Unterhaltung

Als Ich Nach Monaten Vom KSK-Einsatz Heimkehrte, Lag Meine Frau Mit 31 Brüchen Auf Der Intensivstation

Ich fuhr schneller, als ich es mir nach jedem Einsatz geschworen hatte, jemals wieder zu tun.

Jonas saß auf dem Beifahrersitz und telefonierte mit jemandem über ein Gerät, das ich nicht kannte.

„Tessas Zimmer ist leer“, sagte er.

„Das weiß ich.“

„Nein. Ich meine wirklich leer. Keine Verlegung im System. Keine Untersuchung. Keine Transportanordnung.“

Meine Hände schlossen sich fester um das Lenkrad.

„Müller hat sie.“

„Oder jemand, der für ihn arbeitet.“

„Wo?“

Jonas sah auf das Display.


„Ich versuche, den Krankenhauswagen zu finden.“

„Welchen Krankenhauswagen?“

„Eine Kamera an der Tiefgaragenausfahrt hat vor sieben Minuten einen Patiententransporter erfasst.“

Er hielt mir ein unscharfes Bild hin.

Weißer Transporter.

Kein reguläres Kennzeichen des Krankenhauses.

„Fahrzeug gehört einer privaten medizinischen Transportfirma“, sagte Jonas. „NordMed Transfer.“

Der Name sagte mir nichts.

„Wolf?“

„Eine Tochterfirma gehört über drei Ebenen Viktor.“


Natürlich.

Mein Telefon klingelte.

Hagedorn.

Ich nahm über die Freisprechanlage ab.

„Wo bist du?“

„Unterwegs.“

„Zu Mats?“

„Nein.“

Stille.

„Raven, was ist passiert?“


Jonas sah mich an.

Ich antwortete nicht sofort.

Vor einer Stunde hätte ich Hagedorn alles erzählt.

Jetzt hörte ich Jonas’ Worte wieder.

Jemand mit Zugriff auf militärische Einsatzdaten.

„Tessa wurde verlegt.“

„Wohin?“

„Weiß ich noch nicht.“

„Ich kann Leute schicken.“

„Nein.“


„Das ist keine Bitte.“

„Meine Frau ist gerade aus einer Intensivstation verschwunden, obwohl zwei Polizisten vor ihrer Tür standen.“

Hagedorn wurde still.

„Was willst du damit sagen?“

„Dass ich im Moment niemanden brauche, der offiziell irgendwo auftaucht.“

Ich beendete das Gespräch.

Jonas hob eine Augenbraue.

„Du misstraust ihm.“

„Ich misstraue inzwischen meinem eigenen Schatten.“

„Gut.“


„Freu dich nicht zu früh. Dir vertraue ich auch nicht.“

„Noch besser.“

Auf seinem Display erschien ein Signal.

„Da.“

Eine kleine rote Markierung bewegte sich Richtung Industriegebiet.

„Wie?“

„Der Transporter nutzt ein Flottenortungssystem. Viktor kontrolliert vieles, aber seine Buchhaltung ist stärker als seine Sicherheitsleute.“

Ich bog auf die Umgehungsstraße.

„Entfernung?“

„Elf Kilometer.“


„Wie viele Leute?“

„Unbekannt.“

„Bewaffnet?“

„Mit Sicherheit.“

Ich sah kurz zu ihm.

„Dann hör mir jetzt genau zu. Wir holen Tessa raus. Niemand spielt Held. Niemand verschwindet. Niemand entscheidet allein.“

Jonas lächelte bitter.

„Du hast dich kein bisschen verändert.“

„Du schon.“

Sein Lächeln verschwand.


Wir fanden den Transporter hinter einer ehemaligen Arzneimittelfabrik.

Das Gelände war seit Jahren offiziell stillgelegt.

Zu viele intakte Kameras für einen verlassenen Ort.

Zu viele neue Reifenabdrücke.

Zu viele Menschen, die glaubten, Dunkelheit mache sie unsichtbar.

Wir stellten den Wagen mehrere hundert Meter entfernt ab.

Jonas studierte das Gebäude durch ein Fernglas.

„Zwei am Haupteingang.“

„Dach?“

„Einer.“


„Rückseite?“

„Nicht einsehbar.“

Ich betrachtete die Anlage.

Drei Stockwerke.

Lagerhallen.

Seiteneingang.

Ein alter Versorgungstunnel führte vermutlich zu den Heizungsräumen.

