Ich sah automatisch zur Küche.
Jonas hatte seinen T-Rex auf den Tisch gelegt und saß wieder über seinen Buntstiften. Neben seinem Stuhl lag sein kleiner grauer Stoffelefant Emil. Abgewetzt, an einem Ohr mehrfach genäht, seit Jahren sein Begleiter in jedem Bett, jeder neuen Wohnung, jeder Nacht, in der er nach einem Albtraum zu mir gekrochen war.
Darin steckte Friedrichs Schlüssel.
Daniel folgte meinem Blick.
„Nein“, sagte ich sofort.
„Anna.“
„Nein.“
Ich ging in die Küche, hob Emil auf und drückte ihn an meine Brust.
Jonas blickte verwundert hoch. „Mama?“
„Ich muss Emil kurz haben.“
„Warum?“
„Ich bringe ihn gleich zurück.“
Er musterte mich mit jener erschreckenden Ernsthaftigkeit, die mich manchmal an Daniel erinnerte.
„Mach ihn nicht kaputt.“
„Versprochen.“
Ich brachte das Stofftier ins Wohnzimmer und schloss die Tür. Daniel und Helena warteten.
„Du hast einen Gegenstand, hinter dem offenbar Menschen seit Jahren her sind, im Spielzeug unseres Sohnes versteckt?“
Sein Ton traf genau die Stelle, an der mein schlechtes Gewissen ohnehin schon brannte.
„Niemand wusste davon.“
„Offensichtlich doch.“
„Ich habe getan, was dein Vater mir gesagt hat.“
Helena hob den Kopf.
„Was genau hat Friedrich gesagt?“
Ich erinnerte mich wieder an seine Hand um meine Finger, damals im Auto vor dem Hotel.
„Er sagte: Versteck ihn dort, wo niemand aus meiner Welt suchen würde.“
Daniel sah auf Emil.
„In einem Kinderzimmer.“
„Damals hatte ich noch kein Kinderzimmer.“
Ich löste vorsichtig einige Stiche an der Unterseite des Stofftiers. Meine Finger zitterten. Schließlich fühlte ich das kleine Metallstück zwischen der Füllwatte.
Der Messingschlüssel fiel auf den Tisch.
Helena sog hörbar Luft ein.
Ich sah sofort zu ihr.
„Sie kennen ihn.“
„Nein.“
„Sie haben ihn angesehen, bevor er überhaupt stilllag.“
Daniel nahm den Schlüssel nicht. Er betrachtete ihn nur.
Auf seinem Kopf war eine winzige Zahl eingraviert.
Helena wich einen Schritt zurück.
„Mutter.“
„Ich habe gesagt, ich kenne ihn nicht.“
„Du lügst.“
„Und du bist plötzlich Experte für Ehrlichkeit?“
Daniel ignorierte den Angriff.
„Was ist 317?“
Sie schwieg.
Daniel nahm sein Handy heraus.
„Matthias soll sämtliche Schließfächer, Banken, Bahnhöfe und privaten Depots prüfen, die mein Vater benutzt hat.“
„Daniel, tu das nicht.“
Jetzt war es heraus.
Keine Gleichgültigkeit mehr.
Angst.
„Warum?“
Helena sah erst ihn, dann mich an.
„Weil manche Dinge begraben wurden, damit ihr noch lebt.“
Daniel lachte trocken. „Mein Sohn wird fotografiert. Jemand kennt Annas Wohnung. Jemand benutzt den Zugangscode meines toten Vaters. Besonders gut funktioniert dieses Begraben offenbar nicht.“
Er schickte die Nachricht.
Helena setzte sich.
Plötzlich wirkte sie älter.
„Friedrich wollte aussteigen“, sagte sie.
Daniel erstarrte.
„Aus was?“
„Aus allem.“
„Das ergibt keinen Sinn. Er hat das Netzwerk aufgebaut.“
„Genau deshalb wusste er, was daraus geworden war.“
Sie rieb sich über die Hände.
„Es ging irgendwann nicht mehr um Geld. Es ging um Einfluss. Richter. Unternehmen. Polizeikontakte. Menschen wurden abhängig voneinander, bis niemand mehr wusste, wer eigentlich wem gehorchte.“
„Und was hat Anna damit zu tun?“
Helena blickte mich an.
„Das weiß ich nicht.“
Ich glaubte ihr diesmal beinahe.
Dann klingelte Daniels Telefon.
Matthias.
Daniel nahm ab.
„Ja.“
Wir hörten nur seine Seite des Gesprächs.
„Wo?“
Pause.
„Bist du sicher?“
Sein Blick fiel auf den Schlüssel.
„Seit wann?“
Noch eine Pause.
„Schick mir alles.“
Er legte auf.
„317 gehört zu einem privaten Schließfach.“
Mein Herz schlug schneller.
„Wo?“
„Frankfurt Hauptbahnhof.“
Helena stand abrupt auf.
