Ich tat so, als hätte ich nichts gesehen.
Das war in solchen Situationen oft schwieriger, als jemanden zu überwältigen.
Kriminalhauptkommissar Müller stand keine zehn Meter von mir entfernt, und doch wusste ich jetzt mehr über ihn, als er für möglich hielt. Er war nicht nur ein korrupter Ermittler, der Viktor Wolf einen Gefallen tat.
Er war Teil des Netzes.
Und wenn Tessa ihm nicht vertraute, durfte ich niemandem vertrauen, der seine Informationen von ihm bekam.
Nicht einmal innerhalb meiner eigenen Strukturen.
Ich ging zurück zu ihrem Zimmer.
Vor der Tür standen inzwischen zwei uniformierte Beamte.
„Anweisung von Herrn Müller“, sagte einer.
„Zum Schutz Ihrer Frau.“
Ich sah ihn an.
„Vor wem?“
Der Beamte öffnete den Mund, brachte aber keine Antwort heraus.
Genau das hatte ich erwartet.
Ich betrat das Zimmer und zog den Vorhang um Tessas Bett zu.
Sie schlief wieder.
Ihr Atem war flach, aber gleichmäßig.
Ich setzte mich zu ihr und beugte mich so nah heran, dass niemand außerhalb des Vorhangs meine Stimme verstehen konnte.
„Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst“, flüsterte ich. „Aber ab jetzt glaube ich keinem einzigen Bericht mehr, keiner Dienstmarke und keinem Mann, der behauptet, er wolle dich beschützen.“
Ihre Finger bewegten sich kaum merklich.
Vielleicht nur ein Reflex.
Vielleicht auch nicht.
Ich legte meine Hand darüber.
„Ich finde heraus, warum mein Bruder lebt.“
Diesmal schlossen sich ihre Finger schwach um meine.
Nur für eine Sekunde.
Dann ließen sie wieder los.
Mein Telefon vibrierte.
Hagedorn.
Ich ging nicht ran.
Stattdessen verließ ich das Zimmer und lief zum Treppenhaus.
Erst dort nahm ich ab.
„Sag mir, dass du allein bist“, sagte er.
„Bin ich.“
„Ich habe das Kennzeichen des Wagens auf dem Hamburger Foto überprüft.“
„Und?“
„Gehört offiziell einer Sicherheitsfirma.“
„Welche?“
„Aegis Nord.“
Der Name sagte mir etwas.
Nicht genug.
„Rüstungsindustrie?“
„Unter anderem. Werkschutz, Personenschutz, Transportbegleitung. Aber das ist nur die Vorderseite.“
Ich hörte Tastaturgeräusche.
„Die Firma hat in den letzten sieben Jahren vier öffentliche Aufträge bekommen, deren Ausschreibungen über Firmen liefen, die mit Viktor Wolfs Briefkastenfirmen verbunden sind.“
„Und mein Bruder?“
„Keine offizielle Verbindung.“
„Natürlich nicht.“
„Aber ich habe etwas anderes gefunden.“
Eine neue Datei erschien auf meinem Telefon.
Ein internes Zugangsprotokoll.
Name: Lukas Falk.
Das Foto darunter zeigte einen Mann, der mein Bruder hätte sein können.
Nur älter.
Härter.
Mit denselben grauen Augen wie unser Vater.
„Falk?“
„Alias.“
„Seit wann?“
„Mindestens acht Jahre.“
Ich starrte auf das Bild.
Mein Bruder hieß Jonas.
Jonas Weber.
Elf Jahre tot.
Acht Jahre als Lukas Falk unterwegs.
Dazwischen drei Jahre, über die niemand etwas wusste.
„Position?“
„Leiter interne Sicherheit.“
Ich lachte einmal.
Ohne Humor.
„Für Wolf?“
„Offiziell für Aegis Nord.“
„Dasselbe.“
Hagedorn schwieg.
Dann sagte er: „Raven, du musst vorsichtig sein. Wenn dein Bruder dort so lange arbeitet, ist er entweder tief drin … oder er hat einen Grund, den wir noch nicht verstehen.“
Ich dachte an Tessas Wort.
Warnung.
„Er hat einen Grund.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil Tessa noch lebt.“
Hagedorn sagte nichts.
Ich erklärte ihm nicht, was ich meinte.
Wenn Jonas sie hätte töten wollen, wäre sie tot.
Jemand mit seiner Ausbildung hätte keine einunddreißig Hammerschläge gebraucht.
Diese Gewalt war persönlich.
Unkontrolliert.
Das passte zu Dominik.
Nicht zu Jonas.
