Der Servicetunnel war so niedrig, dass ich den Kopf einziehen musste.
Feuchtigkeit glänzte an den Betonwänden. Über uns vibrierte irgendwo ein Lüftungssystem, und jeder Schritt hallte doppelt zurück.
Jakob ging vor mir.
Zu nah.
Zu vertraut.
Und doch fremd.
Achtundzwanzig Jahre lang hatte ich um einen toten Bruder getrauert.
Jetzt folgte ich seinem Rücken durch einen unterirdischen Gang und versuchte herauszufinden, welcher Teil von ihm noch derselbe Mann war, den ich einmal gekannt hatte.
Emily ging direkt vor mir.
Ich beobachtete jeden ihrer Schritte.
Sie hinkte leicht.
„Wie weit?“, fragte Berger.
„Vielleicht dreihundert Meter“, sagte Jakob. „Der Tunnel endet an einem alten Versorgungsschacht.“
„Und danach?“
„Wald.“
„Kameras?“
„Früher zwei.“
Berger schnaubte.
„Früher.“
„Samuel, wenn du eine aktuelle technische Bestandsaufnahme willst, hättest du mich vielleicht nicht achtundzwanzig Jahre für tot halten sollen.“
Berger blieb stehen.
„Nicht jetzt.“
Jakob drehte sich um.
„Wann dann?“
Ich trat zwischen beide.
„Später.“
Jakob sah mich an.
„Du glaubst immer noch, es gibt ein später.“
„Solange Emily neben mir läuft, gibt es eins.“
Er schwieg.
Dann ging er weiter.
Nach wenigen Minuten erreichten wir eine Metallleiter.
Jakob hob eine Hand.
Alle blieben stehen.
Über uns war nichts zu hören.
Er kletterte hoch, öffnete die Luke nur einen Spalt und wartete.
Dann schob er sie weiter auf.
Kalte Luft strömte herein.
Nacheinander verließen wir den Tunnel.
Wir standen in einem Waldstück hinter dem Anwesen.
Durch die Bäume konnte ich das Dach des Hauses sehen.
Keine Sirenen.
Keine hektischen Bewegungen.
Das gefiel mir nicht.
„Zu ruhig“, sagte ich.
Berger nickte.
„Sie glauben, wir sind noch unten.“
Emily sah zurück.
„Wie lange?“
„Nicht lange.“
Jakob deutete nach Osten.
„Das Depot liegt dort.“
Berger zog sein Telefon heraus.
Kein Signal.
Emily tat dasselbe.
„Störsender.“
Ich sah Jakob an.
„Hast du einen alternativen Zugang zum Depot?“
„Einen alten Wartungsweg.“
„Warum kennst du ihn?“
„Weil sie mich dort monatelang festgehalten haben.“
Emily sah zu ihm.
„Vor drei Tagen hast du gesagt.“
„Vor drei Tagen haben sie mich von dort zum Anwesen gebracht.“
„Aber du warst vorher dort?“
Jakob nickte.
„Immer wieder.“
Ich bemerkte, wie er den Blick senkte.
„Wie oft?“
„Arthur.“
„Wie oft?“
„Seit sechs Monaten regelmäßig.“
Berger blieb stehen.
„Seit dem Treffen auf dem Foto.“
Jakob antwortete nicht.
Ich sah ihn lange an.
„Du warst nicht nur Gefangener.“
Er hob den Kopf.
„Nein.“
Emily zog scharf die Luft ein.
Berger ging sofort auf ihn zu.
„Was hast du getan?“
Jakob blieb ruhig.
„Was nötig war.“
„Für wen?“
„Für mich.“
Samuel packte ihn an der Jacke.
„Falsche Antwort.“
Ich zog Berger zurück.
„Lass ihn.“
„Arthur—“
„Wenn er uns hätte ausliefern wollen, hätte er uns im Keller lassen können.“
Jakob sah mich an.
„Danke.“
„Das war kein Vertrauen.“
Sein Gesicht wurde wieder hart.
„Gut.“
Wir gingen weiter.
Nach ungefähr zehn Minuten tauchte zwischen den Bäumen ein rostiger Zaun auf.
Dahinter lagen flache Betongebäude.
Keine Schilder.
Keine Fahrzeuge.
Nur ein altes Depot, das so aussah, als hätte man es vor zwanzig Jahren vergessen.
„Zu sauber“, sagte Emily.
Ich sah sie an.
„Was meinst du?“
Sie zeigte auf den Boden.
Zwischen dem trockenen Laub verliefen frische Reifenspuren.
Berger nickte.
„Mehrere Fahrzeuge.“
Jakob deutete auf einen schmalen Durchlass im Zaun.
„Dort.“
Wir gingen einzeln hindurch.
Das Depot war still.
Aber diesmal wusste ich, dass die Stille künstlich war.
Ein Ort mit Strom, Menschen und Überwachung klingt anders als ein verlassener Ort.
Man hört das Summen.
Das Klicken.
Die kleinen Geräusche, die Maschinen machen, wenn Menschen versuchen, sie unsichtbar zu machen.
