Der Schlüssel im Beweisbeutel sah unscheinbar aus.
Klein, silbern, an einem schlichten weißen Anhänger befestigt, auf dem Hannahs Name mit schwarzem Filzstift geschrieben stand.
Und trotzdem hatte ich das Gefühl, als würde ich auf eine geladene Waffe blicken.
„Warum sollte deine Mutter einen Schließfachschlüssel mit meinem Namen darauf besitzen?“, fragte Hannah.
Der Polizeibeamte schüttelte den Kopf.
„Das versuchen wir gerade herauszufinden. Das Fach wurde über eine Prepaid-Karte bezahlt. Die Registrierung führt zu keiner eindeutigen Person.“
Martin trat näher.
„Dürfen wir bei der Öffnung dabei sein?“
„Herr Berger als möglicher Eigentümer relevanter Unterlagen, ja. Frau Berger sollte vorerst hierbleiben.“
Mein erster Impuls war, Hannah nicht noch einmal allein zu lassen.
Sie bemerkte es sofort.
„Geh“, sagte sie.
„Hannah—“
„Lukas, wenn deine Mutter dort etwas über mich versteckt hat, will ich wissen, was es ist.“
Ich nahm ihre Hand.
„Ich komme sofort zurück.“
„Und Lukas?“
Ich sah sie an.
„Nichts allein machen.“
Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Du hast selbst gesagt, dass Schweigen keine Stärke ist.“
Eine Stunde später stand ich mit Martin und zwei Ermittlern im Untergeschoss des Hauptbahnhofs.
Das Schließfach befand sich in einer Reihe alter Metallfächer nahe den Gepäckaufbewahrungen.
Nummer 318.
Der Beamte steckte den Schlüssel ein.
Das Schloss klickte.
Drinnen lag kein Geld.
Kein Schmuck.
Keine Waffe.
Nur ein großer brauner Dokumentenumschlag und eine schwarze Kunststoffmappe.
Martin zog Handschuhe an, bevor er den Umschlag öffnete.
Das Erste, was herausfiel, war ein Brief.
Meine Handschrift.
Ich erkannte ihn sofort.
„Den habe ich Hannah geschickt.“
Der Umschlag war geöffnet worden.
Nie wieder verschlossen.
Ich griff nach dem nächsten.
Noch einer von mir.
Dann noch einer.
Geburtstagskarten.
Zwei Weihnachtskarten.
Ein handgeschriebener Brief, den ich nach einem besonders schwierigen Monat im Einsatz verfasst hatte.
Alle an Hannah adressiert.
Alle geöffnet.
Alle nie bei ihr angekommen.
Mir wurde übel.
„Sie hat gesagt, deine Nachrichten seien irgendwann einfach weniger geworden“, sagte Martin leise.
Ich antwortete nicht.
Ich konnte nicht.
Unter meinen Briefen lagen Hannahs Schreiben.
An mich.
An Martin.
An ihre eigene Schwester.
Dutzende.
Einige waren noch verschlossen.
Andere waren geöffnet und mit gelben Markierungen versehen.
Neben mehreren Absätzen standen handschriftliche Notizen.
Labil.
Undankbar.
Gegen Lukas aufbringen.
Kontakt einschränken.
Ich erkannte die Schrift meiner Mutter.
Meine Finger begannen zu zittern.
„Sie hat unsere gesamte Kommunikation kontrolliert.“
Einer der Ermittler fotografierte jedes Dokument einzeln.
Martin öffnete die schwarze Mappe.
„Lukas.“
Sein Ton ließ mich sofort aufsehen.
Darin lagen Kopien von Hannahs medizinischen Unterlagen.
Termine der Kinderwunschklinik.
Rechnungen.
Laborwerte.
Die Bestätigung des Embryotransfers.
Sogar der voraussichtliche Geburtstermin.
„Wie kommt sie daran?“, fragte ich.
Martin blätterte weiter.
„Das ist noch schlimmer.“
Er hielt ein Formular hoch.
Eine Vollmacht.
Angeblich von Hannah unterschrieben.
Sie erlaubte meiner Mutter, medizinische Informationen in ihrem Namen anzufordern.
Ich kannte Hannahs Unterschrift.
Diese hier ähnelte ihr.
Aber sie war nicht ihre.
„Gefälscht.“
Martin nickte.
„Sieht so aus.“
Unter der Vollmacht befanden sich Ausdrucke von E-Mails an verschiedene medizinische Einrichtungen.
Meine Mutter hatte sich als Hannahs bevollmächtigte Vertrauensperson ausgegeben.
