Unterhaltung

Als Ich Nach Monaten Vom KSK-Einsatz Heimkehrte, Lag Meine Frau Mit 31 Brüchen Auf Der Intensivstation

Ich hielt das Telefon noch am Ohr, während draußen die ersten Männer ausschwärmten.

Keine Uniformen.

Keine Polizeimarkierungen.

Aber ihre Bewegungen waren militärisch sauber.

Zwei sicherten die Zufahrt. Drei gingen zur Rückseite. Weitere verteilten sich entlang der Fassade.

Sie wussten genau, wie man ein Gebäude einschloss.

„Wer sind die?“, fragte ich.

Hagedorn antwortete sofort.

„Leute, die Tessa da rausholen sollen.“

„Für wen arbeiten sie?“


Eine kurze Pause.

„Für mich.“

Jonas stieß ein bitteres Lachen aus.

Hagedorn musste es gehört haben.

„Er ist bei dir.“

„Ja.“

„Dann hör mir besonders gut zu. Jonas ist nicht das Opfer, für das er sich ausgibt.“

Mein Bruder trat näher.

„Frag ihn nach Kandahar.“

Ich sah ihn an.


Hagedorn schwieg.

Nur einen Herzschlag lang.

Aber ich bemerkte es.

„Was ist mit Kandahar?“, fragte ich.

„Nicht jetzt.“

Falsche Antwort.

„Dann sag deinen Männern, sie bleiben draußen.“

„Raven—“

„Das ist keine Diskussion.“

„Du verstehst die Lage nicht.“


„Dann erklär sie.“

Wieder Schweigen.

Diesmal länger.

Tessa bewegte sich schwach auf dem Krankenbett.

Ich kniete sofort neben ihr.

Ihr Gesicht war kreidebleich.

Wir hatten keine Zeit für Machtspiele zwischen zwei Männern, die beide nur die halbe Wahrheit sagten.

„Wir müssen sie hier rausbringen“, sagte ich.

„Dann komm zum Haupteingang“, antwortete Hagedorn. „Allein mit Tessa.“

Mein Blick ging zu Jonas.


„Und mein Bruder?“

„Bleibt dort.“

„Warum?“

„Weil Jonas vor elf Jahren an einer Operation beteiligt war, bei der deutsche Einsatzinformationen verkauft wurden.“

Jonas’ Gesicht veränderte sich nicht.

Das beunruhigte mich mehr, als wenn er protestiert hätte.

„Stimmt das?“, fragte ich.

„Teilweise.“

Ich schaltete den Lautsprecher ein.

„Dann können wir uns die Geheimnisse jetzt sparen.“


Jonas sah auf das Telefon.

„Sag ihm den Rest, Hagedorn.“

Keine Antwort.

„Sag ihm, warum ich verschwinden musste.“

Hagedorns Stimme wurde hart.

„Weil gegen dich ermittelt wurde.“

„Nein.“

Jonas trat zum Fenster.

„Weil ich herausgefunden hatte, wer die Informationen verkaufte.“

Meine Hand schloss sich unbewusst um Tessas Bettgitter.


„Wer?“

Jonas sah mich an.

„Ein Netzwerk aus privaten Sicherheitsfirmen, Beschaffern und Leuten innerhalb staatlicher Strukturen. Viktor hat Geld gewaschen. Müller hat Ermittlungen verschwinden lassen. Andere haben Zugänge geliefert.“

„Und Hagedorn?“

Mein Bruder schwieg.

„Jonas.“

„Er hat damals meinen Tod organisiert.“

Ich sah auf das Telefon.

Hagedorn widersprach nicht.

Etwas in meiner Brust wurde kalt.


„Ist das wahr?“

„Ja.“

Die Antwort kam ruhig.

Fast müde.

„Warum?“

„Weil dein Bruder sonst innerhalb von zwei Tagen tot gewesen wäre.“

Jonas drehte sich vom Fenster weg.

„Jetzt erzähl ihm auch, warum du mir nie erlaubt hast zurückzukommen.“

Wieder diese Pause.

Ich hasste inzwischen jede Sekunde Schweigen zwischen ihren Antworten.


„Weil wir jemanden im Inneren nicht identifizieren konnten“, sagte Hagedorn schließlich.

„Wir?“, fragte ich.

„Eine kleine Gruppe. Außerhalb der normalen Befehlskette.“

„Und elf Jahre lang habt ihr nichts gefunden?“

„Wir haben viel gefunden.“

„Nur nicht genug.“

Hagedorn antwortete nicht.

