Unterhaltung

Mein milliardenschwerer Ex-Mann verspottete mich, weil ich noch allein war – dann rannten drei kleine Jungen auf mich zu und riefen „Mama!“

Alexander las die E-Mail ein drittes Mal.

Die Worte veränderten sich nicht.

Sorgen Sie dafür, dass Katharinas Anspruch auf die technischen Grundlagen vollständig aus der Unternehmenshistorie verschwindet.

Und wegen der Schwangerschaft: Sollte sie versuchen, ihn darüber zu kontaktieren, informieren Sie zuerst mich.

Seine Mutter hatte es gewusst.

Nicht irgendwann später.

Nicht durch Zufall.

Während Katharina noch schwanger gewesen war.

Alexander legte das Blatt langsam auf den Tisch.

„Woher hast du das?“


„Aus einem Ausdruck, der versehentlich in einer Akte gelandet war, die mir nach der Scheidung zugeschickt wurde.“

„Warum hast du ihn nie benutzt?“

Katharina sah zur Treppe, hinter der ihre Söhne verschwunden waren.

„Wofür? Um einen öffentlichen Krieg mit der Familie Winter zu beginnen, während ich mit Drillingen schwanger war?“

Alexander schwieg.

„Damals hatte ich kein Geld für jahrelange Prozesse gegen eure Kanzleien. Ich hatte keine Familie mit deinem Einfluss. Und ich wusste nicht, wem ich bei Winter Energie noch vertrauen konnte.“

„Mir hättest du vertrauen können.“

Katharina sah ihn so lange an, dass Alexander den Satz am liebsten zurückgenommen hätte.

„Nein“, sagte sie schließlich. „Genau das konnte ich damals nicht.“

Er senkte den Blick.


Sie hatte recht.

Alexander nahm sein Telefon.

„Ich rufe meine Mutter an.“

Katharina griff nicht nach seiner Hand.

Sie musste es nicht.

„Wenn du sie jetzt konfrontierst, wird sie alles abstreiten und Beweise verschwinden lassen.“

Alexander hielt inne.

„Gestern hat bereits jemand versucht, deine Dateien zu löschen.“

„Eben.“

Sie deutete auf die Metallbox.


„Wer auch immer dahintersteckt, weiß offenbar, dass etwas wieder hochkommt.“

Alexander steckte das Telefon zurück.

Zum ersten Mal in diesem Gespräch wirkte Katharina überrascht.

Früher hätte er sofort gehandelt.

Jetzt fragte er:

„Was schlägst du vor?“

„Dass du zuhörst.“

Ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Diese Lektion kommt fünf Jahre zu spät.“

„Spät ist nicht dasselbe wie nutzlos.“


Alexander sah sie an.

Dann nickte er.

Katharina nahm einen weiteren Datenträger aus der Box.

„Darauf befinden sich meine ursprünglichen Entwicklungsdateien mit Zeitstempeln.“

„Alle?“

„Fast alle.“

„Warum fast?“

„Weil ein Projekt fehlt.“

Alexander runzelte die Stirn.

„Welches?“


Katharina zog ein altes Notizbuch hervor und schlug eine markierte Seite auf.

Oben stand:

Projekt Aurora.

Alexander kannte den Namen.

Aurora war die technische Grundlage jener Steuerungsarchitektur gewesen, mit der Winter Energie seinen ersten großen Durchbruch erzielt hatte.

„Das war unser Projekt“, sagte er.

„Ja.“

„Ich habe immer geglaubt, die endgültige Architektur sei vom damaligen Entwicklungsteam fertiggestellt worden.“

Katharina schüttelte den Kopf.

„Die Kernlösung war meine.“


Alexander blätterte durch die handschriftlichen Berechnungen.

Er erkannte Formeln, Skizzen und technische Strukturen, die später in den ersten Patenten des Unternehmens auftauchten.

„Warum hast du nie Ansprüche gestellt?“

„Weil ich damals glaubte, wir würden gemeinsam etwas aufbauen.“

Katharinas Stimme wurde leiser.

„Ich habe nicht für einen späteren Scheidungskrieg dokumentiert, wer welchen Gedanken zuerst hatte.“

Alexander schloss das Notizbuch.

„Und meine Mutter wusste das.“

„Offenbar.“

In diesem Moment hörten sie erneut Schritte.


Diesmal kamen alle drei Jungen die Treppe herunter.

Leon trug ein kleines ferngesteuertes Auto. Felix hielt einen Stoffhund unter dem Arm. Jonas hatte noch immer das Bauteil in der Hand.

„Mama, wir haben Hunger“, erklärte Leon.

Katharina sah auf die Uhr.

„Natürlich habt ihr das.“

Felix blickte zu Alexander.

„Isst der Mann auch mit?“

Alexander erstarrte beinahe.

Katharina musterte ihn kurz.

