„Vier?“ Das Wort kam kaum über meine Lippen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, der Boden unter meinen Füßen würde sich bewegen. Ich sah zu meinen drei Söhnen, die einige Meter entfernt bei meiner Assistentin standen. Leon hielt Noahs Hand, während Emil ungeduldig an seinem kleinen Jackett zupfte. Drei Kinder. Drei Herzschläge, die ich während meiner Schwangerschaft gehört hatte. Drei winzige Körper, die ich nach einer viel zu langen Geburt zum ersten Mal an meine Brust gedrückt hatte. Drei Söhne, deren Gesichter ich seit fünf Jahren jeden Morgen als Erstes sah. „Du lügst“, sagte ich.
Eleonore blieb auf der untersten Treppenstufe stehen. „Warum sollte ich jetzt noch lügen?“
„Weil du seit fünf Jahren nichts anderes tust.“
Alexander ging auf seine Mutter zu. „Was bedeutet vier?“
„Genau das, was ich gesagt habe.“
„Sie hatte Drillinge.“
„Sie brachte Drillinge zur Welt.“
Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich griff nach der Lehne eines Stuhls. Erinnerungen kamen zurück, unvollständig und verschwommen: die ersten Wochen meiner Schwangerschaft, die Übelkeit, die Erschöpfung, eine Ärztin, die irgendwann erwähnt hatte, dass bei Mehrlingsschwangerschaften manchmal ein Embryo sehr früh nicht weiterentwickelt werde. Damals hatte ich nicht weiter darüber nachgedacht. Aber ich hatte meine ersten Ultraschallbilder nie gesehen. Als ich selbst von meiner Schwangerschaft erfahren hatte, waren bereits drei Kinder sichtbar gewesen.
„Zeig mir den Bericht“, sagte ich.
Eleonore hob eine Augenbraue. „Welchen Bericht?“
„Den, auf dem vier Embryonen dokumentiert sind.“
„Den habe ich nicht.“
Der ehemalige Fahrer räusperte sich.
„Vielleicht doch.“
Alle drehten sich zu ihm.
„Wie heißen Sie?“, fragte ich.
„Johann Reiter.“
„Herr Reiter, wenn Sie etwas wissen, sagen Sie es jetzt.“
Johann sah nervös zu Eleonore. „In jener Nacht, als ich Sie zum Bahnhof brachte, sollte ich anschließend eine Schachtel aus Ihrem Arbeitszimmer holen und zu Dr. Hartmann bringen.“
Der Name traf mich unerwartet.
„Dr. Hartmann?“
Alexander runzelte die Stirn. „Der Hausarzt meines Vaters?“
Johann nickte.
Konstantin von Falkenberg hatte Dr. Viktor Hartmann jahrzehntelang vertraut. Nach Konstantins Tod war der Arzt plötzlich aus unserem Leben verschwunden. Damals hatte niemand darüber gesprochen.
„Was war in der Schachtel?“, fragte ich.
„Unterlagen. Ultraschallbilder. Und ein USB-Stick.“
Eleonore wurde sichtbar unruhig.
„Dieser Mann war Fahrer. Er wusste überhaupt nicht, was er transportierte.“
Johann sah sie an. „Sie haben recht. Damals wusste ich es nicht.“
„Damals?“, fragte Alexander.
Johann griff in seinen Mantel und zog ein zusammengefaltetes Blatt heraus.
„Dr. Hartmann hat mich zwei Monate später angerufen. Er hatte Angst. Er sagte, falls ihm etwas passiert, müsse ich dieses Papier aufbewahren.“
Matthias nahm das Blatt, betrachtete es und reichte es mir.
Es war eine handschriftliche Notiz.
Vier Kürzel standen darauf:
A – männlich.
B – männlich.
C – männlich.
D – männlich.
Daneben vier Nummern.
„Was sind das für Nummern?“
Matthias sah genauer hin.
„Laborcodes.“
Ich spürte Alexanders Blick auf mir.
„Vier Jungen“, flüsterte er.
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Drei Jungen. Ich habe drei Kinder geboren.“
„Vielleicht war der vierte Embryo nicht lebensfähig“, sagte Matthias vorsichtig.
Eleonore lachte leise.
„Endlich sagt jemand etwas Vernünftiges.“
Doch Johann schüttelte den Kopf.
