Martin sprang so schnell auf, dass sein Stuhl über den Boden schrammte.
„Ich habe Ihnen gesagt, dass wir uns nicht hier treffen sollten.“
Mehrere Gäste drehten sich zu uns um.
Johanna blieb sitzen.
„Martin. Setzen Sie sich.“
„Nein.“
Er sah durch das Fenster.
Menschen liefen über den Parkplatz. Eine Frau schob einen Kinderwagen. Ein Lieferwagen bog auf die Straße ein.
Niemand sah zu uns.
Zumindest nicht offensichtlich.
„Die wissen, wo ich bin.“
Johanna hielt den Beweisumschlag mit dem USB-Stick fest.
„Genau deshalb sollten Sie jetzt nicht allein gehen.“
„Sie verstehen das nicht.“
„Dann helfen Sie uns, es zu verstehen.“
Martin sah mich an.
In seinen Augen lag echte Angst.
„Ich habe eine Tochter.“
Der Satz traf mich sofort.
Meine Hand wanderte automatisch zu meinem Bauch.
„Dann sagen Sie uns, wer die Überweisungen freigegeben hat.“
Er schüttelte den Kopf.
„Nicht hier.“
Johanna stand auf.
„Wir fahren direkt zu meiner Kanzlei. Gemeinsam.“
Martin zögerte.
Dann nickte er.
Wir verließen das Café durch den Hinterausgang.
Johanna telefonierte bereits mit ihrer Kanzlei und wies einen Mitarbeiter an, die Daten nach unserer Ankunft forensisch zu sichern.
Martin fuhr nicht mit seinem eigenen Wagen.
Er ließ ihn auf dem Parkplatz stehen und setzte sich zu uns.
Während der gesamten Fahrt nach München sprach niemand.
Erst in Johannas Kanzlei, hinter einer verschlossenen Tür, legte Martin beide Hände auf den Tisch.
„Ich werde Ihnen sagen, was ich weiß.“
Johanna schaltete mit seinem Einverständnis ein Aufnahmegerät ein.
„Beginnen Sie mit den Überweisungen.“
Martin atmete tief ein.
„Nach der Eingliederung Ihrer Organisation wurden die zweckgebundenen Gelder auf neue Konten übertragen. Offiziell sollte dadurch die Verwaltung vereinfacht werden.“
Ich nickte.
Daran erinnerte ich mich.
Konstantin hatte mir damals sogar eine Präsentation gezeigt.
Professionelle Diagramme.
Effizienz.
Synergien.
Wachstum.
Wörter, die harmlos klangen, wenn man nicht wusste, was dahinter geschah.
„Die ersten Monate war alles normal“, fuhr Martin fort. „Dann begannen ungewöhnlich hohe Rechnungen aufzutauchen.“
„Für was?“
„Beratung. Projektentwicklung. Immobilienprüfung.“
Johanna fragte:
„Wer zeichnete sie ab?“
Martin sah mich an.
„Sie.“
Mein Körper wurde vollkommen still.
„Was?“
„Auf dem Papier trugen mehrere Freigaben Ihre digitale Signatur.“
Ich starrte ihn an.
„Ich habe nie solche Überweisungen genehmigt.“
„Das weiß ich.“
„Woher?“
„Weil Sie an einem der Tage nachweislich in Hamburg auf einer Benefizveranstaltung waren. Trotzdem wurde von Ihrem Bürorechner in München eine Freigabe vorgenommen.“
Mir wurde kalt.
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Ich wollte es.“
Seine Stimme brach beinahe.
„Am nächsten Morgen wurde ich zu Konstantin bestellt.“
Johanna beugte sich vor.
„Was sagte er?“
„Dass Frau Hartmann mit finanziellen Dingen überfordert sei. Dass ich meine Fragen für mich behalten solle.“
Ich schloss die Augen.
Natürlich.
Sogar bei seinem Betrug hatte Konstantin dieselbe Geschichte benutzt.
Emilia versteht Geld nicht.
Emilia ist emotional.
Emilia braucht jemanden, der Entscheidungen für sie trifft.
„Und die tatsächliche Freigabe?“, fragte Johanna.
Martin sah zur Tür, obwohl niemand hereinkommen konnte.
„Die zweite Autorisierung kam aus der Hartmann-Familienstiftung.“
„Von wem?“
Er antwortete endlich.
