach 317 geöffnet.
Es war leer gewesen.
Bis auf einen einzigen Gegenstand.
Ein versiegeltes Kuvert, adressiert an Anna Kronberg.
Darunter hatte jemand mit schwarzer Tinte ein Datum geschrieben.
Nicht das Datum ihrer Geburt.
Sondern das morgige Datum.
Und darunter standen fünf Worte:
**Um Mitternacht erfährst du, warum.**







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