Meine eigene Stimme hallte durch das Haus.
„Phase zwei abgeschlossen.“
Emily sah mich an, als hätte jemand den Boden unter ihr geöffnet.
Ich hörte jedes Detail.
Meine Betonung.
Meine Pausen.
Sogar die leichte Rauheit am Ende eines Satzes, die seit einer alten Verletzung nie ganz verschwunden war.
Aber ich hatte diesen Satz nie gesprochen.
„Das ist nicht Papa“, sagte Emily.
„Nein“, antwortete ich. „Aber es soll sich so anhören.“
Berger griff nach seinem Funkgerät.
„Alle Einheiten, Funkdisziplin. Keine Befehle über die Hausanlage akzeptieren. Nur direkte Bestätigung über die vereinbarten Kanäle.“
Keine Antwort.
Nur Rauschen.
Er versuchte es erneut.
„BKA-Einsatzleitung, melden.“
Nichts.
Ein Bildschirm an der Wand flackerte auf.
Dann ein zweiter.
Das Anwesen war plötzlich voller Bilder.
Überwachungskameras.
Flure.
Innenhof.
Treppenhaus.
Der Weinkeller.
Wir selbst.
Emily starrte auf den Monitor.
„Sie sehen uns.“
Jakob schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Ich sah ihn an.
„Was?“
„Sie wollen, dass wir wissen, dass sie uns sehen.“
Ein dumpfes metallisches Geräusch kam aus dem Gang.
Die Stahltür hinter uns schloss sich automatisch.
Einer der Beamten rannte hin und zog am Griff.
Verriegelt.
Berger fluchte.
„Mechanische Übersteuerung suchen.“
Der Beamte kniete sich an das Schloss.
Ich sah wieder zu den Monitoren.
Auf einem davon stand Daniel noch immer im Erdgeschoss.
Gefesselt.
Seine Mutter saß wenige Meter entfernt.
Beide wurden von Beamten bewacht.
Dann flackerte das Bild.
Für eine Sekunde wurde der Bildschirm schwarz.
Als es zurückkam, lag einer der Beamten am Boden.
Der zweite war verschwunden.
Und Daniels Hände waren frei.
Emily keuchte.
„Wie ist das möglich?“
Jakob sagte: „Weil sie Menschen im Haus haben.“
Berger fuhr zu ihm herum.
„Wie viele?“
„Keine Ahnung.“
„Lüg mich nicht an.“
„Ich war Gefangener, Samuel.“
„Und davor Teil ihres Netzwerks.“
Jakob sah ihn kalt an.
„Genau deshalb weiß ich, dass sie nie einen Ort benutzen, ohne einen zweiten Ausgang und mindestens einen Mann auf der Innenseite.“
Ich fragte: „Wer?“
Jakob schüttelte den Kopf.
„Könnte jeder sein.“
Auf dem Monitor bewegte Daniel sich.
Nicht hektisch.
Nicht wie ein Mann, der gerade zufällig entkommen war.
Er ging ruhig durch den Flur.
Dann blieb er vor einer Kamera stehen.
Er sah direkt hinein.
Und lächelte.
Mein Magen zog sich zusammen.
„Er wusste, dass das passieren würde.“
Emily schüttelte den Kopf.
„Daniel war nicht überrascht, als ihr gekommen seid.“
Ich dachte zurück.
An den Baseballschläger.
An sein selbstgefälliges Grinsen.
An die Art, wie er mich provoziert hatte.
Du bist ein alter Gärtner.
Er hatte gewollt, dass ich reagiere.
Gewollt, dass ich mich zeige.
„Er sollte mich testen“, sagte ich.
Jakob nickte langsam.
„Wahrscheinlich.“
„Meine Reaktionszeit. Bewegungen. Gewohnheiten.“
„Alles.“
Emily wurde bleich.
„Dann war der Angriff auf mich auch nur ein Teil davon?“
Niemand antwortete.
Ich ging zu ihr.
„Nein.“
Sie sah mich an.
„Papa—“
„Was sie dir angetan haben, war real.“
Meine Stimme wurde hart.
