Unterhaltung

Mein milliardenschwerer Ex-Mann verspottete mich, weil ich noch allein war – dann rannten drei kleine Jungen auf mich zu und riefen „Mama!“

Alexander sagte lange nichts.

Der Lärm vor dem Flughafen München schien plötzlich weit entfernt. Rollkoffer ratterten über den Boden, Autotüren schlugen zu, irgendwo rief ein Fahrer den Namen eines Fahrgastes. Doch Alexander hörte nur einen einzigen Satz immer wieder.

Sie wurden sieben Monate geboren, nachdem ich dein Haus verlassen hatte.

Sein Blick wanderte von Katharina zu den drei Jungen.

Vier Jahre alt.

Drei Kinder.

Drei Gesichter, in denen er plötzlich Spuren seiner eigenen Kindheit erkannte.

„Katharina“, brachte er schließlich hervor. „Sind sie …“

„Nicht hier.“

Ihre Stimme war ruhig, aber endgültig.


Der älteste Junge beobachtete Alexander aufmerksam. Der zweite hatte Katharinas Hand noch immer fest umklammert, während der jüngste halb hinter ihr stand.

Alexander senkte instinktiv die Stimme.

„Ich muss es wissen.“

Katharina sah ihn an.

Fünf Jahre zuvor hätte sie alles dafür gegeben, wenn er diese Worte gesagt hätte.

Damals hatte sie vor ihm gestanden, verängstigt, überfordert und verzweifelt darauf hoffend, dass ihr Mann ihr nur fünf Minuten zuhören würde.

Jetzt verlangte er Antworten.

„Und ich musste damals gehört werden“, sagte sie leise.

Alexander zuckte zusammen.

Der Fahrer des Bentleys war inzwischen ausgestiegen und hatte Katharinas Koffer übernommen.


„Mama, fahren wir jetzt?“, fragte der jüngste Junge.

Katharinas Gesicht wurde sofort weich.

„Ja, mein Schatz.“

Sie öffnete die hintere Tür.

Alexander machte einen Schritt nach vorn.

„Bitte.“

Dieses eine Wort ließ sie innehalten.

Nicht weil sie Mitleid mit ihm hatte.

Sondern weil Alexander Winter früher niemals gebeten hatte.

Er hatte entschieden.


Er hatte befohlen.

Er hatte Anwälte sprechen lassen.

Jetzt stand er vor ihr und sah aus wie ein Mann, dessen gesamte Vergangenheit gerade neu geschrieben wurde.

Katharina drehte sich zu ihm um.

„Morgen. Zehn Uhr.“

„Wo?“

„Ich melde mich.“

Alexander nickte sofort.

Dann sah er wieder zu den Jungen.

„Wie heißen sie?“


Katharina schwieg einen Moment.

„Jonas, Leon und Felix.“

Alexander wiederholte die Namen beinahe lautlos.

Als müsste er sie sich einprägen.

Jonas.

Leon.

Felix.

Drei Namen, die er vier Jahre lang nicht gekannt hatte.

Die Jungen stiegen in den Bentley. Katharina setzte sich zu ihnen, und wenige Sekunden später rollte der Wagen davon.

Alexander blieb auf dem Vorplatz stehen.


Sein eigener Chauffeur wartete nur wenige Meter entfernt.

„Herr Winter?“

Alexander reagierte nicht.

Er nahm sein Handy heraus.

Zum ersten Mal seit Jahren suchte er einen Kontakt, den er längst hätte löschen sollen.

Dr. Andreas König.

Die Nummer war noch gespeichert.

Er drückte auf Anrufen.

Nach vier Signaltönen meldete sich eine Männerstimme.

„König.“


Alexander schloss die Augen.

„Hier ist Alexander Winter.“

Am anderen Ende entstand Stille.

Dann sagte Andreas etwas, das Alexander einen kalten Schauer über den Rücken jagte.

„Ich habe mich gefragt, ob dieser Anruf jemals kommen würde.“

Alexander öffnete die Augen.

„Was wussten Sie?“

„Das ist nicht die richtige Frage.“

Wieder dieselben Worte.

Fast dieselben Worte, die Katharina im Flugzeug benutzt hatte.


Alexanders Finger schlossen sich fester um das Telefon.

„Dann sagen Sie mir, welche Frage die richtige ist.“

Andreas antwortete ruhig.

