Alexander las die E-Mail noch einmal.
Eine saubere Trennung löst beide Probleme.
Er hatte Martin Seidel vertraut.
Nicht oberflächlich.
Nicht nur geschäftlich.
Martin war dabei gewesen, als Winter Energie noch um jeden Auftrag kämpfen musste. Er hatte neben Alexander in Besprechungsräumen geschlafen, war mit ihm zu Investoren gefahren und hatte später bei nahezu jeder großen Expansion am Tisch gesessen.
Nach der Scheidung war Martin sogar einer der wenigen Menschen gewesen, denen Alexander seine Zweifel an Katharina anvertraut hatte.
Nun verstand er warum.
Martin hatte immer die richtigen Antworten gehabt.
„Du konntest ihr nicht mehr vertrauen.“
„Konzentrier dich auf das Unternehmen.“
„Manchmal muss man Menschen gehen lassen.“
Alexander erinnerte sich an jeden dieser Sätze.
Katharina stand neben ihm.
„Öffne die nächste Nachricht.“
Alexander klickte.
Diesmal war die E-Mail nur zwischen Martin und Margarete ausgetauscht worden.
Aurora muss vor Abschluss der nächsten Finanzierungsrunde vollständig innerhalb der Gesellschaft dokumentiert sein. Persönliche Urheberschaft außerhalb der aktuellen Entwicklungsleitung schafft unnötige Risiken.
Margaretes Antwort war knapp:
Kümmern Sie sich um das Unternehmen. Ich kümmere mich um Alexander.
Alexander lehnte sich zurück.
„Sie haben mich benutzt.“
Katharina antwortete ruhig:
„Ja.“
Er sah zu ihr.
Kein Triumph.
Keine Genugtuung.
Nur Müdigkeit.
„Und ich habe es ihnen leicht gemacht.“
Darauf sagte sie nichts.
Baumann stand am Fenster.
„Herr Seidel wusste, dass Ihre Ehe Probleme bekam, sobald Sie Frau Winter misstrauten.“
Alexander drehte sich zu ihm.
„Wie kamen die Nachrichten auf mein Tablet?“
„Sie wurden von einem synchronisierten Gerät gespiegelt.“
Katharina runzelte die Stirn.
„Welchem Gerät?“
„Dem Tablet, das damals in Ihrem gemeinsamen Arbeitszimmer lag.“
Alexander erinnerte sich.
Das Gerät war mit mehreren Haushalts- und Büroaccounts verbunden gewesen.
„Martin hatte keinen Zugang dazu.“
Baumann sah ihn an.
„Ihre Mutter schon.“
Stille.
Alexander schloss den Laptop.
„Warum haben Sie mir das nie gesagt?“
Baumann lächelte bitter.
„Weil ich feige war.“
Diese Antwort überraschte Alexander.
„Und weil ich sehr gut dafür bezahlt wurde, nicht mutig zu sein.“
Katharina sah Baumann direkt an.
„Meine Kinder sind vier Jahre ohne ihren Vater aufgewachsen.“
Baumann senkte den Blick.
„Ich weiß.“
„Nein.“
Ihre Stimme blieb ruhig.
„Sie wissen, dass vier Jahre vergangen sind. Das ist nicht dasselbe.“
Baumann antwortete nicht.
Alexander nahm den USB-Stick.
„Ich brauche eine vollständige Kopie.“
„Nehmen Sie das Original.“
„Und Sie werden bestätigen, woher die Dateien stammen?“
Baumann wurde blass.
„Wenn es notwendig ist.“
„Es ist notwendig.“
Auf der Rückfahrt nach München sprach Alexander fast zwanzig Minuten kein Wort.
Katharina saß neben ihm.
Schließlich sagte er:
„Ich könnte Martin heute noch entlassen.“
„Und dann?“
„Eine interne Untersuchung.“
„Nachdem du ihn gewarnt hast.“
Alexander sah kurz zu ihr.
„Du würdest warten.“
„Ich würde Beweise sichern.“
„Helios hat dich verändert.“
„Nein.“
Katharina sah aus dem Fenster.
