Die Aufnahme flackerte.
Das Bild war körnig, die Farben ausgewaschen, doch niemand im Keller bewegte sich.
Auf dem Bildschirm lag meine Mutter erschöpft in einem Krankenhausbett. Mein Großvater stand neben ihr, jünger, kräftiger, aber mit demselben ernsten Blick, den ich mein ganzes Leben gekannt hatte.
Konrad Weiss stand am Fenster.
Und irgendwo außerhalb des Bildes weinte ein Neugeborenes.
Ich.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, sagte mein Großvater in der Aufnahme.
Der junge Weiss drehte sich um.
„Reimann sucht bereits nach dem Kind.“
Meine Mutter begann zu schluchzen.
„Er hat versprochen, sie in Ruhe zu lassen.“
„Viktor Reimann hält keine Versprechen“, sagte mein Großvater.
Ich sah zu Weiss.
Der Mann neben mir war kreidebleich.
„Sie erinnern sich daran“, sagte ich.
„An diesen Raum ja.“
„Aber nicht an die Aufnahme?“
„Ich wusste nicht, dass Ihr Großvater gefilmt hat.“
Auf dem Bildschirm sprach meine Mutter.
„Dann sagt Elena später einfach, Adrian sei ihr Vater.“
Weiss schüttelte den Kopf.
„Falk wird das nicht gefallen.“
Mein Atem stockte.
Dann trat ein vierter Mann ins Bild.
Adrian Falk.
Jünger als auf den späteren Fotos.
Er trug einen dunklen Mantel und hielt eine blutige Kompresse gegen seine Seite.
Also war die Aufnahme nach einem Angriff entstanden.
Vielleicht sogar nach jener Schießerei, bei der mein Großvater geglaubt hatte, Falk sterben zu sehen.
„Sie lebt?“, fragte Falk.
Meine Mutter nickte.
Er ging zum Bett.
Für einen Moment glaubte ich, ich würde sehen, wie mein angeblicher Vater mich zum ersten Mal betrachtete.
Doch Falk sah nicht auf das Baby.
Er sah meinen Großvater an.
„Reimann darf niemals wissen, wer ihr Vater ist.“
Mein Herz hämmerte.
„Dann wissen sie es alle“, flüsterte ich.
Miriam stand hinter mir.
„Offenbar.“
Auf der Aufnahme fragte Weiss:
„Und wer ist er?“
Falk lächelte bitter.
„Wenn ich das sage, sterben wir alle.“
Die Datei sprang.
Für drei Sekunden war nur Rauschen zu hören.
Dann erschien mein Großvater wieder.
Diesmal stand er direkt vor der Kamera.
„Falls Elena diese Aufnahme irgendwann sieht, sind unsere Schutzmaßnahmen gescheitert.“
Ich konnte kaum atmen.
„Adrian Falk ist nicht ihr Vater“, sagte er.
Meine Mutter drehte den Kopf weg.
„Viktor Reimann ebenfalls nicht.“
Mein Großvater sah direkt in die Linse.
„Ihr biologischer Vater war ein Mann namens Matthias Vale.“
Mein Nachname.
Ich hatte immer geglaubt, Vale sei nur der Name, unter dem meine Familie seit Generationen geführt wurde.
Weiss flüsterte neben mir:
„Matthias.“
Ich fuhr zu ihm herum.
„Sie kennen ihn.“
Weiss schloss kurz die Augen.
„Ja.“
Auf dem Bildschirm sprach mein Großvater weiter.
„Matthias Vale arbeitete gemeinsam mit Falk daran, Reimanns genetisches Archiv zu zerstören. Als Reimann erkannte, dass Matthias Kopien der Zugangsschlüssel angefertigt hatte, ließ er ihn töten.“
Meine Mutter begann im Video zu weinen.
„Hör auf.“
Doch Großvater sprach weiter.
„Vor seinem Tod veränderte Matthias das System. Der Zugriff wurde geteilt. Ein Teil wurde in einem physischen Schlüssel gespeichert. Der zweite wurde an eine direkte biologische Linie gebunden.“
An mich.
