„Es war Helena.“
Daniel bewegte sich mehrere Sekunden lang nicht. Hinter ihm summte leise die Klimaanlage des Hotelzimmers, draußen fuhr irgendwo ein Auto über die nasse Straße, doch in dem verborgenen Raum schien selbst die Zeit stillzustehen.
„Meine Mutter wollte mich töten lassen?“
Thomas König antwortete nicht sofort.
Daniel machte einen Schritt auf ihn zu.
„Sagen Sie es noch einmal.“
„Daniel.“
Ich berührte seinen Arm.
Er zog ihn nicht weg, aber sein Körper war angespannt wie eine gespannte Feder.
Thomas blieb erstaunlich ruhig.
„Helena gab den Auftrag.“
„Warum?“
„Das weiß ich nicht vollständig.“
Daniel lachte bitter.
„Natürlich.“
„Ich weiß nur, dass Friedrich den Auftrag abgefangen hat. Deshalb begann er, gegen das eigene Netzwerk zu arbeiten.“
„Und Viktor?“
„Viktor wollte alles öffentlich machen. Friedrich wollte Beweise sichern. Ich sollte sie verstecken.“
Mein Blick wanderte zu den Regalen.
„Hier?“
Thomas nickte.
„Ein Teil davon.“
„Was ist das Original?“, fragte ich.
Er sah mich an.
„Ein Hauptbuch.“
Daniel runzelte die Stirn.
„Finanzen?“
„Nicht nur. Namen. Zahlungen. Gefälligkeiten. Erpressungsmaterial. Alles, was das Netzwerk über Jahrzehnte zusammengehalten hat.“
„Wo ist es?“
Thomas schwieg.
„Papa.“
Dieses Wort fühlte sich noch immer falsch in meinem Mund an.
„Wo ist es?“
„Sicher.“
Ich spürte Wut in mir aufsteigen.
„Du hast meinen Tod vorgetäuscht, deinen eigenen auch irgendwie, mich fast zwanzig Jahre allein gelassen, und jetzt antwortest du mit sicher?“
Schmerz zog über sein Gesicht.
„Deine Mutter ist wirklich gestorben, Anna.“
Meine Wut verschwand für einen Augenblick.
„Was?“
„Der Unfall war geplant. Aber nicht so.“
Mir wurde übel.
„Erklär das.“
Thomas setzte sich langsam auf einen Stuhl.
„Wir sollten an jenem Abend verschwinden. Deine Mutter, du und ich. Friedrich hatte eine Route organisiert. Zwei Fahrzeuge. Neue Identitäten.“
„Aber?“
„Jemand kannte den Plan.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Unser Wagen wurde auf der Autobahn abgedrängt. Deine Mutter starb.“
Ich konnte kaum atmen.
„Und du?“
„Ich wurde verletzt. Friedrich holte mich aus dem Krankenhaus, bevor jemand wusste, dass ich überlebt hatte.“
„Und mich hast du einfach zurückgelassen?“
„Du warst bereits bei Sabine. Friedrich sagte, jeder Kontakt würde dich gefährden.“
„Also hast du fast zwanzig Jahre geschwiegen.“
„Ich habe dich beobachtet.“
Der Satz traf mich noch härter.
„Was?“
„Nicht ständig. Aber ich wusste, wo du warst.“
Ich wich zurück.
„Auch als ich Daniel kennenlernte?“
Thomas sah Daniel an.
„Ja.“
„Dann haben Sie mich überwacht“, sagte Daniel.
„Ich habe meine Tochter überwacht.“
„Das erklärt die Fotos in der blauen Mappe“, sagte ich.
Thomas schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Stille.
„Die waren nicht von mir.“
Daniel und ich sahen uns an.
„Wer dann?“
„Genau deshalb kam Friedrich damals zu mir. Jemand beobachtete euch beide.“
Daniel zog sein Handy heraus.
„Wir rufen Helena an.“
Thomas stand sofort auf.
„Nein.“
„Wenn sie wirklich meinen Tod wollte, möchte ich ihre Stimme hören.“
„Du verstehst nicht.“
„Dann erklären Sie es.“
Thomas trat näher.
„Der Auftrag trägt Helenas Freigabecode. Das beweist, dass er über ihren Zugang erteilt wurde. Nicht, dass Helena selbst ihn eingegeben hat.“
Daniel hielt inne.
„Sie haben gerade gesagt, es war Helena.“
„Weil Friedrich davon überzeugt war.“
„Und Sie?“
Thomas sah zu den Akten.
„Ich bin es nicht mehr.“
Das war die nächste Verschiebung unter unseren Füßen.
„Warum?“, fragte ich.
Thomas griff in seine Jacke und legte einen USB-Stick auf den Tisch.
„Weil vor acht Monaten jemand wieder begonnen hat, alte Zugangscodes zu verwenden.“
„Als Sabine starb“, sagte ich.
Er nickte.
„Ihre Tante hatte etwas aufbewahrt, das ich ihr vor Jahren gegeben hatte. Kurz vor ihrem Tod rief sie mich an. Sie sagte, jemand habe nach dir gefragt.“
„Wer?“
„Ein Mann, der behauptete, für Friedrich zu arbeiten.“
Daniel wurde still.
„Mein Vater war da seit Jahren tot.“
„Genau.“
Thomas schob den USB-Stick zu uns.
„Darauf sind die letzten Daten, die Sabine mir geschickt hat.“
Daniel steckte ihn in einen Laptop auf dem Tisch.
