Daniel sah mich lange an, als hätte ich gerade eine Sprache gesprochen, die er zwar verstand, aber nicht akzeptieren konnte.
„Er hat dich benutzt, um mich am Leben zu halten?“
„Ich weiß nicht, wie.“
„Dann fang bei dem an, woran du dich erinnerst.“
Der Wagen fuhr inzwischen Richtung Süden. Jonas war neben mir eingeschlafen, Emil unter seinem Kinn. Ich zog meine Jacke über ihn und versuchte, die Bilder jener Nacht nicht wieder wegzudrängen.
„Im Hotel war noch jemand.“
Daniel beugte sich vor.
„Wer?“
„Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich an eine Tür. Friedrich brachte mich nicht sofort zum Auto. Wir waren vorher in einem Zimmer.“
„Welche Nummer?“
Ich schloss die Augen.
Ein langer Korridor. Goldfarbener Teppich. Eine Lampe, die flackerte. Friedrich vor mir.
Und eine Messingplatte an einer Tür.
„817.“
Daniel fluchte leise.
Plötzlich ergab die Nachricht einen anderen Sinn.
Tür 817.
Nicht Schließfach 817.
„Was geschah dort?“
„Friedrich klopfte dreimal. Zweimal kurz, einmal lang.“
Meine Erinnerung kam in Bruchstücken zurück.
Eine Tür öffnete sich.
Ein Mann stand dahinter.
Nicht Viktor.
Jünger.
Vielleicht Mitte dreißig.
„Er kannte mich“, sagte ich.
„Woher?“
„Keine Ahnung. Aber er sagte meinen vollständigen Namen.“
Daniel runzelte die Stirn.
„Anna Weber?“
Ich sah ihn an.
„Nein.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Meinen Geburtsnamen.“
Daniel kannte ihn natürlich.
„König.“
Ich nickte.
„Er sagte: Anna König ist also wirklich hier.“
Daniel wurde still.
Ich hatte meinen Geburtsnamen seit Jahren kaum ausgesprochen. Meine Eltern waren bei einem Autounfall gestorben, als ich sechzehn gewesen war. Danach hatte ich bei meiner Tante gelebt. Für mich hatte der Name König immer nur Verlust bedeutet.
„Was hat Vater darauf gesagt?“
„Dass wir keine Zeit hätten.“
„Und dann?“
Ich presste die Hände gegen meine Stirn.
„Der Mann gab Friedrich etwas.“
„Den Schlüssel?“
„Nein. Eine Mappe.“
Daniel starrte mich an.
„Welche Mappe?“
„Dunkelblau. Friedrich öffnete sie. Darin waren Fotos.“
„Von wem?“
Ich sah zu Jonas.
Dann wieder zu Daniel.
„Von dir.“
Seine Augen verengten sich.
„Was für Fotos?“
„Du vor deinem Büro. In einem Restaurant. Im Auto. Vor unserem damaligen Haus.“
„Überwachung.“
„Ja.“
Jetzt erinnerte ich mich auch an Friedrichs Gesicht.
Nicht wütend.
Verängstigt.
„Er fragte den Mann, wie lange das schon lief.“
„Und?“
„Der Mann sagte: lange genug.“
Daniel lehnte sich zurück.
„Jemand hatte mich als Ziel markiert.“
„Vielleicht.“
„Und Vater wusste davon.“
„Deshalb sagte er später diesen Satz.“
„Welchen?“
Ich schluckte.
„Dass ich die Einzige sei, die du niemals opfern würdest.“
Daniel schwieg.
Dann begriff er.
„Sie wollten dich benutzen.“
„Oder mich gegen dich.“
„Und Vater hat dich verschwinden lassen, damit das nicht möglich war.“
„Vielleicht.“
Es erklärte vieles.
Aber nicht alles.
Vor allem nicht, warum Friedrich gewusst hatte, dass ich schwanger war.
Der Wagen bog plötzlich ab.
„Wo sind wir?“, fragte ich.
„Ein Hotel bei Hannover. Unter anderem Namen gebucht.“
„Wir fahren morgen nach Frankfurt?“
Daniel antwortete nicht sofort.
„Ich fahre.“
„Wir.“
„Nein.“
Ich lachte ungläubig.
„Nach allem glaubst du ernsthaft, ich bleibe zurück?“
„Jonas braucht dich.“
„Jonas braucht uns beide lebend.“
Das Wort uns beide hing zwischen uns.
Daniel sah mich an.
„Du hast mich vier Jahre lang für gefährlicher gehalten als alles andere.“
„Du warst gefährlich.“
„War?“
Ich schwieg.