Weiss setzte sich langsam auf einen der alten Stühle.
„Jetzt ergibt es Sinn.“
Ich sah ihn an.
„Was?“
„Warum Reimann Sie lebend braucht.“
Auf dem Video hob Falk die Stimme.
„Das Kind darf niemals in staatlichen Datenbanken auftauchen.“
Weiss antwortete:
„Das ist unmöglich.“
„Dann kontrolliere, wo sie auftaucht.“
Stille.
Ich verstand plötzlich.
„Meine Rekrutierung.“
Weiss sah zu mir.
Diesmal wich er nicht aus.
„Ja.“
„Sie haben mich nicht nur geschützt.“
„Nein.“
„Sie haben mich dort platziert, wo Sie meine biometrischen Daten kontrollieren konnten.“
„Und wo wir bemerkt hätten, wenn jemand danach gesucht hätte.“
„Deshalb wurde ich rekrutiert.“
„Nicht nur deshalb.“
Meine Stimme wurde scharf.
„Sparen Sie sich das.“
Die Aufnahme lief weiter.
Mein Großvater hielt etwas in die Kamera.
Eine feine Metallkette.
Daran hing ein kleiner schwarzer Anhänger.
„Dies ist Matthias’ Hälfte des Zugangsschlüssels.“
Ich trat näher an den Bildschirm.
Also hatte meine Mutter die Wahrheit gesagt.
Mein Großvater hatte ihn seit meiner Geburt getragen.
„Sollte Reimann ihn bekommen und Elena gleichzeitig in seine Gewalt bringen, kann er das Archiv öffnen.“
Die Aufnahme stoppte.
Niemand sagte etwas.
Dann bemerkte Miriam eine weitere Datei.
Kein Video.
Eine Textdatei.
Sie öffnete sie.
Nur eine Adresse.
Und darunter ein Satz:
Falls sie mich holen, bringt Elena nicht zu mir. Holt zuerst Matthias’ Schlüssel zurück.
Meine Mutter starrte auf die Adresse.
„Ich kenne den Ort.“
Wir sahen sie an.
„Wo ist das?“, fragte ich.
Ihre Stimme zitterte.
„Ein altes medizinisches Forschungszentrum außerhalb von Potsdam. Reimann hat dort vor sechs Jahren mit uns gesprochen.“
Weiss stand sofort auf.
„Dann ist das vermutlich sein Standort.“
„Oder eine Falle“, sagte Miriam.
„Beides.“
Ich nahm mein Handy.
„Wir gehen.“
Meine Mutter packte meinen Arm.
„Elena, du kannst da nicht einfach hinein.“
Ich sah sie an.
„Großvater ist dort.“
„Genau deshalb wollen sie dich.“
„Und genau deshalb werde ich ihnen nicht geben, was sie erwarten.“
Eine Stunde später lagen wir auf einem bewaldeten Hügel oberhalb des verlassen wirkenden Forschungskomplexes.
Miriams Leute hatten das Gelände vollständig abgeriegelt.
Keine Sirenen.
Kein Licht.
Nur Wärmebildkameras und leise Funkmeldungen.
„Elf Personen im Hauptgebäude“, sagte der Einsatzleiter. „Zwei draußen. Eine Person im Untergeschoss.“
„Großvater“, sagte ich.
„Möglich.“
Dann meldete sich ein Techniker.
„Wir haben noch etwas.“
Auf seinem Bildschirm erschien ein verschlüsseltes Signal.
Es kam direkt aus dem Gebäude.
„Was ist das?“
„Biometrisches System.“
Weiss fluchte.
„Reimann bereitet den Zugriff vor.“
„Aber er hat mich nicht.“
Der Techniker sah mich an.
„Er hat offenbar bereits einen Teil Ihrer biometrischen Daten.“
Natürlich.
Meine medizinischen Daten.
Meine DNA.
Alles, was über Jahre in der Behörde gespeichert worden war.
„Reicht das?“
Weiss schüttelte den Kopf.