„Warum Ihre damalige Frau einen Arzt anflehen musste, ihr zu helfen, Ihnen etwas mitzuteilen, während sie gleichzeitig Angst hatte, dass Sie ihr nicht glauben würden.“

Alexander sagte nichts.

Sein Puls beschleunigte sich.

Plötzlich erinnerte er sich an die Nachrichten.

Hast du es ihm schon gesagt?

Warte nicht länger, Katharina.

Er hat ein Recht darauf, es zu erfahren.


Fünf Jahre lang hatte Alexander diese Worte als Beweis für einen anderen Mann betrachtet.

Nun hörte er sie zum ersten Mal so, wie sie tatsächlich geklungen haben könnten.

Nicht wie die Nachrichten eines Liebhabers.

Wie die eines Arztes.

„Was waren Sie für ein Arzt für Katharina?“, fragte Alexander.

Andreas schwieg kurz.

„Das müssen Sie Katharina fragen.“

„Sie wissen, wer diese Kinder sind.“

„Ja.“

Alexander verlor für einen Moment den Atem.


„Sind sie meine Söhne?“

„Auch diese Antwort gehört nicht mir.“

Dann wurde Andreas’ Stimme härter.

„Aber ich kann Ihnen eines sagen, Herr Winter. Vor fünf Jahren wollte Katharina Ihnen die Wahrheit sagen. Mehr als einmal.“

Alexander erinnerte sich an die Nacht im Penthouse.

Du musst dich hinsetzen und mir zuhören.

Und an seine eigene Antwort.

Er hatte seine Jacke genommen.

Er war gegangen.

Am nächsten Morgen hatte Margarete bereits einen Familienanwalt angerufen.


„Warum hat sie danach nichts gesagt?“, fragte er.

Andreas atmete hörbar aus.

„Weil manche Menschen irgendwann aufhören, an eine verschlossene Tür zu klopfen.“

Die Verbindung endete kurz darauf.

Alexander stand noch immer bewegungslos da.

Dann stieg er in seinen Wagen.

„Nach München.“

Der Chauffeur sah überrascht in den Rückspiegel.

„Zu Ihrem Hotel, Herr Winter?“

Alexander blickte aus dem Fenster.

„Ins Büro.“

Eine Stunde später betrat er die oberste Etage der Münchner Zentrale von Winter Energie.

Die meisten Mitarbeiter waren bereits gegangen. Durch die Glasfassade lag die Stadt im Abendlicht unter ihm.

Alexander ging direkt in sein Büro und schloss die Tür.

An der Wand hing ein Foto aus den ersten Jahren des Unternehmens.

Er und Katharina standen vor einem kleinen Prototypen.

Alexander hatte den Arm um ihre Schulter gelegt.

Damals hatte er geglaubt, sie würden alles gemeinsam schaffen.

Später war das Foto aus fast jeder offiziellen Unternehmenschronik verschwunden.

Alexander setzte sich an seinen Computer.

Er öffnete das interne Archiv.

Katharina Winter.

Hunderte alte Dateien erschienen.

Technische Zeichnungen.

Simulationen.

Entwicklungsberichte.

Patentanmerkungen.

Alexander öffnete eine Datei nach der anderen.

Bei vielen stand ihr Name nicht auf der ersten Seite.

Aber tief in den Versionshistorien tauchte er immer wieder auf.

Katharina.

Katharina.

Katharina.

Je länger Alexander suchte, desto stiller wurde er.

Er hatte gewusst, dass sie brillant gewesen war.

Aber er hatte vergessen – oder zugelassen, dass andere ihn vergessen ließen –, wie viel von den frühen technischen Grundlagen tatsächlich ihre Handschrift trug.

Sein Telefon klingelte.

Auf dem Display stand:

Mutter.

Alexander nahm ab.

„Alexander, endlich. Dein Assistent sagte, du seist zurück in München. Du solltest heute Abend noch nach Frankfurt kommen. Die Familie von—“

„Hast du Katharina damals überwachen lassen?“

Stille.

„Was für eine absurde Frage.“

Alexander richtete sich auf.

„Ich habe dich etwas gefragt.“

Margaretes Ton veränderte sich.

„Nach fünf Jahren beschäftigst du dich wieder mit dieser Frau?“

Alexander spürte, wie sich etwas in ihm verhärtete.

„Ich habe sie heute gesehen.“

Wieder Stille.