„Nur wenn er Zeit hat.“


Alexander hätte an diesem Vormittag eigentlich an einer Vorstandssitzung teilnehmen sollen.

Sein Telefon vibrierte bereits seit zwanzig Minuten ununterbrochen.

Er schaltete es aus.

„Ich habe Zeit.“

Sie aßen in der Küche.

Nichts daran ähnelte Alexanders gewöhnlichem Leben.

Keine Assistenten.

Kein Personal.

Keine Gespräche über Investitionen.

Drei Jungen stritten darüber, wer mehr Nudeln bekommen hatte.


Felix verschüttete Wasser.

Leon erzählte gleichzeitig zwei Geschichten.

Jonas fragte Alexander plötzlich:

„Kannst du Motoren reparieren?“

Alexander sah ihn überrascht an.

„Ein bisschen.“

„Mama kann alles reparieren.“

Katharina lachte.

„Das stimmt definitiv nicht.“

„Fast alles“, korrigierte Jonas.


Alexander beobachtete sie.

Diese kleinen Details trafen ihn stärker als jede Enthüllung zuvor.

Er hatte ihre ersten Schritte verpasst.

Ihre ersten Worte.

Geburtstage.

Krankheiten.

Weihnachten.

Vier Jahre voller Erinnerungen, in denen er nicht existierte.

Nach dem Essen brachte Katharina die Jungen in den Garten.

Alexander blieb an der Terrassentür stehen.

„Du kannst mitkommen“, sagte sie.

Er folgte ihr.

Felix kickte einen Ball in Alexanders Richtung.

Instinktiv stoppte Alexander ihn mit dem Fuß.

„Kannst du Fußball?“

„Früher.“

„Dann spiel.“

Alexander zog sein Jackett aus.

Zehn Minuten später jagten drei Vierjährige einen Milliardär über den Rasen.

Katharina stand unter der Terrassenüberdachung und beobachtete sie.

Zum ersten Mal seit Jahren sah sie Alexander nicht als den Mann, der sie verlassen hatte.

Sondern als den Mann, der vielleicht hätte existieren können, wenn damals alles anders gekommen wäre.

Doch sie zwang sich, diesen Gedanken nicht weiterzuverfolgen.

Biologie war einfach.

Vertrauen nicht.

Als die Jungen später hineingingen, blieb Alexander im Garten zurück.

„Danke.“

Katharina verschränkte die Arme.

„Mach daraus nicht mehr, als es ist.“

„Das tue ich nicht.“

Er sah durch die Glastür zu den Jungen.

„Aber ich werde auch nicht so tun, als bedeute es mir nichts.“

Katharina antwortete nicht.

Sein Telefon vibrierte, nachdem er es wieder eingeschaltet hatte.

Vierzehn verpasste Anrufe.

Dann erschien eine Nachricht seines Sicherheitschefs.

Dringend. Weiterer Zugriffsversuch auf das Archiv. Diesmal wurden Dateien nicht gelöscht, sondern heruntergeladen.

Alexander rief sofort an.

„Woher?“

„Das Konto Ihrer Mutter wurde gesperrt. Deshalb wurde ein anderer Zugang verwendet.“

„Welcher?“

Der Sicherheitschef zögerte.

„Der des ehemaligen Chefjuristen Friedrich Baumann.“

Alexander kannte den Namen nur zu gut.

Baumann hatte die Scheidung abgewickelt.

„Wo befindet er sich?“

„Nicht mehr bei Winter Energie. Er verließ das Unternehmen vor drei Jahren.“

„Finden Sie heraus, wer seinen Zugang benutzt.“

„Wir sind dabei.“

Alexander legte auf.

Katharina hatte jedes Wort gehört.

„Baumann“, sagte sie.

„Ja.“

Ihr Gesicht wurde ernst.

„Er hat damals alle Schreiben unterschrieben.“

Alexander sah wieder auf die Metallbox im Wohnzimmer.

Plötzlich ergab sich ein Muster.

Margarete.

Baumann.

Gelöschte Entwicklungsdaten.

Abgefangene Kommunikation.

Die Schwangerschaft.

„Ich will sämtliche Originalakten der Scheidung“, sagte Alexander.

„Dann solltest du dich beeilen.“

„Warum?“

Katharina holte ihr Telefon heraus.

Auf dem Display war eine E-Mail.

Sie war vor weniger als fünf Minuten eingegangen.

Absender:

Dr. Andreas König.

Katharina öffnete sie.

Nur zwei Zeilen.

Katharina, jemand hat heute Morgen in der Klinik versucht, deine alten Patientenunterlagen anzufordern. Ich habe die Herausgabe verweigert. Ruf mich an.

Alexander spürte, wie ihm kalt wurde.

„Jetzt greifen sie sogar auf medizinische Unterlagen zu.“

Katharina nickte.

„Jemand hat Angst.“

Alexander blickte sie an.