„Was damals passiert ist, hat mich verändert.“
Dieser Satz beendete das Gespräch.
Noch am selben Abend ließ Alexander sämtliche historischen Serverkopien von Winter Energie durch ein externes IT-Forensikteam sichern.
Martin durfte davon nichts erfahren.
Margarete ebenfalls nicht.
Offiziell ging es um eine routinemäßige Prüfung vor einer geplanten Zertifizierung.
In Wahrheit suchte Alexander nach allem, was mit Aurora, Katharina und der Umstrukturierung der Familienstiftung zusammenhing.
Um 22:16 Uhr erhielt er den ersten Bericht.
Gelöschte Dateien waren wiederhergestellt worden.
Darunter befanden sich mehrere Versionen des ursprünglichen Aurora-Patentantrags.
Alexander öffnete sie.
In der ältesten Fassung standen zwei Namen.
Alexander Winter.
Katharina Winter.
In der endgültig eingereichten Version stand nur noch:
Winter Energie Entwicklungsteam.
Alexander schloss für einen Moment die Augen.
Dann klingelte sein Telefon.
Martin Seidel.
Alexander ließ es zweimal klingeln, bevor er annahm.
„Martin.“
„Endlich. Was ist los? Du hast zwei Vorstandstermine abgesagt.“
„Private Angelegenheiten.“
„Seit wann lässt du deswegen den Vorstand warten?“
Alexander betrachtete die wiederhergestellten Dateien.
„Seit ich festgestellt habe, dass ich manche privaten Angelegenheiten zu lange ignoriert habe.“
Am anderen Ende entstand eine kleine Pause.
„Geht es um Katharina?“
Alexander wurde vollkommen still.
Er hatte ihren Namen nicht erwähnt.
„Warum fragst du?“
„Deine Mutter sagte, du hättest sie getroffen.“
Natürlich.
Margarete und Martin standen noch immer in Kontakt.
„Ja.“
„Alexander, sei vorsichtig.“
Fast hätte er gelacht.
Genau diese Stimme.
Genau dieser fürsorgliche Ton.
„Wovor?“
„Vor alten Geschichten. Katharina war schon damals verbittert darüber, wie wenig Anerkennung sie bekam.“
Alexander sah auf die ursprünglichen Patentanträge.
„War sie das?“
„Du weißt, wie es war.“
„Ich dachte, ich wüsste es.“
Wieder Stille.
Dann sagte Martin:
„Wir sollten morgen reden.“
„Sicher.“
Alexander beendete das Gespräch.
Am nächsten Morgen wartete Katharina vor dem Kindergarten.
Alexander stand einige Meter entfernt.
Sie hatte ihm erlaubt, die Jungen zu begleiten.
Nicht als Vater.
Noch nicht.
Einfach als Alexander.
Felix kam auf ihn zugelaufen.
„Kommst du wieder mit?“
„Wenn deine Mama einverstanden ist.“
Felix drehte sich sofort um.
„Mama! Alexander soll mitkommen!“
Katharina hob eine Augenbraue.
Alexander konnte nicht verhindern, dass er lächelte.
Jonas zog an seinem Ärmel.
„Kannst du nachher meinen Motor reparieren?“
„Ich kann es versuchen.“
„Mama sagt, versuchen ist besser als so tun, als könnte man alles.“
Alexander sah zu Katharina.
„Das klingt nach ihr.“
Jonas nickte ernst.
„Mama ist sehr schlau.“
„Das weiß ich.“
Katharina hörte es.
Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke.
Dann nahm Leon Alexanders Hand.
Alexander erstarrte.
Der Junge bemerkte nichts.
Für ihn war es nur eine Hand.
Für Alexander war es ein Moment, den er beinahe nicht ertragen konnte.
Er ging mit ihnen bis zum Eingang.
Als die Jungen verschwunden waren, blieb Katharina neben ihm stehen.
„Du musst ihnen irgendwann die Wahrheit sagen.“
„Ich weiß.“
„Aber erst, wenn ich sicher bin, dass du nicht wieder verschwindest.“
Alexander sah sie an.
