Für einige Sekunden war ich überzeugt, dass ich den Namen falsch gelesen hatte. Daniel Hoffmann war kein ungewöhnlicher Name. In Hannover mussten Dutzende Männer so heißen. Vielleicht Hunderte. Doch neben dem Namen stand mein Geburtsdatum. Meine frühere Anschrift. Sogar mein zweiter Vorname, den ich seit der Schulzeit fast nie verwendete. Ich ließ das Blatt sinken.
„Das bin ich.“
Laura sagte nichts.
Das war schlimmer als jede Frage.
„Laura, ich habe kein anderes Kind.“
Sie hielt Jonas enger an sich. Ihr Gesicht war blass, aber ihre Stimme blieb ruhig.
„Ich habe dich nicht beschuldigt.“
„Aber du denkst es.“
„Ich denke gerade gar nichts mehr, Daniel.“
Miriam Keller nahm das Dokument wieder an sich. „Bevor wir irgendwelche Schlüsse ziehen, müssen wir klären, was diese Nummer tatsächlich bedeutet. Das kann ein manipuliertes Dokument sein.“
„Sie sagten gerade, die Nummer sei registriert.“
„Die Nummer ja. Das bedeutet nicht automatisch, dass alle Angaben korrekt sind.“
Ich ging zum Fenster. Drei Jahre zuvor hatte Laura bereits mit mir zusammengelebt. Wir waren damals noch nicht verheiratet, aber seit fast fünf Jahren ein Paar gewesen. Ich hätte kein Kind verheimlichen können. Zumindest glaubte ich das.
Dann erinnerte ich mich an etwas.
Vor fast drei Jahren hatte meine Mutter mich gebeten, mehrere Formulare zu unterschreiben. Angeblich für eine Versicherung meines verstorbenen Vaters.
„Ich habe damals Blankoseiten unterschrieben.“
Miriam sah auf.
„Was?“
„Meine Mutter hatte Unterlagen wegen meines Vaters. Auf zwei Seiten fehlten angeblich Daten. Sie sagte, sie würde sie später ergänzen.“
Laura schloss kurz die Augen.
„Daniel …“
„Ich weiß.“
Ich brauchte ihren Vorwurf nicht. Ich hörte ihn bereits in meinem Kopf.
Miriam telefonierte erneut. Während wir warteten, erzählte ich Laura alles, woran ich mich erinnerte. Mein Vater Thomas Hoffmann war gestorben, als ich dreiundzwanzig gewesen war. Ingrid hatte sich danach um fast sämtliche finanziellen Angelegenheiten gekümmert. Ich hatte ihr vertraut. Vielleicht hatte genau dort alles begonnen.
Eine Stunde später kam Miriam zurück.
„Wir haben eine Spur.“
Die Registrierung des anderen Jonas war nicht über ein Krankenhaus erfolgt. Sie war im Zusammenhang mit einer privaten Vermögensregelung angelegt worden. Der Name des Kindes tauchte in einem Treuhandvertrag auf.
„Welchem Vermögen?“
„Das wissen wir noch nicht.“
„Und warum steht mein Name dort?“
„Weil Sie laut Vertrag der gesetzliche Vertreter des Begünstigten sind.“
Ich lachte bitter.
„Eines Kindes, das ich nicht kenne.“
Miriam nickte.
„Genau deshalb ist der Vertrag auffällig.“
Laura fragte: „Wer hat ihn erstellt?“
Miriam legte ein weiteres Blatt auf den Tisch.
Mein Herz setzte beinahe aus.
Thomas Hoffmann.
Mein Vater.
„Das ist unmöglich.“
„Der Vertrag wurde wenige Monate vor seinem Tod vorbereitet.“
Ich setzte mich.
Plötzlich ging es nicht mehr nur um meine Mutter. Nicht mehr nur um gefälschte Kredite oder unser Haus. Mein Vater hatte offenbar etwas hinterlassen, von dem ich nie erfahren hatte.
„Warum nennt er ein Kind Jonas, das damals noch gar nicht geboren war?“
Miriam antwortete nicht sofort.
„Vielleicht bezeichnet Jonas keinen konkreten Jungen.“
„Was soll das bedeuten?“
„Wir müssen das Original finden.“
Noch am selben Abend durfte Laura vorerst im Krankenhaus bleiben. Ich blieb bei ihr. Kurz nach neun Uhr erhielt Miriam eine Nachricht von einem Kollegen. Ingrid war gefunden worden.
