Für einen Moment hörte ich wieder den Herzschlag meiner Tochter.
Nicht wirklich.
Nur in meiner Erinnerung.
Dieses schnelle, regelmäßige Geräusch vom Monitor am Vortag.
Lebendig.
Sicher.
Und plötzlich verstand ich, warum Konstantins Nachricht mich so beunruhigt hatte.
**Wir müssen über deine Zukunft und die des Kindes reden.**
Er hatte nicht versucht, mich zu warnen.
Er hatte bereits einen Plan.
„Schick das Foto an Johanna“, sagte ich.
Sophie blinzelte.
Offenbar hatte sie mit Tränen gerechnet.
Oder mit Panik.
Vielleicht hätte die Emilia von vor einem Monat genau so reagiert.
Aber Angst hatte Konstantin drei Jahre lang gegen mich benutzt.
Ich wollte ihm nicht noch mehr davon geben.
Johanna trat vor.
„Nicht nur das Foto. Die Originaldatei der Aufnahme ebenfalls. Bitte verändern oder schneiden Sie nichts.“
Sophie nickte.
„Ich habe noch etwas.“
Sie öffnete ihren Messenger.
„Nach unserem Streit gestern hat Konstantin mir geschrieben.“
Mehrere Nachrichten erschienen.
**Du sagst niemandem etwas über das Telefonat.**
Dann:
**Wenn Emilia Schwierigkeiten macht, bleibst du bei unserer Version.**
Und schließlich:
**Sie war hysterisch. Du hast dich nur verteidigt.**
Ich starrte auf die letzte Nachricht.
Gestern hatte Konstantin im Krankenhaus behauptet, Sophie sei „aufgebracht“ gewesen.
Heute hatte er bereits eine andere Geschichte vorbereitet.
Johanna fotografierte den Bildschirm und bat Sophie anschließend, die Nachrichten vollständig zu exportieren.
„Warum hilfst du mir?“, fragte ich.
Sophie senkte den Blick.
„Ich helfe auch mir selbst.“
Zum ersten Mal klang sie ehrlich.
„Gestern Abend dachte ich noch, Konstantin würde dich verlassen und mich heiraten.“
Sie lachte bitter.
„Heute Morgen hat er mir gesagt, ich solle für einige Wochen verschwinden.“
„Wohin?“
„Schweiz. Frankreich. Egal. Er wollte mir Geld geben.“
„Wie viel?“
„Hunderttausend Euro.“
Johanna und ich wechselten einen Blick.
„Und dafür?“, fragte sie.
„Sollte ich eine Erklärung unterschreiben.“
„Welche Erklärung?“
Sophie öffnete ihre Handtasche und zog gefaltete Seiten heraus.
Johanna nahm sie entgegen.
Je länger sie las, desto kälter wurde ihr Gesicht.
„Hier steht, Frau Hartmann habe Sie zuerst körperlich angegriffen.“
Sophie nickte.
„Das ist gelogen.“
„Hier steht außerdem, Sie hätten Grund zu der Annahme gehabt, Frau Hartmann leide seit Monaten unter schweren emotionalen Ausbrüchen.“
„Auch gelogen.“
Ich sah Sophie an.
„Und du solltest das unterschreiben?“
„Heute.“
Die Tür öffnete sich.
Matthias kam herein.
„Emilia.“
Etwas in seiner Stimme ließ mich sofort aufstehen.
„Was ist passiert?“
„Die Sicherheitsabteilung hat den externen Zugriffsversuch auf die Aufnahme weiter untersucht.“
„Hartmann Beteiligungen.“
„Ja. Aber der Firmenzugang allein war nicht genug.“
Johanna verstand vor mir.
„Jemand brauchte interne Berechtigungen.“
Matthias nickte.
„Genau.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Aus dem Krankenhaus?“
„Jemand hat Zugangsdaten eines Verwaltungsmitarbeiters benutzt.“
„Wer?“
„Das versuchen wir gerade festzustellen.“
Sophie wurde blass.
„Konstantin kennt Leute hier.“
Matthias sah sie an.