Sie hatte Fragen gestellt.
Nach Untersuchungen.
Nach Medikamenten.
Nach Risiken der Schwangerschaft.
Ich dachte an Hannahs Worte.
Sie wollte plötzlich wissen, welche Medikamente ich nehme.
Mir wurde kalt.
„Warum brauchte sie diese Informationen?“
Niemand antwortete.
Ganz unten in der Mappe lag ein Ausdruck aus Martins Kanzlei.
Nicht aus dem aktuellen System.
Es war eine alte interne Zusammenfassung der Treuhandbedingungen.
Auf einer Stelle war mit rotem Stift ein Kreis gezogen worden.
Schutz der Begünstigten bei bestehender Schwangerschaft.
Daneben stand nur ein einziges Wort.
Problem.
Martin setzte sich auf die Bank vor den Schließfächern.
„Das Dokument hätte niemals außerhalb meiner Kanzlei sein dürfen.“
Ich sah ihn an.
„Wer hatte Zugriff?“
„Damals? Vier Personen.“
„Namen.“
Er zögerte.
„Ich. Dein Vater. Meine damalige Rechtsanwaltsfachangestellte.“
„Und die vierte Person?“
Martin blickte mich an.
„Deine Mutter.“
Ich verstand sofort.
„Mein Vater hat ihr davon erzählt.“
„Nein. Sie war bei einem Vorbereitungsgespräch dabei, bevor er die endgültige Fassung unterschrieben hat. Die entscheidende Schutzklausel wurde später ergänzt.“
„Also wusste sie, dass es eine Treuhand gab.“
„Ja.“
„Aber nicht genau, was darin stand.“
Martin sah wieder auf den Ausdruck.
„Bis sie dieses Dokument bekommen hat.“
Der Ermittler nahm die Mappe an sich.
„Wir müssen feststellen, woher diese Kopie stammt.“
Mein Telefon klingelte.
Das Krankenhaus.
Ich nahm sofort ab.
„Berger.“
Eine Krankenschwester sprach schnell.
„Herr Berger, Ihre Frau ist wach und stabil, aber sie bittet darum, Sie sofort zu sprechen.“
„Was ist passiert?“
Kurzes Schweigen.
„Sie sagt, ihr sei noch etwas eingefallen.“
Zwanzig Minuten später war ich wieder an Hannahs Bett.
Als ich den Raum betrat, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte.
Sie hielt ein Glas Wasser in beiden Händen.
Ihre Knöchel waren weiß.
„Du hast das Fach geöffnet“, sagte sie.
Ich nickte.
„Meine Briefe waren dort.“
Hannah schloss die Augen.
„Ich wusste es.“
„Was?“
„Nicht vom Schließfach.“
Sie stellte das Glas ab.
„Von den Briefen.“
„Woher?“
„Vor drei Monaten habe ich Paula mit einem deiner Umschläge gesehen.“
Mein Herz schlug schneller.
„Warum hast du mir das nie gesagt?“
„Weil sie behauptet hat, er sei versehentlich bei ihr gelandet.“
Hannah sah mich an.
„Aber danach habe ich angefangen, Kopien von allem zu machen.“
„Von was allem?“
„Von den Übertragungsunterlagen. Von Nachrichten. Von den Drohungen.“
Martin, der hinter mir hereingekommen war, blieb stehen.
„Wo sind diese Kopien?“
Hannah antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie:
„Nicht im Haus.“
Ich wartete.
„Ich habe sie jemandem gegeben.“
„Wem?“
Hannah zog hörbar Luft ein.
„Deinem Vater.“
Für einen Moment glaubte ich, mich verhört zu haben.
„Hannah, mein Vater ist seit fast drei Jahren tot.“
„Ich weiß.“
„Was meinst du dann?“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Nicht direkt.“
Sie griff nach meiner Hand.
„Lukas, dein Vater hat kurz vor seinem Tod jemanden beauftragt, auf mich aufzupassen.“
Martin wurde vollkommen still.
„Wer?“, fragte ich.
Hannah sah zu ihm.
Und in Martins Gesicht erschien etwas, das ich dort noch nie gesehen hatte.
Angst.
„Martin weiß es“, flüsterte sie.
Ich drehte mich langsam zu ihm um.
„Wovon redet sie?“
Martin senkte den Blick.
Dann schloss er die Tür des Krankenzimmers.
„Von dem Teil des Testaments“, sagte er leise, „den ich dir bisher nicht zeigen durfte.“
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.







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