„Ich werde nicht verschwinden.“
„Das kannst du heute glauben.“
„Katharina—“
„Versprich ihnen nichts, was du noch nicht bewiesen hast.“
Er nickte langsam.
„Fair.“
Sie gingen zurück zum Wagen.
Dort wartete bereits jemand.
Margarete Winter.
Perfekt gekleidet.
Aufrecht.
Kontrolliert.
Katharina blieb sofort stehen.
Alexander trat instinktiv einen Schritt vor sie.
Margaretes Blick wanderte zum Kindergartengebäude.
„Also stimmt es.“
Alexander sagte nichts.
„Drei Jungen.“
„Du kanntest ihre Existenz längst.“
Margarete sah Katharina an.
„Ich wusste von einer Behauptung.“
Katharina blieb ruhig.
„Eine Behauptung, für die Ihre Anwälte medizinische Informationen beschaffen wollten?“
Zum ersten Mal flackerte Unsicherheit in Margaretes Augen.
„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
Alexander trat näher.
„Und Baumann? Weißt du auch nicht, wovon er spricht?“
Margaretes Gesicht verhärtete sich.
„Du warst bei ihm.“
„Ja.“
„Dann hat dieser Mann offenbar beschlossen, seine eigene Beteiligung umzuschreiben.“
„Ich habe die E-Mails.“
Das traf.
Nur für einen Augenblick.
Aber Alexander sah es.
Margarete sammelte sich.
„Du verstehst die Situation von damals nicht.“
„Dann erklär sie.“
„Nicht hier.“
„Hier ist perfekt.“
Margarete sah zum Kindergarten.
„Du glaubst, ich wollte dir deine Kinder nehmen.“
Alexander antwortete nicht.
„Ich wollte Winter Energie schützen.“
Katharina schüttelte langsam den Kopf.
„Natürlich.“
Margarete wandte sich ihr zu.
„Sie verstehen nicht, was damals auf dem Spiel stand.“
„Doch“, sagte Katharina. „Meine Arbeit. Meine Ehe. Meine Kinder.“
Margarete presste die Lippen zusammen.
„Aurora musste im Unternehmen bleiben.“
Alexander sah seine Mutter an.
„Also hast du meine Ehe zerstört?“
„Deine Ehe war bereits instabil.“
„Weil du dafür gesorgt hast, dass ich genau das sah, was Martin wollte.“
Margaretes Blick veränderte sich.
„Martin?“
Alexander beobachtete sie genau.
„Tu nicht überrascht.“
Doch diesmal war ihre Reaktion anders.
Nicht gespielt.
Echte Irritation.
„Was hat Baumann dir über Martin erzählt?“
Alexander antwortete nicht.
Margarete trat näher.
„Alexander, hör mir jetzt sehr genau zu. Ja, ich habe Katharinas Briefe abfangen lassen.“
Katharina wurde starr.
„Ich habe geglaubt, sie würde die Schwangerschaft benutzen, um die Scheidung aufzuhalten. Das war falsch.“
Alexander sagte nichts.
Margarete atmete ein.
„Aber ich habe Martin nie angewiesen, ihre technischen Dateien zu verändern.“
„Ich habe deine E-Mail.“
„Ich wollte ihren Namen aus der öffentlichen Darstellung entfernen. Nicht aus den ursprünglichen Entwicklungsunterlagen.“
Alexander runzelte die Stirn.
„Was ist der Unterschied?“
„Ein gewaltiger.“
Margarete sah Katharina an.
„Wenn ihre technische Urheberschaft vollständig verschwindet, kann jemand später behaupten, die Entwicklung sei intern von einer anderen Person geschaffen worden.“
Katharina verstand zuerst.
„Martin.“
Margarete nickte.
„Nach deiner Scheidung stieg sein Einfluss im Unternehmen enorm.“
Alexander dachte an die Jahre danach.
Martin war vom Strategieleiter in den Vorstand aufgestiegen.
Dann zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden.
„Du willst dich jetzt selbst retten.“
„Natürlich will ich das.“
Margaretes Stimme blieb kühl.