„Welche Leute?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Keine Namen. Aber er hat öfter gesagt, dass die Hartmann-Stiftung genügend Geld an Kliniken spendet, damit Türen offenbleiben.“
Mein Onkel sagte nichts.
Doch ich kannte ihn gut genug.
Dieser Satz hatte etwas verändert.
Nicht als mein Onkel.
Als Klinikdirektor.
„Johanna“, sagte er, „ich lasse die komplette Zugriffskette sichern.“
„Und niemand konfrontiert den Mitarbeiter, bevor die Daten gesichert sind.“
„Einverstanden.“
Mein Telefon vibrierte.
Konstantin.
Diesmal ein Anruf.
Alle sahen auf das Display.
„Nicht rangehen“, sagte Matthias.
Johanna dagegen fragte:
„Möchten Sie mit ihm sprechen?“
Ich dachte kurz nach.
Dann nickte ich.
„Ja.“
„Keine Anschuldigungen. Keine Informationen darüber, was wir wissen.“
Ich nahm ab und stellte den Lautsprecher an.
„Emilia.“
Konstantins Stimme war vollkommen ruhig.
„Wo bist du?“
„Warum?“
„Ich mache mir Sorgen.“
Sophie schloss die Augen.
Fast hätte ich gelacht.
„Seit wann?“
„Seit du dich von Menschen beeinflussen lässt, die unsere Familie zerstören wollen.“
„Welche Menschen?“
„Dein Onkel. Diese Anwältin.“
Er machte eine Pause.
„Sophie.“
Sie erstarrte.
„Warum erwähnst du Sophie?“
„Weil sie nicht erreichbar ist.“
„Vielleicht will sie nicht mit dir sprechen.“
Lange Stille.
Dann wurde seine Stimme leiser.
„Ist sie bei dir?“
Ich antwortete nicht.
„Emilia.“
„Was willst du, Konstantin?“
„Dass du nach Hause kommst.“
„Nein.“
„Wir bekommen ein Kind.“
„Das weiß ich.“
„Dann verhalte dich auch so.“
Meine Finger schlossen sich fester um das Telefon.
„Was soll das bedeuten?“
„Stress ist nicht gut für dich. Diese ganzen Anschuldigungen, Anwälte, Streitigkeiten … irgendwann wird jemand fragen, ob du überhaupt noch rationale Entscheidungen triffst.“
Johannas Blick traf meinen.
Da war es.
Nicht in einem Dokument.
Aus seinem eigenen Mund.
„Drohst du mir?“
„Ich versuche, dich zu schützen.“
„Wovor?“
Wieder eine Pause.
„Vor dir selbst.“
Ich legte auf.
Niemand sprach.
Johanna nahm mir das Telefon vorsichtig ab.
„Hat Ihr Gerät den Anruf automatisch aufgezeichnet?“
„Nein.“
„Dann dokumentieren wir sofort, wer anwesend war und was gesagt wurde.“
Sophie flüsterte:
„Genau so redet er.“
Ich setzte mich wieder.
Doch dieses Mal fühlte ich mich nicht klein.
Konstantin hatte einen Fehler gemacht.
Er glaubte immer noch, dass die alte Methode funktionierte.
Isolation.
Verunsicherung.
Kontrolle.
Nur war ich nicht mehr isoliert.
Am Nachmittag beantragte Johanna gerichtliche Sicherungsmaßnahmen für relevante Geschäftsunterlagen und begann, die finanziellen Vorgänge formell prüfen zu lassen.
Sophie gab eine schriftliche Erklärung ab.
Martin ebenfalls.
Das Krankenhaus bewahrte die Videoaufnahme und sämtliche Zugriffsprotokolle getrennt auf.
Und Matthias ließ intern untersuchen, wessen Zugangsdaten benutzt worden waren.
Kurz nach sechs Uhr kam das Ergebnis.
Wir saßen noch in Johannas Kanzlei, als Matthias anrief.
„Wir haben den Account.“
„Von wem?“
Er nannte einen Mitarbeiter aus der Verwaltung.
Ich kannte den Namen nicht.
„Hat er es getan?“
„Er sagt nein.“
„Dann wurde sein Passwort gestohlen?“
„Möglicherweise.“
Matthias klang jedoch nicht überzeugt.