„Mach niemals den Fehler, ihre Planung mit einer Entschuldigung zu verwechseln.“
Ihre Augen wurden feucht.
Sie nickte.
Dann erschien Daniels Gesicht auf allen Monitoren gleichzeitig.
„Sehr gut“, sagte er.
Die Stimme kam aus den Lautsprechern.
Nicht meine diesmal.
Seine.
„Jetzt sind wir endlich bei dem Teil angekommen, der interessant wird.“
Ich trat näher an einen Bildschirm.
„Wo bist du?“
Daniel lachte.
„Immer noch der Mann, der glaubt, jede Situation lasse sich lösen, wenn er nur den richtigen Raum findet.“
„Du hast Emily verletzt.“
„Ja.“
So einfach.
Kein Zögern.
Kein Versuch, es zu leugnen.
Emily schloss kurz die Augen.
Ich fühlte, wie mein Körper auf diesen einen Laut reagierte.
Ja.
Ich zwang meine Hände offen zu bleiben.
„Warum?“
Daniel antwortete:
„Weil sie nicht mehr kooperiert hat.“
Emily hob den Kopf.
„Ich habe nie mit euch kooperiert.“
„Nicht bewusst.“
Er lächelte.
„Aber du hast jahrelang genau das getan, wofür du ausgewählt wurdest.“
„Was?“
„Arthur menschlich halten.“
Ich sah Emily an.
Daniel fuhr fort.
„Ein Mann wie dein Vater ist wertlos, solange er nichts zu verlieren hat. Menschen ohne Bindungen sind schwer zu steuern.“
„Also habt ihr mich geheiratet, um ihn zu kontrollieren?“
Daniel legte den Kopf schief.
„Am Anfang.“
Emily zuckte zusammen.
Das eine Wort traf sie härter als jede Beleidigung.
Ich ging näher zu ihr.
Aber sie hob die Hand.
Nicht jetzt.
Sie wollte stehen.
Also ließ ich sie stehen.
„Und später?“, fragte sie.
Daniel schwieg einen Moment.
„Später wurdest du unbequem.“
Emily lachte.
Es war ein kaputtes Geräusch.
„Das ist deine Erklärung für unsere Ehe?“
„Unsere Ehe war nie das Problem.“
„Du hast mich geschlagen.“
„Weil du Dinge gefunden hast, die dich nichts angingen.“
Mein Körper spannte sich an.
Emily sah direkt in die Kamera.
„Dann sag ihnen, was ich gefunden habe.“
Daniel lächelte nicht mehr.
Das war der erste kleine Sieg dieses Tages.
„Du willst das wirklich?“
„Ja.“
Er schwieg.
Emily wandte sich zum Laptop.
„Dann sage ich es.“
Sie öffnete einen weiteren Ordner auf dem USB-Stick.
Krankenakten.
Personaldaten.
Familieninformationen.
Fotos.
Dutzende.
Vielleicht Hunderte.
„Diese Menschen wurden nicht nur beobachtet“, sagte Emily.
Berger trat neben sie.
„Was ist das?“
„Zielprofile.“
Sie öffnete eines.
Ein ehemaliger Offizier.
Darunter seine Frau.
Seine Kinder.
Schule.
Arbeitsplatz.
Medikamente.
Tagesabläufe.
Am Ende stand:
DRUCKPUNKT: TOCHTER.
Ich spürte Kälte im Rücken.
Emily öffnete das nächste Profil.
DRUCKPUNKT: EHEFRAU.
Das nächste.
DRUCKPUNKT: SOHN.
Jakob schloss die Augen.
„Sie bauen kein Identitätsarchiv.“
Berger sah ihn an.
„Sondern?“
„Ein Erpressungsarchiv.“
Jetzt verstand ich.
Die Identitäten waren nur die Oberfläche gewesen.
Nicht das Ziel.
„Sie wollen Menschen kontrollieren, die Zugang haben.“
Jakob nickte.
„Oder sie durch andere ersetzen.“
Berger sah auf die Profile.
„Militär. Nachrichtendienste. Diplomaten.“
Emily scrollte weiter.
„Richter.“
Noch weiter.
„Staatsanwälte.“
Dann hielt sie an.