„Dr. Hartmann hat etwas anderes gesagt.“
Eleonores Gesicht veränderte sich.
„Was?“, fragte ich.
„Er sagte, dass Nummer D nicht gestorben sei.“
Ich konnte plötzlich kaum atmen.
„Was soll das bedeuten?“
Johann sah mich voller Mitgefühl an. „Mehr weiß ich nicht. Er wollte sich mit mir treffen. Dazu kam es nie.“
„Warum?“
„Er verschwand.“
Alexander zog sein Telefon heraus. „Dann finden wir ihn.“
Matthias legte ihm die Hand auf den Arm.
„Dr. Hartmann wurde vor vier Jahren offiziell für tot erklärt.“
„Offiziell?“
„Sein Wagen wurde in Österreich gefunden. Man vermutete einen Unfall in den Bergen. Eine Leiche wurde nie gefunden.“
Ich sah Eleonore an.
Sie wich meinem Blick aus.
In diesem Moment kam meine Assistentin zu mir.
„Entschuldigung.“
Ihr Gesicht war angespannt.
„Was ist?“
„Unsere Sicherheitsleute haben jemanden im ehemaligen Westflügel entdeckt.“
Eleonore fuhr herum. „Der Westflügel ist verschlossen.“
„Offenbar nicht mehr.“
„Wer ist dort?“
„Das wissen wir nicht. Aber die Person hat versucht, in Ihr altes Arbeitszimmer zu gelangen.“
Ich sah den kleinen Schlüssel in Leons Hand.
„Kommt“, sagte ich.
Alexander folgte mir sofort. Matthias und Johann kamen ebenfalls mit. Eleonore blieb zunächst zurück, doch nach wenigen Sekunden hörte ich ihre Schritte hinter uns.
Der Westflügel hatte sich kaum verändert. Dunkles Holz, schwere Vorhänge, der Geruch nach Möbelpolitur. Vor meinem alten Arbeitszimmer stand einer meiner Sicherheitsleute.
„Jemand war hier“, sagte er. „Als wir ankamen, war das Fenster offen.“
Ich nahm Leon vorsichtig den Schlüssel ab.
Er passte.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren.
Mein ehemaliges Arbeitszimmer sah beinahe genauso aus wie damals. Der Schreibtisch stand noch am Fenster. Sogar das alte Bücherregal war geblieben.
Doch etwas stimmte nicht.
Ein Teil der Wandverkleidung hinter dem Schreibtisch war geöffnet.
Dahinter befand sich ein kleiner Safe.
„Den habe ich noch nie gesehen“, sagte Alexander.
Ich ebenfalls nicht.
Matthias kniete sich davor.
„Elektronisches Schloss.“
Johann trat näher und betrachtete die Tastatur.
„Dr. Hartmann sagte immer, Konstantin benutze für wichtige Dinge die Geburtstage seiner Kinder.“
Alexander gab das Datum seiner Geburt ein.
Nichts.
Dann versuchte er den Geburtstag seiner Schwester.
Wieder nichts.
Plötzlich sah ich auf die handschriftliche Notiz.
Vier Laborcodes.
Unter jedem stand ein Datum.
Ich gab das früheste ein.
Ein leises Klicken.
Der Safe öffnete sich.
Darin lagen ein schwarzer USB-Stick, mehrere versiegelte Umschläge und ein Foto.
Ich nahm das Foto zuerst.
Darauf war Konstantin zu sehen.
Neben ihm stand Dr. Hartmann.
Zwischen ihnen befand sich ein kleiner Junge, vielleicht vier oder fünf Jahre alt.
Auf der Rückseite stand nur ein Satz:
„Falls Eleonore herausfindet, wer er wirklich ist, wird sie alles tun, um ihn verschwinden zu lassen.“
Darunter stand ein Datum.
Es war drei Monate nach der Geburt meiner Drillinge.
Alexander nahm mir das Foto aus der Hand.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Ich kenne dieses Kind.“
Ich sah ihn an.
„Woher?“
Alexander hob langsam den Blick.
„Weil meine Mutter mir damals erzählt hat, er sei der Sohn von Dr. Hartmann.“
Hinter uns fiel etwas zu Boden.
Wir drehten uns um.
Eleonore stand in der Tür.
Und zum ersten Mal seit ich sie kannte, sah ich echte Panik in ihren Augen.







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