„Zwölf Millionen“, wiederholte Johanna ruhig.
Konstantin schloss die graue Mappe.
„Das sind alte Zahlen.“
„Dann kennen Sie die aktuellen?“, fragte sie.
Er sah sie an.
„Natürlich.“
„Gut. Dann können Sie uns die entsprechenden Abrechnungen zur Verfügung stellen.“
„Sie haben keinerlei Anspruch darauf.“
Johanna lächelte nicht.
„Das werden wir feststellen.“
Ich beobachtete Konstantin und bemerkte etwas, das mir während unserer Ehe nur selten aufgefallen war.
Wenn er log, wurde er nicht nervös.
Er wurde präziser.
Jedes Wort wurde kontrolliert. Jede Bewegung langsamer. Seine Stimme leiser.
„Emilia“, sagte er, „wir reden später, wenn du dich beruhigt hast.“
„Ich bin ruhig.“
„Nein. Du stehst unter Schock.“
„Dann erklär es mir.“
„Was?“
„Was mit den zwölf Millionen passiert ist.“
Sein Blick verhärtete sich.
„Du hast dich nie um die finanziellen Details gekümmert.“
Der Satz traf mich.
Nicht weil er wahr war.
Sondern weil ich ihn selbst jahrelang geglaubt hatte.
Ich hatte mich um Menschen gekümmert.
Um Förderprogramme.
Um Familien, die Unterstützung brauchten.
Um Veranstaltungen und Spender.
Konstantin hatte irgendwann vorgeschlagen, Buchhaltung, Compliance und Vermögensverwaltung von seinen Leuten übernehmen zu lassen.
Ich hatte zugestimmt.
Weil ich ihm vertraut hatte.
„Vielleicht hätte ich das tun sollen“, sagte ich.
Er antwortete nicht.
Johanna steckte die Kopie der Verzichtsvereinbarung in ihre Tasche.
„Meine Mandantin nimmt ihre persönlichen Sachen mit. Alles Weitere läuft ab jetzt über mich.“
„Diese Vereinbarung verlässt das Haus nicht.“
„Doch.“
„Das ist vertraulich.“
„Meine Mandantin ist Vertragspartei.“
Konstantin machte einen Schritt auf sie zu.
Matthias stellte sich sofort dazwischen.
„Das würde ich nicht tun.“
Konstantin blieb stehen.
Ich sah die beiden Männer an und begriff plötzlich, wie absurd mein Leben geworden war.
Mein Ehemann.
Mein Onkel.
Meine Anwältin.
Zwei Umzugshelfer, die so taten, als würden sie nichts hören.
Und irgendwo verschwundene Unterlagen über zwölf Millionen Euro, die ursprünglich Menschen helfen sollten.
Ich ging ins Schlafzimmer.
Konstantin folgte mir nicht.
Ich packte nur das Nötigste.
Kleidung.
Medikamente.
Dokumente.
Die Ultraschallbilder.
In der untersten Schublade meines Nachttisches lag noch ein kleines schwarzes Notizbuch.
Ich nahm es heraus.
Es stammte aus der Zeit vor unserer Hochzeit.
Damals hatte ich bei Gesprächen mit größeren Spendern Namen, Beträge und Zusagen hineingeschrieben.
Nichts Offizielles.
Nur meine persönlichen Notizen.
Ich blätterte darin.
Mehrere Seiten waren mit Zahlen gefüllt.
Dann blieb ich stehen.
Auf einer Seite hatte ich eine Summe notiert.
**12.480.000 €**
Darunter standen die Worte:
**zweckgebundene Rücklage – darf nicht übertragen werden**
Mir wurde kalt.
Ich erinnerte mich wieder.
Das Geld war nicht einfach eine Reserve gewesen.
Es stammte aus mehreren Großspenden und war für konkrete Programme bestimmt.
„Johanna.“
Sie kam herein.
Ich reichte ihr das Buch.
Sie las die Seite zweimal.
„Wer wusste davon?“
„Konstantin. Ich. Unser damaliger Finanzleiter.“
„Name?“
„Martin Seifert.“
„Wo arbeitet er heute?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Er ist kurz nach der Eingliederung gegangen.“
Johanna fotografierte die Seite.
„Dann finden wir ihn.“
Als wir die Villa verließen, stand Konstantin im Eingangsbereich.
Er machte keinen Versuch, mich aufzuhalten.
Das war schlimmer.
Denn Konstantin gab nie freiwillig Kontrolle ab.
„Emilia.“
Ich drehte mich um.
„Denk an das Kind, bevor du etwas tust, das du nicht rückgängig machen kannst.“
Ich legte eine Hand auf meinen Bauch.
„Genau das tue ich.“
Dann ging ich.
Ich verbrachte die Nacht in Matthias’ Haus.
Zum ersten Mal seit Jahren schlief ich hinter einer Tür, von der Konstantin keinen Schlüssel hatte.
Am nächsten Morgen saßen Johanna und ich am Küchentisch, als sie ihren Laptop öffnete.
„Wir haben Martin Seifert gefunden.“
Ich stellte meine Tasse ab.
„Wo?“
„Augsburg.“
„Hast du mit ihm gesprochen?“
„Kurz.“
„Und?“
Johanna zögerte.
