Ich vergrößerte das Foto mit zwei Fingern. Die Aufnahme war körnig, aus einem ungünstigen Winkel gemacht, doch es bestand kein Zweifel. Dieselben dunklen Haare, dieselbe schmale Nase, derselbe auffällige rote Mantel. Am Tag von Jonas’ Geburt hatte die Frau mehrere Minuten vor Lauras Zimmer gestanden. Damals hatte ich angenommen, sie gehöre zu einer anderen Familie. Später hatte ich sie noch einmal beim Aufzug gesehen, während meine Mutter mit ihr sprach. Ingrid hatte mir erklärt, es sei eine ehemalige Kollegin. Ich hatte nicht weiter gefragt.
„Daniel?“ Laura beobachtete mein Gesicht. „Du kennst sie.“
„Ich habe sie im Krankenhaus gesehen.“
Lauras Hand erstarrte auf der Bettdecke.
„Wann?“
„Am Tag, als Jonas geboren wurde.“
Ich zeigte ihr das Bild.
Laura schüttelte sofort den Kopf. „Ich kenne diese Frau nicht.“
Die Polizistin blieb am Telefon. „Können Sie sie identifizieren?“
„Nein. Aber meine Mutter kennt sie.“
„Sind Sie sicher?“
„Ich habe beide miteinander reden sehen.“
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
„Das ist wichtig. Ich gebe es weiter.“
Nachdem sie aufgelegt hatte, saßen Laura und ich schweigend nebeneinander. Jonas schlief friedlich zwischen uns, vollkommen unberührt von einem Chaos, das offenbar schon Monate vor seiner Geburt begonnen hatte. Ich dachte an meine Mutter im Krankenhaus. Ihre Blumen. Ihre freundliche Stimme. Ihren Kuss auf Jonas’ Stirn. Hatte sie damals bereits gewusst, dass die gefälschten Unterlagen existierten?
Laura unterbrach meine Gedanken.
„Der rote Mantel.“
„Was?“
„Ich habe ihn schon einmal gesehen.“
Sie richtete sich etwas auf und verzog vor Schmerz das Gesicht.
„Wo?“
„Vor unserem Haus.“
Etwa zwei Monate vor Jonas’ Geburt, erzählte sie, habe ein dunkler Wagen gegenüber gestanden. Laura hatte gerade Einkäufe ausgeladen, als eine Frau ausgestiegen war. Roter Mantel. Dunkles Haar. Sie habe einige Minuten telefoniert und dabei immer wieder zu unserem Haus gesehen.
„Warum hast du mir das nicht erzählt?“
Laura lächelte traurig.
„Weil ich mir selbst eingeredet habe, ich würde übertreiben.“
Dieser Satz schnitt tiefer, als sie vermutlich beabsichtigt hatte. Ich hatte ihr so oft gesagt, sie sei zu empfindlich, dass sie irgendwann begonnen hatte, ihren eigenen Wahrnehmungen zu misstrauen.
Am Nachmittag kam die Polizistin persönlich zurück. Sie hieß Miriam Keller. Zum ersten Mal stellte sie sich richtig vor, bevor sie einen Stuhl ans Bett zog.
„Wir haben die Frau identifiziert.“
Ich hielt unwillkürlich den Atem an.
„Ihr Name ist Nadine Krüger. Sie arbeitet als selbstständige Immobilienvermittlerin.“
„Für meine Mutter?“
„Das versuchen wir herauszufinden.“
Miriam legte mehrere Ausdrucke auf den Tisch. Nadine hatte offenbar an mindestens zwei Immobiliengeschäften mit Ingrids Firma mitgewirkt. Eines davon betraf das Grundstück am Stadtrand.
„Und die gefälschten Dokumente?“
„Frau Krüger bestreitet bisher, etwas gefälscht zu haben. Wir konnten sie telefonisch erreichen. Sie behauptet, Ihre Mutter habe ihr gesagt, Frau Hoffmann könne wegen der Schwangerschaft nicht persönlich erscheinen.“
Laura starrte sie an.