Ich hob die Hand.
Alle blieben stehen.
„Kamera.“
Über einer Regenrinne hing eine kleine schwarze Linse.
Emily flüsterte: „Sie schaut nicht auf uns.“
Ich folgte ihrer Blickrichtung.
Die Kamera war auf den Haupteingang gerichtet.
Nicht auf den Wartungsweg.
„Jakob?“
„Ich habe ihnen nie erzählt, dass ich diesen Zugang kenne.“
„Endlich eine gute Nachricht.“
Wir erreichten eine Seitentür.
Abgeschlossen.
Jakob kniete sich davor.
Berger sah ihn an.
„Bitte sag mir nicht, dass du jetzt behauptest, zufällig den Schlüssel zu haben.“
Jakob zog ein dünnes Metallstück aus seinem Schuh.
„Nein.“
Zehn Sekunden später klickte das Schloss.
Samuel sah mich an.
„Deine Familie war schon immer anstrengend.“
„Du mochtest ihn früher.“
„Früher hat er weniger Schlösser geknackt.“
Jakob öffnete die Tür.
„Früher habt ihr mich auch weniger zurückgelassen.“
Stille.
Dann gingen wir hinein.
Der Korridor dahinter roch nach Staub und Desinfektionsmittel.
Eine seltsame Kombination.
Zu sauber für ein aufgegebenes Gebäude.
Wir kamen an drei leeren Räumen vorbei.
Im vierten stand ein Bett.
Lederriemen an den Seiten.
Emily blieb stehen.
„Warst du hier?“
Jakob sah hinein.
„Ja.“
„Was haben sie gemacht?“
Er antwortete nicht.
Ich sah die Elektroden auf einem kleinen Wagen.
Kopfhörer.
Bildschirme.
Ordner.
„Erinnerungstraining“, sagte ich.
Jakob nickte.
„Wiederholung. Reize. Stimmen. Gerüche.“
Emily flüsterte: „Damit du Papa imitieren konntest.“
„Damit ich überhaupt noch wusste, wer ich sein sollte.“
Seine Stimme war plötzlich leise.
Ich sah ihn an.
Zum ersten Mal sah ich nicht den Verräter.
Nicht den Gefangenen.
Nur meinen Bruder.
Und was achtundzwanzig Jahre mit einem Menschen machen konnten.
„Jakob.“
Er hob die Hand.
„Nicht jetzt.“
Diesmal ließ ich es gelten.
Berger öffnete einen Metallschrank.
Darin lagen Akten.
Viele.
Zu viele.
Emily trat näher.
„Nehmt alles mit.“
„Nicht möglich“, sagte Berger.
„Dann fotografieren.“
„Kein Netz.“
„Brauchen wir nicht.“
Sie nahm mein Telefon.
„Lokale Kopie reicht.“
Sie begann Seite für Seite aufzunehmen.
Ich öffnete einen Ordner.
WEBER, ARTHUR.
Mein Name.
Darunter mehrere Unterteilungen.
PHYSIOLOGIE.
SPRACHE.
BEWEGUNG.
ENTSCHEIDUNGSMUSTER.
Ich blätterte weiter.
Dann hielt ich an.
FAMILIÄRE TRIGGER.
Emily.
Der Tod meiner Frau.
Jakob.
Ich starrte auf die letzte Zeile.
Jakob bemerkte es.
„Jetzt weißt du, warum sie mich behalten haben.“
„Nicht nur als Doppelgänger.“
„Nein.“
„Als Druckmittel.“
„Und als Trigger.“
Berger nahm mir die Akte ab.
„Sie wollten Arthur emotional destabilisieren.“
Emily sagte leise:
„Phase zwei.“
Wir sahen uns an.
Der Lautsprecher im Anwesen.
Der Anruf.
Daniel.
Jakob.
Alles war darauf ausgelegt gewesen, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Nicht um mich zu zerstören.
Sondern um etwas hervorzuholen.
Erinnerungen.
Der Schlüssel.
„Sie wollen, dass ich mich erinnere“, sagte ich.
Jakob nickte.
„Ja.“
„Warum haben sie mich dann nicht einfach gefangen?“
„Weil Erinnerungen unter Zwang unzuverlässig sind.“
Berger wurde bleich.
„Emotionale Rekonstruktion.“
Ich sah ihn an.
„Du kennst die Methode.“
„Theoretisch.“
Jakob lachte kurz.
„Natürlich.“
Emily zog eine weitere Akte heraus.
„Hier.“
Auf dem Deckblatt stand:
SEQUENZ A.W.
Darunter drei Begriffe.
GLAS.
GLOCKE.
FALKE.
Mein Körper reagierte, bevor mein Verstand es tat.
Ein Druck hinter den Augen.
Ein Bild.
Nacht.
Eine Kirche.
Zerbrochenes Glas.
Drei Glockenschläge.
Ich griff nach der Tischkante.
„Papa?“
Emily war sofort bei mir.
„Mir geht es gut.“
„Nein.“
Sie hielt meinen Arm.
