Die Türen der schwarzen Limousine öffneten sich fast gleichzeitig. Zwei Männer stiegen aus. Beide trugen dunkle Mäntel, keine sichtbaren Abzeichen, keine Hast in ihren Bewegungen. Gerade diese Ruhe machte sie gefährlich. Clara stellte sich einen halben Schritt vor mich. „Nicht bewegen“, sagte sie leise. „Wir wissen noch nicht, ob sie wegen uns hier sind.“ Ich blickte durch den offenen Eingang von Einheit 17 auf das Aufnahmegerät. Die Stimme meines Vaters lief weiter, ruhig und kontrolliert, als hätte er gewusst, dass genau dieser Moment kommen würde.
„Wenn du das hörst, Natalie, hast du wahrscheinlich bereits verstanden, dass dein Vater nicht einfach an einem Herzinfarkt gestorben ist. Aber du musst noch etwas wissen: Die Person, der du dein ganzes Leben lang am meisten vertraut hast, kennt den vollständigen Plan.“
Die Aufnahme knackte.
Dann schwieg sie.
Ich sah Clara an. „Er hat meine Mutter gemeint.“
„Das wissen wir noch nicht.“
„Er hat ihren Namen nicht gesagt.“
„Genau.“
Draußen schlug eine Autotür zu. Einer der Männer ging langsam auf das Gebäude zu. Der andere blieb neben der Limousine stehen und beobachtete die Straße.
Clara griff nach meinem Arm. „Wir nehmen die Beweiskisten und verschwinden durch den hinteren Ausgang.“
„Nein.“
Sie sah mich scharf an.
„Mein Vater hat mich hierhergeschickt, weil er wollte, dass ich die Wahrheit erfahre. Wenn ich jetzt weglaufe, weiß ich am Ende nicht, wem ich überhaupt vertrauen kann.“
„Oberst Berger, Vertrauen ist gerade das gefährlichste Wort in diesem Gebäude.“
Ich trat an den Metalltisch. Drei Kisten. Auf der ersten stand lediglich ein Datum: 17.04.2006. Auf der zweiten: R.B. / N.B.. Die dritte trug ein rotes Siegel des Bundeswehrarchivs.
Meine Finger blieben auf der zweiten Kiste liegen.
N.B.
Natalie Berger.
„Warum ist mein Name darauf?“
Clara antwortete nicht sofort.
„Weil Ihr Vater Sie nicht erst vor achtzehn Monaten in diese Sache hineingezogen hat“, sagte sie schließlich. „Er hat Sie offenbar schon vor zwanzig Jahren vorbereitet.“
Ein dumpfes Geräusch kam vom Eingang.
Jemand hatte die Tür berührt.
Ich nahm den Messingschlüssel aus meiner Tasche und sah auf die eingeprägte Zahl 17.
Dann bemerkte ich etwas, das mir zuvor entgangen war.
Auf der Rückseite des Schlüssels befand sich eine winzige Gravur.
**N.B. – 1998.**
Mein Atem stockte.
„1998“, flüsterte ich. „Das Jahr, in dem ich zur Offiziersschule ging.“
Clara öffnete bereits die erste Kiste. Darin lagen alte Akten, mehrere Fotos und ein kleiner schwarzer USB-Stick. Ganz oben lag ein Dokument mit dem Briefkopf eines Ministeriums.
Ich nahm es heraus.
Es war eine Liste von Rüstungsaufträgen.
Neben mehreren Millionenbeträgen standen Namen von Firmen, Kontonummern und handschriftliche Markierungen meines Vaters.
Doch dann sah ich eine Unterschrift.
Meine.
Ich starrte darauf.
„Das kann nicht sein.“
Clara nahm das Blatt vorsichtig an sich. Ihre Augen wanderten über die Seite.
„Das ist keine echte Unterschrift.“
„Was?“
„Eine Kopie. Jemand hat Ihre Signatur benutzt.“
Ein harter Schlag gegen die Eingangstür ließ uns beide verstummen.
„Clara“, sagte ich.
Sie nickte.
„Wir müssen jetzt gehen.“
Doch bevor wir uns bewegten, sprang das alte Aufnahmegerät erneut an.
Diesmal war nicht die Stimme meines Vaters zu hören.
Es war die Stimme meiner Mutter.
„Raymond, wenn Natalie jemals davon erfährt, wird sie uns beide hassen.“
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
Clara wurde vollkommen still.
Dann erklang mein Vater.
„Sie wird dich nicht hassen, Elisabeth. Sie wird verstehen, warum ich es tun musste.“
Ein kurzes Rauschen.
Dann sagte meine Mutter einen einzigen Satz, der mir den Boden unter den Füßen wegzog:
„Du weißt genau, dass sie nicht unsere Tochter ist.“
Ich konnte nicht atmen.
Clara sah mich an.
Draußen begann jemand, die Tür von Einheit 17 aufzubrechen.
Und zum ersten Mal seit dem Tod meines Vaters war nicht die Frage, wer ihn getötet hatte, das Schlimmste.
Sondern die Frage, wer ich eigentlich war.







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