Ich las die Nachricht ein zweites Mal.
Dann ein drittes.
Solange Nathan nichts über das Konto weiß, bleibt uns genug Zeit.
„Welches Konto?“
Der Feldjäger nahm das Tablet zurück.
„Das versuchen wir gerade zu klären.“
„Sie haben eine Kontonummer?“
„Nur eine teilweise geschwärzte Referenz in einem gelöschten Anhang.“
Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.
„Zeigen Sie sie mir.“
Er zögerte, wischte dann über den Bildschirm.
Unter mehreren wiederhergestellten Nachrichten erschien ein Dokumentenname.
W-7714_Vollmacht_final.
Darunter befand sich eine Zahlenfolge.
Die letzten vier Ziffern waren sichtbar.
7714.
Mir stockte der Atem.
Clara bemerkte es sofort.
„Nathan?“
Ich antwortete nicht.
Denn plötzlich war ich neunzehn Jahre alt.
Mein Vater war damals gestorben.
Kein dramatischer Tod. Kein Abschied. Ein Anruf mitten in der Nacht, danach Krankenhausflure, Beerdigung, Formulare und meine Mutter, die mir immer wieder sagte, ich solle mich auf meine militärische Laufbahn konzentrieren.
Sie würde alles Finanzielle regeln.
Es gebe nichts, worüber ich mir Gedanken machen müsse.
Einige Monate später hatte ich zufällig einen Brief zwischen ihren Unterlagen gesehen.
Oben stand eine Kontonummer.
Die letzten vier Ziffern waren 7714.
Als ich fragte, was das sei, hatte meine Mutter mir den Brief aus der Hand genommen.
„Eine alte Sache deines Vaters.“
„Was für eine Sache?“
„Erledigt.“
Ich hatte ihr geglaubt.
Oder vielleicht hatte ich einfach beschlossen, ihr zu glauben, weil es einfacher gewesen war.
„Ich kenne diese Nummer“, sagte ich.
Der Feldjäger setzte sich gerader hin.
„Woher?“
„Sie gehörte zu Unterlagen meines Vaters.“
Clara sah mich verwirrt an.
„Du hast mir nie von einem Konto erzählt.“
„Weil ich dachte, es existiert nicht mehr.“
Ich sah wieder auf das Tablet.
„Meine Mutter sagte mir damals, die finanziellen Angelegenheiten meines Vaters seien abgeschlossen.“
„Wann war das?“
„Vor fünfzehn Jahren.“
Der Feldjäger notierte etwas.
„Gab es ein Testament?“
„Meine Mutter sagte, nein.“
„Lebensversicherung?“
„Sie sagte, die sei für Beerdigungskosten und offene Verbindlichkeiten verwendet worden.“
„Erbschaft?“
„Nichts Nennenswertes.“
Mit jedem Satz hörte ich selbst, wie lächerlich es klang.
Nicht, weil es unmöglich gewesen wäre.
Sondern weil jede einzelne Information aus derselben Quelle gekommen war.
Von meiner Mutter.
Der zweite Feldjäger trat näher.
„Herr Weber, wir haben bei der Durchsuchung Ihrer Wohnung nicht nur das Betreuungsformular gefunden.“
Er öffnete eine weitere Datei.
„Auf dem Laptop Ihrer Mutter befand sich ein Entwurf für eine umfassendere Vollmacht.“
Ich nahm das Tablet.
Der erste Teil sah harmlos aus.
Medizinische Entscheidungen.
Vorübergehende Kinderbetreuung.
Vertretung in dringenden familiären Angelegenheiten.
Dann kamen die nächsten Seiten.
Kontozugriff.
Vermögensverwaltung.
Vertretung gegenüber Banken.
Berechtigung, bestehende Vollmachten zu ändern.
Ich hob den Blick.
„Das ist keine Betreuungsvollmacht.“
„Nein.“
„Das ist eine Generalvollmacht.“
„Inhaltlich kommt es dem sehr nahe.“
Clara flüsterte meinen Namen.
Ich ging zurück zu ihrem Bett.
„Sie wollte also zuerst Claras Unterschrift.“
„So sieht es aus.“
„Und dann meine.“
Der Feldjäger nickte.
Plötzlich ergab ein Teil des Plans Sinn.
Nicht alles.
Aber genug.
Meine Mutter hatte Clara so lange unter Druck gesetzt, bis sie körperlich zusammenbrach.
Sie hatte ihr Medikamente gegeben, die sie schläfrig und verwirrt machten.
Sie hatte versucht, sie dazu zu bringen, Dokumente zu unterschreiben, die ihr selbst Entscheidungsgewalt über unseren Sohn gegeben hätten.
Und sobald Clara als „überfordert“ oder „instabil“ dargestellt werden konnte, hätte meine Mutter mir vermutlich erklärt, dass schnelle Lösungen nötig seien.
Nur vorübergehend.
Nur bis Clara wieder gesund sei.
Nur eine Unterschrift.
Ich konnte ihre Stimme bereits hören.
Vertrau mir, Nathan.
Ich bin deine Mutter.
