Die Schritte auf der Treppe verstummten. Für einige Sekunden hörte ich nur meinen eigenen Atem und das leise Rascheln des Dokuments in der Hand der Polizistin. Dann erschien Sabrina im Türrahmen. Als sie den geöffneten Schrank sah, verlor ihr Gesicht jede Farbe. Ihr Blick fiel auf den braunen Ordner, dann auf die Beamtin und schließlich auf mich.
„Daniel … das ist nicht so, wie es aussieht.“
Ich hätte beinahe gelacht. Nicht aus Belustigung, sondern weil dieser Satz plötzlich alles zusammenfasste, was meine Familie mir jahrelang erzählt hatte. Nichts war jemals so, wie es aussah. Laura war nicht verletzt, sondern empfindlich. Meine Mutter kontrollierte mich nicht, sondern sorgte sich. Das Haus war keine Falle, sondern eine Investition. Und jetzt sollte vermutlich auch meine gefälschte Unterschrift irgendeine harmlose Erklärung haben.
„Dann erklär es mir.“
Sabrina öffnete den Mund, doch Ingrid erschien hinter ihr.
„Du hattest kein Recht, diesen Schrank zu öffnen.“
Ich sah meine Mutter fassungslos an.
„Das ist dein Problem? Nicht die gefälschte Vollmacht?“
Zum ersten Mal flackerte Unsicherheit in ihrem Gesicht auf. Nur für einen Augenblick.
„Ich weiß nicht, wovon du redest.“
Die Polizistin trat vor. „Frau Hoffmann, bitte bleiben Sie unten. Wir werden einige Unterlagen sicherstellen und anschließend Ihre Aussage aufnehmen.“
„In meinem Haus?“
„Dieses Haus gehört Ihnen?“, fragte die Beamtin sofort.
Ingrid schwieg.
Ich ebenfalls.
Denn genau diese Frage traf einen Punkt, über den ich seit Monaten nicht mehr nachgedacht hatte. Das Haus, in dem meine Mutter lebte, war früher meinen Großeltern väterlicherseits gehört. Nach dem Tod meines Großvaters hatte Ingrid immer behauptet, alles sei auf sie übergegangen. Ich hatte nie Unterlagen gesehen. Ich hatte nie danach gefragt.
„Wem gehört dieses Haus?“, fragte ich.
„Mir natürlich.“
Die Polizistin sah auf die Dokumente. „Dann werden Sie das sicherlich belegen können.“
Ingrid drehte sich wortlos um und ging nach unten. Sabrina blieb stehen. Ihre Augen waren feucht.
„Ich wollte das nicht“, flüsterte sie.
„Was wolltest du nicht?“
Sie blickte zur Treppe.
„Dass es so weit kommt.“
„Sabrina, was habt ihr getan?“
„Mama hat gesagt, es wäre nur vorübergehend.“
„Was?“
Sie presste beide Hände gegen ihr Gesicht. „Die Vollmacht.“
Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
„Du wusstest davon.“
Sabrina nickte kaum sichtbar.
„Sie brauchte deine Unterschrift für einige Unterlagen. Sie meinte, du würdest sowieso zustimmen, wenn sie es dir erklärt.“
„Also hat sie meine Unterschrift gefälscht?“
„Nicht sie.“
Sabrina sah mich an.
„Ich.“
Es war, als hätte jemand sämtliche Geräusche aus dem Raum gezogen.
„Du hast meine Unterschrift gefälscht?“
Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Mama hatte alte Verträge von dir. Sie sagte, ich müsse sie nur nachmachen.“
Ich wollte schreien. Stattdessen fragte ich leise: „Wofür?“
„Ich weiß es nicht genau.“
„Lüg mich nicht noch einmal an.“
Sabrina zuckte zusammen.
„Für das Grundstück.“
Ich erinnerte mich an das Haus, in das Ingrid meine Ersparnisse stecken wollte. „Welches Grundstück?“
„Das am Stadtrand.“
„Das, das Mama kaufen wollte?“
Sabrina schüttelte den Kopf.
„Sie hatte es schon gekauft.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Mit welchem Geld?“
Sabrina antwortete nicht.
Ich wusste es trotzdem.
„Mit meinem.“
Sie fing an zu weinen.
Die Polizistin unterbrach uns. „Herr Hoffmann, wir sollten diese Unterhaltung nicht auf diese Weise fortsetzen.“ Dann wandte sie sich an Sabrina. „Sie sollten jetzt nichts weiter sagen, bevor wir das formal aufnehmen.“
Doch Sabrina ignorierte sie.
„Daniel, du verstehst es nicht. Mama hatte Schulden.“
„Wie viele?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wie viele?“
„Fast zweihunderttausend Euro.“
Ich musste mich am Schreibtisch festhalten.
Meine Mutter hatte mir immer erzählt, sie besitze genug Geld. Sie hatte mich gedrängt, meine Ersparnisse zu investieren, weil sie angeblich ein Familienvermögen aufbauen wollte.
In Wahrheit hatte sie offenbar versucht, ein Loch zu stopfen.
„Warum war Laura im Weg?“
Sabrina wischte sich die Tränen ab.
„Weil Laura angefangen hat, Fragen zu stellen.“
„Welche Fragen?“
„Nach deinen Kontoauszügen.“
Mir wurde schlecht.
Laura hatte vor etwa vier Monaten tatsächlich erwähnt, dass einige Überweisungen auf unserem gemeinsamen Konto merkwürdig aussahen. Ich hatte ihr gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen. Ich hatte angenommen, es seien automatische Abbuchungen.
„Wie viel Geld fehlt?“
„Ich weiß es wirklich nicht.“
Die Polizistin blätterte durch den Ordner. Plötzlich hielt sie inne.
„Herr Hoffmann.“
Sie zog mehrere Kontoauszüge hervor.
Mein Name stand darauf.
Aber es war nicht mein Konto.
Zumindest kannte ich es nicht.
Über Monate waren dort hohe Beträge eingegangen. Manche kamen von meinem tatsächlichen Sparkonto.
Andere von einer Firma, deren Namen ich noch nie gehört hatte.
Hoffmann Immobilienverwaltung UG.
Geschäftsführerin: Ingrid Hoffmann.
Bevollmächtigter: Daniel Hoffmann.
„Ich habe diese Firma nie gesehen.“
Die Polizistin legte die Unterlagen zur Seite.
Unten hörten wir plötzlich die Haustür.
„Mama!“, rief Sabrina.
Wir rannten zur Treppe.
Die Eingangstür stand offen.
Ingrid war verschwunden.
Auf dem Küchentisch lag nur ihr Handy.
Daneben befand sich ein Umschlag, den ich vorher nicht gesehen hatte.
Mein Name stand darauf.
Ich öffnete ihn.
Darin lag eine Kopie von Jonas’ Geburtsurkunde.
Auf der Rückseite hatte meine Mutter mit schwarzem Stift einen einzigen Satz geschrieben:
„Frag Laura, warum sie schon vor der Geburt wusste, dass dein Geld verschwunden ist.“







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