„BKA.“
Berger wurde still.
Emily öffnete die Datei.
Mehrere Namen erschienen.
Darunter Einsatzbeamte, die an diesem Morgen das Anwesen betreten hatten.
Einer war rot markiert.
AKTIV.
Wir sahen uns an.
Im selben Moment knisterte Bergers Funkgerät.
„Oberst Berger.“
Eine Männerstimme.
Ruhig.
Professionell.
„Untergeschoss ist gesichert. Öffnen Sie die Tür.“
Berger hob das Gerät.
„Identifizieren.“
„Hauptkommissar Markus Seidel.“
Emily suchte sofort auf dem Laptop.
Ihre Finger flogen über die Tastatur.
Dann erstarrten sie.
Sie drehte den Bildschirm zu uns.
MARKUS SEIDEL.
BUNDESKRIMINALAMT.
STATUS: AKTIV.
DRUCKPUNKT: SOHN.
Berger ließ das Funkgerät sinken.
Draußen klopfte jemand gegen die Stahltür.
„Oberst?“
Jakob flüsterte: „Nicht öffnen.“
Das Klopfen kam erneut.
Dann sagte Seidel:
„Wir haben Daniel Krüger festgenommen.“
Ich sah auf den Monitor.
Der Flur, in dem Daniel zuletzt gestanden hatte, war leer.
„Lüge“, sagte ich.
Emily nickte.
Seidel sprach weiter.
„Arthur Weber ist emotional kompromittiert. Ich muss ihn in Gewahrsam nehmen.“
Berger antwortete nicht.
Die Stimme draußen wurde härter.
„Das ist ein direkter Befehl.“
Ich sah Samuel an.
„Von wem?“
Er verstand.
„Kein BKA-Beamter gibt mir einen direkten militärischen Befehl.“
Stille.
Dann hörten wir ein metallisches Klicken vor der Tür.
Jakob wurde bleich.
„Weg vom Eingang.“
Wir gingen sofort zurück.
Ein Schuss krachte durch das Schloss.
Der Beamte neben der Tür zog seine Waffe.
Ein zweiter Schuss.
Dann Stille.
Emily flüsterte:
„Sein Sohn.“
Ich sah sie an.
„Was?“
„Wenn Seidel erpresst wird, tut er das vielleicht nicht freiwillig.“
Berger schüttelte den Kopf.
„Das ändert nichts an der unmittelbaren Gefahr.“
„Nein.“
Emily sah auf den Bildschirm.
„Aber es sagt uns, wie das Netzwerk funktioniert.“
Ich verstand ihre Gedanken.
„Sie brauchen keine loyalen Leute.“
„Nur Menschen mit etwas zu verlieren.“
Jakob sah mich an.
„Jetzt begreifst du, warum sie dich wollten.“
Ich antwortete nicht.
Auf dem Laptop erschien plötzlich ein neues Fenster.
VIDEOANRUF EINGEHEND.
Emily sah mich an.
„Soll ich?“
„Ja.“
Sie nahm an.
Das Bild zeigte einen dunklen Raum.
Daniel stand vor der Kamera.
Neben ihm saß Hauptkommissar Seidel.
Seine Hände waren nicht gefesselt.
Aber sein Gesicht sagte alles.
Hinter ihm stand ein Junge.
Vielleicht sechzehn.
Mit verbundenen Augen.
Seidels Sohn.
Daniel legte eine Hand auf die Schulter des Jungen.
„Jetzt verstehen wir uns besser.“
Berger fluchte.
Seidel sah direkt in die Kamera.
„Es tut mir leid.“
Daniel sagte:
„Keine Entschuldigungen. Noch nicht.“
Dann wandte er sich an mich.
„Arthur, wir können das alles beenden.“
„Wie?“
„Du, Berger und Jakob gebt uns die drei Erinnerungssequenzen.“
„Und wenn nicht?“
Daniel sah zu Seidels Sohn.
Dann zurück zu mir.
„Dann lernt ihr endlich, was Konsequenzen bedeuten.“
Ich trat näher an die Kamera.