„Ich brauche einen sicheren Ort für Mats“, sagte ich.
„Du hast ihn noch bei dir?“
„Noch lebt er.“
„Das klingt nicht beruhigend.“
„Soll es auch nicht.“
Ich gab ihm die Adresse eines leerstehenden Bundeswehrdepots außerhalb der Stadt, das seit Monaten auf seine endgültige Räumung wartete.
„Bring ihn dorthin. Keine offiziellen Fahrzeuge. Keine Meldung.“
„Und du?“
„Ich suche etwas, bevor Viktor es findet.“
„Den Datenträger.“
„Genau.“
Ich legte auf.
Tessa hatte den Datenträger versteckt, bevor die Wolfs gekommen waren.
Wenn Viktor ihn nicht gefunden hatte, lag er möglicherweise noch immer dort, wo sie ihn versteckt hatte.
Aber nicht im Haus.
Dort hatte jemand gründlich gereinigt.
Ich dachte an Tessa.
An ihre Gewohnheiten.
Sie war vorsichtig.
Methodisch.
Sie wusste, dass ein offensichtliches Versteck durchsucht werden würde.
Ich schloss die Augen und erinnerte mich an unser letztes Telefonat vor meiner Heimkehr.
Ihre Stimme.
Sie hatte gesagt, dass der alte Apfelbaum im Garten endlich Früchte trug.
Damals hatte ich gelacht.
Der Baum war seit Jahren halb tot.
„Vielleicht wartet er nur auf den richtigen Zeitpunkt“, hatte sie geantwortet.
Jetzt öffnete ich die Augen.
Der richtige Zeitpunkt.
Ich verließ das Krankenhaus durch einen Seitenausgang.
Niemand folgte mir sichtbar.
Das bedeutete nichts.
Zwanzig Minuten später stand ich hinter unserem Haus.
Das Polizeisiegel an der Terrassentür war neu.
Das Fenster zum Keller dagegen nicht.
Ich nahm denselben Weg hinein, den Tessa und ich benutzt hatten, wenn wir uns früher ausgesperrt hatten.
Im Haus war es still.
Zu still.
Die Reinigung hatte fast alles beseitigt.
Aber Menschen, die Tatorte säubern, entfernen das, wonach sie suchen.
Sie entfernen selten das, was sie nicht verstehen.
Ich ging direkt in den Garten.
Der Apfelbaum stand am hinteren Zaun.
Morsch.
Kahl.
Und im Stamm steckte eine neue Edelstahlschraube.
Ich kniete mich hin.
Unter der Schraube war die Rinde frisch beschädigt.
Ich nahm mein Taschenmesser, löste vorsichtig ein Stück Holz und fand einen schmalen Hohlraum.
Leer.
Mein Magen zog sich zusammen.
Jemand war vor mir da gewesen.
Dann hörte ich hinter mir eine Stimme.
„Du warst immer zu langsam.“
Ich wirbelte herum.
Der Mann stand fünf Meter entfernt.
Schwarze Jacke.
Kurzes Haar.
Die Narbe hinter dem rechten Ohr.
Elf Jahre lang hatte ich ihn in meinen Träumen gesehen.
Tot.
Blass.
Im Sarg.
Jetzt stand er in meinem Garten.
Lebendig.
„Jonas.“
Er reagierte kaum auf seinen Namen.
„Lange her.“
Ich machte einen Schritt auf ihn zu.
„Du bist tot.“
„Das war der Plan.“
„Wessen Plan?“
Sein Blick wanderte zum Haus.
„Nicht hier.“
„Elf Jahre.“
Meine Stimme war plötzlich nicht mehr ruhig.
„Elf verdammte Jahre.“
Jonas sah mich an.
Und zum ersten Mal brach etwas in seiner Fassade.
„Ich weiß.“
„Mutter ist an deinem Grab zusammengebrochen.“
„Ich weiß.“
„Ich habe deinen Sarg getragen.“
„Ich weiß.“
Ich packte ihn am Kragen.
Er wehrte sich nicht.
„Dann erklär es mir.“
„Noch nicht.“
Meine Faust spannte sich.
„Falsche Antwort.“
„Wenn du mich schlägst, ändert das nichts.“
„Vielleicht hilft es mir.“
„Dann tu es.“
Ich sah in sein Gesicht.
Dasselbe schiefe Kinn.
Dieselben Augen.
Mein Bruder.
Ich ließ ihn los.
„Hat Dominik Tessa geschlagen?“
Jonas’ Blick wurde hart.