Mehrere Ordner erschienen.
Fotos.
Kontobewegungen.
Telefonlisten.
Dann ein Video.
Datum: vor acht Monaten.
Sabines Wohnung.
Die Aufnahme stammte offenbar von einer kleinen Überwachungskamera.
Ein Mann trat ins Wohnzimmer.
Ich erkannte ihn sofort.
„Nein.“
Daniel beugte sich näher zum Bildschirm.
Keller.
Sein Leibwächter.
Der Mann, der elf Jahre für ihn gearbeitet hatte.
Der Mann, bei dem wir Jonas beinahe gelassen hätten.
Auf dem Video durchsuchte Keller Schubladen, öffnete einen Schrank und nahm schließlich einen Umschlag heraus.
„Was war darin?“, fragte Daniel.
Thomas antwortete: „Eine Kopie der ersten Seite des Hauptbuchs.“
Daniel griff sofort zum Telefon.
„Jonas.“
Mein Herz blieb stehen.
Wir riefen Helena an.
Keine Antwort.
Noch einmal.
Nichts.
Daniel wählte einen der Männer am sicheren Haus.
Mailbox.
Ich konnte plötzlich kaum noch stehen.
„Wir müssen zurück.“
Thomas packte meinen Arm.
„Warte.“
„Mein Sohn ist dort!“
„Wenn Keller dazugehört, wissen sie längst, wo er ist.“
„Dann lass mich los!“
„Anna, hör mir zu.“
Ich riss meinen Arm frei.
Daniel hatte inzwischen eine Ortungs-App geöffnet.
„Helenas Wagen bewegt sich.“
„Wohin?“
Er vergrößerte die Karte.
Richtung Süden.
„Sie hat Jonas?“
Daniel wählte erneut.
Diesmal ging Helena ran.
„Daniel.“
Im Hintergrund hörte ich Jonas.
„Mama?“
Ich griff nach dem Telefon.
„Jonas!“
„Mama, wir fahren Auto.“
„Bist du okay?“
„Ja. Oma Helena hat gesagt, wir treffen dich.“
Oma Helena.
Unter anderen Umständen hätte mich dieses Wort vielleicht zum Weinen gebracht.
Jetzt machte es mir Angst.
Daniel nahm das Handy.
„Mutter, wohin fährst du?“
„Das kann ich dir nicht sagen.“
„Dreh sofort um.“
„Nein.“
„Helena.“
Sie schwieg kurz.
„Keller war hier.“
Daniel und ich sahen uns an.
„Was wollte er?“
„Jonas.“
Mein Herz raste.
„Wo ist Keller jetzt?“
„Er glaubt, wir fahren zum Flughafen.“
„Und wohin fährst du wirklich?“
„Zu dem einzigen Ort, den Friedrich vorbereitet hat, falls alles zusammenbricht.“
Thomas wurde plötzlich blass.
„Frag sie nach dem Namen“, sagte er.
Daniel stellte die Frage.
Helena antwortete:
„Haus Morgenrot.“
Thomas schloss die Augen.
„Was?“, fragte ich.
Er sah mich an.
„Das ist kein Schutzhaus.“
Daniel hielt das Telefon fester.
„Was ist es dann?“
Thomas’ Stimme war kaum hörbar.
„Der Ort, an dem Friedrich gestorben ist.“
Auf der anderen Seite wurde Helena plötzlich still.
Dann hörten wir ein Geräusch.
Jonas schrie auf.
Reifen quietschten.
„Mutter!“
Keine Antwort.
Nur hektisches Atmen.
Dann kam eine Männerstimme durch den Lautsprecher.
„Daniel.“
Keller.
Daniel wurde kreidebleich.
„Wenn du deinen Sohn wiedersehen willst, bringst du Thomas König und den Schlüssel nach Morgenrot.“
„Wenn du ihn anfasst—“
„Ich brauche den Jungen nicht.“
Keller lachte leise.
„Ich brauche nur jemanden, für den ihr endlich aufhört zu lügen.“
Die Verbindung brach ab.
Thomas starrte auf Daniels Handy.
Ich sah meinen Vater an.
„Was will er wirklich?“
Thomas antwortete nicht.
„Papa.“
Langsam setzte er sich.
„Das Hauptbuch.“
„Du hast gesagt, es sei sicher.“
„Das ist es.“
„Wo?“
Sein Blick wanderte zu mir.
Dann zu Daniel.
Und schließlich auf den kleinen Messingschlüssel auf dem Tisch.
„Friedrich hat dafür gesorgt, dass niemand allein daran kommt.“
„Was bedeutet das?“
Thomas schluckte.
„Der Schlüssel ist nur die erste Hälfte.“
„Und die zweite?“
Er sah mich direkt an.
„Die trägt Jonas seit seiner Geburt bei sich.“
Ich erstarrte.
„Was redest du da?“
Thomas’ Antwort ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
„Sein zweiter Vorname, Anna.“
Daniel sah mich an.
Jonas hatte keinen zweiten Vornamen.
Zumindest glaubte Daniel das.
Thomas wusste es offenbar besser.
„Welcher zweite Vorname?“, fragte Daniel.
Ich brachte kaum ein Wort heraus.
Denn auf Jonas’ ursprünglicher Geburtsurkunde, die ich seit vier Jahren versteckt hielt, stand tatsächlich ein Name, den ich niemals benutzte.
Friedrich.







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