„Du glaubst, du kennst mich.“
„Wir kennen dich besser als deine eigene Tochter.“
Emily zuckte sichtbar zusammen.
Ich sah Daniel an.
„Nein.“
„Nein?“
„Ihr kennt meine Akten.“
Ich machte eine Pause.
„Meine Gewohnheiten.“
Noch eine.
„Meine Vergangenheit.“
Ich beugte mich näher zum Bildschirm.
„Aber ihr habt einen Fehler gemacht.“
Daniel lächelte.
„Welchen?“
„Ihr habt all die Jahre einen Mann studiert, der versucht hat, der zu sein, der er früher war.“
Sein Lächeln wurde kleiner.
„Und?“
„Ihr habt nie gelernt, wer ich geworden bin.“
Hinter Daniel bewegte sich etwas.
Nur eine Sekunde.
Eine Reflexion in einer Glasscheibe.
Ein rotes Licht.
Dann ein weißes Schild.
Emily sah es auch.
„Papa.“
„Ich weiß.“
Daniel war nicht in einem geheimen Keller.
Ich kannte solche Schilder.
Brandschutzkennzeichnung.
Industriestandard.
Und im Glas spiegelte sich noch etwas.
Eine Nummer.
B-17.
Jakob trat näher.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Ich kenne den Raum.“
Ich sah ihn an.
„Wo?“
„Nicht hier.“
„Wo dann?“
Er zeigte auf den Bildschirm.
„Ein ehemaliges Bundeswehrdepot, knapp zwölf Kilometer entfernt.“
Berger griff sofort zum Funkgerät.
Ich hielt seine Hand fest.
„Nein.“
„Arthur—“
„Das Netzwerk hört unsere Kanäle mit.“
Er sah mich an.
Dann begriff er.
Emily klappte den Laptop halb zu.
„Dann brauchen wir einen Weg raus, ohne ihnen zu sagen, wohin wir gehen.“
Jakob sah zur Wand.
„Es gibt einen.“
„Woher weißt du das?“
„Weil ich vor drei Tagen durch genau diesen Raum gebracht wurde.“
Er ging zu einem alten Versorgungsschrank.
Zog daran.
Nichts.
Dann trat er gegen die Sockelleiste.
Ein schmaler Metallgriff sprang hervor.
„Servicetunnel.“
Berger starrte ihn an.
„Und du erwähnst das erst jetzt?“
Jakob sah ihn kalt an.
„Vor fünf Minuten wusste ich noch nicht, ob ich euch vertraue.“
Ich legte die Hand an den Griff.
Emily trat hinter mich.
„Ich komme mit.“
„Nein.“
„Daniel hat meinen Mann gespielt, mich jahrelang beobachtet und mich benutzt, um an dich heranzukommen.“
Sie hielt meinen Blick.
„Ich bleibe nicht wieder in einem Raum zurück, während andere über mein Leben entscheiden.“
Ich wollte widersprechen.
Dann erinnerte ich mich an meine eigenen Worte zu Berger.
Heute entscheidest du nicht mehr für meine Familie.
Ich nickte.
„Du bleibst hinter mir.“
„Abgemacht.“
Ich öffnete die Wartungsluke.
Dunkelheit.
Ein enger Tunnel.
Jakob ging zuerst.
Dann Berger.
Emily folgte.
Ich war der Letzte.
Bevor ich die Luke hinter mir schloss, sah ich noch einmal zum Laptop.
Der Videoanruf lief weiter.
Daniel wartete.
Selbstsicher.
Überzeugt davon, dass wir in seinem Käfig saßen.
Dann hörte ich ihn sagen:
„Ihr habt zehn Minuten.“
Ich schloss die Luke.
Im Dunkeln flüsterte Jakob:
„Arthur.“
„Was?“
„Wenn wir dieses Depot erreichen, musst du etwas wissen.“
„Dann sag es.“
Er blieb stehen.
„Der Mann mit deinem Gesicht ist dort.“
Ich sagte nichts.
Jakob drehte sich zu mir.
„Und wenn Daniel die Wahrheit gesagt hat, kennt er deinen Teil des Schlüssels inzwischen besser als du selbst.“
**Fortsetzung — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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