„Wovor?“

„Dass du endlich anfängst, Fragen zu stellen.“

Am Nachmittag fuhr Alexander direkt zur alten Familienkanzlei.

Baumann arbeitete dort nicht mehr, doch die Scheidungsakten mussten archiviert sein.

Der heutige Partner der Kanzlei, Dr. Henrik Vogt, empfing ihn persönlich.

„Herr Winter, das ist ungewöhnlich.“

„Ich brauche die vollständige Akte meiner Scheidung.“

Vogt sah ihn über den Rand seiner Brille an.

„Nach fünf Jahren?“

„Heute.“

Eine halbe Stunde später lag ein Karton auf dem Konferenztisch.

Alexander öffnete ihn selbst.

Korrespondenz.

Vertragsentwürfe.

Vermögensaufstellungen.

Interne Notizen.

Dann fand er einen Ordner mit der Aufschrift:

K. WINTER – PERSÖNLICHE KORRESPONDENZ.

Alexander zog mehrere Briefe heraus.

Der erste war an ihn adressiert.

Der zweite ebenfalls.

Der dritte auch.

Alle von Katharina.

Keinen einzigen hatte er je erhalten.

„Was zum Teufel ist das?“

Vogt trat näher.

„Diese Unterlagen stammen aus Baumanns damaliger Bearbeitung.“

Alexander öffnete den ersten Brief.

Katharina hatte darin um ein persönliches Gespräch gebeten.

Im zweiten stand, dass eine medizinische Angelegenheit dringend sei.

Der dritte war wenige Wochen später geschrieben worden.

Alexander,

ich weiß nicht, ob meine Briefe dich erreichen. Ich bin schwanger. Die Kinder sind von dir. Es sind drei.

Alexander musste sich am Tisch abstützen.

Sie hatte es ihm gesagt.

Wieder und wieder.

„Warum wurden diese Briefe nicht weitergeleitet?“

Vogt wurde blass.

„Das kann ich Ihnen nicht beantworten.“

Alexander durchsuchte die Mappe weiter.

Hinter den Briefen lag ein internes Formular.

Darauf stand:

Weiterleitung gemäß Sonderanweisung ausgesetzt.

Genehmigt: F. Baumann.

Darunter befand sich eine handschriftliche Notiz.

MW informiert. Keine direkte Weiterleitung an AW.

Alexander zeigte darauf.

„MW.“

Vogt schwieg.

Alexander kannte die Antwort bereits.

Margarete Winter.

Doch dann bemerkte er etwas auf der Rückseite.

Eine zweite Notiz.

Nur ein Satz.

Medizinische Bestätigung erhalten. Vaterschaft intern als sehr wahrscheinlich eingestuft. Vorgehen unverändert.

Alexander starrte darauf.

Das bedeutete, dass sie nicht nur von der Schwangerschaft gewusst hatten.

Sie hatten gewusst, dass die Kinder wahrscheinlich seine waren.

Und trotzdem hatten sie jeden Brief abgefangen.

Alexander fotografierte jede Seite.

Dann wandte er sich an Vogt.

„Wo ist Baumann?“

„Herr Winter …“

„Wo?“

Vogt zögerte.

„Er lebt seit zwei Jahren am Starnberger See.“

Alexander nahm die Akte.

Als er das Gebäude verließ, klingelte sein Telefon.

Katharina.

Er nahm sofort ab.

„Was ist passiert?“

Ihre Stimme klang anders.

Angespannt.

„Alexander, Andreas ist hier.“

„Bei dir?“

„Ja.“

„Warum?“

Am anderen Ende herrschte kurz Stille.

Dann sagte Katharina:

„Weil er etwas mitgebracht hat, das er mir vor fünf Jahren nie gezeigt hat.“

Alexander blieb mitten auf dem Gehweg stehen.

„Was?“

„Eine Kopie des Schreibens, das deine Familie an seine Klinik geschickt hat, kurz nachdem meine Schwangerschaft bestätigt worden war.“

Alexander schloss die Augen.

„Was steht darin?“

Katharina antwortete nicht sofort.

Als sie schließlich sprach, war ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

„Sie wollten wissen, ob es eine medizinische Möglichkeit gäbe, die Vaterschaft der drei Kinder bereits vor ihrer Geburt zweifelsfrei festzustellen.“

Alexander öffnete die Augen.

„Dann wollten sie Gewissheit.“

„Ja.“

„Und?“

Katharina atmete tief ein.

„Andreas sagt, das war nicht die einzige Anfrage.“

Alexander spürte, wie sich seine Finger um das Telefon schlossen.

„Was war die andere?“

„Jemand wollte wissen, welche medizinischen Risiken meine Drillingsschwangerschaft hatte.“

Alexander sagte nichts.

Katharina fuhr fort.

„Und wie wahrscheinlich es war, dass alle drei Kinder überhaupt gesund zur Welt kommen.“

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.**

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