„Also hat sie sich einfach als ich ausgegeben?“
„Sie behauptet, sie habe lediglich Unterlagen abgegeben.“
„Unter meinem Namen.“
„Ja.“
Miriam schob einen weiteren Ausdruck zu mir.
„Interessanter ist allerdings etwas anderes. Frau Krüger hat uns gesagt, sie habe Ingrid Hoffmann seit mehreren Wochen nicht mehr gesprochen.“
„Das ist gelogen. Ich habe sie im Krankenhaus gesehen.“
„Genau deshalb möchten wir die Aufnahmen des Krankenhauses prüfen.“
In diesem Moment klopfte es. Eine Krankenschwester brachte Jonas zurück, nachdem er kurz untersucht worden war. Laura nahm ihn vorsichtig entgegen. Für einen Moment veränderte sich ihr Gesicht vollständig. Die Angst verschwand. Sie küsste seine Stirn und flüsterte seinen Namen.
Miriam wartete, bis die Schwester gegangen war.
„Frau Hoffmann, Ihre Schwiegermutter hat Ihnen während dieser drei Tage Unterlagen zum Unterschreiben gebracht. Erinnern Sie sich an einzelne Wörter?“
Laura dachte nach.
„Da war eine Seite mit unserem Haus.“
„Grundbuch?“
„Vielleicht. Und eine Seite mit Jonas’ Namen.“
Ich sah sie an.
„Jonas?“
„Ja.“
„Warum sollte Jonas in Immobilienunterlagen stehen?“
Laura wurde unruhig.
„Das weiß ich nicht.“
Miriam notierte etwas. „Sind Sie sicher?“
„Ganz sicher.“
Dann hielt Laura plötzlich inne.
„Moment.“
Sie legte Jonas vorsichtig zurück und griff nach ihrem Handy. Ihre Finger zitterten, während sie durch Fotos scrollte.
„Ich habe etwas fotografiert.“
„Wann?“
„In der Nacht, bevor Daniel zurückkam. Ingrid hatte den Ordner auf meinem Nachttisch liegen lassen.“
Sie suchte mehrere Sekunden.
Dann fand sie es.
Das Foto war unscharf, aber lesbar.
Oben stand der Name einer Vermögensverwaltung. Darunter mein Name, Lauras Name und tatsächlich Jonas’ vollständiger Name.
Doch etwas anderes fiel mir sofort auf.
Neben Jonas stand ein Geburtsdatum.
„Das ist falsch“, sagte ich.
Laura sah genauer hin.
Jonas war sechs Tage alt.
Das Datum auf dem Dokument lag jedoch fast drei Jahre zurück.
Miriam nahm das Handy.
„Das ergibt keinen Sinn.“
Dann veränderte sich ihr Gesicht.
Sie zoomte in die untere Ecke des Dokuments.
Dort stand eine Registrierungsnummer.
„Ich lasse das überprüfen.“
Keine zwanzig Minuten später klingelte ihr Telefon. Sie ging ans Fenster und hörte schweigend zu. Als sie sich wieder zu uns drehte, war ihre professionelle Ruhe verschwunden.
„Diese Nummer gehört tatsächlich zu einem Kind.“
Laura drückte Jonas instinktiv an sich.
„Zu welchem Kind?“
Miriam sah zuerst mich an, dann Laura.
„Zu einem Jungen namens Jonas Hoffmann.“
Mein Mund wurde trocken.
„Das ist unser Sohn.“
„Nein.“
Miriam legte das Telefon langsam auf den Tisch.
„Dieser Jonas Hoffmann wurde vor fast drei Jahren in Hannover geboren.“
Ich konnte kaum sprechen.
„Wer sind seine Eltern?“
Miriam zögerte.
„Die Mutter ist nicht eingetragen.“
„Und der Vater?“
Sie schob mir den Ausdruck hin.
Unter Vater stand nur ein Name.
Daniel Hoffmann.







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