Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass der Knochen in meinem rechten Unterarm tatsächlich gebrochen war.
Während eine Ärztin die Röntgenbilder überprüfte und mein Arm ruhiggestellt wurde, saß Anna Brenner neben meinem Bett und sagte fast nichts. Erst als die Tür geschlossen war und wir allein waren, öffnete sie ihre Aktentasche erneut.
„Es gibt etwas, das du verstehen musst, bevor die Polizei dich ausführlich befragt“, sagte sie.
Ich sah auf die Kopie mit der gefälschten Unterschrift.
„Wie lange wusste meine Großmutter davon?“
Anna zog langsam die Brille ab.
„Sie hatte seit ungefähr acht Monaten einen Verdacht.“
Mein Herz zog sich zusammen.
Acht Monate.
Das bedeutete, dass Elisabeth schon lange vor ihrem Tod gewusst hatte, dass etwas nicht stimmte.
„Warum hat sie mir nichts gesagt?“
„Weil sie keine Vermutung an dich weitergeben wollte. Sie wollte Beweise.“
Anna legte mehrere Ausdrucke nebeneinander auf die Bettdecke.
Bankbewegungen.
Grundbuchauszüge.
Gesellschaftsregister.
Darlehensverträge.
Je länger ich hinsah, desto weniger verstand ich.
„Was ist die Bergmann Projektverwaltung GmbH?“
„Eine Gesellschaft, die vor sechs Jahren gegründet wurde.“
„Von wem?“
Anna tippte mit dem Finger auf eine Zeile.
Geschäftsführer: Markus Berger.
Mir wurde übel.
„Mein Vater?“
„Bis vor drei Jahren offiziell. Danach wechselte die Geschäftsführung zweimal.“
Sie zog einen weiteren Ausdruck hervor.
Der aktuelle Geschäftsführer hieß Tobias Kern.
Der Name sagte mir nichts.
„Und was hat diese Firma mit dem Erbe zu tun?“
Anna atmete langsam aus.
„Mehr, als uns lieb ist.“
Sie erklärte mir, dass mehrere Zahlungen aus dem Vermögen meiner Großmutter an diese Gesellschaft gegangen waren. Zuerst kleinere Beträge, die leicht als Verwaltungskosten oder Investitionen hätten erklärt werden können.
Dann wurden die Summen größer.
Fünfzigtausend Euro.
Hundertzwanzigtausend.
Dreihunderttausend.
Später tauchten Darlehen auf, die angeblich von Elisabeth genehmigt worden waren.
„Hat sie diese unterschrieben?“
„Nach ihrer Aussage niemals.“
Anna schob mir eine Kopie zu.
Die Unterschrift meiner Großmutter sah täuschend echt aus.
Aber ich kannte Elisabeths Handschrift.
Bei ihrem Nachnamen zog sie den letzten Buchstaben immer leicht nach oben.
Auf dem Dokument tat er es nicht.
„Gefälscht.“
Anna nickte.
„Das hat sie ebenfalls gesagt.“
Ich lehnte meinen Kopf gegen das Kissen.
Plötzlich erschien mir der heutige Nachmittag in einem völlig anderen Licht.
Es ging nicht nur darum, mir nach dem Tod meiner Großmutter Häuser und Grundstücke abzunehmen.
Wenn mein Vater bereits Jahre vorher Vermögen verschoben hatte, musste meine Unterschrift vielleicht etwas anderes bewirken.
„Wollte er, dass ich seine alten Geschäfte bestätige?“
Anna sah mich lange an.
„Genau das versuchen wir herauszufinden.“
In diesem Moment klopfte es.
Zwei Kriminalbeamte betraten das Zimmer.
Der ältere stellte sich als Kriminalhauptkommissar David Krüger vor. Neben ihm stand eine jüngere Ermittlerin namens Miriam Vogt.
Krüger legte einen kleinen Recorder auf den Tisch.
„Frau Berger, wir wissen, dass Sie verletzt sind. Wenn es Ihnen zu viel wird, brechen wir sofort ab.“
„Ich kann reden.“
Miriam setzte sich ans Fußende meines Bettes.
„Wir haben die Aufnahmen aus Ihrer Brosche vollständig gesichert.“
Sie hielt kurz inne.
„Darauf ist nicht nur der Angriff zu sehen.“
Ich wusste sofort, was sie meinte.
Mein Vater hatte offen davon gesprochen, einen befreundeten Psychiater zu benutzen, um mich für geschäftsunfähig erklären zu lassen.
„Haben Sie diesen Psychiater gefunden?“
Krüger antwortete nicht sofort.
„Wir haben in den Nachrichten auf dem Telefon Ihres Vaters einen Namen gefunden.“
„Wer?“
„Dr. Henrik Voss.“
Ich kannte ihn.
Nicht persönlich.
Aber ich hatte den Namen schon einmal gehört.
„Der war bei der Beerdigung meiner Großmutter.“
Anna sah sofort zu mir.
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Die Erinnerung kam plötzlich zurück.
Ein hochgewachsener Mann mit silbergrauem Haar hatte nach der Trauerfeier lange mit meinem Vater gesprochen.
Damals hatte ich angenommen, er sei ein alter Bekannter.
„Meine Großmutter kannte ihn auch“, sagte ich. „Ich glaube, er war früher ihr Arzt.“
Krüger und Miriam wechselten einen Blick.