„Was hast du gesehen?“
Ich atmete langsam.
„Belgrad.“
Jakob trat näher.
„Was genau?“
„Eine Kirche.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Welche?“
„Ich weiß es nicht.“
„Glocken?“
Ich sah ihn an.
„Drei.“
Jakob wurde blass.
Berger flüsterte:
„Mein Gott.“
„Was?“
Samuel griff nach einem Stuhl und setzte sich.
„Das ist deine Sequenz.“
„Nur drei Wörter?“
„Nein.“
Er sah mich an.
„Die Wörter lösen die Erinnerung aus. Die Erinnerung enthält den eigentlichen Teil.“
Emily blickte auf die Akte.
„Dann dürfen wir sie nicht weiter lesen.“
Jakob schüttelte den Kopf.
„Zu spät.“
Ich sah ihn an.
„Warum?“
„Weil Arthur gerade angefangen hat.“
„Angefangen womit?“
Jakob antwortete nicht.
Stattdessen ging er zum nächsten Schrank und riss ihn auf.
Leer.
Dann zum nächsten.
Darin lagen Kassetten.
Alte Audiobänder.
Jede beschriftet.
A.W.
S.B.
J.W.
Berger nahm eines heraus.
„Sie haben unsere Sequenzen aufgezeichnet.“
Jakob schüttelte den Kopf.
„Nicht unsere.“
Er zeigte auf eine vierte Box.
A.W.-2.
Mir wurde kalt.
Emily flüsterte:
„Der Doppelgänger.“
Ein Geräusch kam aus dem Flur.
Ein Schritt.
Dann noch einer.
Wir verstummten.
Berger zog seine Waffe.
Ich deutete Emily hinter die Wand.
Jakob bewegte sich auf die andere Seite der Tür.
Die Schritte kamen näher.
Langsam.
Ohne Eile.
Dann blieb jemand vor dem Raum stehen.
Eine Stimme sagte:
„Arthur.“
Meine Stimme.
Nicht aus einem Lautsprecher.
Direkt vor der Tür.
Emily wurde kreidebleich.
„Papa …“
Die Tür öffnete sich.
Ein Mann trat ein.
Gleiche Größe.
Gleiche Haltung.
Graues Haar.
Die Narbe unter dem Kiefer.
Mein Gesicht.
Er sah mich an.
Und ich sah mich selbst.
Nur seine Augen waren anders.
Leer.
Trainiert.
Er lächelte.
„Endlich.“
Berger richtete die Waffe auf ihn.
„Hände hoch.“
Der Mann ignorierte ihn.
Sein Blick blieb auf mir.
„Glas“, sagte er.
Ein Bild explodierte in meinem Kopf.
Kirchenfenster.
Blut auf Stein.
Ich taumelte.
Emily fing meinen Arm.
„Hör nicht zu!“
Der Doppelgänger sagte:
„Glocke.“
Drei Schläge.
Ein Funkspruch aus einer Vergangenheit, die ich begraben hatte.
Position sieben.
Drei Minuten.
Kein Rückzug.
Ich presste die Hände gegen meinen Kopf.
„Stopp.“
Der Mann lächelte.
„Falke.“
Und plötzlich war alles wieder da.
Ein Kellerraum in Belgrad.
Samuel Berger an einem Tisch.
Jakob neben einer Stahltür.
Und ich.
Mit einer Karte in der Hand.
Darauf eine Zahlenfolge.
Nicht vergessen.
Nie aufschreiben.
Nur erinnern.
Ich öffnete die Augen.
Der Doppelgänger beobachtete mich.
„Da ist es.“
Ich sagte nichts.
„Du erinnerst dich.“
Berger schrie:
„Arthur, sag kein Wort!“
Der Doppelgänger lächelte.
„Zu spät.“
Ich sah ihn an.
„Du kennst die Sequenz.“
„Natürlich.“
„Aber nicht die Antwort.“
Sein Lächeln verschwand ein wenig.
Ich begriff.
Das war der Fehler im System.
Sie konnten Reize kopieren.
Stimmen.
Verhalten.
Auslöser.
Aber sie konnten nicht wissen, was nur in meinem Kopf existierte.
Noch nicht.
Ich richtete mich auf.
„Ihr braucht mich.“
„Ja.“
„Lebend.“
„Vorläufig.“
Ich nickte.
Dann trat ich einen Schritt auf ihn zu.
„Dann hast du ein Problem.“
„Welches?“
„Du hast gerade den einzigen Mann in diesem Raum daran erinnert, wer er früher war.“
Seine Augen verengten sich.
Hinter ihm ertönte ein Schuss.
Nicht von Berger.
Der Doppelgänger zuckte.
Blut breitete sich an seiner Schulter aus.
Er fuhr herum.
Daniel stand am Ende des Flurs.
Eine Pistole in der Hand.
„Genug gespielt“, sagte er.
Und zum ersten Mal begriff ich, dass Daniel nicht gekommen war, um uns aufzuhalten.
Er war gekommen, um den Doppelgänger zu töten.
**Fortsetzung — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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