„Warum?“, fragte Clara.
Niemand antwortete sofort.
Dann vibrierte das Telefon des Feldjägers.
Er las eine Nachricht.
Seine Miene veränderte sich.
„Wir haben eine erste Rückmeldung zur Kontoreferenz.“
Ich sah ihn an.
„Und?“
„Es handelt sich offenbar nicht um ein gewöhnliches Girokonto.“
Er hielt kurz inne.
„Es ist ein Treuhandkonto.“
„Für wen?“
„Nach den bislang vorliegenden Daten wurde es ursprünglich im Zusammenhang mit dem Nachlass Ihres Vaters eingerichtet.“
Mein Mund wurde trocken.
„Wer ist als Begünstigter eingetragen?“
Der Feldjäger sah mich direkt an.
„Sie.“
Clara sog hörbar Luft ein.
Ich selbst spürte zunächst gar nichts.
Keine Wut.
Keinen Schock.
Nur eine seltsame Leere.
„Wie viel?“
„Das wissen wir noch nicht abschließend.“
„Ungefähr.“
„Wir geben Ihnen keine Zahl, bevor sie bestätigt ist.“
„Dann sagen Sie mir wenigstens, ob dort überhaupt noch Geld liegt.“
Er sah zum zweiten Beamten.
Dieser nickte kaum merklich.
„Ja.“
Ich setzte mich.
Fünfzehn Jahre lang hatte meine Mutter mir erzählt, mein Vater habe mir nichts hinterlassen.
Fünfzehn Jahre lang hatte sie offenbar gewusst, dass irgendwo ein Konto auf meinen Namen existierte.
„Wer konnte darauf zugreifen?“
„Nach den Unterlagen zunächst Ihre Mutter als verwaltende Bevollmächtigte.“
„Zunächst?“
„Die Vollmacht hätte längst überprüft oder beendet werden müssen.“
„Warum wurde sie das nicht?“
„Das ist Teil der Ermittlungen.“
Ich lachte einmal.
Es war kein echtes Lachen.
„Natürlich.“
Clara strich mit ihrem Daumen über meine Hand.
„Nathan, was hat unser Baby damit zu tun?“
Genau diese Frage bohrte sich seit Minuten durch meinen Kopf.
Der Feldjäger blätterte weiter durch die wiederhergestellten Nachrichten.
„Vielleicht haben wir dazu etwas.“
Er zeigte uns einen Austausch zwischen meiner Mutter und Markus Rehn.
Meine Mutter hatte geschrieben:
Sobald Clara unterschreibt, kann ich nachweisen, dass sie mir das Kind freiwillig anvertraut hat.
Markus hatte geantwortet:
Das allein reicht nicht für den finanziellen Teil.
Darunter meine Mutter:
Nathan wird unterschreiben, wenn er glaubt, sonst seinen Sohn zu verlieren.
Ich hörte Claras Atem neben mir.
Mein eigener wurde flacher.
Der nächste Satz war von Markus.
Und wenn er das Konto vorher entdeckt?
Die Antwort meiner Mutter kam drei Minuten später.
Dann müssen wir dafür sorgen, dass er etwas Wichtigeres zu verlieren hat.
Ich stand auf.
Diesmal hielt mich niemand zurück.
„Wo ist sie?“
Der Feldjäger blieb ruhig.
„Ihre Mutter befindet sich derzeit in einer gesicherten Vernehmung.“
„Ich will wissen, ob Markus Rehn festgenommen wurde.“
„Er wurde kontaktiert.“
„Kontaktiert?“
„Herr Weber.“
„Dieser Mann hat meiner Mutter geholfen, Dokumente vorzubereiten, mit denen sie meine Frau und meinen Sohn kontrollieren wollte.“
Der Beamte hob eine Hand.
„Und genau deshalb müssen wir sauber arbeiten.“
Ich wusste, dass er recht hatte.
Ich hasste es trotzdem.
Dann vibrierte sein Telefon erneut.
Diesmal las er länger.
„Was?“, fragte ich.
Er hob langsam den Kopf.
„Die Klinik hat gerade die toxikologische Voranalyse Ihrer Frau weitergegeben.“
Clara spannte sich an.
„Was haben sie gefunden?“
„Nicht nur ein Beruhigungsmittel.“
Mir wurde kalt.
„Was noch?“
Der Feldjäger sah Clara an.
„Ein zweiter Wirkstoff.“
„Welcher?“
„Einer, der ihren Blutdruck zusätzlich senken kann.“
Claras Gesicht verlor noch mehr Farbe.
„Das war also kein Versehen“, sagte ich.
Der Feldjäger antwortete nicht.
Er musste es nicht.
Denn in diesem Moment öffnete sich die Tür.
Die Ärztin trat herein, hielt Claras Laborbericht in der Hand und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich inzwischen zu fürchten gelernt hatte.
„Herr Weber“, sagte sie.
„Wir müssen darüber sprechen, was Ihrer Frau in den letzten achtundvierzig Stunden möglicherweise noch verabreicht wurde.“
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.







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