Jonas übernahm.

„Vor acht Monaten wurde ich zu Viktor gebracht. Er wusste nicht, wer ich wirklich war. Für ihn war ich Lukas Falk, Sicherheitsberater.“

„Du hast dich eingeschleust.“


„Ja.“

„Warum?“

„Weil die Geldströme wieder auftauchten. Größer als damals.“

Tessa öffnete die Augen.

„Datenträger“, flüsterte sie.

Wir verstummten.

Ich beugte mich zu ihr.

„Was ist darauf?“

Sie atmete schwer.

„Nicht nur … Geld.“


Jonas kam näher.

„Tessa, nicht sprechen.“

Sie ignorierte ihn.

„Listen.“

„Welche Listen?“

„Namen.“

Ihr Blick suchte meinen.

„Einsätze.“

Mir lief ein Schauer über den Rücken.

„Welche Einsätze?“

Ihre Lippen bewegten sich.

„Deine.“

Der Raum schien stillzustehen.

Ich dachte an meinen letzten Auslandseinsatz.

An die Route, die plötzlich bekannt gewesen war.

An den Hinterhalt.

An Männer, die auf uns gewartet hatten, bevor wir überhaupt unsere Position erreicht hatten.

„Der Datenträger beweist, dass jemand unsere Einsatzdaten verkauft hat?“

Tessa nickte schwach.

Dann flüsterte sie:

„Mehrere Jahre.“

Ich sah zu Jonas.

„Du wusstest das?“

„Ich wusste, dass Viktor Daten vermittelte. Nicht, woher sie kamen.“

„Und Tessa fand die Verbindung.“

„Ja.“

Jetzt verstand ich, warum Viktor sie nicht einfach hatte einschüchtern lassen.

Sie hatte nicht nur seine Geldwäsche entdeckt.

Sie hatte eine Verbindung gefunden, die Menschen ins Gefängnis bringen konnte.

Vielleicht noch viel mehr.

Draußen bewegten sich Hagedorns Männer näher an das Gebäude.

Jonas sah erneut hinaus.

„Noch zwei Minuten.“

„Bis was?“

„Bis sie reingehen.“

Ich hob das Telefon.

„Hagedorn.“

„Ich bin hier.“

„Zieh sie zurück.“

„Kann ich nicht.“

„Du hast gesagt, sie arbeiten für dich.“

„Das tun sie.“

„Dann kannst du ihnen Befehle geben.“

Er atmete einmal hörbar ein.

„Nicht mehr.“

Jonas und ich sahen uns an.

„Was heißt das?“

„Ich habe den Zugriff auf die Einheit vor vier Minuten verloren.“

„An wen?“

„Das versuche ich herauszufinden.“

Dann hörte ich etwas auf seiner Seite.

Eine Tür.

Stimmen.

Hagedorn fluchte.

„Raven, hör zu. Wenn ich mich in den nächsten zehn Minuten nicht melde, geh davon aus, dass unser Kanal kompromittiert ist.“

„Wo bist du?“

„Nicht wichtig.“

„Verdammt noch mal, Hagedorn—“

Die Verbindung brach ab.

Jonas nahm sofort sein eigenes Gerät.

„Die Männer bewegen sich.“

Im Flur hörten wir Schreie.

Dann zwei dumpfe Schüsse.

Müller, der noch immer am Boden lag, begann zu lachen.

Ich drehte mich zu ihm.

„Was ist daran lustig?“

„Ihr versteht es immer noch nicht.“

Er spuckte Blut auf den Boden.

„Ihr denkt, Wolf sei das Zentrum. Dann denkt ihr, Hagedorn sei es. Immer sucht ihr nach einem Kopf.“

„Und?“

Müller grinste.

„Es gibt keinen.“

Jonas packte ihn am Kragen.

„Wer kontrolliert die Einheit draußen?“

„Vielleicht dieselben Leute, die seit Jahren wissen, wo eure Soldaten schlafen.“

Jonas schlug ihn gegen die Wand.

„Name.“

Müller lachte nur.

Dann ertönte unten eine Explosion.

Die Beleuchtung fiel aus.

Notlampen sprangen an.

Tessa zuckte zusammen.

Ich hob sie vorsichtig hoch.

Sie stöhnte vor Schmerz.

„Tut mir leid.“

„Bring mich … raus.“

„Genau das tue ich.“

Jonas öffnete eine Seitentür.