„Aber das bedeutet nicht, dass ich lüge.“
Alexander sah sie an.
„Warum bist du hier?“
„Weil Martin mich gestern angerufen hat.“
„Was wollte er?“
„Wissen, welche Unterlagen du gefunden hast.“
Alexander und Katharina wechselten einen Blick.
Margarete öffnete ihre Handtasche.
„Und weil ich danach etwas überprüft habe.“
Sie zog einen dünnen Ordner heraus.
„Die Umstrukturierung der Familienstiftung.“
Alexander nahm ihn.
„Was damit?“
„Baumann sagte mir damals, die Nachkommensklausel sei rechtlich neutralisiert worden.“
„Und?“
„Das stimmt nicht.“
Alexander blätterte durch die Dokumente.
Margarete zeigte auf eine Seite.
„Die Klausel wurde verändert. Aber nicht entfernt.“
Katharina trat näher.
Alexander las.
Dann noch einmal.
„Was bedeutet das?“
Margarete antwortete:
„Dass deine drei Söhne mit ihrer Geburt automatisch als Begünstigte hätten registriert werden müssen.“
Alexander sah auf.
„Wurden sie nicht.“
„Nein.“
„Wer war für die Registrierung verantwortlich?“
Margarete schwieg.
Alexander kannte die Antwort bereits.
„Baumann?“
„Gemeinsam mit dem zuständigen Vertreter von Winter Energie.“
„Martin.“
Margarete nickte.
Katharina wurde blass.
„Wenn die Jungen nicht registriert wurden, was geschah dann mit ihren Rechten?“
Margarete blätterte weiter.
„Sie wurden vorläufig einem Ersatzbegünstigten zugeordnet.“
Alexander spürte, wie sein Magen sich zusammenzog.
„Wem?“
Margarete zeigte auf eine Unterschrift.
Martin Seidel.
In diesem Moment klingelte Alexanders Telefon.
Sein Sicherheitschef.
„Herr Winter, wir haben die Quelle des gestrigen Downloads identifiziert.“
Alexander sah Margarete an.
„Sagen Sie es.“
„Der Zugriff kam tatsächlich aus dem Frankfurter Familiengebäude. Aber nicht vom Büro Ihrer Mutter.“
Alexander wartete.
„Die Verbindung lief über einen privaten Raum, der seit Jahren von Herrn Seidel genutzt wird.“
Margarete schloss die Augen.
Katharina sah Alexander an.
Doch der Sicherheitschef war noch nicht fertig.
„Und wir haben noch etwas gefunden.“
„Was?“
„Nach dem Download wurde eine Datei geöffnet, die nichts mit den alten Patenten zu tun hat.“
„Welche Datei?“
„Die aktuelle interne Due-Diligence-Unterlage zu Helios Systems.“
Alexander erstarrte.
Sein Blick wanderte zu Katharina.
„Warum interessiert Martin sich für Helios?“
Der Sicherheitschef antwortete:
„Offenbar wusste er bereits, wem das Unternehmen gehört.“
Katharina nahm langsam ihr Telefon heraus.
Auf ihrem Display waren drei verpasste Anrufe ihres Finanzchefs.
Dann kam eine Nachricht.
Katharina las sie.
Ihr Gesicht verlor jede Farbe.
„Was ist?“, fragte Alexander.
Sie hielt ihm das Telefon hin.
Helios hatte vor weniger als einer Stunde ein offizielles Übernahmeangebot erhalten.
Der Käufer war eine neu gegründete Beteiligungsgesellschaft.
Doch Katharinas Team hatte gerade herausgefunden, wer hinter dieser Gesellschaft stand.
Martin Seidel.
Alexander blickte wieder auf die Stiftungspapiere in seiner Hand.
Plötzlich verstand er, dass Martin nicht nur versucht hatte, die Vergangenheit zu begraben.
Er bereitete seinen nächsten Schritt vor.
Und diesmal ging es nicht darum, Katharinas Arbeit aus Winter Energie verschwinden zu lassen.
Diesmal wollte er das Unternehmen kontrollieren, das sie ohne Alexander aufgebaut hatte.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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