„Das ist wichtig“, sagte Miriam.
„Warum?“
Krüger schlug seine Mappe auf.
„Weil wir auf dem Laptop Ihres Vaters einen Entwurf für ein psychiatrisches Gutachten gefunden haben.“
Mein Atem stockte.
„Über mich?“
„Ja.“
„Aber ich bin nie von ihm untersucht worden.“
„Das Gutachten war trotzdem fast fertig.“
Mir wurde kalt.
Miriam fuhr fort.
„Darin wird behauptet, Sie hätten seit Jahren schwere paranoide Episoden, seien finanziell unzurechnungsfähig und würden Familienmitglieder wiederholt falsch beschuldigen.“
Ich starrte sie an.
Sie hatten tatsächlich vorgehabt, genau das zu tun, was mein Vater mir ins Gesicht gesagt hatte.
Nur offenbar nicht irgendwann.
Sondern sehr bald.
„War es datiert?“
„Für kommenden Montag.“
Heute war Freitag.
Drei Tage.
Mehr hatten sie nicht gebraucht.
Anna legte die Hände ineinander.
„Das erklärt die Dringlichkeit.“
„Welche Dringlichkeit?“, fragte ich.
Sie blickte auf die Unterlagen.
„Wenn das Gutachten bereits vorbereitet war, sollte wahrscheinlich unmittelbar danach ein Antrag auf Betreuung gestellt werden.“
Miriam nickte.
„Wir prüfen gerade, ob entsprechende Unterlagen ebenfalls existieren.“
Ich dachte an Jasmins Worte.
Sobald mich das Gericht zu ihrer gesetzlichen Betreuerin bestellt, wird niemand mehr etwas infrage stellen.
Sie hatten nicht improvisiert.
Alles war vorbereitet gewesen.
Mein Vater hatte nur geglaubt, ich würde mich schneller ergeben.
Krüger zog nun einen durchsichtigen Beweismittelbeutel hervor.
Darin lag Giselas Handy.
„Ihre Stiefschwester hat erstaunlich viel gefilmt.“
Zum ersten Mal seit unserer Ankunft im Krankenhaus empfand ich so etwas wie bitteren Trost.
Gisela hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht, mich zu demütigen.
Jetzt war genau dieses Vergnügen zu Beweismaterial geworden.
„Hat sie etwas gelöscht?“
„Sie hat es versucht.“
Miriam lächelte kaum merklich.
„Aber nicht erfolgreich.“
Krüger blätterte weiter.
„Auf ihrem Telefon befinden sich auch ältere Videos.“
Ich richtete mich etwas auf.
„Was für Videos?“
„Aufnahmen Ihrer Großmutter.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Elisabeth?“
„Mehrere Clips aus ihrem Haus. Einige wurden Wochen vor ihrem Tod aufgenommen.“
Anna wurde plötzlich vollkommen still.
„Was ist darauf zu sehen?“
Krüger sah zuerst sie, dann mich an.
„Das müssen wir noch auswerten. Aber mindestens eines der Videos wurde offenbar heimlich aufgenommen.“
„Von wem?“
„Gisela.“
Ich schloss die Augen.
Natürlich.
Sie filmte alles.
Immer.
Menschen waren für sie Material gewesen.
Peinliche Momente.
Streit.
Tränen.
Vielleicht hatte sie irgendwann etwas aufgezeichnet, ohne zu begreifen, wie wichtig es war.
Mein Handy lag auf dem Nachttisch.
Eine Pflegekraft hatte es mir aus meiner Tasche gegeben.
Plötzlich begann es zu vibrieren.
Unbekannte Nummer.
Miriam sah auf das Display.
„Nicht rangehen.“
Der Anruf verstummte.
Sekunden später erschien eine Nachricht.
Ich nahm das Handy mit der linken Hand.
Nur ein Satz.
**Du weißt nicht, was Elisabeth wirklich getan hat. Frag Anna nach dem roten Ordner.**
Ich las ihn zweimal.
Dann ein drittes Mal.
Anna stand so schnell auf, dass ihr Stuhl nach hinten rutschte.
„Zeig mir das.“
Ich hielt ihr das Telefon hin.
Als sie die Worte sah, verschwand jede Farbe aus ihrem Gesicht.
„Anna?“
Sie antwortete nicht.
„Was ist der rote Ordner?“
Krüger stand ebenfalls auf.
„Frau Brenner?“
Anna blickte zur geschlossenen Tür.
Dann zu mir.
Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, wirkte sie nicht kontrolliert.
Sie wirkte erschrocken.
„Der rote Ordner“, sagte sie langsam, „war das Einzige, was nach Elisabeths Tod nicht mehr in ihrem Safe lag.“
„Was war darin?“
Anna sah mich an.
„Die Beweise, mit denen sie beweisen wollte, dass dein Vater nicht der Einzige war, der sie bestohlen hat.“
In diesem Moment verstand ich, dass die Ermittlung gerade eine neue Richtung genommen hatte.
Mein Vater war gefährlich.
Jasmin war gierig.
Gisela hatte alles gefilmt.
Doch offenbar gab es noch jemanden, den meine Großmutter lange vor ihrem Tod gefürchtet hatte.
Und dieser jemand wusste jetzt, dass ich noch lebte.
**Es geht weiter — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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