Er verstand trotzdem.
Im Hotel bekamen wir eine abgeschirmte Suite. Keller kontrollierte jeden Raum. Jonas wachte auf und verlangte sofort etwas zu essen.
Eine Stunde später saß er im Schlafanzug zwischen Daniel und mir und aß Nudeln.
„Hast du Kinder?“, fragte er Daniel plötzlich.
Ich verschluckte mich beinahe.
Daniel stellte langsam seine Gabel ab.
„Ich glaube, ich habe einen.“
Jonas dachte darüber nach.
„Ist der nett?“
Daniels Blick traf meinen.
„Sehr.“
„Wie heißt der?“
Meine Augen brannten.
Daniel brachte kaum ein Lächeln zustande.
„Das darf ich dir vielleicht später erzählen.“
Jonas zuckte mit den Schultern und aß weiter.
Nach dem Essen schlief er schnell ein.
Daniel stand lange neben seinem Bett.
„Er weiß es nicht“, sagte er.
„Nein.“
„Willst du es ihm sagen?“
Ich hörte keinen Vorwurf mehr.
Nur eine Frage.
„Wenn wir sicher sind.“
„Und wenn wir das nie sind?“
Darauf hatte ich keine Antwort.
Sein Handy vibrierte.
Keller hatte Informationen über das Frankfurter Hotel gefunden.
Daniel öffnete die Datei.
Zimmer 817 existierte noch.
Aber das Merkwürdige war nicht die Zimmernummer.
„Anna.“
Ich trat neben ihn.
„Was?“
Er zeigte auf einen alten Grundriss.
„Zimmer 817 wurde vor fünf Jahren offiziell stillgelegt.“
„Wann?“
Daniel vergrößerte das Datum.
Am Tag nach meiner Flucht.
„Warum?“
„Angeblich Wasserschaden.“
Darunter befand sich jedoch ein interner Versicherungsvermerk.
Keine Wasserschäden.
Stattdessen war eine Wand erneuert worden.
Nur eine.
Die Wand zwischen Zimmer 817 und einem nicht eingezeichneten Versorgungsschacht.
„Da ist etwas dahinter“, sagte ich.
Daniel nickte.
Dann erschien eine zweite Nachricht von Keller.
Er hatte auch den Mann auf dem alten Foto mit Friedrich und Viktor untersucht.
Daniel las die Information zweimal.
„Was?“
„Das Foto wurde 1991 aufgenommen.“
„Und?“
Er drehte das Handy zu mir.
Unter dem Bild standen drei Namen.
Friedrich Hartmann.
Viktor Brandt.
Und:
Thomas König.
Ich hörte meinen eigenen Atem.
„König?“
Daniel sah mich an.
„Anna…“
„Nein.“
Ich nahm ihm das Handy aus der Hand.
Thomas König.
Geboren 1962.
Frankfurt.
Der Name meines Vaters.
Ich starrte auf das Foto.
Der dritte Mann war dreißig Jahre jünger als in meiner Erinnerung, aber plötzlich erkannte ich die Augen.
Meine Augen.
„Das kann nicht sein.“
Daniel sagte nichts.
Ich scrollte weiter.
Dann sah ich das Todesdatum.
Es stimmte nicht.
Mein Vater sollte 2007 gestorben sein.
In der Datei stand:
STATUS UNGEKLÄRT.
Keine Sterbeurkunde.
Keine bestätigte Identifizierung.
Mein Herz schlug so hart, dass mir schwindelig wurde.
Unter dem Eintrag befand sich eine alte interne Notiz.
Nur ein Satz.
KÖNIG HAT DAS ORIGINAL BEHALTEN.
„Welches Original?“, flüsterte ich.
Daniel nahm mir langsam das Handy ab.
Ganz unten war ein weiteres Dokument angehängt.
Eine Liste mit Namen.
Neben Friedrich stand: verstorben.
Neben Viktor: unbekannt.
Neben Thomas König stand kein Status.
Nur eine Adresse.
Frankfurt.
Dieselbe Straße wie das Hotel.
Und daneben eine handschriftliche Bemerkung:
817 KANN NUR VON SEINER TOCHTER GEÖFFNET WERDEN.
Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
Friedrich hatte mich nicht zufällig ausgewählt.
Er hatte meinen Vater gekannt.
Und wenn diese Datei stimmte, war der Mann, den ich seit fast zwanzig Jahren für tot gehalten hatte, vielleicht niemals bei jenem Unfall gestorben.







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