„Er wollte, dass Sie glauben, er sei tot.“
Ich hielt das Telefon noch immer ans Ohr, obwohl die Verbindung längst unterbrochen war. Dieser eine Satz hatte sich in meinem Kopf festgesetzt. Mein Vater hatte seinen Tod vielleicht nicht nur vorbereitet. Vielleicht hatte er ihn benutzt.
„Natalie“, sagte Clara vorsichtig. „Wir müssen hier raus.“
Ich sah sie an.
„Nein. Wir öffnen die dritte Kiste.“
Meine Mutter fuhr herum. „Auf keinen Fall.“
„Warum?“
Sie antwortete nicht.
„Du hast gerade gesagt, dass Vater wollte, dass ich die Wahrheit erfahre. Jetzt sagst du mir, ich soll diese Kiste nicht öffnen. Warum?“
Elisabeth ging langsam auf die versiegelte Kiste zu. Ihre Hände zitterten.
„Weil Raymond mir verboten hat, sie jemals zu öffnen.“
„Er hat dir verboten, sie zu öffnen, und trotzdem hat er sie hierhergebracht.“
„Ja.“
„Dann wusste er, dass du irgendwann davorstehen würdest.“
Meine Mutter sah mich an. In ihren Augen lag eine Traurigkeit, die fast schlimmer war als Angst.
„Du verstehst nicht, was dort drin ist.“
„Dann hilf mir, es zu verstehen.“
Clara stellte sich zwischen uns.
„Wir haben vielleicht noch wenige Minuten. Wenn Falk weiß, dass wir hier sind, wird er nicht einfach warten.“
Als hätte das Gebäude unsere Worte gehört, erlosch plötzlich das letzte Licht. Dunkelheit legte sich über die Halle. Sekunden später begann irgendwo draußen ein Generator zu laufen.
Clara zog ihre Taschenlampe.
„Wir haben einen Hinterausgang. Aber bevor wir gehen, nehmen wir die Kiste mit.“
Meine Mutter schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Ich ging auf sie zu.
„Mama, ich brauche jetzt nur eine Antwort. Hast du meinen Vater verraten?“
Sie schloss die Augen.
„Nein.“
„Hat er seinen Tod vorgetäuscht?“
Lange Stille.
Dann sagte sie:
„Ich weiß es nicht.“
Ich starrte sie an.
„Du weißt es nicht?“
„Raymond hat mir am Abend vor seinem Tod gesagt, dass wir uns vielleicht lange nicht sehen würden. Ich dachte, er meinte, dass er untertauchen müsste. Am nächsten Morgen fand ich ihn tot.“
„Und du hast niemandem davon erzählt?“
„Weil ich wusste, dass sein Tod nicht das war, wonach es aussah.“
Clara trat näher.
„Was genau haben Sie gesehen?“
Meine Mutter antwortete nicht.
Stattdessen zeigte sie auf die dritte Kiste.
„Dort drin liegt etwas, das Raymond niemals hätte aufbewahren dürfen.“
Ich kniete mich vor die Kiste.
Das rote Siegel war alt. Darunter befand sich ein kleiner Zahlencode.
17-09-98.
Ich gab die Zahlen ein.
Ein grünes Licht erschien.
Clara hielt den Atem an.
Die Kiste öffnete sich.
Darin lag kein Geld. Keine Waffen. Keine geheimen Verträge.
Nur ein schwarzer Aktenordner.
Und darauf ein Foto.
Ich nahm es hoch.
Es zeigte vier Personen vor einem Krankenhaus.
Raymond.
Elisabeth.
Anna Keller.
Und Viktor Falk.
Doch diesmal erkannte ich etwas anderes.
Anna hielt kein Baby im Arm.
Raymond hielt mich.
Und Falk stand neben ihm.
Auf der Rückseite des Fotos stand:
**„Das Kind darf niemals erfahren, wer sein Vater ist.“**
Mein Herz blieb für einen Moment stehen.
„Mein Vater ist also nicht Raymond.“
Meine Mutter begann zu weinen.
„Nein.“
Clara nahm den Ordner.
„Dann wer?“
Elisabeth antwortete nicht.
Ich riss ihr den Ordner aus der Hand und schlug ihn auf.
Die ersten Seiten enthielten medizinische Berichte. Blutgruppen. DNA-Analysen. Namen, die geschwärzt worden waren.
Dann fand ich eine Seite ohne Schwärzungen.
Darauf standen zwei Namen.
**Anna Keller – Mutter.**
**Viktor Falk – biologischer Vater.**
Ich konnte nicht sprechen.
Clara fluchte leise.
Meine Mutter sank auf den Metallstuhl.
„Raymond hat dich trotzdem als seine Tochter großgezogen“, sagte sie. „Er wusste von Anfang an, dass Falk dein Vater ist.“
„Warum?“
„Weil Falk damals glaubte, du seist der Schlüssel zu etwas, das Anna gestohlen hatte.“
„Was?“
Meine Mutter sah mich an.
„Die ursprüngliche Liste von Projekt 17.“
Plötzlich ertönte ein Geräusch hinter uns.
Ein leises Klopfen.
Nicht an der Tür.
Von innen.
Wir erstarrten.
Clara richtete ihre Waffe auf die Wand.
„Haben Sie das gehört?“
Wieder.
**Klopf.**
Diesmal eindeutig.
Ich ging langsam zur Rückwand der Einheit.
Dort standen alte Regale. Ich schob eines zur Seite.
Dahinter befand sich eine schmale Metalltür.
Keine Klinke.
Nur ein kleines Messingschloss.
Darüber war eine Zahl eingraviert.
**18.**
Ich sah auf den Schlüssel in meiner Hand.
„Mein Vater hat mir gesagt, Einheit 17.“
Clara trat neben mich.
„Dann hat er wahrscheinlich nicht gemeint, dass 17 das Ende ist.“
Ich steckte den Schlüssel ins Schloss.
Er passte.
Die Tür öffnete sich einen Spalt.
Ein warmer Luftzug kam aus dem dunklen Raum.
Und dann hörte ich etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Eine menschliche Stimme.
Leise.
Schwach.
Aber eindeutig.
„Natalie.“
Ich wich zurück.
Clara hob ihre Waffe.
Meine Mutter begann zu schluchzen.
Denn diese Stimme kannte ich seit meiner Kindheit.
Es war die Stimme meines Vaters.
„Wenn du das hörst“, sagte Raymond hinter der Tür, „dann habe ich es nicht geschafft, rechtzeitig zurückzukommen.“







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