Gabriel las den Bericht ein drittes Mal, dann nahm er mir das Telefon aus der Hand und vergrößerte die untere Ecke des Fotos. Seine anfängliche Erschütterung wich jener konzentrierten Ruhe, die ich aus dem Operationssaal kannte.
„Das ist manipuliert.“
Ich sah ihn an. „Woher weißt du das?“
„Weil diese Nummer nicht zu deiner aktuellen Schwangerschaft gehören kann.“ Er deutete auf die Kennung N-24. „Und weil niemand ohne deine Einwilligung einen pränatalen DNA-Test durchgeführt hat. Wir haben für deine Schwangerschaft lediglich den üblichen nichtinvasiven Test veranlasst. Keine Vaterschaftsanalyse.“
„Aber irgendjemand besitzt offenbar genetisches Material von mir.“
„Genau das macht mir Sorgen.“
Plötzlich erschien die Nachricht in einem anderen Licht. Vielleicht sollte sie keine Wahrheit offenbaren. Vielleicht sollte sie uns dazu bringen, eine bestimmte Wahrheit zu glauben.
Gabriel fotografierte den Bildschirm mit seinem Diensttelefon und leitete die Aufnahme an die Rechtsabteilung weiter. Danach steckte er den Schlüssel zu Schließfach 314 ein.
„Wir fahren nicht nach Zürich.“
„Daniel hat ausdrücklich davor gewarnt.“
„Deshalb fahren wir erst recht nicht blind dorthin.“
Noch in derselben Nacht meldeten wir den Kontakt den Ermittlern. Am nächsten Morgen saß ich mit Gabriel, Celina und Kriminalhauptkommissarin Miriam Vogt in einem Besprechungsraum des Krankenhauses. Miriam war eine unauffällige Frau Mitte vierzig, deren ruhige Stimme im starken Gegensatz zu der Geschwindigkeit stand, mit der sie Informationen zusammensetzte.
Celina schob ihr Handy über den Tisch.
„Das hat Adrian mir vor vier Monaten geschickt.“
Eine Nachricht erschien.
*Wenn meine Mutter fragt, bist du in Behandlung. Keine Details. Sag einfach, die Zwillinge seien ein Wunder.*
Darunter eine weitere:
*Bis zur Abstimmung muss sie glauben, dass alles geregelt ist.*
Miriam sah zu mir. „Wir haben außerdem Hinweise darauf gefunden, dass mehrere Dokumente mit Ihrer Unterschrift digital erstellt wurden. Das betrifft nicht nur die Verzichtserklärung.“
Sie legte drei Kopien vor mich.
Eine Vollmacht.
Eine Einverständniserklärung für genetische Untersuchungen.
Und eine Freigabe zur langfristigen Lagerung biologischen Materials.
Alle angeblich von mir unterschrieben.
„Ich habe keines davon je gesehen.“
„Das glauben wir Ihnen.“
Gabriel nahm die Einverständniserklärung. „Die Klinikadresse.“
Es war dieselbe ehemalige Einrichtung bei Zürich.
Celina wurde blass.
„Ich kenne dieses Logo.“
Wir sahen sie an.
„Adrian hat dort einen Termin.“
„Wann?“, fragte Miriam.
„Morgen.“
Der Raum wurde still.
Celina öffnete ihre E-Mails und suchte hektisch. „Ich sollte mitkommen. Er sagte, es gehe um eine Behandlung. Nachdem ich gestern zur Polizei gegangen bin, habe ich abgesagt.“
Sie fand die Bestätigung.
Der Termin war auf Adrians Namen gebucht, allerdings nicht in der geschlossenen alten Klinik. Die Adresse führte zu einem privaten genetischen Institut am Zürichsee.
Und als behandelnder Ansprechpartner stand dort:
**Dr. Daniel Hartmann.**
Gabriel lehnte sich zurück.
Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos.
„Dann lebt er.“
Miriam schüttelte den Kopf. „Oder jemand benutzt seinen Namen.“
Am Nachmittag erhielten wir die ersten Ergebnisse aus dem alten Laborarchiv. Die Schwangerschaftsbefunde von vor fünf Jahren waren tatsächlich echt gewesen. Mein Blut hatte eine Schwangerschaft gezeigt.
Doch die angebliche Behandlung danach war gefälscht.
„Dann war ich wirklich schwanger“, sagte ich.
Gabriel nickte langsam.
„Ja.“
„Und was ist mit der Probe?“
Er schwieg einen Moment.
„Es gibt eine Möglichkeit.“
Ich wusste sofort, dass mir seine Antwort nicht gefallen würde.
„Sag es.“
„Wenn Jahre zuvor Eizellen von dir gewonnen und gelagert worden wären, könnte daraus ein Embryo entstanden sein.“
„Mir wurden nie Eizellen entnommen.“
„Nicht wissentlich.“
Eine Erinnerung durchzuckte mich.
Acht Jahre zuvor.
Noch vor Adrian.
