Matthias erreichte die Tür nicht. Einer meiner Sicherheitsleute stellte sich ihm in den Weg, und für einen Augenblick sah es aus, als wolle der sonst so kontrollierte Anwalt tatsächlich versuchen, sich an ihm vorbeizudrängen. Dann blieb er stehen. Seine Brust hob und senkte sich schnell, während er den zweiten USB-Stick fest in der Faust hielt. Hinter uns war Viktor Hartmann noch immer auf dem Bildschirm zu sehen.
„Nehmen Sie ihm nichts weg“, sagte Hartmann über die Leitung.
Ich drehte mich zum Telefon.
„Warum nicht?“
„Weil ich wissen möchte, ob Matthias endlich freiwillig erzählt, was er getan hat.“
Matthias lachte bitter.
„Was ich getan habe? Du hast wirklich Nerven, Viktor.“
Alexander trat auf ihn zu.
„Was ist auf dem Stick?“
„Meine Versicherung.“
„Gegen wen?“
Matthias blickte zuerst zu Hartmann, dann zu Eleonore.
„Gegen alle.“
Ich hob die Hand, bevor Alexander weitergehen konnte.
„Matthias, setzen Sie sich.“
„Sie können mir keine Befehle geben.“
„In meinem Haus schon. Und meine Sicherheitsleute lassen Sie nicht hinaus, bevor geklärt ist, ob Sie Dokumente über meine Kinder verstecken.“
Das traf ihn.
Langsam setzte er sich.
Felix stand inzwischen dicht bei Friedrich. Der Junge sagte nichts, aber ich bemerkte, wie aufmerksam er Matthias beobachtete.
„Viktor“, sagte ich zum Bildschirm, „fangen Sie ganz vorne an. Warum wurden meine medizinischen Unterlagen manipuliert?“
Hartmann schwieg kurz.
„Weil Konstantin herausgefunden hatte, dass Eleonores verschwundener Zwilling noch lebte.“
„Alexanders Bruder.“
„Ja.“
Eleonore trat näher.
„Wie heißt er?“
Hartmann sah sie lange an.
„Das werde ich noch nicht sagen.“
Eleonores Gesicht verzerrte sich.
„Sie haben kein Recht—“
„Doch. Denn jemand in diesem Raum hat bereits einmal versucht, ihn zu benutzen.“
Matthias schloss die Augen.
Alexander bemerkte es ebenfalls.
„Du?“
Matthias antwortete nicht.
Hartmann tat es.
„Matthias fand vor mir heraus, dass der zweite Sohn lebte. Er verstand sofort, was das für die Erbfolge bedeutete.“
Matthias sprang auf.
„Das ist eine Lüge!“
„Dann zeig ihnen deinen USB-Stick.“
Stille.
Ich streckte die Hand aus.
„Geben Sie ihn mir.“
Matthias schüttelte den Kopf.
„Wenn Sie die Dateien sehen, gibt es kein Zurück.“
„Diesen Satz habe ich heute schon gehört.“
Schließlich legte er den Stick in meine Hand.
Ich steckte ihn in den Computer.
Es erschienen dutzende Dateien: Verträge, Kontoauszüge, genetische Gutachten und interne Korrespondenz. Ein Ordner trug meinen Namen.
HELENA.
Ich öffnete ihn.
Darin befand sich ein Vertragsentwurf aus der Zeit kurz vor meiner Flucht.
„Sorgerechtsvereinbarung“, las Alexander.
Mein Magen verkrampfte sich.
Das Dokument sah vor, dass ich im Fall einer Trennung sämtliche Ansprüche auf Kinder aus der Ehe aufgeben sollte.
Es trug eine Unterschrift.
Meine.
Nur hatte ich dieses Dokument niemals unterschrieben.
„Gefälscht“, sagte ich.
Matthias nickte.
„Ja.“
Alexander packte ihn am Kragen.
„Du hast ihre Unterschrift gefälscht?“
„Nein!“
„Alexander.“
Ich zog ihn zurück.
„Lass ihn reden.“
Matthias richtete seine Jacke.
„Eleonore wollte damals eine Vereinbarung vorbereiten lassen. Aber bevor irgendetwas geschehen konnte, tauchte dieses unterschriebene Exemplar in meiner Kanzlei auf.“
Eleonore sah ihn entsetzt an.
„Ich habe niemals verlangt, ihre Unterschrift zu fälschen.“
Ich glaubte ihr.
Nicht weil ich ihr plötzlich vertraute, sondern weil ihr Schock echt war.
„Wer hat es geschickt?“
Matthias öffnete eine E-Mail-Datei.
Absender: V. Hartmann.
Alle sahen zum Bildschirm.
Hartmann blieb ruhig.
„Diese Nachricht stammt nicht von mir.“
„Praktisch“, sagte Matthias.
„Prüfen Sie die Metadaten.“
Ich ließ meine Assistentin telefonisch einen IT-Spezialisten meiner Firma hinzuschalten. Wenige Minuten später bestätigte er, dass die Nachricht über einen Server versandt worden war, der damals einer Tochtergesellschaft der von Falkenberg Holding gehörte.
„Wer hatte Zugriff?“, fragte ich.
