Ich sah Anna an, doch sie wich meinem Blick nicht aus.
„Wenn Elisabeth dir misstraut hat, warum hast du mir dann nie etwas davon erzählt?“
„Weil ihr Verdacht nicht bedeutete, dass sie mich für die Verräterin hielt.“
Krüger verschränkte die Arme.
„Dann erklären Sie uns den 14. März.“
Anna öffnete ihre Aktentasche und holte einen dünnen Umschlag hervor.
„Elisabeth hatte damals festgestellt, dass Informationen aus unserer Vorbereitung bei Markus ankamen. Dinge, über die wir ausschließlich in vertraulichen Gesprächen gesprochen hatten.“
„Welche Dinge?“, fragte ich.
„Unter anderem, dass sie unabhängige Gutachten über ihre geistige Zurechnungsfähigkeit eingeholt hatte.“
Mir fiel sofort das Video von Dr. Voss ein.
Er hatte versucht, sie als verwirrt und paranoid darzustellen.
„Und mein Vater wusste davon?“
„Innerhalb von achtundvierzig Stunden.“
Anna legte drei Seiten nebeneinander.
„Deshalb haben wir einen Test gemacht.“
Krüger trat näher.
„Was für einen Test?“
„Elisabeth gab drei verschiedenen Personen drei unterschiedliche falsche Informationen.“
Ich verstand.
„Um zu sehen, welche davon bei meinem Vater landet.“
Anna nickte.
„Mir sagte sie, die wichtigsten Originalunterlagen würden in einem Bankschließfach liegen. Markus ließ sie glauben, er wisse nichts davon.“
„Aber?“
„Zwei Tage später versuchte jemand mit einer gefälschten Vollmacht herauszufinden, ob Elisabeth bei dieser Bank tatsächlich ein Schließfach besaß.“
Mir stockte der Atem.
„Dann kam die Information von dir.“
„Oder von jemandem, der meine Kommunikation überwachte.“
Krüger fragte sofort:
„Warum haben Sie das damals nicht angezeigt?“
„Weil wir noch keinen Beweis hatten, wie die Information weitergegeben worden war.“
Anna zog ein weiteres Blatt hervor.
„Nach Elisabeths Tod ließ ich meine Kanzleisysteme prüfen. Dabei wurde festgestellt, dass sich mehrfach ein fremdes Gerät in einen alten Cloud-Zugang eingeloggt hatte.“
„Von wo?“
„Unter anderem aus dem Haus von Markus.“
Das Zimmer wurde still.
Ich starrte sie an.
„Mein Vater hat deine Daten gelesen?“
„Davon gehen wir inzwischen aus.“
„Wie kam er an dein Passwort?“
Anna senkte kurz den Blick.
„Vor Jahren hatte ich für deine Großmutter und Markus gemeinsam eine gesellschaftsrechtliche Angelegenheit betreut. Für einen geschützten Datenraum wurden damals Zugangsdaten ausgetauscht. Ich habe später dasselbe Grundpasswort bei einem alten Archivkonto weiterverwendet.“
Krüger verzog das Gesicht.
„Ein schwerer Fehler.“
„Ja.“
Anna sagte es ohne jede Verteidigung.
„Und Elisabeth wusste davon?“
„Seit dem 14. März.“
Jetzt verstand ich ihre Reaktion auf die Nachricht.
Sie hatte nicht Angst gehabt, weil sie schuldig war.
Sie hatte Angst gehabt, weil der unbekannte Absender genau von dem einen Fehler wusste, der Elisabeth beinahe dazu gebracht hatte, ihr zu misstrauen.
„Warum hat meine Großmutter dich trotzdem weiter in den Plan einbezogen?“
Anna sah mich an.
„Weil wir anschließend nur noch falsche Informationen über dieses Konto laufen ließen.“
Krüger hob den Kopf.
„Eine Falle.“
„Ja.“
Anna zog ein Protokoll hervor.
„Und Markus reagierte auf zwei davon.“
Zum ersten Mal seit der Nachricht auf meinem Telefon spürte ich, wie sich der Knoten in meinem Magen etwas löste.