Sie hatte nicht versucht, die Stadt zu verlassen.
Sie war zu einem alten Lagerhaus gefahren, das früher meinem Vater gehört hatte.
„Warum dorthin?“
„Das möchten wir ebenfalls wissen.“
Die Polizei hatte Ingrid dort angetroffen. Sie behauptete, persönliche Sachen holen zu wollen. Im Gebäude fanden die Beamten allerdings mehrere Kartons mit Akten.
Am nächsten Morgen erschien Miriam mit einem davon im Krankenhaus.
„Diese Unterlagen verändern einiges.“
Sie legte einen alten Brief vor mich. Der Umschlag war vergilbt. Auf der Vorderseite stand meine Handschrift nicht, sondern die meines Vaters.
Für Daniel. Persönlich.
Meine Finger zitterten beim Öffnen.
Der Brief war fast drei Jahre vor seinem Tod geschrieben worden.
Daniel, falls du das liest, hat deine Mutter dir wahrscheinlich nie erzählt, was ich getan habe.
Ich hielt inne.
Laura legte ihre Hand auf meine.
Ich las weiter.
Mein Vater schrieb von einer Stiftung, die er für seine zukünftigen Enkel eingerichtet hatte. Nicht für ein bestimmtes Kind. „Jonas“ war offenbar ein interner Deckname gewesen, den er gewählt hatte, weil er diesen Namen immer für seinen ersten Enkel gewünscht hatte.
Mir blieb die Luft weg.
Laura und ich hatten Jonas’ Namen selbst gewählt.
Zumindest hatte ich das geglaubt.
„Meine Mutter hat den Namen vorgeschlagen“, flüsterte ich.
Laura sah mich an.
Sie erinnerte sich ebenfalls.
Während der Schwangerschaft hatte Ingrid beiläufig gesagt, Jonas sei ein schöner Name. Wochen später hatten Laura und ich uns dafür entschieden.
Miriam deutete auf den nächsten Absatz.
Mein Vater hatte einen beträchtlichen Teil seines Vermögens in die Stiftung übertragen. Sobald sein erstes Enkelkind geboren würde, sollte das Vermögen zugunsten dieses Kindes aktiviert werden. Bis dahin durfte niemand darüber verfügen.
„Wie viel?“, fragte ich.
Miriam schob mir eine Vermögensübersicht zu.
Ich musste zweimal hinsehen.
Mehr als 1,4 Millionen Euro.
Jetzt verstand ich plötzlich die gefälschten Unterlagen. Die falsche Registrierung. Warum Ingrid so besessen davon gewesen war, Jonas’ Namen auf Dokumente zu bekommen.
Aber eine Frage blieb.
Wenn mein Vater die Stiftung gegründet hatte, warum hatte meine Mutter fast drei Jahre zuvor bereits versucht, einen erfundenen Jonas als Begünstigten einzutragen?
Ich las den letzten Absatz des Briefes.
Dann wurde mir klar, dass mein Vater seine Frau offenbar viel besser gekannt hatte als ich.
Falls Ingrid versucht, vor der Geburt eines echten Enkelkindes auf das Vermögen zuzugreifen, wende dich an meinen Anwalt. Er besitzt eine zweite Akte, von der sie nichts weiß.
Darunter stand ein Name.
Dr. Martin Seidel, Hannover.
Miriam griff sofort zum Telefon.
Doch bevor sie wählen konnte, klingelte meines.
Unbekannte Nummer.
Diesmal nahm ich ab.
„Herr Hoffmann?“
Eine ältere Männerstimme.
„Ja.“
„Mein Name ist Martin Seidel.“
Ich sah Miriam an.
„Woher haben Sie meine Nummer?“
Am anderen Ende wurde es still.
Dann sagte er:
„Von Ihrem Vater.“
„Mein Vater ist seit Jahren tot.“
„Das weiß ich.“
Seidels Stimme wurde leiser.
„Und genau deshalb sollten Sie mir jetzt sehr genau zuhören. Ihre Mutter sucht nicht nur nach dem Geld.“
Ich stand langsam auf.
„Wonach dann?“
„Nach der zweiten Akte.“
„Was ist darin?“
Eine lange Pause.
„Der Beweis, dass Thomas Hoffmann nicht eines natürlichen Todes gestorben ist.“







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