„Früher Chemiewerk?“

„Pharma.“

„Dann gibt es einen Versorgungsschacht.“


Jonas sah mich an.

„Du willst durch die Kanalisation.“

„Du darfst gern anklopfen.“

Zwölf Minuten später standen wir bis zu den Knöcheln in schwarzem Wasser.

„Jetzt erinnere ich mich, warum ich dich nicht vermisst habe“, murmelte Jonas.

„Du warst tot. Das hat die Beziehung belastet.“

Für eine Sekunde sah er aus, als wolle er lachen.

Dann hörten wir Schritte über uns.

Wir verstummten.

Eine Metalltür führte vom Versorgungsgang direkt ins Untergeschoss.


Jonas kniete sich davor.

„Alarmkontakt.“

„Kannst du ihn umgehen?“

„Ja.“

„Wie lange?“

„Zwanzig Sekunden.“

„Du hattest elf Jahre.“

Er warf mir einen Blick zu.

Nach vierzehn Sekunden öffnete sich die Tür.

Wir kamen in einen dunklen Technikraum.

Von irgendwo weiter oben hörte ich Stimmen.

Dann einen Schrei.

Tessa.

Ich rannte.

Jonas packte meinen Arm.

„Wenn du jetzt blind da hochgehst, sterbt ihr beide.“

Ich wollte ihn abschütteln.

Dann hörte ich Tessas Stimme wieder.

Schwach.

Aber lebendig.

Ich zwang mich, stehen zu bleiben.

Jonas zeigte auf eine alte Gebäudeskizze an der Wand.

„Behandlungsräume hier. Aufzug dort. Zwei Treppen.“

„Wir teilen uns.“

„Du hast gerade gesagt, niemand entscheidet allein.“

„Jetzt entscheide ich.“

Er fluchte leise.

Ich nahm die Osttreppe.

Oben stand ein Mann im Kittel.

Diesmal ein echter Sanitäter oder jemand, der sich besser vorbereitet hatte.

Er griff unter seine Jacke.

Ich war schneller.

Ein Schlag gegen das Handgelenk.

Die Pistole fiel.

Ein zweiter gegen den Hals.

Er sackte zusammen.

Ich fing ihn ab, bevor sein Körper den Boden berührte.

Aus einem Raum am Ende des Korridors hörte ich Müller.

„Wo ist der Schlüssel, Frau Weber?“

Ich blieb stehen.

„Ihr Mann hat ihn.“

Tessas Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Müller lachte.

„Dann wird er kommen.“

„Das wollen Sie doch.“

„Endlich verstehen Sie es.“

Ich bewegte mich näher.

Durch einen Spalt in der Tür sah ich Tessa auf einem Krankenbett.

Ihre Hände waren fixiert.

Neben ihr stand Müller.

Auf der anderen Seite Dominik Wolf.

Der Hammer lag auf einem Metalltisch.

Derselbe Typ Hammer, mit dem er ihre Knochen zertrümmert hatte.

Dominik strich mit zwei Fingern über den Griff.

„Dein Soldat hätte im Ausland bleiben sollen.“

Tessa sah ihn an.

Selbst in ihrem Zustand lag Verachtung in ihrem Blick.

„Du hast Angst vor ihm.“

Dominiks Gesicht verhärtete sich.

Müller hob warnend die Hand.

„Nicht schon wieder.“

Das sagte alles.

Dominik hatte Tessa nicht schlagen sollen, bis sie fast starb.

Er hatte die Kontrolle verloren.

Und Müller wusste es.

„Wir brauchen sie lebend“, sagte Müller.

„Bis er den Schlüssel bringt.“

Ich zog mich zurück.

Mein erster Impuls war, die Tür einzutreten.

Mein zweiter war, nachzudenken.

Drei bekannte Gegner.

Mindestens weitere Männer im Gebäude.

Tessa konnte kaum bewegt werden.

Ich brauchte Jonas.

Ein Schatten erschien hinter mir.

Ich drehte mich um und hatte meine Waffe bereits oben.

Jonas hob beide Hände.

„Ich.“

Ich zeigte auf den Raum.

„Müller. Dominik. Tessa.“

„Noch zwei im westlichen Korridor.“

„Ausgang?“

„Frei.“

Wir brauchten keinen langen Plan.

Das hatten wir als Kinder schon gekonnt.

Später hatten wir es auf unterschiedliche Weise perfektioniert.