„Nein. Die Aufnahme sagte ausdrücklich direkte biologische Bestätigung. Er braucht Sie lebend.“
Plötzlich erschien auf meinem Handy ein eingehender Videoanruf.
Unbekannte Nummer.
Miriam wollte mich aufhalten.
Ich nahm an.
Das Gesicht meines Großvaters erschien.
Er saß auf einem Stuhl.
Blut an der Stirn.
Hinter ihm stand ein dünner älterer Mann mit weißem Haar.
Ich wusste sofort, wer er war.
Viktor Reimann.
„Hauptfrau Vale“, sagte er ruhig.
„Sie sehen Ihrer Mutter ähnlich.“
„Lassen Sie meinen Großvater frei.“
„Bringen Sie mir die VALE-Kiste.“
„Die interessiert Sie nicht.“
Reimann lächelte.
„Gut. Dann haben Sie mehr verstanden, als Ihre Eltern jemals verstanden haben.“
Er hob die schwarze Kette in die Kamera.
Matthias’ Schlüssel.
Mein Großvater schloss die Augen.
Reimann hielt den Anhänger zwischen zwei Fingern.
„Eine Hälfte habe ich.“
Dann sah er direkt in die Kamera.
„Die andere steht gerade auf einem Hügel außerhalb meines Gebäudes.“
Mein Blut wurde kalt.
Er wusste genau, wo wir waren.
„Sie haben fünf Minuten“, sagte Reimann.
„Danach brauche ich Ihren Großvater nicht mehr.“
Die Verbindung brach ab.
Miriam sah mich an.
„Sie gehen da nicht hinein.“
Ich starrte auf das dunkle Gebäude.
Dann auf den Plan, den der Einsatzleiter vor uns ausgebreitet hatte.
„Doch.“
„Elena—“
„Aber nicht so, wie Reimann erwartet.“
Ich zeigte auf den Versorgungstunnel unter dem Westflügel.
„Hier.“
Weiss beugte sich vor.
„Der Tunnel endet im Untergeschoss.“
„Genau.“
Miriam verstand zuerst.
„Sie wollen nicht zu Reimann.“
„Nein.“
Ich überprüfte meine Waffe.
„Ich hole Großvater heraus, bevor Reimann merkt, dass ich überhaupt im Gebäude bin.“
Vier Minuten später kroch ich durch einen engen, kalten Versorgungsschacht.
Hinter mir folgten zwei Einsatzkräfte.
Über Funk hörte ich Weiss die Positionen koordinieren.
Dann erreichten wir eine Gitteröffnung.
Dahinter lag ein weiß beleuchteter Raum.
Mein Großvater saß dort.
Allein.
Ich wollte das Gitter bereits lösen, als er plötzlich den Kopf hob.
„Elena“, sagte er.
Ich erstarrte.
Er konnte mich unmöglich sehen.
Dann bemerkte ich die kleine Kamera in der Ecke.
Reimanns Stimme ertönte aus einem Lautsprecher.
„Sehr gut.“
Metall klirrte hinter uns.
Der Tunnel wurde von beiden Seiten verriegelt.
„Ich habe mich gefragt, ob du denselben Weg wählen würdest wie dein Vater.“
Ich hob meine Waffe.
Zu spät.
Gas begann aus den Lüftungsschlitzen zu strömen.
Einer der Einsatzkräfte sackte neben mir zusammen.
Ich zog meine Maske hoch, aber meine Sicht verschwamm bereits.
Mein Großvater schlug verzweifelt gegen die Glasscheibe.
„Nein!“
Reimanns Stimme blieb vollkommen ruhig.
„Matthias Vale machte vor sechsundzwanzig Jahren denselben Fehler.“
Meine Knie gaben nach.
Das Letzte, was ich sah, bevor alles schwarz wurde, war die Tür hinter meinem Großvater.
Sie öffnete sich.
Viktor Reimann trat ein.
In seiner Hand hielt er den schwarzen Schlüssel.
Und er sagte:
„Jetzt können wir endlich öffnen, wofür dein Vater gestorben ist.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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