„Als ich Ihren Namen erwähnt habe, wollte er das Gespräch beenden.“
„Warum?“
„Dann habe ich die zwölf Millionen erwähnt.“
Ich wartete.
„Danach war er plötzlich bereit, uns zu treffen.“
Zwei Stunden später saßen wir in einem kleinen Café außerhalb von Augsburg.
Martin Seifert sah älter aus, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Er hatte abgenommen. Seine Haare waren fast vollständig grau.
Als er mich sah, stand er nicht auf.
„Frau Hartmann.“
„Martin.“
Sein Blick wanderte zu Johanna.
„Sie haben gesagt, Sie hätten das Notizbuch.“
Ich legte es nicht auf den Tisch.
„Was ist mit dem Geld passiert?“
Er sah zur Tür.
Dann zum Fenster.
„Sie sollten das ruhen lassen.“
„Das hat Konstantin gestern auch versucht.“
Martin schloss die Augen.
„Dann wissen Sie noch gar nichts.“
Johanna beugte sich leicht vor.
„Dann erklären Sie es uns.“
Er schwieg lange.
Schließlich griff er nach seinem Wasserglas, ohne daraus zu trinken.
„Als Ihre Organisation in die Hartmann-Stiftung eingegliedert wurde, gab es mehrere zweckgebundene Rücklagen.“
„Zwölf Komma vier acht Millionen.“
Er nickte.
„Anfangs.“
Ich erstarrte.
„Was bedeutet anfangs?“
Martin sah mich an.
„Danach kamen weitere Spenden.“
„Wie viel?“
„Fast sechs Millionen.“
Mir wurde übel.
„Also insgesamt mehr als achtzehn Millionen?“
„Ja.“
„Wo ist das Geld?“
Martin schluckte.
„Es wurde verteilt.“
„An wen?“
„Nicht an die Programme.“
Mein Herz begann zu hämmern.
Johanna sagte nichts.
Sie ließ ihn weiterreden.
„Ich bemerkte Überweisungen an drei Gesellschaften. Beratungsverträge. Immobilienprojekte. Angebliche Verwaltungskosten.“
„Hartmann-Gesellschaften?“
Martin nickte.
„Teilweise.“
„Und der Rest?“
Er blickte wieder zum Fenster.
„Eine Firma kannte ich nicht.“
„Name?“
Martin schüttelte den Kopf.
„Ich sage ihn nicht hier.“
Johanna zog eine Visitenkarte hervor.
„Dann kommen Sie in meine Kanzlei und geben eine formelle Erklärung ab.“
Er lachte bitter.
„Sie glauben, ich hätte damals einfach gekündigt?“
Ich sah ihn an.
„Was meinst du?“
„Ich wurde entlassen.“
„Mir wurde gesagt, du wolltest etwas Neues machen.“
„Natürlich wurde Ihnen das gesagt.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Ich hatte die Überweisungen hinterfragt. Zwei Tage später war mein Zugang gesperrt.“
Er griff in seine Jackentasche.
„Aber vorher habe ich etwas kopiert.“
Er legte einen kleinen USB-Stick auf den Tisch.
Ich starrte ihn an.
„Was ist darauf?“
„Ein Teil der Buchungen.“
Johanna nahm ihn nicht sofort.
„Warum haben Sie die Daten all die Jahre behalten?“
Martin sah mich an.
„Weil ich wusste, dass irgendwann jemand behaupten würde, ich hätte das Geld gestohlen.“
Ich bekam kaum Luft.
„Hat das jemand getan?“
„Noch nicht.“
Er schob den Stick zu mir.
„Aber vor drei Tagen hat mich ein Anwalt der Hartmann-Gruppe angerufen.“
Drei Tage.
Der Tag, an dem Konstantin meine Karten hatte sperren lassen.
„Was wollte er?“
„Er wollte wissen, ob ich noch Unterlagen aus meiner Zeit bei Ihrer Organisation besitze.“
Johanna und ich sahen einander an.
„Was haben Sie gesagt?“, fragte sie.
„Nein.“
„Und dann?“
Martin wurde blass.
„Gestern Abend wurde in meine Wohnung eingebrochen.“
Mein Blick fiel auf den USB-Stick.
Plötzlich verstand ich, warum seine Hände zitterten.
Johanna steckte den Datenträger vorsichtig in einen leeren Beweisumschlag.
„Wir lassen ihn professionell sichern. Nicht auf einem privaten Rechner.“
Martin nickte.
Dann sah er mich an.
„Frau Hartmann, wenn Sie herausfinden wollen, wohin das Geld gegangen ist, schauen Sie nicht nur auf Ihren Mann.“
Ich spürte einen kalten Schauer.
„Auf wen dann?“
Er beugte sich über den Tisch.
„Auf die Person, die jede einzelne Überweisung freigegeben hat.“
„Wer?“
Martin öffnete den Mund.
Doch bevor er antworten konnte, klingelte sein Telefon.
Er sah auf das Display.
Alle Farbe wich aus seinem Gesicht.
„Was ist?“, fragte ich.
Er drehte das Handy zu uns.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Darunter befand sich ein Foto.
Es zeigte uns drei.
Hier.
An diesem Tisch.
Aufgenommen durch das Fenster des Cafés.
Und darunter standen sechs Worte:
**Geben Sie ihr den Stick nicht.**
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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