„Ja.“
„Und die anderen?“
„Drei haben sie festgehalten. Zwei haben das Haus durchsucht. Mats stand daneben.“
„Viktor?“
„Hat zugesehen.“
Mein Atem wurde langsam.
„Und du?“
„Ich kam zu spät.“
„Woher wusstest du davon?“
„Tessa hat mich kontaktiert.“
Das traf mich unerwartet.
„Seit wann kennt sie dich?“
„Seit sieben Monaten.“
Ich starrte ihn an.
„Sie wusste, dass du lebst?“
„Ja.“
„Und sie hat es mir nicht gesagt?“
„Weil ich sie darum gebeten habe.“
„Warum sollte sie dir gehorchen?“
Jonas senkte die Stimme.
„Weil dein Einsatz kompromittiert war.“
Alles in mir wurde still.
„Was?“
„Deine KSK-Mission.“
„Red weiter.“
„Jemand hat Informationen über eure Bewegungen verkauft.“
Ich dachte an die Operation.
An den Hinterhalt drei Monate zuvor.
An die zwei Männer aus unserer Einheit, die nur knapp überlebt hatten.
Damals hatte man es als Zufall erklärt.
Schlechte Aufklärung.
„Viktor?“
Jonas schüttelte den Kopf.
„Viktor ist nur ein Teil davon.“
„Müller?“
„Auch.“
„Wer dann?“
Jonas sah mich lange an.
„Jemand mit Zugriff auf militärische Einsatzdaten.“
Ich dachte an Hagedorn.
Sofort.
Und hasste mich dafür.
Jonas bemerkte es.
„Genau deshalb durfte Tessa dir nichts sagen. Je weniger du wusstest, desto länger hast du gelebt.“
„Wo ist der Datenträger?“
Jonas griff in seine Jacke.
Meine Hand ging automatisch zur Waffe.
„Ruhig.“
Er zog keinen Datenträger heraus.
Sondern einen kleinen Schlüssel.
Messing.
Alt.
Er warf ihn mir zu.
Ich fing ihn.
„Was öffnet der?“
„Ein Schließfach.“
„Wo?“
„Hauptbahnhof.“
„Nummer?“
„Tessa hat sie dir längst gegeben.“
„Was soll das heißen?“
„Denk an euren Hochzeitstag.“
Bevor ich antworten konnte, knallte etwas gegen die Hauswand.
Jonas warf sich auf mich.
Eine Sekunde später zerplatzte das Küchenfenster.
Der Schuss war fast geräuschlos gewesen.
Schalldämpfer.
Wir lagen hinter der niedrigen Gartenmauer.
„Du wurdest verfolgt“, zischte Jonas.
„Nein.“
„Dann ich.“
Ein zweiter Schuss schlug in den Baumstamm.
Jonas zog eine Pistole.
„Hinterer Zaun. Drei Sekunden.“
„Gemeinsam.“
„Nein.“
„Du verschwindest mir nicht noch einmal.“
Er sah mich an.
„Dann lauf schneller als früher.“
Wir sprangen gleichzeitig auf.
Jonas feuerte zweimal in Richtung des Nachbarhauses.
Ich rannte zum Zaun.
Eine Gestalt bewegte sich auf einem Dach.
Ich sah nur den Schatten.
Dann war sie weg.
Als ich mich umdrehte, stand Jonas noch immer hinter mir.
Diesmal war er nicht verschwunden.
„Hör mir zu“, sagte er.
„Viktor glaubt, Tessa habe den Datenträger versteckt. Müller glaubt dasselbe. Aber wenn sie herausfinden, dass du den Schlüssel hast, werden sie nicht mehr versuchen, dich einzuschüchtern.“
„Was werden sie tun?“
Jonas sah zum Krankenhaus in der Ferne, obwohl man es von hier aus nicht sehen konnte.
„Sie werden Tessa benutzen.“
Mein Telefon klingelte.
Unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Niemand sprach.
Dann hörte ich ein Piepen.
Ein Herzmonitor.
Und eine Männerstimme.
„Herr Weber?“
Müller.
„Ihre Frau wird gerade für eine Untersuchung verlegt.“
Ich sah Jonas an.
Sein Gesicht wurde bleich.
Müller sprach weiter.
„Ich dachte, Sie möchten wissen, wohin.“
Die Verbindung brach ab.
Ich rannte zum Wagen.
Zum ersten Mal seit meiner Rückkehr folgte Jonas mir.
Nicht als Geist.
Nicht als Erinnerung.
Sondern als mein Bruder.
Und als wir losfuhren, wusste ich nur eines:
Der Krieg hatte das Krankenhaus erreicht.
**Es geht weiter — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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