„Versorgungskorridor. Von dort kommen wir zum Tunnel.“

Ich sah zu Müller und Dominik.

„Die kommen mit.“

„Wir können Tessa nicht tragen und zwei Gefangene bewachen.“

„Wenn wir sie hierlassen, verschwinden sie.“

Dominik lachte heiser.

„Vielleicht solltest du dir langsam Gedanken darum machen, wer hier eigentlich wen gefangen hält.“

Ich zog eine Kunststofffessel aus der Tasche des bewusstlosen Wachmanns und verband Dominiks Handgelenk mit Müllers.

„Dann bleibt ihr zusammen.“

Wir bewegten uns durch den Korridor.

Jonas vorne.

Ich mit Tessa im Arm.

Müller und Dominik hinter uns.

Schüsse hallten aus dem Erdgeschoss.

Keine Panik.

Kurze Feuerstöße.

Diszipliniert.

Wer auch immer dort unten war, wollte das Gebäude übernehmen.

Nicht stürmen.

Wir erreichten das Treppenhaus.

Jonas hob die Faust.

Stopp.

Schritte kamen nach oben.

Drei Männer.

Jonas zeigte auf eine Seitentür.

Ich brachte Tessa hinein.

Ein alter Laborraum.

Müller und Dominik folgten.

Jonas blieb draußen.

Sekunden später hörte ich einen dumpfen Aufprall.

Dann einen zweiten.

Ein Schuss.

Stille.

Die Tür öffnete sich.

Jonas kam herein.

Blut lief über seine Stirn.

„Einer ist weg.“

„Verfolgt er uns?“

„Nein.“

Ich fragte nicht weiter.

Wir gingen weiter nach unten.

Als wir endlich den Versorgungstunnel erreichten, sackte Tessa in meinen Armen etwas zusammen.

„Tessa.“

Ihre Augen öffneten sich.

„Ich bin da.“

„Schlüssel.“

„Ich habe ihn.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nicht … Schließfach.“

Ich blieb stehen.

„Was?“

Sie tastete schwach nach meiner Jacke.

„Schlüssel … ist Hinweis.“

Jonas sah zu ihr.

„Tessa, was hast du gemacht?“

Sie brachte ein beinahe unsichtbares Lächeln zustande.

„Falls sie mich finden.“

Ich zog den Messingschlüssel hervor.

Auf den ersten Blick war er gewöhnlich.

Dann hielt Jonas seine Lampe darauf.

An der schmalen Kante waren winzige Zahlen eingraviert.

17.

18.

Dann vier weitere Ziffern.

Ich erkannte sie sofort.

Unser Hochzeitstag.

Jonas hatte gesagt, Tessa hätte mir die Schließfachnummer längst gegeben.

Aber es war keine Nummer.

Es war eine Kombination.

„Wo?“, fragte ich.

Tessas Blick ging zu meinem Ehering.

Und plötzlich verstand ich.

Unsere Hochzeit.

Nicht der Bahnhof.

Der Ort, an dem wir geheiratet hatten.

Ein kleines Gutshaus außerhalb der Stadt.

Damals hatte Tessa darauf bestanden, dass wir unsere persönlichen Gelübde in einer alten Kapelle hinter dem Gebäude sprechen.

Unter dem Altar befand sich ein historischer Tresor, den der Besitzer uns aus Spaß gezeigt hatte.

Ich sah sie an.

„Die Kapelle.“

Sie schloss die Augen.

Ja.

Jonas fluchte leise.

„Dann war das Schließfach eine falsche Spur.“

„Für jeden, der uns belauschte.“

Tessa hatte gewusst, dass sie beobachtet wurde.

Sie hatte uns alle getäuscht.

Auch Viktor.

Vielleicht sogar Jonas.

Plötzlich vibrierte Müllers Telefon.

Wir blieben stehen.

Es steckte noch in seiner Jackentasche.

Ich zog es heraus.

Eine neue Nachricht war auf dem Bildschirm erschienen.

Nur sechs Wörter.

**ZIEL ÄNDERT ROUTE. KAPELLE SOFORT SICHERN.**

Niemand sagte etwas.

Ich sah zu Tessa.

Dann zu Jonas.

Wenn diese Nachricht gerade erst gekommen war, hatte jemand unser Gespräch gehört.

Hier.

In diesem Tunnel.

Ich blickte auf den Messingschlüssel in meiner Hand.

Der Datenträger war noch immer vor uns.

Aber jetzt wussten unsere Gegner genau, wohin wir mussten.

**Es geht weiter — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**

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