Dann fragte Margarete vorsichtig:

„Und?“

Alexander sah auf das alte Foto an der Wand.

„Sie hat drei Söhne.“

Diesmal dauerte die Pause länger.

Zu lange.

Alexander bemerkte es sofort.

„Mutter?“

„Das geht dich nichts an.“

Sein Herz setzte beinahe einen Schlag aus.

Nicht: Das wusste ich nicht.

Nicht: Drei Söhne?

Sondern:

Das geht dich nichts an.

Alexander stand langsam auf.

„Du wusstest davon.“

„Alexander—“

„Du wusstest davon.“

„Du interpretierst da etwas hinein.“

„Wie lange?“

Margarete schwieg.

Alexander spürte plötzlich dieselbe Kälte wie damals in jener Nacht im Penthouse.

Nur diesmal richtete sich sein Misstrauen nicht gegen Katharina.

„Wie lange wusstest du, dass Katharina Kinder hat?“

„Das besprechen wir nicht am Telefon.“

Alexander lachte einmal bitter auf.

„Interessant. Vor fünf Jahren hattest du kein Problem damit, meine Ehe aufgrund von Vermutungen zu besprechen.“

„Ich habe dich beschützt.“

„Vor wem?“

„Vor einer Frau, die nicht in unsere Welt gepasst hat.“

Alexander erstarrte.

Margarete schien selbst zu merken, dass sie zu viel gesagt hatte.

„Alexander, komm morgen nach Frankfurt. Dann erkläre ich dir alles.“

„Nein.“

„Was?“

„Morgen treffe ich Katharina.“

Er beendete das Gespräch.

Keine zehn Sekunden später erschien eine Nachricht auf seinem Display.

Diesmal nicht von Margarete.

Von Katharina.

Eine Adresse in München.

Darunter nur:

10:00 Uhr. Komm allein.

Alexander starrte lange darauf.

Dann erschien noch eine zweite Nachricht.

Diesmal bestand sie aus einem einzigen Satz.

Bring die Scheidungsunterlagen von damals mit.

Alexander öffnete den Safe hinter seinem Schreibtisch.

Dort lagen Dokumente, Verträge und persönliche Unterlagen, die seit Jahren niemand angerührt hatte.

Er fand die alte Mappe.

WINTER / WINTER – SCHEIDUNG.

Als er sie herauszog, rutschte ein kleiner Umschlag zwischen den Seiten hervor und fiel auf den Boden.

Alexander runzelte die Stirn.

Er hatte ihn noch nie gesehen.

Auf der Vorderseite stand sein Name.

In Katharinas Handschrift.

Alexander.

Seine Hände wurden plötzlich kalt.

Er öffnete den Umschlag.

Darin befand sich ein gefaltetes Blatt Papier.

Ganz oben stand ein Datum.

Drei Tage vor dem ersten Gespräch mit den Scheidungsanwälten.

Darunter hatte Katharina geschrieben:

Falls du irgendwann bereit bist, mir wirklich zuzuhören, musst du zuerst wissen, warum Dr. König mir geschrieben hat.

Alexander hielt den Atem an.

Doch bevor er weiterlesen konnte, klingelte sein Telefon erneut.

Diesmal war es die Sicherheitsabteilung von Winter Energie.

„Herr Winter, entschuldigen Sie die späte Störung. Sie wollten informiert werden, falls jemand auf alte interne Archive zugreift.“

Alexander sah auf die Scheidungsmappe.

„Ja.“

„Vor ungefähr zwanzig Minuten hat jemand versucht, sämtliche historischen Entwicklungsdateien von Frau Katharina Winter aus unserem System zu löschen.“

Alexander stand vollkommen still.

„Von welchem Zugang?“

Am anderen Ende hörte er Tastaturgeräusche.

Dann antwortete der Mitarbeiter:

„Von einem alten Administratorkonto, das seit Jahren nicht mehr benutzt werden dürfte.“

„Wem gehört es?“

Eine kurze Pause.

„Dem damaligen Büro Ihrer Mutter.“

Alexander blickte auf Katharinas ungeöffneten Brief in seiner Hand.

Zum ersten Mal begriff er, dass die Wahrheit über seine gescheiterte Ehe vielleicht nicht nur in dem lag, was er damals nicht hören wollte.

Sondern auch in dem, was jemand unbedingt verhindern wollte, dass er jemals erfuhr.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 4, um weiterzulesen.**

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