„Viktoria Hartmann.“
Meine Schwiegermutter.
Ich sagte nichts.
Nicht, weil mich der Name überraschte.
Sondern weil plötzlich Erinnerungen zurückkehrten, denen ich damals keine Bedeutung gegeben hatte.
Viktoria, die bei unserer Hochzeit meine Hände genommen und gesagt hatte, ich müsse lernen, „wie eine Hartmann zu denken“.
Viktoria, die darauf bestanden hatte, meine Organisation in die Familienstiftung einzugliedern.
Viktoria, die bei Sitzungen neben mir gesessen und jedes Mal gelächelt hatte, wenn ich unterschrieb.
„Hat Konstantin davon gewusst?“, fragte ich.
Martin sah mich traurig an.
„Sein Name taucht nicht auf den Freigaben auf.“
„Das war nicht meine Frage.“
Er schwieg.
Das genügte.
Johanna unterbrach uns.
„Wir warten auf die Datenanalyse.“
Fast eine Stunde später kam ein Mitarbeiter mit einem Laptop herein.
„Wir haben den Stick gespiegelt. Das Original bleibt versiegelt.“
Johanna nickte.
„Was haben Sie gefunden?“
„Tabellen, PDF-Rechnungen und interne Buchungslisten. Einiges ist unvollständig.“
Er öffnete eine Datei.
Eine Liste von Zahlungen erschien.
Hunderttausende Euro.
Dann Millionen.
Ich erkannte Namen von Gesellschaften der Hartmann-Gruppe.
Eine weitere Firma kannte ich nicht.
**Nordstern Projekt GmbH.**
Johanna zeigte auf den Namen.
„Ist das die Gesellschaft, von der Sie gesprochen haben?“
Martin nickte.
„Ja.“
„Wem gehört sie?“
„Damals konnte ich das nicht herausfinden.“
Der Mitarbeiter wechselte zu einem anderen Dokument.
„Es gibt noch etwas.“
Auf dem Bildschirm erschien eine eingescannte Zahlungsanweisung.
Empfänger: Nordstern Projekt GmbH.
Betrag: 3.200.000 Euro.
Meine digitale Signatur stand darunter.
Ich starrte sie an.
Sie sah perfekt aus.
„Das bin nicht ich.“
Johanna nickte.
„Das lässt sich prüfen.“
Dann zeigte der Mitarbeiter auf die zweite Freigabe.
**Viktoria Hartmann.**
Mir wurde übel.
„Wie viele davon gibt es?“
„Auf dem Stick? Sieben größere Überweisungen.“
„Gesamtsumme?“
Er tippte einige Zahlen ein.
„Etwas über sechzehn Millionen Euro.“
Ich dachte an Familien, denen wir Förderungen gestrichen hatten.
An Programme, die plötzlich „nicht mehr finanzierbar“ gewesen waren.
An Konstantin, der mir damals erklärt hatte, die wirtschaftliche Lage habe sich verändert.
Sechzehn Millionen.
Nicht verschwunden.
Umgeleitet.
Mein Telefon klingelte.
Matthias.
Ich nahm sofort ab.
„Hallo?“
„Emilia, wo bist du?“
Seine Stimme klang ungewöhnlich angespannt.
„Bei Johanna.“
„Bleib dort.“
Ich richtete mich auf.
„Warum?“
„Sophie ist wieder im Klinikum.“
Mein Herz machte einen Schlag zu viel.
„Was will sie?“
„Das behauptet sie nicht zu wissen.“
„Was bedeutet das?“
Matthias schwieg einen Moment.
„Sie wurde vor ungefähr zwanzig Minuten in der Tiefgarage gefunden.“
Ich sah Johanna an.
„Verletzt?“
„Nein. Aber völlig aufgelöst.“
„Hat Konstantin sie gebracht?“
„Nein.“
Dann sagte Matthias etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
„Sie verlangt nach dir.“
„Nach mir?“
„Ja.“
„Warum?“
„Sie sagt, sie müsse dir etwas über Konstantin erzählen.“
Ich sah auf die gefälschte Unterschrift auf dem Bildschirm.
„Was?“
„Das will sie nur dir persönlich sagen.“
Johanna schüttelte sofort den Kopf.
Ich verstand.
Keine privaten Treffen.
Keine ungesicherten Gespräche.