Nicht vollständig.
Aber genug.
Dann klingelte Krügers Telefon.
Er ging ans Fenster.
„Krüger.“
Er hörte eine Weile schweigend zu.
„Sind Sie sicher?“
Eine Pause.
„Nichts anfassen. Wir kommen.“
Er legte auf.
„Tobias Kern wurde gefunden.“
Ich richtete mich trotz des Schmerzes auf.
„Wo?“
„In einem Ferienhaus bei Werder.“
„Verhaftet?“
Krüger nickte.
„Er hat versucht, über die Hintertür zu fliehen.“
Anna schloss die Aktentasche.
„Und der rote Ordner?“
„Lag auf dem Küchentisch.“
Das Foto auf meinem Handy war also echt gewesen.
„Hat Kern mir die Nachrichten geschickt?“
„Das prüfen wir. Aber das Telefon, von dem die Nachrichten kamen, wurde im Haus gefunden.“
Ich atmete langsam aus.
Zumindest wusste ich jetzt, dass kein unsichtbarer vierter Gegner draußen herumging.
Der Mann, der mich bedroht hatte, gehörte zu dem Kreis, den Elisabeth bereits kannte.
Krüger setzte sich wieder.
„Es gibt noch etwas.“
Seine Stimme klang anders.
„Kern hat unmittelbar nach seiner Festnahme erklärt, er wolle aussagen.“
Anna und ich sahen uns an.
„Gegen wen?“, fragte ich.
„Gegen Markus Berger und Henrik Voss.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Warum sollte er das tun?“
„Weil er glaubt, dass beide ihn opfern wollten.“
Krüger machte eine kurze Pause.
„Und weil wir ihm gezeigt haben, was wir im Keller gefunden haben.“
Die zwölf Kartons.
Die Gesellschaftsverträge.
Die gefälschten Unterschriften.
Die Unterlagen über mich.
„Was sagt er?“
Krüger blätterte in seinen Notizen.
„Nach seiner vorläufigen Aussage begann alles vor Jahren mit Immobiliengeschäften. Ihr Vater suchte nach einer Möglichkeit, Vermögen aus dem Besitz Ihrer Großmutter zu verschieben, ohne dass es sofort auffiel.“
Kern hatte Gesellschaften bereitgestellt.
Markus hatte familiäre Vollmachten und persönliche Daten beschafft.
Und Voss sollte einspringen, sobald Elisabeth widersprach.
„Er hat also wirklich medizinische Gutachten manipuliert.“
„Nach Kerns Aussage ja.“
Mir wurde schlecht.
„Und ich?“
Krüger sah mich ernst an.
„Ihr Name wurde benutzt, weil Sie später alles erben sollten.“
Ich kannte die Erklärung bereits.
Aber sie aus dem Mund eines Ermittlers zu hören, machte sie endgültig real.
„Kern behauptet, Markus habe schon vor Jahren gesagt, dass man Sie notfalls als Mitverantwortliche darstellen könne.“
Ich schloss die Augen.
Mein eigener Vater hatte also nicht erst gestern beschlossen, mich zu zerstören.
Gestern war nur der Moment gewesen, in dem sein Plan sichtbar geworden war.
„Was sollte nach meiner Unterschrift passieren?“
Krüger antwortete sofort.
„Am Montag sollte das Gutachten von Voss eingereicht werden. Parallel war ein Antrag vorbereitet, Jasmin Berger vorläufig mit bestimmten finanziellen Angelegenheiten zu betrauen.“
„Und danach?“
„Mehrere Immobilien sollten belastet oder übertragen werden.“
Anna fügte leise hinzu:
„Bevor du überhaupt verstanden hättest, was passiert.“
Mir liefen Tränen über die Wangen.
Nicht aus Angst.
Aus Wut.
„Und Gisela?“
Krüger legte seine Unterlagen beiseite.