„Das ist unmöglich.“
„Warum?“
„Weil Friedrich das Fach zwei Wochen vor seinem Tod aufgelöst hat.“
Daniel zeigte auf den Schlüssel.
„Offenbar nicht.“
„Ich war dabei.“
„Dann war es vielleicht ein anderes Fach.“
„Nein.“
Helena nahm den Schlüssel und drehte ihn zwischen den Fingern.
Plötzlich hielt sie inne.
„Das ist keine Drei.“
„Was?“, fragte ich.
Sie ging zum Fenster und hielt den Schlüssel gegen das Licht.
„Die erste Zahl wurde verändert.“
Daniel trat neben sie.
Unter der tief eingeritzten 3 waren tatsächlich schwache Konturen einer anderen Zahl zu erkennen.
Eine 8.
Daniel griff sofort zum Telefon.
Doch bevor er wählen konnte, ging im ganzen Haus das Licht aus.
Jonas schrie in der Küche.
Ich rannte los.
„Jonas!“
Daniel war unmittelbar hinter mir.
Als ich die Küche erreichte, saß mein Sohn unter dem Tisch. Ich zog ihn heraus und hielt ihn fest.
„Ich bin hier.“
„Warum ist alles dunkel?“
„Nur der Strom.“
Dann hörten wir draußen Motorengeräusch.
Daniel zog den Vorhang nur einen Zentimeter zur Seite.
Ein Wagen stand hinter dem Tor.
Keine Scheinwerfer.
„Keller“, sagte Daniel.
Sein Leibwächter erschien mit einer Taschenlampe.
„Notstrom wurde manuell deaktiviert. Jemand war am Generator.“
„Wie kommt jemand aufs Grundstück?“
„Das Tor wurde nicht geöffnet.“
Helena flüsterte: „Dann war er schon vorher hier.“
Daniel sah zu seinen Männern.
„Haus durchsuchen.“
Zwei verschwanden sofort.
Ich nahm Jonas auf den Arm.
„Wir müssen weg.“
„Noch nicht“, sagte Daniel.
„Jemand ist hier drin!“
„Genau deshalb gehen wir nicht blind nach draußen.“
Plötzlich erklang aus dem oberen Stockwerk ein dumpfes Geräusch.
Dann Schritte.
Schnell.
Daniel bewegte sich zur Treppe.
Ich packte seinen Arm.
„Nicht.“
Er sah meine Hand an.
„Bleib bei Jonas.“
„Daniel—“
„Bitte.“
Dieses eine Wort brachte mich zum Schweigen.
Er verschwand mit Keller nach oben.
Sekunden später hörte ich eine Tür zuschlagen.
Dann nichts.
Jonas begann zu weinen.
Helena kam näher, doch ich wich zurück.
„Nicht.“
Sie blieb stehen.
„Anna, ich würde ihm niemals etwas antun.“
„Sie haben drei Jahre lang gewusst, wo wir sind.“
„Ja.“
„Warum haben Sie Daniel nichts gesagt?“
Ihre Augen wurden feucht.
„Weil Friedrich mich darum gebeten hat.“
Ich erstarrte.
„Friedrich war tot.“
Helena antwortete nicht.
„Als Sie uns gefunden haben, war er seit zwei Jahren tot.“
Noch immer schwieg sie.
Mir wurde kalt.
„Wann hat er Sie darum gebeten?“
Bevor sie antworten konnte, kam Daniel zurück.
In seiner Hand hielt er einen weißen Umschlag.
„Niemand da“, sagte er. „Ein Fenster oben war offen.“
Er zeigte den Umschlag.
Mein Name stand darauf.
ANNA.
Daniel öffnete ihn vorsichtig.
Darin befand sich kein Brief.
Nur ein altes Foto.
Darauf waren Friedrich, Helena und ein dritter Mann zu sehen. Vielleicht dreißig Jahre jünger. Der dritte Mann hatte seinen Arm um Friedrich gelegt.
Ich kannte ihn nicht.
Daniel offenbar schon.
Seine Gesichtszüge verhärteten sich.
„Das ist Viktor Brandt.“
Helena sank auf einen Stuhl.
Auf der Rückseite des Fotos stand eine Adresse in Frankfurt.
Darunter ein Datum.
Morgen.
22:00 Uhr.
Und ein Satz:
DER SCHLÜSSEL ÖFFNET NICHT DAS SCHLIESSFACH.
Ich drehte das Foto um.
Unter dem Satz befand sich eine zweite handschriftliche Notiz.
DIE WAHRHEIT ÜBER FRIEDRICHS TOD LIEGT HINTER TÜR 817.
Daniel las sie zweimal.
Dann sah er seine Mutter an.
„Wer ist Viktor Brandt?“
Helena antwortete kaum hörbar:
„Der Mann, den dein Vater in jener Nacht töten sollte.“
Daniel wurde vollkommen still.
„Welche Nacht?“
Helena hob den Blick.
„Die Nacht, in der Anna verschwunden ist.“







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