Die Polizistin sagte zunächst nichts. Ihr Blick wanderte von Lauras Unterarmen zu ihrem blassen Gesicht und schließlich zu mir. Die Ärztin zog den Ärmel noch ein Stück weiter nach oben und zeigte auf einen dunklen Abdruck nahe dem Ellenbogen. Laura zog instinktiv den Arm zurück, als hätte allein die Erinnerung daran Schmerzen verursacht. „Frau Hoffmann, ich muss Sie etwas fragen“, sagte die Polizistin ruhig. „Fühlen Sie sich im Moment sicher?“ Laura sah mich an. In ihren Augen lag dieselbe Angst, die ich schon bei meinem letzten Anruf gehört hatte. Dann nickte sie kaum merklich. „Jetzt schon.“ Meine Mutter schnaubte hinter uns. „Das ist doch absurd. Sie verdreht alles. Ich habe mich drei Tage lang um sie gekümmert, während mein Sohn gearbeitet hat.“ Die Polizistin drehte sich zu Ingrid um. „Dann können Sie mir sicher erklären, wie diese Verletzungen entstanden sind.“ Ingrid hob beide Hände. „Ich habe sie nicht geschlagen. Ich habe sie nur manchmal am Arm festgehalten, wenn sie sich geweigert hat, etwas zu tun.“ Sabrina mischte sich sofort ein. „Laura war völlig außer sich. Sie hat kaum gegessen, kaum geschlafen und ständig behauptet, jemand wolle ihr das Kind wegnehmen.“ Ich spürte, wie sich meine Hände zu Fäusten ballten. „Weil ihr ihr genau das eingeredet habt.“ „Daniel“, sagte Ingrid scharf, „du kennst nur ihre Version.“ „Und deine Version kenne ich seit Jahren.“
Die Ärztin bat Ingrid und Sabrina schließlich, den Raum zu verlassen. Als sich die Tür schloss, wurde es plötzlich still. Nur Jonas’ leises Atmen war zu hören. Laura lag wieder auf dem Untersuchungsbett, während die Ärztin Blutdruck und Temperatur kontrollierte. „Sie sind stark erschöpft“, sagte sie. „Und Ihr Kreislauf ist zu niedrig. Wann haben Sie zuletzt richtig gegessen?“ Laura zögerte. „Gestern Morgen.“ Ich sah sie fassungslos an. „Warum?“ „Deine Mutter hat gesagt, ich solle erst etwas essen, wenn ich Jonas beruhigt habe. Dann hat er geweint, und später war das Essen weg.“ Ich starrte auf den Boden. Vor meinem inneren Auge tauchte unsere Küche auf, die schmutzigen Teller, die halbvolle Flasche, die Decken auf dem Sofa. Ich hatte alles gesehen und trotzdem noch versucht, eine Erklärung dafür zu finden. Die Wahrheit war viel schlimmer gewesen als meine Zweifel.
Die Polizistin kam wieder herein und legte einen kleinen Notizblock auf den Tisch. „Ich brauche eine genaue Aussage. Nicht später. Jetzt.“ Laura nickte. Ihre Stimme zitterte, als sie begann. Sie erzählte von der ersten Nacht, in der Ingrid ihr Jonas aus den Armen genommen hatte, weil sie angeblich zu langsam gewesen sei. Von den Tabletten, die plötzlich verschwunden waren. Von den Anrufen, die Ingrid beendet hatte. Und schließlich von der Nacht zuvor, als Laura versucht hatte, mich erneut anzurufen. „Ich hatte das Telefon in der Hand“, sagte sie leise. „Dann kam Ingrid ins Zimmer. Sie nahm es mir weg und sagte, wenn ich Daniel noch einmal belästige, würde sie dafür sorgen, dass er glaubt, ich sei nicht stabil genug, um Jonas zu behalten.“ Die Polizistin schrieb weiter. „Hat sie Sie dabei bedroht?“ Laura presste die Lippen zusammen. „Sie sagte, sie könne dafür sorgen, dass ich mein Kind verliere.“
Ich schloss kurz die Augen. Plötzlich erinnerte ich mich an einen Satz meiner Mutter, den ich vor Monaten für einen schlechten Scherz gehalten hatte: „Wenn Laura irgendwann gegen dich arbeitet, wirst du schon sehen, wem die Behörden glauben.“ Damals hatte ich gelacht. Jetzt bekam dieser Satz eine völlig andere Bedeutung.
Nach einer Weile fragte die Polizistin: „Gibt es noch etwas, das Sie bisher niemandem erzählt haben?“ Laura wurde still. Ihre Finger verkrampften sich um die Bettdecke. „Ja.“ Sie sah mich an. „Aber ich wollte Daniel nicht noch mehr belasten.“ „Sag es“, flüsterte ich. „Bitte.“
Laura holte tief Luft. „Am zweiten Tag, nachdem du nach Hamburg gefahren bist, kam deine Mutter mit einem Ordner ins Schlafzimmer.“ Mein Herz schlug schneller. „Was für einen Ordner?“ „Sie sagte, ich müsse etwas unterschreiben, damit alles einfacher werde.“ „Was stand darin?“ Laura schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich habe nicht unterschrieben.“ Die Polizistin hob den Blick. „Wo ist dieser Ordner jetzt?“ Laura sah zur Tür.
„Im Haus. In deinem Arbeitszimmer. Deine Mutter hat ihn dort versteckt.“
Ich griff nach meinem Handy.
„Ich fahre zurück.“
Die Polizistin hielt mich sofort zurück.
„Nein. Sie gehen dort nicht allein hinein.“
„Warum?“
„Weil wir noch nicht wissen, was sich in diesem Ordner befindet und wer ihn dort hingelegt hat.“
In diesem Moment vibrierte mein Handy. Eine unbekannte Nummer.
Ich öffnete die Nachricht.
Nur ein Satz stand darin:
„Wenn Sie wirklich wissen wollen, was Ihre Mutter mit Ihrer Frau vorhat, suchen Sie nicht im Arbeitszimmer. Suchen Sie in Ihrem alten Kinderzimmer.“
Darunter war ein Foto.
Ein Foto von Ingrid, aufgenommen am Morgen meiner Abreise.
Und neben ihr stand Sabrina mit genau dem Ordner in der Hand.







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