Der Ort lag fast neunzig Kilometer außerhalb der Stadt.
Ein altes Forsthaus am Rand eines dichten Waldgebiets, das mein Großvater vor Jahrzehnten gekauft hatte.
Als Kind hatte ich dort jeden Sommer mehrere Wochen verbracht.
Damals hatte ich Angst vor dem fensterlosen Keller gehabt. Mein Großvater hatte mich eines Abends an die Hand genommen, war mit mir die knarrende Treppe hinuntergegangen und hatte sämtliche Lampen ausgeschaltet.
„Dunkelheit ist nicht gefährlich, Elena“, hatte er gesagt. „Gefährlich ist nur, nicht zu wissen, was sich darin verbirgt.“
Danach hatte er mir beigebracht, mich ohne Licht zu orientieren.
Schritte zählen.
Wände ertasten.
Geräusche unterscheiden.
Ruhe bewahren.
Damals hatte ich geglaubt, es sei nur die geduldige Lektion eines Großvaters für ein ängstliches Kind gewesen.
Jetzt wusste ich es besser.
„Ich komme mit“, sagte Miriam.
Wir standen noch im Krankenhausflur.
Ich schüttelte den Kopf.
„Wenn sie Großvater haben, beobachten sie wahrscheinlich auch uns.“
„Genau deshalb sollten Sie nicht allein fahren.“
„Ich fahre auch nicht allein.“
Mein Blick fiel auf Weiss.
Er stand wenige Meter entfernt und telefonierte mit einer gesicherten Leitstelle.
Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, beendete er das Gespräch.
„Was?“
Ich hielt den Messingschlüssel hoch.
„Sie wollten Beweise.“
Seine Miene wurde hart.
„Wo?“
„Das erfahren Sie im Wagen.“
Miriam trat zwischen uns.
„Elena, nach allem, was heute passiert ist, wollen Sie ausgerechnet ihn mitnehmen?“
„Nein.“
Ich sah Weiss an.
„Ich will sehen, wie er reagiert, wenn wir finden, was mein Großvater versteckt hat.“
Eine halbe Stunde später fuhren wir los.
Nicht in einem Dienstfahrzeug.
Nicht über die direkte Route.
Miriam ließ zwei unmarkierte Teams mit großem Abstand folgen. Nur sie kannte die Adresse.
Zumindest glaubte ich das.
Während der Fahrt sagte Weiss fast nichts.
Ich beobachtete ihn immer wieder aus dem Augenwinkel.
„Kennen Sie das Forsthaus?“, fragte ich schließlich.
Seine Hände blieben ruhig.
„Nein.“
„Großvater besitzt es seit über dreißig Jahren.“
„Er besaß viele Immobilien.“
„Meine Eltern wollten, dass er sie überträgt.“
„Das wissen wir.“
„Dann erklären Sie mir, warum gerade dieses Grundstück in keinem der Dokumente aus dem Schuppen auftauchte.“
Jetzt sah er mich an.
Das war mir erst während der Fahrt aufgefallen.
Die gefälschten Urkunden betrafen Wohnungen, zwei Gewerbeobjekte, ein Ferienhaus und Beteiligungen.
Nicht das Forsthaus.
Obwohl es zu den ältesten Grundstücken meines Großvaters gehörte.
„Vielleicht kannten Ihre Eltern es nicht“, sagte Weiss.
„Ich war dort jeden Sommer. Meine Mutter kannte es.“
Weiss schwieg.
„Also wollten sie nicht das Haus.“
Langsam begann sich das Bild zu schließen.
„Sie wollten etwas, das mit den anderen Vermögenswerten verbunden war.“
Weiss nickte.
„Oder sie mussten erst die rechtliche Kontrolle über seinen Besitz bekommen, bevor sie an das herankamen, was wirklich zählt.“
Ich dachte an meinen Großvater im Schuppen.
Sechs Wochen.
Keine Medikamente.
Hunger.
Druck.
Unterschriften.
Sie hatten ihn nicht sofort getötet, weil sie ihn brauchten.
„Deshalb lebt er noch“, sagte ich.
Weiss sah nach vorne.
„Ja.“
Dieser eine Satz schnitt tiefer als erwartet.
Als wir den Wald erreichten, hatte der Regen wieder eingesetzt.
Das Forsthaus erschien zwischen den Bäumen wie ein dunkler Schatten.
Kein Licht.
Keine Fahrzeuge.
Keine sichtbaren Bewegungen.
Ich parkte dreihundert Meter entfernt.
Weiss wollte aussteigen.
„Warten.“
Ich nahm mein Fernglas.
Die Haustür war geschlossen.
Ein Fenster im Erdgeschoss stand jedoch einen Spalt offen.
Das wäre meinem Großvater niemals passiert.
„Jemand war hier.“
Weiss griff nach seiner Pistole.
„Ihre Leute?“
Ich sah ihn an.