Damals war ich Assistenzärztin gewesen und hatte an einer medizinischen Studie zur hormonellen Regulation teilgenommen. Die Studie war von einer Stiftung finanziert worden.
Steinberg.
Ich stand auf.
„Nein.“
Gabriel verstand sofort.
Wir suchten das alte Studienprotokoll.
Nach zwanzig Minuten fanden wir es.
Die offizielle Studie hatte nur Blutproben und Ultraschalluntersuchungen vorgesehen. Doch auf einer eingescannten Zusatzseite stand meine Teilnehmernummer neben einem Vermerk:
**Materialentnahme – Gruppe H.**
„Das kann nicht legal gewesen sein“, sagte ich.
„War es auch nicht.“
Am unteren Rand befand sich die Unterschrift des Studienleiters.
Prof. Viktor Hartmann.
Gabriels Vater.
Er schloss für einen Moment die Augen.
„Mein Vater hat mir immer erzählt, er habe die Studie beendet, weil die Finanzierung gestrichen wurde.“
„Vielleicht wurde sie nicht beendet.“
Am Abend rief Miriam erneut an.
„Wir haben etwas über Projekt H-17 gefunden.“
Ich stellte das Telefon auf Lautsprecher.
„Was?“
„Es war offenbar kein einzelnes medizinisches Experiment. H-17 bezeichnete eine Person.“
Gabriel und ich sahen uns an.
„Welche Person?“
„Das wissen wir noch nicht. Aber wir haben eine alte Buchungsdatei aus der Steinberg-Stiftung. Über Jahre wurden Zahlungen für Unterkunft, medizinische Versorgung und Sicherheitsdienste unter H-17 verbucht.“
„Für Daniel?“
„Möglich. Es gibt noch etwas. Kurz nach seinem angeblichen Tod wurde eine große Summe an eine Schweizer Treuhandgesellschaft überwiesen.“
„Von wem?“
Miriam schwieg kurz.
„Von Viktor Hartmann.“
Gabriel setzte sich.
In diesem Moment klingelte es an meiner Wohnungstür.
Wir erwarteten niemanden.
Gabriel bedeutete mir, zurückzubleiben, und ging zur Tür. Durch die Gegensprechanlage meldete sich ein Kurier. Ein Paket für mich, persönliche Übergabe.
Wenige Minuten später lag eine kleine schwarze Schachtel auf meinem Küchentisch.
Kein Absender.
Darin befand sich ein alter Datenträger und ein handgeschriebener Brief.
Ich erkannte die Handschrift aus dem Archiv.
Viktor Hartmann.
Gabriel las über meine Schulter.
*Nathalie, falls du das hier liest, ist Adrian verzweifelt genug geworden, H-17 wieder zu benutzen. Dann schulde ich dir endlich die Wahrheit.*
Meine Hände zitterten.
Darunter stand:
*Deine Schwangerschaft vor fünf Jahren war real. Sie entstand nicht auf natürlichem Weg. Aber Adrian wusste das zunächst ebenso wenig wie du.*
Ich las weiter.
*Als er davon erfuhr, glaubte er, du hättest ihn betrogen. Erst später entdeckte er, was sein Vater und ich getan hatten.*
Gabriel atmete scharf ein.
Sein Vater und Adrians Vater.
Gemeinsam.
Der nächste Satz ließ mich jedoch erstarren.
*Das Kind starb nicht durch einen Schwangerschaftsabbruch.*
Ich musste mich setzen.
„Was bedeutet das?“
Gabriel nahm den Brief und las weiter.
Seine Stimme versagte beinahe.
*Dir wurde erzählt, die Blutung sei bedeutungslos. Tatsächlich wurdest du in jener Nacht in eine Privatklinik gebracht, nachdem du das Bewusstsein verloren hattest. Der Embryo konnte nicht gerettet werden.*
Ich erinnerte mich an nichts davon.
Nur an Adrian, der am nächsten Morgen neben mir gesessen und gesagt hatte, ich hätte wegen Erschöpfung zwölf Stunden geschlafen.
Dann kam der letzte Absatz.
*Ich habe danach alle verbleibenden Proben vernichten lassen. Zumindest glaubte ich das. Vor drei Monaten erfuhr ich, dass eine Probe überlebt hat.*
Gabriel blätterte um.
Auf der Rückseite stand nur eine Adresse in Brandenburg und eine Uhrzeit.
**Morgen, 18:00 Uhr.**
Darunter:
*Kommt allein. Bringt den Schlüssel aus dem Archiv mit.*
Und schließlich ein letzter Satz:
*Daniel ist nicht der Mann, vor dem ihr euch fürchten müsst.*
Wir sahen einander an.
Dann bemerkte ich, dass unter dem Brief noch etwas in der Schachtel lag.
Ein aktuelles Foto.
Es zeigte Viktor Hartmann.
Lebendig.
Neben ihm stand Daniel.
Und zwischen ihnen ein etwa fünfjähriges Mädchen.
Auf der Rückseite hatte Viktor nur sechs Worte geschrieben:
**Nathalie, sie trägt dein genetisches Material.**







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