„Ich komme nicht allein.“
„Das habe ich ihr bereits gesagt.“
Wir fuhren zurück zum St.-Katharinen-Klinikum.
Sophie wartete nicht im Flur, sondern in einem kleinen Besprechungsraum nahe der Verwaltung.
Als ich eintrat, erkannte ich sie kaum wieder.
Keine perfekt gelegten Haare.
Kein weißer Designermantel.
Keine Überheblichkeit.
Sie saß mit verschränkten Armen da und starrte auf den Tisch.
Als sie mich sah, stand sie auf.
Ich blieb an der Tür.
Johanna stand neben mir.
Matthias hinter uns.
Sophie blickte auf meinen Bauch.
Dann weg.
„Es tut mir leid.“
Ich antwortete nicht.
Sie schluckte.
„Was ich gestern getan habe, war unverzeihlich.“
„Ja.“
Sie zuckte zusammen.
„Konstantin hat gesagt, du würdest das Kind benutzen, um ihn zu erpressen.“
Ich musste beinahe lachen.
„Und deshalb hast du mich getreten?“
Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Nein. Dafür gibt es keine Entschuldigung.“
Zumindest versuchte sie keine mehr.
„Warum bin ich hier, Sophie?“
Sie sah zu Johanna.
„Kann sie schweigen?“
„Sie ist meine Anwältin.“
Sophie nickte langsam.
Dann zog sie ihr Telefon hervor.
„Konstantin war gestern Abend bei mir.“
Mein Körper spannte sich an.
„Er war wütend wegen der Kameraaufnahme.“
„Das weiß ich.“
„Nein.“
Sie sah mir direkt in die Augen.
„Nicht nur wegen des Tritts.“
Sie öffnete eine Audiodatei.
„Er hat telefoniert. Ich sollte eigentlich im Schlafzimmer sein.“
Johanna hob eine Hand.
„Bevor Sie etwas abspielen: Haben Sie das Gespräch selbst aufgezeichnet?“
Sophie nickte.
„Ja.“
„Warum?“
Ihre Lippen zitterten.
„Weil ich meinen Namen gehört habe.“
Sie drückte auf Wiedergabe.
Zuerst hörte ich nur Konstantins Stimme.
Gedämpft.
Aber eindeutig.
„Die Aufnahme muss verschwinden.“
Eine zweite Stimme antwortete über den Lautsprecher seines Telefons.
Eine Frau.
„Das Krankenhaus ist nicht unser größtes Problem.“
Ich kannte diese Stimme.
Viktoria.
Konstantins Mutter.
Dann Konstantin:
„Emilia hat nichts.“
Viktoria lachte leise.
„Wenn sie ihre alten Unterlagen findet, hat sie genug.“
Stille auf der Aufnahme.
Dann sagte Konstantin:
„Und Sophie?“
Viktorias Antwort kam sofort.
„Wenn es nötig wird, war alles ihre Idee.“
Sophie stoppte die Aufnahme.
Ihre Hand zitterte.
Ich sah sie an.
Gestern hatte diese Frau mich getreten.
Heute saß sie vor mir und begriff offenbar zum ersten Mal, dass Konstantin sie genauso benutzt hatte wie mich.
Doch Sophie war noch nicht fertig.
„Es gibt mehr.“
Sie wischte über den Bildschirm.
„Nach dem Telefonat hat Konstantin eine Nachricht bekommen.“
„Von wem?“
„Ich weiß es nicht.“
Sie öffnete ein Foto.
Darauf war ein Dokument zu sehen, offenbar heimlich von seinem Bildschirm fotografiert.
Johanna trat näher.
Ich las die Überschrift.
Und mein Atem stockte.
Es war kein Finanzdokument.
Es war ein Entwurf für einen Antrag.
Darin wurde behauptet, ich sei psychisch instabil, impulsiv und aufgrund meines Zustands möglicherweise nicht in der Lage, nach der Geburt allein für mein Kind zu sorgen.
Ganz unten stand bereits der Name der Kanzlei, die Konstantin vertrat.
Ich hob den Blick.
Sophie flüsterte:
„Emilia, er bereitet sich nicht nur darauf vor, dir dein Geld zu nehmen.“
Ihre Augen wanderten zu meinem Bauch.
„Er will dir nach der Geburt auch deine Tochter wegnehmen.“
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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