„Unsere Leute bleiben zurück, bis ich sie rufe.“
Wir näherten uns über den Wald.
Der Boden war weich.
Etwa zwanzig Meter vom Haus entfernt kniete ich mich hin.
Stiefelabdrücke.
Mehrere.
Frisch.
„Mindestens drei Personen“, flüsterte ich.
Weiss deutete auf einen weiteren Abdruck.
„Einer hat etwas Schweres getragen.“
Oder jemanden.
Mein Magen zog sich zusammen.
Wir erreichten die Rückseite.
Die Küchentür war aufgebrochen worden.
Drinnen herrschte Chaos.
Schubladen herausgerissen.
Schränke geöffnet.
Bücher auf dem Boden.
Jemand hatte gesucht.
Gründlich.
Aber nicht erfolgreich.
Ich ging direkt zum Keller.
Die Tür stand offen.
Unten war es vollkommen dunkel.
Weiss schaltete seine Taschenlampe ein.
„Aus.“
„Elena—“
„Aus.“
Er gehorchte.
Ich trat in die Dunkelheit.
Zwölf Stufen.
Dann drei Schritte geradeaus.
Links die alte Werkbank.
Rechts das Regal mit eingemachten Gläsern.
Meine Finger glitten über die kalte Steinwand.
Und plötzlich war ich wieder acht Jahre alt.
„Wenn du nichts sehen kannst“, hatte mein Großvater gesagt, „musst du aufhören, deinen Augen zu vertrauen.“
Ich zählte.
Fünf Schritte.
Sechs.
Sieben.
Dann ertasteten meine Finger eine kleine Vertiefung im Mauerwerk.
Dort hatte früher ein alter eiserner Haken gesteckt.
Heute war er weg.
Ich kniete mich hin.
Unterhalb der Vertiefung befand sich ein kaum sichtbares Schlüsselloch.
Der Messingschlüssel passte.
Ein leises Klicken.
Dann bewegte sich ein Teil der Wand.
Weiss schaltete seine Lampe wieder ein.
Hinter den alten Steinplatten kam eine schmale Stahltür zum Vorschein.
„Das wusste ich nicht“, sagte er.
Ich sah ihn an.
Seine Überraschung wirkte echt.
Das beruhigte mich nicht.
Hinter der Tür führte eine kurze Treppe tiefer unter das Haus.
Der Raum darunter war trocken, kühl und erstaunlich modern.
Metallregale.
Ein kleiner Tisch.
Zwei alte Computerterminals.
Und an der gegenüberliegenden Wand ein Tresor.
Kein riesiges Geheimarchiv.
Keine Stapel belastender Akten.
Nur drei versiegelte Kisten.
Auf der ersten stand:
ARCTURUS.
Auf der zweiten:
FALK.
Auf der dritten:
VALE.
Ich blieb vor meinem eigenen Namen stehen.
Weiss flüsterte einen Fluch.
„Sie wussten davon?“
„Nein.“
„Was bedeutet Vale?“
Er antwortete nicht.
Ich zog die Kiste heraus.
Darin lagen Dutzende Fotos.
Meine Schulzeit.
Mein Studium.
Meine erste Wohnung.
Meine Bewerbung bei der Behörde.
Aufnahmen von mir, die ich nie gesehen hatte.
Einige waren aus großer Entfernung gemacht worden.
Andere aus Überwachungskameras.
„Mein Großvater hat mich überwacht?“
Weiss nahm eines der Bilder.
„Nicht Ihr Großvater.“
Auf der Rückseite stand ein Datum.
Und eine Kennung.
K.W.-17.
Ich sah Weiss an.
Er schloss kurz die Augen.
„Das waren meine Leute.“
Wut stieg in mir auf.
„Sie haben mich jahrelang beobachten lassen.“
„Zu Ihrem Schutz.“
„Sagen Sie diesen Satz noch einmal, und ich vergesse für einen Moment, dass Sie mein Vorgesetzter sind.“
Er legte das Foto zurück.
„Falks Netzwerk suchte Sie. Wir mussten wissen, ob jemand Kontakt aufnimmt.“
„Und deswegen haben Sie mein ganzes Leben dokumentiert?“
„Ja.“
Keine Ausrede.
Keine Beschönigung.
Das machte es fast schlimmer.
Ich öffnete die Kiste mit Falks Namen.
Bankunterlagen.
Passkopien.
Fotos.
Mehrere Identitäten.
Auf keinem der aktuellen Bilder erkannte ich den Mann.
Aber ein Foto ließ mich erstarren.
Adrian Falk stand neben meiner Mutter.
Sie war jung.
Vielleicht Mitte zwanzig.
Er hielt ihre Hand.
Auf der Rückseite hatte mein Großvater geschrieben:
Drei Wochen vor Elenas Geburt.
Darunter lag ein zweites Foto.
Falk.
Weiss.
Miriam.