„Sie wird gerade erneut vernommen.“
„Hat sie mitgemacht?“
„Sie behauptet, sie habe geglaubt, es gehe nur darum, Sie einzuschüchtern und Ihnen das Erbe abzunehmen.“
Das war schlimm genug.
„Aber auf ihrem Handy wurden Nachrichten gefunden, in denen Markus sie mehrfach auffordert, Dokumente in Annas Kanzlei zu fotografieren.“
Anna erstarrte.
„Wie sollte Gisela in meine Kanzlei kommen?“
Ich wusste es plötzlich.
„Die Weihnachtsfeier.“
Anna sah mich an.
Vor zwei Jahren hatte ihre Kanzlei eine kleine Feier für langjährige Mandanten veranstaltet.
Meine Familie war eingeladen gewesen.
Gisela war fast eine Stunde verschwunden.
Damals hatte sie behauptet, sie hätte draußen telefoniert.
„Sie war in deinem Büro.“
Krüger nickte.
„Auf ihrem Telefon befinden sich Fotos von Notizen und Zugangsdaten.“
Anna sagte minutenlang nichts.
Dann flüsterte sie:
„Darum konnte Markus auf das Archiv zugreifen.“
Das letzte offene Stück passte an seinen Platz.
Keine geheimnisvolle neue Person.
Keine unsichtbare Macht.
Nur dieselben Menschen, die sich jahrelang gegenseitig geholfen hatten.
Aus Gier.
Aus Feigheit.
Und weil sie überzeugt gewesen waren, dass niemand genau genug hinsah.
Am Nachmittag wurde ich entlassen.
Anna brachte mich nicht nach Hause.
Das Haus meines Vaters war weiterhin Tatort.
Stattdessen fuhr sie mich in eine kleine Wohnung, die meine Großmutter Jahre zuvor für Gäste gekauft hatte.
Auf dem Küchentisch lag bereits ein Umschlag.
Krüger hatte ihn durch einen Beamten bringen lassen.
Darin befand sich eine Kopie aus dem roten Ordner.
Eine handschriftliche Liste meiner Großmutter.
Oben standen drei Namen:
**Markus Berger.**
**Henrik Voss.**
**Tobias Kern.**
Unter jedem Namen hatte Elisabeth Daten, Zahlungen und Dokumentennummern notiert.
Ganz unten stand ein letzter Satz:
**Wenn alle drei glauben, dass Alina nichts weiß, werden sie versuchen, alles auf einmal zu beenden. Genau dann werden sie den Fehler machen, den wir brauchen.**
Ich las den Satz wieder und wieder.
Meine Großmutter hatte nicht gewusst, wann es passieren würde.
Aber sie hatte verstanden, wie mein Vater dachte.
Seine Gier hatte ihn unvorsichtig gemacht.
Seine Gewalt hatte die Kamera aktiviert.
Seine Drohungen hatten sein Motiv geliefert.
Seine erzwungenen Unterschriften hatten die alten Fälschungen mit der Gegenwart verbunden.
Und seine eigenen Verbündeten begannen nun gegeneinander auszusagen.
Doch als ich glaubte, der schlimmste Teil sei endlich vorbei, rief Krüger erneut an.
„Frau Berger, wir haben gerade das vollständige Verhör von Tobias Kern begonnen.“
„Und?“
Seine nächsten Worte ließen mich vollkommen still werden.
„Er behauptet, er könne beweisen, dass Ihr Vater bereits vor Elisabeths Tod wusste, dass seine Mutter ihn aus jedem Zugriff auf Ihr Erbe ausschließen würde.“
„Was bedeutet das?“
Krüger schwieg kurz.
Dann sagte er:
„Es bedeutet, dass wir jetzt sehr genau untersuchen müssen, was in den letzten Tagen vor dem Tod Ihrer Großmutter passiert ist.“
Ich blickte auf Elisabeths handschriftliche Liste.
Zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr nur, was mein Vater ihr weggenommen hatte.
Ich fragte mich, wie weit er gegangen war, als sie sich ihm endgültig widersetzte.
**Es geht weiter — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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