„Es gibt ein größeres Problem.“
„Welches?“
„Der Mitarbeiter hat vor vier Monaten eine ungewöhnlich hohe Zahlung erhalten.“
Johanna stellte den Lautsprecher an.
„Von wem?“
„Nicht direkt von Hartmann Beteiligungen.“
Mein Herz sank.
Ich wusste bereits, welcher Name kommen würde.
„Nordstern Projekt GmbH“, sagte Matthias.
Johanna stand auf.
„Wie hoch?“
„Achtzigtausend Euro.“
Alles fügte sich zusammen.
Nicht vollständig.
Aber genug.
Die verschwundenen Spendengelder.
Nordstern.
Der Zugriff auf die Krankenhausaufnahme.
Konstantins Versuch, Sophie zum Schweigen zu bringen.
Viktorias Freigaben.
„Wir müssen herausfinden, wem Nordstern wirklich gehört“, sagte ich.
Johanna nickte.
„Das tun meine Leute bereits.“
Die Antwort kam weniger als eine Stunde später.
Nicht aus einem aktuellen Registereintrag.
Aus alten Gründungsunterlagen, Beteiligungsverschiebungen und einer notariellen Akte, die Johannas Team miteinander abgeglichen hatte.
„Die Gesellschaft wurde mehrfach umstrukturiert“, erklärte sie. „Deshalb war die Verbindung schwer zu erkennen.“
„Zu Konstantin?“
„Nein.“
Ich sah sie an.
„Zu Viktoria?“
„Auch nicht direkt.“
Johanna drehte ihren Laptop zu mir.
„Die ursprüngliche wirtschaftliche Berechtigung lief über eine Treuhandkonstruktion.“
Mein Blick wanderte über Namen, Daten und Beteiligungen.
Dann blieb er an einem Eintrag hängen.
Ich kannte diesen Namen.
Aber nicht aus Konstantins Familie.
Ich kannte ihn aus meiner eigenen Vergangenheit.
**Dr. Friedrich Albrecht.**
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Das ist unmöglich.“
Matthias, der inzwischen zu uns gekommen war, wurde plötzlich vollkommen still.
Johanna sah von mir zu ihm.
„Sie kennen ihn beide?“
Ich konnte kaum antworten.
Matthias tat es für mich.
„Friedrich Albrecht war Emilias damaliger Rechtsberater.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nicht nur das.“
Meine Kehle wurde trocken.
„Er war der Mann, der mir empfohlen hat, meine Organisation überhaupt erst in die Hartmann-Stiftung einzugliedern.“
Die Erinnerung kam mit brutaler Klarheit zurück.
Sein Büro.
Die Verträge.
Seine ruhige Stimme.
**Das ist das Beste für Ihre Organisation, Frau Berger. Damit schützen Sie Ihr Lebenswerk.**
Frau Berger.
Mein Name vor Konstantin.
Ich blickte wieder auf den Bildschirm.
Plötzlich schien unsere Hochzeit nicht mehr der Anfang dieser Geschichte zu sein.
Vielleicht hatte alles viel früher begonnen.
„Findet ihn“, sagte ich.
Johanna tippte bereits.
Dann hielt sie inne.
„Emilia.“
„Was?“
Sie drehte den Bildschirm zu mir.
Unter Friedrich Albrechts Namen stand ein Vermerk.
**Verstorben: vor elf Monaten.**
Ich starrte darauf.
Doch darunter befand sich noch ein Dokument.
Eine notarielle Änderung, eingereicht nur sechs Tage vor seinem Tod.
Johanna öffnete sie.
Friedrich hatte seine wirtschaftlichen Rechte an Nordstern übertragen.
An eine neue Treuhänderin.
Als ich den Namen las, hörte ich Matthias neben mir scharf einatmen.
Denn die Frau, die seit elf Monaten die Kontrolle über Nordstern hielt, war niemand anderes als:
**Viktoria Hartmann.**
Und plötzlich war klar, dass meine Schwiegermutter nicht nur Überweisungen genehmigt hatte.
Sie kontrollierte die Gesellschaft, in der ein großer Teil des Geldes gelandet war.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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