Und mein Großvater.
Alle vier standen vor derselben Lagerhalle, in der Falk angeblich erschossen worden war.
Das Foto war auf den Tag nach der Schießerei datiert.
Ich drehte mich langsam zu Weiss.
„Erklären Sie mir das.“
Er wurde bleich.
„Das Datum kann nicht stimmen.“
„Tun Sie nicht so, als wäre das ein Tippfehler.“
„Am Tag nach dem Angriff war Falk verschwunden.“
„Aber hier steht er.“
Weiss nahm das Foto.
Seine Hände zitterten zum ersten Mal.
„Das ist unmöglich.“
Bevor ich antworten konnte, hörte ich über uns ein dumpfes Geräusch.
Ein Knarren.
Dann Schritte.
Weiss löschte sofort das Licht.
Wir standen reglos in der Dunkelheit.
Jemand war im Haus.
Ich zog meine Waffe.
Über uns bewegten sich mehrere Personen.
Langsam.
Systematisch.
Sie wussten, dass es den Keller gab.
Dann hörte ich eine Stimme.
Meine Mutter.
„Elena?“
Mir gefror das Blut.
Weiss sah mich an.
„Sie sollte in Gewahrsam sein.“
„War sie.“
Noch ein Schritt über uns.
Dann rief meine Mutter erneut:
„Elena, bitte! Sie haben deinen Großvater!“
Ich wollte zur Treppe.
Weiss packte meinen Arm.
„Das könnte eine Falle sein.“
„Natürlich ist es eine Falle.“
Ich löste seine Hand.
„Aber sie haben etwas, das ich brauche.“
„Ihren Großvater?“
„Die Wahrheit.“
Wir stiegen nach oben.
Als ich die Kellertür erreichte, blieb ich seitlich hinter der Wand.
„Mutter!“
„Leg die Waffe weg!“
Ihre Stimme zitterte.
„Wo ist Großvater?“
„Er lebt.“
„Wo?“
„Nicht hier.“
Natürlich.
„Wer hat dich aus dem Gewahrsam geholt?“
Stille.
Dann hörte ich einen Mann sagen:
„Genug.“
Diese Stimme kannte ich.
Nicht persönlich.
Aber ich hatte sie vor weniger als einer Stunde am Telefon gehört.
Der Mann, der im Verwaltungsgebäude so getan hatte, als könne er mich zu meinem Vater bringen.
„Kommen Sie hoch, Hauptfrau Vale.“
„Warum sollte ich?“
„Weil Ihre Mutter Ihnen etwas zeigen möchte.“
Ich hörte Schluchzen.
Dann sagte sie:
„Elena … dein Großvater hat nicht nur dich belogen.“
Ihre Stimme brach.
„Er hat mir mein ganzes Leben lang erzählt, Adrian sei dein Vater.“
Ich erstarrte.
Weiss blickte mich an.
„Was soll das heißen?“, rief ich.
Meine Mutter begann zu weinen.
„Es stimmt nicht.“
Ein leises Geräusch.
Dann raschelte Papier.
„Ich habe den Test gesehen“, sagte sie.
„Welchen Test?“
Sie antwortete kaum hörbar:
„Den DNA-Test, wegen dem sie deinen Großvater eingesperrt haben.“
Der Mann neben ihr sprach jetzt.
„Bringen Sie die Kiste mit Ihrem Namen nach oben, Hauptfrau Vale.“
Ich sah auf die geöffnete Kiste.
Ganz unten, unter den Fotos, lag ein versiegelter roter Umschlag, den ich zuvor nicht bemerkt hatte.
Darauf standen nur drei Worte in der Handschrift meines Großvaters:
FÜR ELENA. ALLEIN.
Ich riss ihn auf.
Darin lag kein DNA-Test.
Nur eine einzelne Seite.
Eine Liste mit vier Namen.
Adrian Falk.
Konrad Weiss.
Miriam Keller.
Und ein vierter Name, den ich noch nie zuvor gesehen hatte:
Dr. Viktor Reimann.
Neben diesem Namen hatte mein Großvater mit roter Tinte geschrieben:
**Elenas biologische Abstammung darf niemals in seine Hände fallen.**
Ich hob den Blick zu Weiss.
„Wer ist Viktor Reimann?“
Doch bevor er antworten konnte, schoss oben jemand.
Meine Mutter schrie.
Und durch das Haus hallte eine zweite Stimme:
„Hauptfrau Vale! Wenn Sie Ihren Großvater lebend wiedersehen wollen, bringen Sie mir die Unterlagen über Reimann.“
Da verstand ich endlich, dass die Entführung meines Großvaters, die Offshore-Konten und meine Rekrutierung nicht drei verschiedene Geheimnisse waren.
Sie waren Teile derselben Operation.
Und irgendjemand hatte sechsundzwanzig Jahre darauf gewartet, dass ich genau diese Tür öffnete.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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