Matthias scrollte durch eine Liste.
Drei Namen.
Konstantin.
Eleonore.
Und ein dritter.
Dr. Friedrich von Hohenberg senior.
Friedrich, der neben Felix stand, wurde blass.
„Mein Vater.“
Alexander sah ihn an.
„Dein Vater hatte Zugriff auf unsere internen Systeme?“
Friedrich nickte langsam.
„Er und Konstantin waren jahrzehntelang Geschäftspartner.“
Plötzlich veränderte sich die gesamte Geschichte erneut.
Nicht Eleonore.
Nicht Matthias.
Vielleicht nicht einmal Hartmann.
Die Manipulationen hatten begonnen, bevor unsere Ehe zerbrach, und führten zurück zu Männern, die ihre Familien wie Unternehmen behandelt hatten.
Ich öffnete einen weiteren Ordner.
ELISABETH.
Eleonore kam sofort näher.
Darin befanden sich Zahlungen an eine private Einrichtung in der Schweiz. Jahr für Jahr. Über mehr als drei Jahrzehnte.
„Was ist das?“, flüsterte sie.
Friedrich betrachtete die Kontonummer.
„Die Stiftung meines Vaters.“
Eleonore drehte sich zu ihm.
„Dein Vater hat Elisabeth bezahlt?“
„Vielleicht hat er jemanden dafür bezahlt, sie versteckt zu halten.“
Hartmann sprach vom Bildschirm.
„Jetzt versteht ihr endlich.“
„Was?“, fragte ich.
„Elisabeth war nicht nur schwanger, als sie verschwand.“
Er machte eine Pause.
„Sie wusste, dass Eleonores zweites Baby nicht gestorben war.“
Eleonore sank auf einen Stuhl.
„Sie wusste es?“
„Sie war in jener Nacht in der Klinik.“
Alexander trat näher zum Bildschirm.
„Wo ist mein Bruder?“
Hartmann sah ihn an.
„Sicher.“
„Ich will einen Namen.“
„Noch nicht.“
„Warum?“
„Weil der letzte DNA-Test fehlt.“
Ich blickte zu Felix.
„Hat das mit ihm zu tun?“
Hartmann nickte.
„Ja.“
Felix wurde unruhig.
„Du hast gesagt, du weißt, wer mein Vater ist.“
Hartmanns Gesicht wurde weich.
„Ich habe gesagt, wir würden es herausfinden.“
Der Junge sah verletzt aus.
Ich kniete mich neben ihn.
„Felix, niemand wird heute etwas über dich entscheiden, ohne dass du es verstehst.“
Er nickte.
Dann fragte er:
„Kann ich Leon sehen?“
Die Frage überraschte mich.
„Warum Leon?“
Felix zog etwas aus seiner Hosentasche.
Ein gefaltetes Kinderfoto.
Darauf war Leon.
Ich erstarrte.
„Woher hast du das?“
„Viktor hat es.“
Ich blickte zum Bildschirm.
Hartmann schloss kurz die Augen.
„Es tut mir leid, Helena.“
„Woher haben Sie Fotos meiner Kinder?“
„Von dem Mann, der sie seit ihrer Geburt aus der Ferne beschützt.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Wer?“
Hartmann sah nicht mich an.
Er sah Alexander an.
„Dein Bruder.“
Alexander bewegte sich keinen Zentimeter.
„Er wusste von meinen Kindern?“
„Ja.“
„Seit wann?“
„Seit ihrer Geburt.“
Mir wurde kalt.
Fünf Jahre lang hatte ich geglaubt, niemand aus dieser Familie wisse, wo wir waren.
„Warum hat er sich nie gezeigt?“
Hartmann antwortete ruhig:
„Weil Helena vor fünf Jahren nicht nur vor Eleonore geschützt werden musste.“
„Vor wem dann?“
Hartmann sah zu Friedrich.
„Vor deinem Vater.“
Friedrich wurde bleich.
„Mein Vater ist seit drei Jahren tot.“
„Nein“, sagte Hartmann.
Die Stille war vollkommen.
„Das Grab in München ist leer.“
Friedrich starrte ihn an.
„Das ist unmöglich.“
„Ihr Vater lebt.“
In diesem Moment klingelte Friedrichs Telefon.
Er sah auf das Display.
Seine Hand begann zu zittern.
„Wer ist es?“, fragte Alexander.
Friedrich drehte das Telefon zu uns.
Auf dem Bildschirm stand keine Nummer.
Nur ein Name.
VATER.
Friedrich nahm ab und stellte den Lautsprecher an.
Eine alte Männerstimme erklang.
„Friedrich.“
Niemand atmete.
„Bring mir den Jungen.“
Friedrich sah zu Felix.
„Welchen Jungen?“
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
Dann sagte die Stimme:
„Nicht Felix.“
Ich spürte instinktiv, wie sich mein ganzer Körper anspannte.
„Wen dann?“, fragte Friedrich.
Die Antwort kam ruhig.
„Leon von Falkenberg.“
Und bevor die Verbindung abbrach, fügte der Mann noch einen Satz hinzu:
„Denn wenn Konstantins Testament geöffnet wird, gehört ihm nicht nur die Holding.“







No comments yet