Jonas löste im Untergeschoss den Feueralarm aus.

Sirenen heulten.

Rote Lichter blinkten.

Müller riss die Tür auf.

„Was zur Hölle—“

Ich zog ihn hinaus und schlug ihn gegen die Wand.

Dominik griff nach dem Hammer.

Tessa trat mit letzter Kraft gegen den Metalltisch.

Der Hammer rutschte über die Platte und fiel zu Boden.

Dominik stürzte auf mich zu.

Er war größer.

Schwerer.

Wütender.

Und genau deshalb vorhersehbar.

Sein erster Schlag ging an meinem Kopf vorbei.

Ich traf seine Rippen.

Er taumelte nur einen Schritt.

Der zweite Schlag erwischte meine Schulter.

Schmerz schoss durch meinen Arm.

Dann packte er mich am Hals.

„Du glaubst, weil du Soldat bist, bist du etwas Besonderes?“

Ich sah ihm direkt in die Augen.

„Nein.“

Ich rammte mein Knie in seine Körpermitte.

„Aber ich lerne aus Fehlern.“

Er krümmte sich.

Ich brachte ihn zu Boden und fixierte seinen Arm hinter dem Rücken.

Ich hätte ihn brechen können.

Das wusste er.

Ich wusste es.

Ich tat es nicht.

„Du wirst leben“, sagte ich.

„Damit du jedes Wort hörst, wenn Tessa aussagt.“

Zum ersten Mal sah ich echte Angst in seinem Gesicht.

Müller lag wenige Meter entfernt.

Jonas hatte ihn entwaffnet.

„Wir müssen weg“, sagte Jonas.

Ich ging sofort zu Tessa.

„Ich bin hier.“

Ihre Augen öffneten sich.

„Ich wusste, dass du kommst.“

„Du solltest langsam wissen, dass ich schlecht darin bin, Einladungen abzulehnen.“

Ich löste vorsichtig die Fixierungen.

Als ich sie hochheben wollte, schüttelte sie schwach den Kopf.

„Warte.“

Sie sah zu Dominik.

„Frag ihn.“

„Was?“

„Wer ihm gesagt hat, dass du heute zurückkommst.“

Der Raum wurde still.

Ich drehte mich zu Dominik.

Er lächelte trotz des Blutes an seiner Lippe.

„Das willst du wirklich wissen?“

Jonas spannte sich an.

„Dominik.“

„Halt den Mund“, sagte ich zu meinem Bruder.

Ich ging vor Dominik in die Hocke.

„Wer wusste von meiner Rückkehr?“

„Wir.“

„Von wem?“

Sein Lächeln wurde breiter.

„Dein Oberst.“

Ich bewegte mich nicht.

Vielleicht hoffte er auf genau diese Reaktion.

„Name.“

„Hagedorn.“

Jonas fluchte.

Müller begann zu lachen.

„Jetzt begreifst du es langsam.“

Ich sah ihn an.

„Was begreife ich?“

Müllers Lächeln verschwand.

„Dass Viktor nie der Mann war, vor dem du Angst haben solltest.“

Plötzlich ertönte draußen Motorenlärm.

Mehrere Fahrzeuge.

Jonas lief zum Fenster.

„Verdammt.“

„Polizei?“

„Nein.“

Scheinwerfer fluteten das Gelände.

Schwarze Fahrzeuge.

Professionelle Formation.

Keine Kennzeichen.

Mein Telefon vibrierte.

Hagedorn.

Ich sah seinen Namen auf dem Display.

Dann hinaus auf die Männer, die gleichzeitig aus den Fahrzeugen stiegen.

Jonas stand neben mir.

„Geh nicht ran.“

Ich nahm ab.

Hagedorns Stimme war vollkommen ruhig.

„Raven, hör mir jetzt genau zu.“

Ich schwieg.

„Du bist mit jemandem zusammen, der dich seit elf Jahren belügt.“

Mein Blick wanderte zu Jonas.

„Bring Tessa nach draußen“, sagte Hagedorn. „Und was auch immer dein Bruder dir erzählt hat — gib ihm auf keinen Fall den Schlüssel.“

Ich sah den Messingschlüssel in meiner Tasche.

Dann zu meinem Bruder.

Dann zu den bewaffneten Männern vor dem Gebäude.

Zum ersten Mal wusste ich nicht mehr, welche Seite der Tür gefährlicher war.

**Es geht weiter — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.**

No comments yet